Abbildung 76 zeigt eine Karikatur von #L. Métivet#, die in der letzten

vor dem Kriege ausgegebenen Nummer von „Le Rire“ veröffentlicht worden

ist. Sie bezieht sich auf die berühmte „Stiefeldebatte“ in der

französischen Kammer, die sich um die mangelhafte Ausrüstung des Heeres

drehte und über die ja in deutschen Witzblättern zahlreiche Satiren

veröffentlicht wurden. Der Soldat ist in Betrachtung seiner beiden Füße

versunken, deren einer bekleidet, deren anderer unbekleidet ist, und

fragt verwundert, welcher nun eigentlich der „Kriegsfuß“ sei. Die Kritik

des eigenen Heeres spielte in französischen Witzblättern ja überhaupt

immer eine große Rolle, wenn sie auch ganz anderer Art war, als jene

harmlosen Scherze, mit denen deutsche Witzblätter über den bisweilen

etwas zu großen Schneid unserer Offiziere in liebenswürdiger Weise

spotteten. Besonders die Zeichnungen von #Jossot# lassen an Schärfe

nichts zu wünschen übrig; sie üben an der ganzen #Organisation# des

französischen Heeres eine ätzende Kritik.

Es ist eigentlich jammerschade, daß das bedeutendste französische

Witzblatt (und man kann wohl sagen: die bedeutendste Karikaturen-Zeitung

der Welt überhaupt), die „Assiette au Beurre“ bereits vor mehreren

Jahren ihr Erscheinen eingestellt hat. Es wäre doch sehr wichtig

gewesen, gerade sie unter der Kriegsliteratur vertreten zu sehen. -- Und

dabei denkt man unwillkürlich ein bis zwei Jahrzehnte zurück, an die

Zeit, als sich die ganze Schärfe des französischen Witzes mit aller

Wucht und allem Haß gegen die jetzigen Verbündeten Frankreichs, die

Briten, wandte, als sogar Sondernummern gegen die Engländer

herausgegeben wurden, wie namentlich zur Zeit des Burenkrieges. Derselbe

#Willette#, der sich heute in gehässigen Kartons gegen die deutschen

„Barbaren“ nicht genug tun kann, brachte damals ein Blatt, auf dem der

Tod die abgemagerte Britannia davonträgt. Darunter stand zu lesen: „Der

Tag, an dem das perfide Albion verreckt, wird ein Freudentag der

Menschheit werden!“ -- Aber auch später haben die Pariser Witzblätter

sich noch weidlich über England lustig gemacht. So nach den letzten

englischen Manövern, die wegen totalen Wirrwarrs und weil niemand mehr

ein und aus wußte, schließlich abgebrochen werden mußten. -- Vielleicht

ist die Zeit nicht allzu fern, wo sich die Stifte der französischen

Zeichner wieder gegen jenen Feind wenden werden, der die Ursache der

„Schmach von Faschoda“ war. Dann wird Frankreich einsehen, wie treffend

die Situation jene als Abbildung 74 wiedergegebene Karte

charakterisiert, die aus dem deutschen Großen Hauptquartier im Westen

stammt. Frankreich erntet eben die Früchte seiner Revanchepolitik und

wird wohl schließlich die Hauptzeche zahlen müssen, wenn die Engländer

die Absicht haben, bis zum letzten Franzosen zu kämpfen.

[Abbildung: ~LE SILENCIEUX: JOFFRE~

~Abb. 76. Métivet: Welches ist denn nun der „Kriegsfuß“?~

~(Le Rire, Paris, Juli 1914.)~]

[Abbildung: ~Abb. 77. Charles Léandre, Le Silencieux: Joffre. Il ne dit

rien, mais chacun l’entend.~

~(Le Rire Rouge, Paris.)~]

Eine andere Karte mit französischem Text hat das deutsche Große

Hauptquartier im Westen sich von #Trier# zeichnen lassen. Sie zeigt

einen Engländer, der im Blute watet und die darin ertrinkenden Franzosen

mit folgenden Versen anredet (dieser Engländer scheint übrigens eine

Ausnahme zu sein, denn die wenigsten, nicht einmal Herr Grey,

beherrschen eine andere Sprache, als die englische):

~Dans ce sang, versé pour me plaire,

Vous vous noyez? Goddam, tant pis!

Rappelez-vous, ce que Voltaire,

Un des vôtres, un très fin esprit,

A dit de l’histoire d’Angleterre;

„On y voit“, pretend ce grand homme,

„Le sang couler comme de l’eau,

Elle pourrait aussi bien en somme,

Etre écrite par un bourreau!“~

(In diesem Blute, vergossen für mich,

Ertrinkt ihr? Goddam, um so schlimmer!

Euer Voltaire, denket dran, sicherlich

Ein geistvoller Kopf, doch ein grimmer,

Über Englands Geschichte äußert er sich,

Der Spötter, der große, man sehe dort

Wie Wasser fließen das rote Blut,

Geschrieben sein könnt’ sie, mit einem Wort,

Von Henkershand ebensogut!)

[Abbildung: ~Abb. 78. E. Tap: Joffre, der treue Wächter.~

~(La Guerre sociale, Paris.)~]

[Abbildung: ~Abb. 79. Manfredini: Suprême serment. Schwöre mir, Otto,

daß du mich nicht mit einer Französin betrügen wirst.~

~(Le Rire rouge, Paris.)~]

Als Ersatz für die nicht mehr erscheinenden Witzblätter mußten in den

ersten Kriegsmonaten Ansichtskarten herhalten, die auf den Boulevards zu

Tausenden gekauft wurden. Sie sind noch viel schlimmer als die deutschen

„Ulkkarten“ aus den ersten Monaten des Krieges, und das will doch gewiß

viel heißen! Irgend etwas Geistvolles bringt diese schmutzige Wut nicht

fertig. Man sieht den deutschen Kaiser, dem täglich ein Glas Blut

frischgeschlachteter Kinder serviert werden muß (der „Künstler“ nennt

sich #P. Carrère#); sieht den Kaiser in der Uniform der

Totenkopf-Husaren ein Kind als Zielscheibe festhalten, während ein

„Boche“ mit kupferroter Nase es totschießt, auf einer andern den Kaiser

vor der Bibel betend, während ein deutscher Soldat mit einem Schwein

daneben auf einen Priester schießt (die letzteren beiden Karten sind

erschienen bei La Litho Parisienne, 27 rue Corbeau; der Zeichner führt

den urfranzösischen Namen #Muller#). Es wäre ganz verkehrt, diese

Absurditäten tragisch zu nehmen und sich sittlich darüber zu entrüsten,

sie sind unsagbar dumm; höchstens kann man bedauern, daß ein

hochkultiviertes Volk so tief sinken konnte. Dann gibt es Karten mit dem

abgehackten Kopf eines Deutschen als ~„Plat du jour“~ und solche mit

allen möglichen Schandtaten, die die Boches verüben. Wie traurig muß es

um ein Volk bestellt sein, das zu solchen Mitteln greift! Das alles ist

ja nun eigentlich nicht neu. Wer die Ausstellung von Kriegsliteratur der

Jahre 1870/71 besichtigt hat, die die Berliner Kgl. Bibliothek kürzlich

veranstaltete, der hat sich überzeugen können, daß es auch vor vierzig

Jahren nicht anders war, und daß die Bezeichnung Hunnenfürst für den

Repräsentanten des deutschen Kaisertums schon damals gang und gäbe war.

Da heißt es in einem Erlasse: ~„Les hordes barbares de l’Attila moderne

égorgent, violent, brûlent et saccagent tout dans nos plus riches

départements; ils osent menacer Paris, la ville sainte, la capitale du

monde civilisé.“~ Und auch gegen den deutschen „Militarismus“ wurde

schon damals für „Freiheit und Zivilisation der Welt“ gefochten;

Napoleon ~III.~ ermahnt in einem Erlaß vom 28. Juli 1870 seine Soldaten:

~„La France entière vous suit de ses voeux ardents et l’univers a les

yeux sur vous. De nos succès dépend le sort de la liberté et de la

civilisation.“~ Und auch von den Grausamkeiten der Deutschen war schon

damals die Rede. Ein Manifest vom 18. Januar 1871 sagt wörtlich:

~„L’ennemi tue nos femmes et nos enfants, il nous bombarde jour et nuit,

il couvre d’obus nos hôspitaux.“~[1] Und daß die französischen

Schulhefte als Titelblätter vor dem Kriege Hetzbilder gegen die

Deutschen brachten, ist uns ja wohlbekannt. In dem gleichen Stile

bewegen sich jene Karikaturenhefte, die zu billigem Preise in Paris

verkauft werden. Man hat das Gefühl, als ob dieser wahnsinnige Haß

allein noch die verschiedenen Parteien in Frankreich zusammenzuhalten

vermag. Ein solches Album ist beispielsweise bei Ollendorff in Paris

unter dem Titel „Boches“ erschienen. (~Boches! Deutschland unter alles.~

Von Ricardo Florès. Preis 60 Centimes, Ollendorff Editeur, Paris. 16

Seiten in Großquart.) Abbildung 75 führt eine verhältnismäßig harmlose

Seite daraus vor. Die übliche Ungenauigkeit der Franzosen bei

Darstellung deutscher Verhältnisse zeigt sich auch hier wieder: Sie

kennen nicht einmal den Namen des Generaldirektors der preußischen

Museen (der übrigens sprechend unähnlich dargestellt ist). Die übrigen

Tafeln zeigen die bekannten Darstellungen von Plünderung, Raub,

Kindermord usw.

[1] „Schlagworte“, Aufsatz von Rudolf Friedmann in der „Vossischen

Zeitung“ vom 2. Januar 1915.

[Abbildung: ~Abb. 80. Teddy: Conseil de Revision.~

~„Un rein flottant ...; mais c’est parfait, on va vous mettre dans la

marine!“ (Eine flutende (Wander-) Niere ...; das ist ja ausgezeichnet,

da kommen Sie zur Marine!)~

~(Le Rire rouge, Paris.)~]

[Abbildung: „Da bleibt nur viererlei übrig: Hungertod, Selbstmord, sich

gegenseitig auffressen, oder die Rettung durch einen deutschen

Bergführer.“

~Abb. 81. Willy Stieborsky: Verstiegen.~

~(Die Alliierten auf dem Balkan.)~

~(Muskete, Wien.)~]

[Abbildung: ~Abb. 82. Rata Langa: Uccidiamo il militarismo.~

~(L’Asino, Rom.)~]

Zu den widerlichsten Veröffentlichungen Frankreichs gehört das im

Verlage der „Librairie de l’Estampe“ erschienene ~„La ‚Kultur‘

Germanique en 1914/15“~. Blättert man diese vierzehn Zeichnungen

durch, so fragt man sich unwillkürlich: Gibt es denn in ganz Frankreich

keinen Menschen, der diese sinnlosen Roheiten öffentlich an den Pranger

stellt? Auf dem Umschlag eine abgehackte, beringte Frauenhand und im

Innern Darstellungen von Mord, Schändung, Vergewaltigung und den

widerlichsten Grausamkeiten. Ein Volk, das solche Gemeinheiten duldet,

hat wahrlich kein Recht, von andern als Barbaren zu sprechen. Wie weit

sich aber in der französischen Presse die Schamlosigkeit offenbarte,

dafür ist eine Karikatur von #Maxa# in dem so viel genannten „Matin“ vom

26. Januar ein charakteristisches Beispiel. Die „Frankfurter Zeitung“

bemerkt dazu treffend: „Der Pariser ‚Matin‘, der nicht auf den Krieg

gewartet hat, um sich im Urteil der ganzen Welt einschließlich der

damals noch etwas urteilsfähigeren öffentlichen Meinung Frankreichs

selber als den Schandfleck der europäischen Presse zu dokumentieren,

fürchtet jetzt offenbar, daß es irgendwo in der Welt noch jemand geben

könnte, der an seinem völligen Verzicht auch auf den letzten Funken von

journalistischem Anstandsgefühl zweifelt. In der Tat, nur als

verzweifelte Bemühung der Schamlosigkeit, sich selbst zu übertreffen,

ist das Bild zu verstehen, das der ‚Matin‘ in seiner Nummer vom 26.

dieses Monats veröffentlicht, und das in den Zügen eines Affen den

greisen Kaiser von Österreich erkennen lassen will. Die Infamie der

bildlichen Darstellung aber ist noch gesteigert durch die Bezeichnung

~‚L’Increvable‘~, für die es weder im Deutschen, noch in der Sprache

irgendeines Menschen, dem die Würde des Alters nicht als geeigneter

Gegenstand scheußlichster Verhöhnung erscheint, eine dem gemeinen

Gedanken entsprechende Übersetzung gibt. Der Geist, der aus diesem

Schandprodukt spricht, ist im übrigen würdig des Blattes, das jetzt im

Begriff ist, mit der Veranstaltung einer Volksausgabe (!) des

französischen Greuelberichts ein Geschäftchen zu machen, zu dessen

Hintertreibung sich der Pariser Rechtsgelehrte Charles Gide nicht

umsonst gerade an den Senator Béranger in seiner Eigenschaft als

Vorsitzender der Liga für die Bekämpfung der Pornographie gewandt hat.“

-- Manchmal hat der „Matin“ auch Pech gehabt, wie mit seinem

„Dardanellen-Thermometer.“ Als die Beschießung der Meerengen durch die

Alliierten begann, erschien im „Matin“ ein „Thermometer“ von der Hand

der Verbündeten gehalten. Unten lag Kum Kaleh, oben Konstantinopel,

dazwischen die andern Orte der Dardanellen. Dieses Klischee sollte

täglich gebracht werden und zeigen, wie die Quecksilbersäule immer höher

steigt (durch das Feuer der Alliierten!), bis sie schießlich

Konstantinopel erreichen würde. Aber schon am dritten Tag blieb das

schöne Klischee aus den Spalten des „Matin“ wieder weg: die

Quecksilbersäule war zu tief gefallen.

[Abbildung: ~Abb. 83. Sacha Guitry: Die beiden Kaiser.~

~(Le Journal, Paris.)~]

[Abbildung: ~Abb. 84. Die „Permissions de quatre jours“.~

~Französische Karikatur auf den viertägigen Urlaub, den die Truppen im

Interesse der Volksvermehrung erhalten und auf die sich darauf

beziehenden Vorbereitungen der Pariser Damenwelt.~]

[Abbildung: ~Abb. 85. Djilio: Les Retraites.~

~(Le Rire rouge, Paris.)~]

Seit November 1914 erscheint „Le Rire“ wieder und zwar unter dem Titel

„Le Rire rouge“ als Kriegsausgabe, nachdem dieses bedeutende

französische Witzblatt kurz nach Ausbruch des Krieges, wie schon

erwähnt, sein Erscheinen eingestellt hatte. Die erste Nummer zitiert

Henri Lavedans Ausspruch: ~„Le soldat français rit, partout. C’est une

de ses manières.“~ Und dann heißt es weiter in der Ansprache an die

Leser, die das Wiedererscheinen in so ernster Zeit rechtfertigen soll:

„~Le Rire ne sera pas le fou Rire, mais le Rire rouge.~ In der jetzigen

tragischen, aber ungeheuer ruhmvollen Zeit, die wir erleben, ist Le Rire

alles andere als unangebracht, im Gegenteil sehr notwendig; wieviel

Wahrheiten müssen gesagt werden, wieviel Heldentaten von den Meistern

der Satire und der Zeichnung festgehalten werden! Und was besonders

Wilhelm ~II.~ betrifft (die Adjektiva sind hier in der Übersetzung

weggelassen), muß nicht gerade #er# mit dem roten Eisen der Karikatur

gezeichnet werden? Dieser Aufgabe werden sich unsere Mitarbeiter mit

allem Eifer und allem Talent und aller patriotischen Begeisterung widmen

usw. usw.“ Nicht immer scheint übrigens die Redaktion mit der Zensur

Glück gehabt zu haben; schon in der zweiten Nummer beklagt sie sich

darüber, daß ihr ~„deux admirables dessins de Willette“~, mit denen sie

den Haß gegen die ~„massacreurs des femmes et tueurs des enfants“~

nähren wollte, gestrichen worden sind, aber die folgenden Nummern

enthalten noch genug Roheiten, so daß die Redaktion nicht allzu viel

Grund hat, sich über die Zensur zu beklagen. Hin und wieder erscheinen

allerdings immer noch leere Flächen an den Stellen, wo das Blatt

verkleinerte Abbildungen aus den Witzblättern des Auslandes bringt,

übrigens sehr unparteiisch und bewundernswerterweise auch solche

deutsche Karikaturen, die Frankreich in sehr derber Weise verhöhnen. So

gibt es gleich in der ersten Nummer zwei leere Flächen mit der

Unterschrift ~„Simplicissimus, Munich“~. Sieht man nun von den

Geschmacklosigkeiten des Inhalts ab, so muß man doch, wenn man gerecht

sein will, anerkennen, daß künstlerisch „Le Rire Rouge“ auf einer

höheren Warte steht. Kein Wunder: die bekanntesten und bedeutendsten

Karikaturisten Frankreichs haben sich hier ein Stelldichein gegeben:

#Fabiano#, #Faivre#, #Gerbault#, #Guillaume#, #Léandre#, #Métivet#,

#Steinlen#, #Willette# usw., also auch ein großer Teil von denen, die

früher an der „Assiette au Beurre“ mitgearbeitet haben. Mit dem Text

sieht es natürlich böse aus: fast alles läuft auf eine Verhöhnung

Deutschlands, besonders des Kaisers und des Kronprinzen, hinaus, und von

dem berühmten französischen Esprit ist nicht viel zu spüren. Wie weit

der Haß geht, und daß er auch vor den Kindern der Deutschen nicht Halt

macht, davon möge die nachstehende Übersetzungsprobe ein Bild geben. Was

werden wohl später die Franzosen sagen, wenn sie solche Roheiten wieder

hervorholen; werden sie sich nicht selber schämen? Die Geschichte nennt

sich ~„La Noël des petits Boches“~:

#Weihnachten bei den kleinen Boches.# „Gut,“ sagte der liebe Gott zum

Weihnachtsmann, „dies Jahr brauchst du dir augenscheinlich keine

Sorgen zu machen; aus Amerika schickt man von allen Seiten Puppen für

die kleinen Kinder in Frankreich, Belgien, England, Rußland und

Serbien. Du kannst sie nun verteilen und hast es nicht nötig, auf den

Lagern Umschau zu halten.“ -- „Das ist alles ganz schön,“ antwortete

der Weihnachtsmann, „aber es bleibt mir doch noch weitere Arbeit, wenn

es auch nicht gerade die angenehmste ist ... Du wirst es begreiflich

finden, daß niemand in der Welt daran gedacht hat, Puppen für die

kleinen Boches zu schicken. Ich muß aber auch ihnen etwas bringen,

denn das ist meine Pflicht.“ -- „Geh zum Teufel (wenn es mir erlaubt

ist, mich so auszudrücken)“, schrie der liebe Gott und stieß mit einem

Fausthieb die Wolken weg, die ihm als Kissen dienten, so daß die

Barometer in allen Ländern anfingen zu fallen, „ich will mit diesen

Wilden und ihrem Auswurf nichts mehr zu schaffen haben!“ -- „Aber,

lieber Vater, wie soll ich mir die Puppen besorgen?“ -- „Mach das, wie

du willst; ich will mit der Sache nichts mehr zu tun haben!“ -- Der

Weihnachtsmann war sehr verstört, als er den lieben Gott verließ; er

wußte nicht, was er nun anfangen und woher er die Puppen für die

kleinen Boches nehmen sollte. Plötzlich schlug er sich an die Stirn.

Warum war er auch nicht eher auf die Idee gekommen? Warum hatte er

nicht schon früher daran gedacht, daß die Boches ja einen Gott für

sich haben; sicher würde ihm dieser alte gute Gott die notwendigen

Puppen nicht verweigern. Und er suchte und fand ihn zwischen grauen

und schweren Wolken, die über der Provinz Brandenburg hingen. Dort

trug er ihm sein Ersuchen vor. „Zum Teufel!“ schrie der alte gute

pommersche Gott. „Du hast gut reden!... Übrigens habe ich deinen

Besuch schon erwartet. Die Puppen sind fertig und eingepackt. Unser

Michael wird dir die Lieferung übertragen; es ist alles erstklassige

Ware, ~made in Germany~.“ Sankt Michael führte den Weihnachtsmann mit

verbundenen Augen zwischen vier Trabanten hindurch in ein Magazin, wo

er ihm die Pakete aushändigte, die in schwarz-weiß-rotes Papier

gepackt waren. Der Weihnachtsmann zog wieder ab, bis zur Himmelsgrenze

von den vier Satelliten bewacht, die ihn nicht aus den Augen ließen.

Dann begann er seine Reise und ließ die Pakete in die Schornsteine

fallen. Oft mußte er sich die Nase zuhalten, denn aus den Essen drang

der ekelhafte Geruch von Sauerkraut und Würsten und der noch üblere

Duft der Boches. -- Am nächsten Morgen aber klatschten die kleinen

Boches vor Freuden in die Hände, als sie die Sendungen in den

deutschen Farben erhielten. Und noch mehr freuten sie sich, als sie

die Pakete geöffnet hatten und die schönen Puppen sahen. Das waren

auch wirklich wundervolle Puppen! So herrlich, wie sie sie noch nie

vorher bekommen hatten; sie stellten im kleinen ein vollständiges

Abbild jener Art von Menschlichkeit dar, die ihre Papas zu

verwirklichen sich bemühten: der einen Puppe war der Kopf gespalten,

der anderen die Hände abgeschnitten, wieder einer anderen die Augen

ausgestochen, und einer war der Bauch aufgeschlitzt. Es gab nicht eine

einzige, die nicht sorgfältig verstümmelt worden war. -- Und die

kleinen Boches, aufs höchste erfreut und entzückt, drückten mit

Freudentränen in den Augen ihre Puppen an die Brust und riefen: „Gott

mit uns! Deutschland über alles.“ --

Diese Probe dürfte vollauf genügen, und wir brauchen nicht erst noch

auf den ~„Carnet de Route de Fritz Schweinmaul“~, den ~„Dentiste Boche“~

und ähnliche „Scherze“ einzugehen. Der Inhalt beschäftigt sich sonst mit

den üblichen Angriffen gegen den Kaiser und Kronprinzen, welch letzterer

mit allen möglichen Gegenständen verschwindet, sogar mit dem Schachbrett

Napoleons. Unterschrift: ~„Non content d’avoir volé le jeu d’échecs de

Napoléon le kronprinz collectionne aussi les échecs sur les champs de

bataille.“~ Sehr eingehend beschäftigt sich „Le Rire rouge“ auch mit dem

deutschen „Gretchen“, das für ihn die Repräsentantin der deutschen Frau

ist, ein plumpes, fettes, ungeschlachtes Weib mit Bammelzöpfen und oft

mit Brille (Abb. 79). Auf diesem Bilde treten auch, wie figura zeigt,

wieder die obligaten Würste als Attribute des Deutschen in Aktion, die

wir schon auf den englischen Karikaturen zu bewundern Gelegenheit

hatten. Im Gegensatz dazu wird die Französin als vornehm und mondän

gezeichnet, zum Beispiel in einem Bilde von Fabiano ~„Flirt 1914“~, auf

dem eine elegante Pflegerin einem verwundeten Senegalesen zärtlich die

Hände streichelt, während ein im Nebenbette liegender Franzose sich

dieser Bevorzugung nicht erfreuen darf.

[Abbildung: ~Abb. 86. L. Vidaillet: Die Drückeberger in Frankreich.~

~„Nun schlagen wir uns schon über ein Jahr!“ -- „Ja, wie die Zeit

vergeht!“~

~Französische Karikatur aus „Le Rire Rouge“.~]

[Abbildung: ~Abb. 87. Marcelle Arnac: Das harte Brot.~

~Französische Karikatur auf die angebliche Ungenießbarkeit des deutschen

K-Brotes.~]

[Abbildung:

LE BARBIER DE CET’VILLE

_Avec un impeccable maestria, Auguste exerce en plein vent ses

fonctions de Figaro._

_Son Salon de Coiffure extrarudimentaire est simple et de bon goût._

_Une couverture protège les clients contre les morsures de l’aigre

bise qui disperse aux quatre coins du camp les toisons multicolores.

Les glaces sont absentes, les frictions et les schampoings sont passés

à l’état de légende, mais Auguste a tourné la difficulté. Il a lancé

la coupe “Aux Enfants Captifs” qui transforme les cranes en une

superbe boule de billard._

~Abb. 88. Federzeichnung aus „Le Héraut“.~

~Zeitung der französischen Gefangenen in Zossen bei Berlin.~]

[Abbildung: ~Abb. 89. Gorrier und Billau (Gefangene im Lager von

Zossen): Karikatur auf die mitgefangenen verbündeten Russen.~

~Nach einem Original-Aquarell.~]

[Abbildung: ~Abb. 90. Gorrier und Billau (Gefangene im Lager von

Zossen): Karikatur auf die mitgefangenen verbündeten Engländer.~

~Nach einem Original-Aquarell.~]

Aber auch gegen die eigenen Schwächen der Franzosen geht das Blatt

bisweilen mit einer bewundernswerten Offenheit vor. So bekämpft es vor

allen Dingen die gerade in Frankreich infolge der vielen Vetterschaften

zahlreichen Drückeberger aller Art; gab es doch „Verwalter der eroberten

Provinzen“, Registratoren der Milchkühe usw. (Abb. 86). Auf einem Bilde

~„Les Cadeaux du Trésorier-Payeur“~ zeigt #Métivet#, wie ein Zahlmeister

seiner Geliebten eine Menge von Geschenken in Gestalt von Schinken und

allen möglichen andern Paketen überreicht („O, welche Fülle von

Aufmerksamkeiten; wird Ihnen denn das nicht zuviel?“ -- „Nicht im

geringsten, -- das war ja für die Schützengräben bestimmt“). #Leroy#

zeichnet ein ganzseitiges farbiges Blatt ~„Les Inconscients“~; man sieht

die jammervolle Gestalt eines aus dem nordöstlichen Frankreich

geflüchteten französischen Bauern am Tisch eines Ehepaares („Nun haben

Sie mit uns gegessen, lieber Freund, nun erzählen Sie uns auch einmal,

wie Ihre Kinder hingeschlachtet worden sind.“)

[Abbildung: ~Abb. 91. Guido Cadorin: Deutsche Architektur im Orient.~

~(Die neue Hagia Sophia in Konstantinopel.)~

~(Il Numero, Rom.)~]

[Abbildung: ~Abb. 92. Guido Cadorin: Die Entente unter Dach und Fach.~

~(Il Numero, Rom.)~]

Die Karikatur im Weltkriege · 第 5 / 6 段