In allen Witzblättern werfen sich die Gegner jetzt gegenseitig vor,

Kinder und Greise in das Heer einzustellen. Wenn in Deutschland und

Frankreich Mütter voller Sorgen und doch voll Stolz ihre noch nicht

militärpflichtigen Söhne als Freiwillige hingeben, so sollte das

eigentlich kein Stoff für Scherze sein -- auch in #deutschen# Blättern

nicht. Wenn französische Blätter die beabsichtigte Einberufung

siebzehnjähriger Franzosen als Kinderkreuzzug bezeichnen, so ist das

doch #nur# Galgenhumor. Dieses Thema ist aber unerschöpflich, wie

Abbildungen 94-97 zeigen. Die höchste Hyperbel erreicht #Roger Cartier#:

in einer glänzend gezeichneten Linien-Karikatur zeigt er drei

hochschwangere Frauen, deren Söhne bereits im Mutterleibe auf ihre

militärische Brauchbarkeit hin untersucht werden. So absurd der Gedanke

ist: die Karikatur selber gehört zu den witzigsten und besten des ganzen

Krieges. Die Darstellung entbehrt jeder Roheit, und das außerordentlich

heikle Thema ist hier mit einer Delikatesse behandelt, wie wir sie schon

früher in den Zeichnungen französischer Graphiker beobachten konnten,

die die gewagtesten Sachen mit so viel Geschick zu illustrieren wissen,

daß diese Darstellungen mit pornographischen Erzeugnissen nicht das

geringste mehr zu tun haben. In „Le Rire rouge“ begegnen wir einer

ganzen Reihe solcher amüsanten Karikaturen, die um so mehr auffallen,

als sie mit Produkten jammervoller Roheiten vereint stehen. Den größten

Raum in „Le Rire rouge“ nehmen natürlich die Verhöhnungen der deutschen

Truppen ein. In einer Zeichnung D’Ostoyas ~„En Serbie“~ sieht man die

weinenden Frauen und Kinder vor der deutschen Front („Und da sagt man

immer, wir seien nicht galant, wir lassen die Damen sogar #voran#

gehen!“) Eine große Rolle spielt Joffre, der französische Nationalheld

der Gegenwart, der Hindenburg Frankreichs. Charles Léandre widmet ihm

das in Abbildung 77 wiedergegebene ganzseitige Blatt ~„Le Silencieux:

Joffre. Il ne dit rien, mais chacun l’entend~.“ Er ist der Mann, der die

Geschicke Frankreichs leitet, nicht der Präsident Poincaré, die

sonntägliche Spießbürgertype, von dem die französischen Zeitungen

eigentlich nur noch reden, wenn er anstandshalber einmal an die Front

fährt. -- Wie viel „Le Rire rouge“ zusammenlügt, zeigen die Bilder, die

die Deutschen, besonders den Kronprinzen, auf der Flucht vorführen.

Dieser Gedankengang kommt auch in einer Zeichnung von Djilio zum

Ausdruck (Abb. 85), auf der ein Musikalienhändler dem Kaiser Noten

anbietet: „Hier ist ein Marsch, ‚Berlin-Paris‘, ein ‚Triumphzug nach

Warschau‘;“ darauf der Kaiser: „Haben Sie keine Retraiten (Rückzüge)?“

-- Das alles in einem Lande, dessen Regierung dem Volke auch noch nicht

#eine# Verlustliste zugemutet hat!

[Abbildung: ~Abb. 93. Scarpelli: Der Bibabo. („Sieh einmal, wie garstig

er ist. Wenn du nicht artig bist, wird er dein Baby auffressen!“)~

~(Il Numero, Rom.)~]

[Abbildung: THE LAST LINE.

~Abb. 94. C. Harrison: Deutschlands letztes Aufgebot.~

~(Punch, London.)~]

[Abbildung: ~Abb. 95. Rea Irvin: Das fünfte deutsche Reservekorps,

bestehend aus Männern zwischen 60 und 75 Jahren.~

~(Aus den „Letters of a Japanese School-boy“ im „Life“, New York.)~]

[Abbildung: ~Abb. 96. A. Johnson: Frankreichs letztes Aufgebot.~

~(Kladderadatsch, Berlin.)~]

[Abbildung: ~Abb. 97. Sidney Greene: Deutschlands letztes Aufgebot.~

~(Evening Telegram, New York.)~]

Ein anderes sehr beliebtes Thema ist das deutsche K-Brot, das sich die

Franzosen als ein Brechmittel schlimmster Art vorzustellen scheinen

(Abb. 87). Métivet zeichnet ein Bild ~„Boulangerie allemande“~ mit der

Unterschrift: ~„Après le pain K, le pain KK. Ça ne sent pas bon un K,

deux K, trois K! Cette histoire-là finira par vingt Q.“~ (Wortspiel für

~vaincu~ = besiegt). Ein anderes Bild von Maxa zeigt einen Offizier im

Gespräch mit einem Kinde. „-- ~M’sieur, J’veux faire du pain pour vos

soldats!~ --“ ...??? -- „ ... ~KK!“~ -- Am besten ist noch die große

farbige Zeichnung von Abel Faivre ~„La grande vie à Berlin.“~ In einem

eleganten Lokale sitzt ein Deutscher, sehr nachlässig gekleidet, wie

ihn sich der Franzose vorstellt; der Primgeiger tritt an den Tisch und

fragt: ~„Quelle morceau, M’sieur, préfère-t-il?“~ Die Antwort lautet:

~„Un morceau de pain~.“

Der Verlag von „Le Rire“ hat zu Weihnachten und Neujahr eine

Postkartenserie herausgegeben, um diese an die Soldaten ins Feld zu

schicken: (~Les Voeux de la France à nos Soldats pour Noël et le Jour de

L’An. 12 Cartes Postales en couleurs. Publiées par le Journal Le Rire

rouge.~) Sie sind verhältnismäßig anständig, teilweise sogar

sentimental. Es sind Zeichnungen von Barrère, Delaw, Faivre, Fabiano,

Florès, Guillaume, Gerbault, Métivet (~Joli cadeau a faire à nos

soldats~; eine elsässische Puppe mit dem Lorbeerzweig des Siegers),

Meunier, Roubile, Vallet, Willette (~Les étrennes de Marianne~; die

französische Republik mit Elsaß und Lothringen an der Hand). Die Karten

tragen sämtlich französischen und englischen Text und sind sehr stark

anglophil gehalten. Wollte man nun hiernach urteilen, so wäre es mit der

angeblichen geheimen Feindschaft der Franzosen gegen die Engländer nicht

so schlimm.

Als die deutschen Zeitungen berichteten, es würde notwendig sein, die

zirka 20 Millionen Schweine in Deutschland aus Mangel an Futter zu

schlachten, brachte Bigot ein Bild ~„Les derniers mobilisés“~, ein

Schwein, mit tränenden Augen im Gespräch mit einem Metzger: „Sagen Sie

Sr. Majestät dem Kaiser, daß auch wir 22 Millionen Schweine bereit sind,

unser Blut für das deutsche Vaterland zu vergießen.“

[Abbildung: ~Abb. 98. „Odaliske ‚Victoria‘, der Sultan ruft Euch!“ „Der

ruft mich schon seit drei Jahren ... aber ich bin nicht für ihn

geschaffen!“~

~(Pasquino, Turin.)~]

[Abbildung: ~Abb. 99. Ein Titelblatt der neugegründeten italienischen

Zeitschrift „Il Numero“.~]

Wesentlich harmloser ist eine, für Freunde von Sprachscherzen nicht

uninteressante Karte mit folgendem Text (ein Gespräch zwischen dem

Kaiser und einem Arzt):

~Docteur, je re =Metz= entre vos mains mon auguste =Pér(s)onne=. Je re..

=Sens Toul= les =Meaux=. J’ai mal dans =l’Aisne= et ma =Vistule= me fait

souffrir. Je suis =Arras=..se. =Mézières= en =Guise de Bouillon= j’ai

pris du =Champagne= et ça me =Reims= les boyaux.~

~Sire, quand on m’a appelé j’ai dit =Givet= de =Spa=. Quelle =La Fère!=

votre Majesté était =Seine= quand elle vivait dans =l’Oise=..iveté elle

marchait les =Rhin Cambrai=.~

~Oui, c’est =l’Anvers= de la médaille, je ne =Craonne= plus maintenant

j’ai =La Ferté= bien abatue.~

~Je trouve votre pouls un peu =Laon=, il faudrait prendre de l’elexir de

=Longwy=.~

[Abbildung: ~Abb. 100. Ein Titelblatt des neugegründeten italienischen

Witzblattes „Il 42°“, das nach dem deutschen 42 cm-Mörser benannt ist.~]

Die durch fetten Druck hervorgehobenen Städtenamen bezeichnen die Orte,

an denen nach Meinung der Franzosen die Deutschen Niederlagen erlitten

haben oder zum Rückzug gezwungen wurden; diese sind mit gleichen oder

ähnlich klingenden Worten der französischen Sprache, die

Krankheitssymptome schildern, in Verbindung gebracht. Die Übertragung

in richtiges Französisch lautet: ~„Docteur, je remets entre vos mains

mon auguste personne. Je ressens tous les maux. J’ai mal dans l’aine et

ma fistule me fait souffrir. Je suis harassé. Mais hier en guise de

bouillon j’ai pris du champagne, et ça me rince les boyaux etc. -- Je

trouve votre pouls un peu lent, il faudrait prendre de l’élixir de

longue vie.“~ In deutscher Übersetzung: „Herr Doktor, ich lege in Ihre

Hände meine hohe Person. Ich fühle wieder alle Übel. Ich habe Schmerzen

in der Leistengegend, und meine Fistel läßt mich leiden. Ich bin

abgemattet. Gestern habe ich an Stelle von Bouillon Champagner genommen,

und das durchwühlt mir die Gedärme. --.... -- Ich finde Ihren Puls etwas

langsam, es würde nötig sein, Lebenselixir zu nehmen!“ --

[Abbildung: ~Abb. 101. Der Tapfere. „Madame, Sie haben kein Recht, mich

feige zu nennen; wissen Sie nicht, daß die Fliegen (mouches) schädlicher

sind als die Boches?“~

~(Le Matin, Paris.)~]

[Abbildung: ~Abb. 102. Schwedische Karikatur auf den Treubruch

Italiens.~

~„Nun habe ich mein Schwert so lange geschliffen, bis ein Dolch daraus

geworden ist“.~

~(Söndags Nissen.)~]

[Abbildung:

~Al primo degli italici cantori

che ora fronteggia l’allemanno fuoco

si mandera dell’oro affinchè un poco

fronteggi il fuoco dei suoi creditori~

~Abb. 103. Italienische Karikatur auf D’Annunzio.~

~Aus der Weihnachtsnummer 1914 von „Il Numero“.~

~(Die italienischen Verse ahmen den Stil Annunzios nach.)~

~„Dem ersten der italienischen Dichter, der jetzt dem deutschen Ungestüm

die Stirn bietet, wird man Gold schenken, damit er auch dem Ungestüm

seiner Gläubiger die Stirn zu bieten vermag“.~]

Solche Sprachscherze scheinen in allen Feldzügen aufzutauchen. Auch im

amerikanisch-spanischen Kriege von 1898 waren sie an der Tagesordnung.

Vergessen werden dürfen auch nicht die Karikaturen der bekannten Pariser

Tageszeitungen. Die meisten bringen täglich von bekannten Künstlern

Beiträge, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen wie die

Wochenblätter. Zeichnerisch sind sie meist recht gut. Mit wie wenig

Strichen sind beispielsweise auf der hier abgebildeten Karikatur (Abb.

83) von #Sacha Guitry# aus „Le Journal“ die charakteristischen Züge des

österreichischen und des deutschen Kaisers wiedergegeben! Das Gesicht

Wilhelms ~II.~ ist nur durch eine einzige Schnurrbartlinie dargestellt,

und doch wird ihn niemand nach der Abbildung verkennen. --

[Abbildung: ~Abb. 104. Robert Minor: Die Weckeruhr.~

~(World, New York.~)]

Der am wenigsten verhaßte von allen Geistern, die verneinen, muß sich

ungleich zahmer betragen, wenn er sozusagen unter militärischer

Kontrolle steht, wie es bei dem Blatte „Le Héraut“ der Fall ist, das die

französischen Gefangenen im Lager von Zossen herausgegeben haben. Es ist

nur eine Nummer erschienen, und diese ist schon heute eine bibliophile

Seltenheit. Das vom lithographischen Stein abgezogene, vier

Großfolioseiten umfassende Blatt ahmt nicht ungeschickt den Stil der

großen französischen Tageszeitungen nach. ~Rédacteur principal~ ist ein

gewisser Eugène Dienne; als Chefredakteur zeichnet Luc Fichtner, der

auch im Anzeigenteil sein Pelzgeschäft in Paris empfiehlt. Dieser

Annoncenteil ist durchaus ernst gemeint; er gibt ein treffliches Bild

davon, welchen Ständen die französischen Gefangenen angehören. Wir

finden da Inserate über die Baumschulen Legrux in Douai, über die

Milchzentrifuge Cambraisienne in Maubeuge usw. usw. Leitartikel,

wissenschaftliche und Sportnachrichten, nichts fehlt. ~„Le but essentiel

du Héraut est de propager sous une forme gaie, vivante, et de faire

comprendre, l’esprit de Fraternité.... Nos pensées restent graves; sans

l’oublier jamais, qu’il nous soit permis de chasser le cafard, suivant

l’expression imagée des coloniaux, surmontant le regret de la Patrie

éloignée, par une réaction de gaité saine et de bon aloi, légitime et

nécessaire ...“~ -- Nette Federzeichnungen sind in den Text eingestreut,

von denen Abb. 88 eine Probe gibt.

[Abbildung: ~Abb. 105. Der einzige Überlebende.~

~Amerikanische Karikatur.~]

Unter den Zossener Gefangenen sind auch eine Anzahl Künstler und Lehrer,

die sich ihre freie Zeit durch Anfertigung von scherzhaften

Originalaquarellen vertreiben, die von guter Begabung zeugen und denen

infolgedessen auch ein künstlerischer Wert nicht abzusprechen ist. Zwei

dieser farbigen Originale auf Postkarten sind hier in schwarzer

Reproduktion abgebildet (Abb. 89 und 90), Spottblätter auf die

mitgefangenen „Verbündeten“. Andere Karten zeigen zum Teil in sehr

derber Darstellung, ~„Les Aborts“~, ~„Toilette intime“~, ~„A la Queue“~

(das Essenfassen; hier hat der Künstler, um die Eßmarke im Original auf

der Karte verwenden zu können, sogar auf die eigene Ration verzichten

müssen).

In Frankreich selbst sind die in der Etappe, ja sogar im Schützengraben

erscheinenden Zeitungen (im Stile unserer Bierzeitungen) fast noch

zahlreicher als bei uns, wenn sie auch an Güte lange nicht an die Liller

Kriegszeitung heranreichen, die wohl das weitaus Beste in ihrer Art

darstellt. Auch in der Vergangenheit haben weltgeschichtlich bewegte

Zeiten solche Gelegenheitszeitungen hervorgebracht. Man denke an die zur

Zeit der Choleraepidemie 1831 erschienenen Blätter, an die zahlreichen

kurzlebigen Zeitungen des Jahres 1848. Und ganz besonders hatte „Le

Héraut“ schon 1870 einen Vorgänger in der Zeitung „Prométhé“, die

französische Gefangene in Spandau herausgaben und die heute zu den

gesuchtesten Seltenheiten zählt.

[Abbildung: ~Abb. 106. F. Jüttner: Wilson will nicht.~

~(Lustige Blätter, Berlin.)~]

[Abbildung: ~=Die kranke Marianne.=~

~„Sie leiden an der Englischen Krankheit, Madame; ich habe Ihnen hier

ein deutsches Pulver verschrieben, das wird helfen!“~

~Abb. 107. Arnold: Deutsche Feldpostkarte aus Lille.~]

Es gibt nur #ein# Land, dessen Presse Frankreich im Deutschenhaß zu

überbieten suchte, und das ist Italien. Ist man doch dort so weit

gegangen, zu dem Zwecke Deutschland und Österreich zu bekämpfen und

Italien zum Kriege gegen seine Verbündeten zu hetzen, #eigens#

Witzblätter zu #gründen#. „Il Numero“ ist ein solches Erzeugnis des

Krieges, dem die Aufgabe zufiel, die Leidenschaften gegen die

italienische Neutralität und die Zentralmächte, vor allen Dingen gegen

Österreich, zu schüren. Von den italienischen Witzblättern steht

künstlerisch dieser „Il Numero“ immerhin am höchsten. Was die andern

leisten, ist unsagbar trostlos. Auch das Blatt des italienischen Klerus

„Il Mulo“, das in Bologna erscheint und wohl so ziemlich das einzige

ist, das nicht deutschfeindlich auftritt, sondern eher noch eine dem

deutschen Reiche gegenüber freundliche Absicht verfolgt, besitzt unter

seinen Zeichnern #nicht einen#, der auch nur den geringsten Ansprüchen,

die man an einen Karikaturisten stellen muß, gerecht wird. Immerhin soll

ausdrücklich anerkannt werden, daß der italienische Klerus hier ein

Blatt geschaffen hat, das wenigstens das verbündete Deutschland und

Österreich nicht angreift. „Il Mulo“ kämpft wie „Bastone“ „gegen

französische Freimaurerei und englischen Krämergeist“. Ein

doppelseitiger Karton in der Weihnachtsnummer richtete sich sogar

ausdrücklich gegen Frankreich, weil es sich mit dem Waffenstillstand

während der Weihnachtsfeiertage nicht einverstanden erklärt hatte.

[Abbildung: ~Abb. 108. Rich. Rost: Im Dreadnought-Lazarett in Malta.~

~(Jugend, München.)~]

[Abbildung: ~Abb. 109. Max Richter: Der Saisontanz 1914/15.~

~(Ulk, Berlin.)~]

Ganz besonders arbeitet das Witzblatt „Asino“ gegen die beiden Kaiser

der Zentralmächte; es ist auch nicht einmal andeutungsweise möglich, den

Inhalt der Schmähbilder, die ein gewisser #Rata Langa# verbrochen hat,

wiederzugeben. Die Existenz eines solchen Blattes wäre in Deutschland

unmöglich, selbst wenn es sich nur gegen die Feinde richtete. Das, was

„L’Asino“ bietet, stellt den tiefsten Grad von Verleumdung und Lügen

dar, der denkbar ist. Dabei sprüht in dem ganzen Blatt kein Funke von

Humor auf, der #vielleicht# noch mit einem oder dem andern der

„Scherze“ versöhnen würde. Allerdings hat ja gerade Italien nie Überfluß

an Witz besessen. Vielleicht sind auch diese Exzesse wüster

Geschmacklosigkeit auf metallische Händedrücke der Alliierten

zurückzuführen. Eine besondere Rubrik ~„Tedescherie“~ verzeichnet

Schandtaten der Deutschen, gegen welche jene in französischen Blättern

beinahe als sanft bezeichnet werden müssen. Die meist in Grün und mit

starkem Rot gedruckten Abbildungen haben schon äußerlich etwas

Blutrünstiges. Abbildung 82 gibt eine der zahmsten wieder. Den Höhepunkt

der Gemeinheit erreichte das Blatt in seiner Weihnachtsnummer, wo es

unter dem Titel ~„Il Natale Tedesco“~ einen betrunkenen deutschen

Soldaten zeigt, wie er mit seinem Bajonett das Jesuskind aufspießt,

während ein anderer die Mutter Maria ermordet, ein dritter den heiligen

Josef erwürgt und zwei andere den Esel seiner Habe berauben!

[Abbildung: ~Abb. 110. Bülow: „Lieber Freund, hier bin ich!“ Salandra:

„Einen Augenblick! Sieh dir mal erst ein wenig meinen Kopfschmuck an!“~

~(Il Punto.)~]

Das bereits erwähnte neue satirische Wochenblatt „Il Numero“ steht, wie

schon gesagt, künstlerisch wesentlich höher. Eine ganze Reihe

geschickter Zeichner arbeiten dafür. Die Nummern, die zehn Centesimi

kosten, haben oft einheitlichen, geschlossenen Inhalt; so wendet sich

beispielsweise ein Heft gegen die Schweiz, die angeblich ihre

Neutralität in allzu deutschfreundlichem Sinne ausgenutzt hat. Auch der

42 ~cm~-Mörser spielt in diesem Blatte eine große Rolle, wie in der

Zeichnung „Der Gleichmacher“ von Nirsoli (Abb. 36). Cadorin zeichnet die

kommende Hagia Sofia in Konstantinopel (Abb. 91). Ein anderer Künstler,

Scarpelli (~scarpe~ = Schuhe; daher die Signatur links unten) zeigt den

deutschen Kaiser, wie er das durch die Neutralität „gefesselte“ Italien

mit der Türkei schreckte (Abb. 93). Zu den zahlreichen Blättern gegen

den österreichischen Kaiser gehört eine Zeichnung von Nasika ~„La Bocca

del Cattaro“~, ein Ausdruck der Freude über die Beschießung dieses

süddalmatinischen Hafens durch die französische Marine, die ja übrigens

recht trostlos verlief und an jenen berühmten „Sieg“ der Franzosen bei

der Beschießung des Leuchtturmes Pelagosa erinnert; damals bestand die

Beute aus den Unterhosen des Leuchtturmwächters, zwei alten Hennen,

dreißig jungen Hühnern, zwei Tauben, einer Ziege, einem Kanarienvogel

und einem halben Hektoliter Wein, die alle von den französischen

Matrosen mitgeschleppt wurden. -- Daß auch die italienischen Zeitungen

den Krieg in Gestalt von Karikaturen verarbeiten, zeigt Abbildung 110;

auch in dieser kurz vor Eintritt Italiens in den Krieg erschienenen

Zeichnung kommt bereits die deutschfeindliche Tendenz zum beredten

Ausdruck.

[Abbildung: ~Abb. 111. Grandjouan: Bulgariens Entscheidung.~

~L’Europe: „Que veux-tu, enfant terrible, du halva turc ou du caviar

russe?“~

~Ferdinand: „Ah, maman Europe, comme j’aime la Macédoine!“~

~(Europa: „Was willst du, schreckliches Kind, türkischen Honig oder

russischen Kaviar?“ Ferdinand: „Oh, Mama Europa, ich liebe

Balkan-Allerlei!“ Macédoine bedeutet im Französischen sowohl Macedonien,

wie auch ein Gericht von allerlei Gemüsen oder Früchten.)~

~(Le Rire Rouge, Paris.)~]

Seit dem Herbste 1915 ist aber Italien unzufrieden, auch mit seinen

neuen Verbündeten. Die Ereignisse überstürzen sich, besonders auf dem

Balkan! Rumänien, das früher schwankte (Abb. 113), will, wie

Griechenland, seine Neutralität wahren und nicht mitmachen, Bulgarien

hat seine Entscheidung getroffen und sich den Zentralmächten

angeschlossen, weil es, seine Interessen richtig erkennend, sich nicht

an ein abwärts rollendes Rad binden wollte (Abb. 111). Schon vor Monaten

hat #Jordaan# im „Notenkraker“ gezeigt, wo man England an der Gurgel

packen muß (Abb. 27).

[Abbildung: ~Abb. 112. Britisches Phlegma. „Ich möchte den Herrn General

bitten, statt des Stacheldrahtes einen einfachen Zaun anlegen zu lassen,

damit unsere Fußbälle nicht leiden.“~

~(Careta, Rio de Janeiro.)~]

[Abbildung: ~Abb. 113. Mad-Odessa: Das schwankende Rumänien.~

~(Le Rire Rouge, Paris.)~]

[Abbildung: ~Abb. 114. Die große Schlacht. Napoleon: „Herrlich, wie sich

unsre Truppen verteidigen.“ Moltke: „Und unsre sich schlagen.“ Bismarck:

„Fast noch besser als zu unsrer Zeit.“~

~(Campana de Gracia, Barcelona.)~]

Kein Wunder, daß der „Figaro“ schon im Oktober 1915 jammert: „Wenn die

Deutschen in Konstantinopel einrücken, wenn sie weiter die große

Handelsstraße von der Elbmündung zur Mündung des Euphrat und Tigris

eröffnen, dann ist es um die englische Weltherrschaft geschehen. Das

#ganze großartige Gebäude des britischen Reiches wird dann bis in seine

Fundamente ins Wanken gebracht#, von Zypern bis nach Ceylon, vom Nil bis

zum Ganges. Aber wenn die bepickelhaubten Hyperboreer und ihr Kaiser den

Bosporus erreichen, so bedeutet das auch #das Ende des russischen

Reiches#. Es ist desgleichen zu Ende mit der Bestrebungen Italiens in

der Levante, die sie als Erbe der Cäsaren überkommen haben. Alles, was

Italien dann zu tun hat, beschränkt sich darauf, wieder einmal wie zu

Dantes Zeit, die Herberge des Volkes von vorwitzigen Altertumskrämern

und teutonischen Hochzeitsreisenden zu sein (!), während zur selben Zeit

germanische Eisenbahnlinien über die alten Römerstraßen laufen, östlich

von der Adria wie im Asien des Lukullus und Pompejus.“

[Abbildung: ~Abb. 115. Saturn zur Erde: Anfänger!!~

~Amerikanische Karikatur.~]

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Anmerkungen zur Transkription

Abb. 100: Das Witzblatt hieß “Il 420”, nicht “Il

42°”.

Abhängig von der benutzten Hard- und Software werden möglicherweise

nicht alle Elemente dieses Textes richtig zu sehen sein.

Durchgeführte Änderungen:

Klare Fehler in Rechtschreibung, Interpunktion usw. sind

stillschweigend korrigiert worden.

Originaltext: Korrigierter Text:

Bernald Partridge Bernard Partridge

De nieuwe Dod De nieuwe Dood

Elsevir Elsevier

Allierten Alliierten

G. Miles Forman J. Miles Forman

Zoon cultuur Zoo’n cultuur

Harri Grant Dart Harry Grant Dart

Trésorieur-Payeur Trésorier-Payeur

Ca ne sent pas bon Ça ne sent pas bon

Irving Irvin

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Die Karikatur im Weltkriege · 第 6 / 6 段