reichlich übernommen. Aber die Dackel sind ja kluge Tiere: er wird mit
den vielen Knoten (Knoten im doppelten Sinne) schon fertig werden! Die
Dackel folgen bekanntlich nie. Vielleicht ist das auch ein Grund,
weshalb uns die Engländer so darstellen: wir sind ja ihren Wünschen auch
nicht gefolgt. Englische und französische Überpatrioten hatten am Anfang
des Krieges verlangt, man solle die (besonders in England viel
gehaltenen) Dackel als ~„boches“~ töten und ausrotten. Dann erfuhr der
„Dachshund“ aber eine „Ehrenrettung“ durch „Daily Mail“, die
herausbrachte, daß sich Dackel schon auf altägyptischen Denkmälern
dargestellt finden.
[Abbildung: ~Abb. 58. Bryans Entwicklung zur Friedenstaube.~
~Amerikanische Karikatur.~]
Eine der gelungensten Zeichnungen Greenes ist die Kluckhenne (Abb. 45).
Kluck hat einen großen Sieg errungen. Es entstand die Frage: ~„Can he
hatch it?“~ Kann er ihn ausbrüten, das heißt: ausnutzen in Anbetracht
der zahlreichen Waffen, die ihn umstarren?
Durch spöttische Bemerkungen machen sonst ganz in englischem Fahrwasser
schwimmende Blätter gegen englische Nachrichten und die irrsinnigen
Redewendungen mancher Redakteure mobil, deren Sprache als „Desperanto“
bezeichnet wird. Einen geistvollen Aphorismus, der die englische Politik
vortrefflich kennzeichnet, brachte die „Deutsche Zeitung“ in Charleston:
~„This war was not made in Germany, but ‚made in Germany‘ is the cause
of it!“~ („Dieser Krieg wurde nicht in Deutschland gemacht, aber ~‚made
in Germany‘~ ist die Ursache davon“).
Sehr sympathisch berührt uns die Karikatur des schon mehrfach genannten
#Robert Carter# ~„Who said rats?“~ (Abb. 59). Der englische Minister
Churchill hatte von den deutschen Schiffen als Ratten gesprochen, die
man aus ihren Löchern ausgraben müsse, da sie sonst nicht hervorkämen.
Die großartigen Leistungen deutscher Unterseeboote waren die Antwort.
Der amerikanische Künstler zeigt uns nun in dem sehr geschickt
komponierten Blatte, wie Tirpitz, hinter dem ein Heer von Schiffen und
Zeppelinen steht, den englischen Löwen bei den Ohren nimmt. Daß ein
sonst Deutschland abholdes Blatt eine solche Zeichnung bringt, die damit
zu Hunderttausenden von Lesern gelangt, ist ein deutlicher Beweis dafür,
daß schließlich über alle Lügen und Entstellungen doch die lautere
Wahrheit triumphieren muß!
Wasser auf die Mühlen aller deutschfeindlichen Elemente war die
Torpedierung der „Lusitania“ am 7. Mai. Die aufs äußerste erregte
Stimmung in den Vereinigten Staaten spiegelt auch hier die Karikatur
deutlich wider. Ein Gefühl der Erhabenheit über Beleidigungen ist diesen
Zeichnungen gegenüber besonders notwendig.
Die modernen Waffen dieses Krieges, die namentlich auf deutscher Seite
so außerordentlich erfolgreich angewendet wurden: Unterseeboote,
Luftschiffe, tötende Gase, haben auch in der gesamten Weltkarikatur zu
zahlreichen, oft sehr bedeutenden Darstellungen geführt. Alle die Bilder
über die Torpedierung der „Lusitania“ gehören ja in das Kapitel
„#Unterseeboot#“, über das sich allein schon ein dicker Band von
Karikaturen zusammenbringen ließe. Die „Lusitania“-Karikaturen sind
eigentümlicherweise nicht in England am zahlreichsten, das durch den
Untergang des Riesendampfers doch am meisten getroffen wurde, vielmehr
hat quantitativ und qualitativ Amerika das meiste geleistet und nächst
ihm Holland; wie überhaupt, soweit sich das Gebiet der Karikatur im
Weltkrieg bisher übersehen läßt, in Amerika und Holland die künstlerisch
wertvollsten Scherzbilder entstanden sind.
Wie bekannt, erfolgte die Torpedierung der „Lusitania“ ohne vorherige
direkte Warnung, wobei eine große Anzahl bekannter oder, wie man drüben
sagt, „prominenter“ Amerikaner ihr Leben verlor. Wir wollen einmal
annehmen, das Umgekehrte wäre eingetreten, Deutschland hätte in einem
Kriege, in dem es neutral geblieben wäre, auf die gleiche Weise eine
Reihe seiner besten Bürger eingebüßt: sicherlich wäre auch bei uns die
Erregung zur Siedehitze gestiegen und hätte in den Witzblättern (in
diesem Kriege ist der Ausdruck „Witzblatt“ eigentlich geradezu eine
Profanation) zu den denkbar schärfsten Angriffen geführt. Allerdings
hätte man in Deutschland die Bekanntmachung eines fremden Gesandten
nicht mit Spott und Hohn hingenommen, wie es in Amerika mit den
Warnungen geschehen ist, die Graf Bernstorff in Zeitungen und durch
private Briefe ergehen ließ. Deshalb ist es ja auch nicht richtig, von
einem Torpedieren der „Lusitania“ ohne vorherige Ankündigung zu
sprechen. Aber die amerikanische Presse nahm diese Warnungen nicht
ernst. So zeigt noch ein Spottbild in der Morgenausgabe des „New York
Herald“ vom Sonnabend dem 8. Mai „The Announcer“ Bernstorff mit
umgeschlagenem Mantel und den Attributen des Todes, während im
Hintergrund das Plakat der Cunard-Linie klebt, die dort ihre
Abfahrtszeiten der ~„fastest and largest steamers“~ ungehindert
ankündigt. Diese Zeichnung von #W. A. Rogers# sollte ein Hohn auf
Bernstorffs Warnungen sein. Nachdem das große Schiff nun tatsächlich
versenkt war, überbot sich die amerikanische Presse an gehässigen
Darstellungen, die sich hauptsächlich gegen den Kaiser und Tirpitz, die
als die Urheber des „Verbrechens“ angesehen wurden, richteten. Der schon
früher genannte #Sidney Greene# zeigt im „Evening Telegram“ den Kaiser
persönlich mit einem riesigen Torpedo die „Lusitania“ in den Grund
bohrend, während Frauen und Kinder rettungslos auf den Wellen treiben:
„#Sein# Platz an der Sonne“. In derselben vielgelesenen Tageszeitung
brachte der Zeichner #Farr# eine Karikatur, in der die drei größten
Seeräuber aller Zeiten, Kapt. Kidd, Simms und -- Sir Henry Morgan dem
Kaiser den Lorbeer (~the wreath~) überreichen: ~„Handing it to him“~
(„Ihm gebührt der Ruhmeskranz“). #Robert Carter# veröffentlichte in
„Evening Sun“ eine Satire mit der ironischen Bezeichnung ~„Brave Work“~,
auf der der Kaiser einem Seewolf, der die Bezeichnung trägt: ~„War on
Helpless Shipping“~, das Eiserne Kreuz umhängt. In der gleichen Zeitung
konnte man ein Bild sehen, das den Kaiser mit der gepanzerten Faust, die
berühmte ~„mailed fist“~, mit Tirpitz im Hintergrunde zeigt: ~„Laws? I
make My Own Laws“~ (Was scheren mich Gesetze, ich mache meine eigenen!),
„Cincinnati Times“ brachte eine Zeichnung von #Bushnell# mit der
riesigen Figur des Todes, die aus dem Meeresgrunde aufsteigt und die
„Lusitania“ in die Tiefe zieht, während das deutsche Unterseeboot
unbekümmert abfährt; „Philadelphia Public Ledger“ vereinfachte den
Gedanken: Man sieht auf den tobenden Wellen einen deutschen Helm mit
der Piratenflagge an der Spitze. „Brooklyn Eagle“ bringt die
amerikanische Flagge (~Stars and Stripes~), blutbefleckt, darunter die
Unterschrift: „Das ist #unser# Blut“. Noch viel schärfer waren die
Darstellungen in der schon genannten bedeutendsten Wochenschrift „Life“;
sie sind derartig zynisch, daß man ihren Inhalt aus einfachen
Anstandsgründen nicht einmal zitieren kann. Auf einer der
verhältnismäßig noch harmlosen Zeichnungen von #McKee# sieht man Uncle
Sam, wie ihn der Kaiser mit der Peitsche bearbeitet, so daß Streifen auf
dem Rücken entstehen, und Tirpitz ihm mit einer schweren Keule auf den
Kopf schlägt, so daß Funken und Sterne sprühen; die ironische
Unterschrift lautet: ~„Stars and Stripes“~. In der gleichen Zeitung,
deren Leser nach vielen Hunderttausenden zählen, findet man dann die
häßlichsten und gemeinsten Spottverse gegen Deutschland und seinen
Kaiser.
Und dieselbe, auch in England weitverbreitete amerikanische
Wochenschrift, gab gleichzeitig eine Sondernummer ~„Vive la France“~
heraus, in der die „Schwesterrepublik“ in einer Reihe süßlich-fader
Bilder in den Himmel gehoben wird!
[Abbildung: ~Abb. 59. Robert Carter: Wer sprach von Ratten? (Who said
rats?).~
~(Evening Sun, New York.)~]
[Abbildung: ~Abb. 60. Robert Minor: In Erwartung des 18. Februars.~
~Beginn des Unterseebootkrieges.~
~(World, New York.)~]
Man hat in Deutschland im allgemeinen doch wohl nicht begriffen, wie
erregt und kritisch nach dem Untergange der „Lusitania“ die Stimmung in
Amerika gegen uns war. Die Karikaturen zeigen es zur Genüge, und wir
können den Männern, deren Bemühungen es gelungen ist, den Frieden mit
einem Lande zu erhalten, in dem so viel stammverwandte Menschen wohnen,
gar nicht dankbar genug sein. Die hier angeführten Beispiele sind nur
ein kleiner Teil der ungezählten „Lusitania“-Zeichnungen der Amerikaner.
-- Natürlich hat es auch in der französischen Presse nicht an beißenden
Satiren gefehlt. #J. J. Roussau# brachte ein Blatt: ~„Dieu vous sauve“~;
der Personendampfer ist eben versenkt, und Frauen und Kinder treiben
hilflos auf den Wellen, während der deutsche Unterseeboots-Kommandant
lachend davonfährt. Diese Zeichnung trägt die Überschrift: ~„Les fils
chéris de Bénoit XV“~, ist also gleichzeitig ein Spottblatt gegen den
Papst, dessen unparteiische Haltung ihm besonders in Frankreich und
Italien wütenden Haß einbrachte (Abb. 61). #Grandjouan# zeichnete für
„Le Rire Rouge“ eine ganzseitige Darstellung, die Wilson am
Meeresstrande zeigt, wo die Leichname einer Mutter und zweier Kinder
angespült werden, die noch den Rettungsring der „Lusitania“ tragen,
während im Hintergrunde Haifische auf das leckere Mahl warten:
~„Décidément, non, je ne peux être du parti des requins“~ (Wahrhaftig,
nein, mit diesen Menschenfressern will ich nichts mehr zu tun haben!)
(Abb. 63). -- Sehr deutschfeindlich sind auch die Darstellungen, die die
holländische Presse über den „Lusitania“-Untergang brachte. #Johan
Braakensiek# lithographierte für den „Amsterdammer“ ein Blatt ~„De dolle
stier is los“~. Der tolle Stier ist natürlich Deutschland, auf den die
ganze Welt Jagd machen müßte. Von #P. de Jong# erschien im „Nieuwe
Amsterdammer“ eine Darstellung des Untergangs der „Lusitania“, in der
der Tod die Schornsteine und Segel kappt, während rechts der Teufel, der
die Züge des deutschen Kaisers trägt, in die Worte ausbricht: ~„Goed
zoo! Zoo’n cultuur is ook de mijne!“~ (Gut so! Solche Kultur ist auch
die meinige!). Eine Inschrift auf des Teufels Flügeln lautet in
deutscher Übersetzung: „Sterbliche, laßt in meinem Dienste alle
Menschlichkeit fahren!“ Am schlimmsten gibt sich, wie immer, Louis
Raemaekers: Das Gewissen hält den „Mörder“ (Deutschland) in die Höhe
„Alle, die Ihr nicht protestiert gegen die barbarischen Kriegsmethoden
dieses Ungeheuers, seid seine Mitschuldigen!“ -- Das charakteristischste
Blatt aber brachte dieselbe Zeitschrift in einer farbigen Zeichnung von
dem schon früher gewürdigten #P. van der Hem#. Von ihm rührt auch das
großartige Blatt her, das wir weiter hinten abbilden, die Wirkung der
Stickgase darstellend. Auf der hier wiedergegebenen Karikatur ~„De
Lusitania“~ sehen wir uns in das Bureau einer deutschen Zeitung versetzt
(der Name an der Tür ist wohl ganz willkürlich gewählt). Die
Schreibmaschine trägt die Aufschrift „Gott strafe England“, einer der
Mitarbeiter fragt den Chefredakteur: „Ich habe hier noch einen Nekrolog
über den Untergang der ‚Titanic‘, können wir den nicht jetzt wieder
abdrucken?“ worauf der andere erwidert: „Tun Sie das, aber er muß dann
als #Jubel-Artikel# umgearbeitet werden.“ (Abb. 66.)
[Abbildung: PAROLES PAPALES
~Abb. 61. L. Métivet: Päpstliche Worte.~
~Französische Karikatur gegen den Papst wegen seiner Aussprüche, in
denen er Deutschland Gerechtigkeit widerfahren ließ. „Interviewé en
#français#, le Souverain Pontife, qui est #italien#, a répondu en
#allemand#.“~
~(Le Rire Rouge, Paris.)~]
[Abbildung: ~Abb. 62. Amerikanische Karikatur auf die Angriffe der
Unterseeboote.~
~(Life, New York.)~]
[Abbildung: ~Abb. 63. Grandjouan: Wilson und die Lusitania.~
~(Le Rire Rouge, Paris.)~]
[Abbildung: ~Abb. 64. Alb. René: Die Zeppeline.~
~(Französische Karikatur.)~]
[Abbildung: ~“OH, I SAY!”~
~Abb. 65. Sidney Greene: Verdammt nochmal!~
~(Evening Telegram, New York.)~]
[Abbildung: ~Abb. 66. P. van der Hem: Die Lusitania.~
~(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)~]
Die Torpedierung der „Lusitania“ ist nur eines der vielen weltbewegenden
Ereignisse dieses Krieges gewesen. Macht man sich nun klar, welche Fülle
von Karikaturen allein dieses eine Vorkommnis hervorgerufen hat, so
gibt das ungefähr einen Begriff von der ungeheuren Masse satirischer
Bilder, die der Weltkrieg überhaupt angeregt hat.
[Abbildung: ~Abb. 67. P. van der Hem: Deutschlands Zukunft liegt unter
dem Wasser.~
~Holländische Darstellung der deutschen Unterseebootserfolge.~
~(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)~]
Indirekt gehören zu dem Kapitel „Lusitania“ auch die
selbstironisierenden Zeichnungen über die mangelhafte Rüstung der
Vereinigten Staaten, denen man in der amerikanischen Presse begegnet. So
klug sind die Amerikaner doch, um zu wissen, daß sie militärisch einem
mächtig gerüsteten Reiche gegenüber, wie es „Germany“ ist, nichts
auszurichten vermögen. Die in Abb. 72 wiedergegebene Zeichnung ~„The
World Power“~, in der die United States ironisch als Weltmacht
bezeichnet werden (sie ist von Harry Grant Dart und im Juli 1915 im
„Life“ erschienen), möge dafür als typisches Beispiel dienen.
[Abbildung: ~Abb. 68. A. Noël: „Les Soutiens de Germanie.“~
~(Le Rire Rouge, Paris.)~]
Das #Unterseeboot# ist, wie schon gesagt und wie auch die Abbildungen
60, 62, 66-70 weiter zeigen, ein häufiges Thema in den Karikaturen; oft
kommt ein Gemisch von Bewunderung und Neid darin zum Ausdruck. Ein
findiger Franzose schlägt im „Figaro“ vor, das Meer im Gebiete der
Kriegszone mit Öl zu begießen. Dadurch würden die Gläser der Periskope
fettig werden, dann könnte man sie nicht mehr benutzen, und die
deutschen Unterseeboote wären lahmgelegt. Der Chefredakteur des
„Figaro“, Alfred Capus (~de l’Académie~) gibt diese Anregung mit
empfehlenden Worten weiter.
Ebenso geht es den #Zeppelinen#; denn wenn auch die Alliierten so tun,
als rührten sie die Zeppelinfahrten nicht (der ~„Punch“~ bringt sogar
scherzhafte Plakate, wie eine Ankündigung des Bades Northend on Sea, das
als besondere Attraktion ~„frequent visits of Zeppelins“~ empfiehlt), so
haben sie doch in Wirklichkeit einen Heidenrespekt vor den Beherrschern
der Luft. Und ebenso muß eine Zeichnung von #Paul Iribe# im „Journal“
bewertet werden, wenn die Mutter zu ihrem ungezogenen Jungen in Paris
sagt: „Sei artig, sonst darfst du nicht mitgehen, wenn wir uns heute die
Zeppeline ansehen gehen!“
[Abbildung: ~Abb. 69. P. Simmel: Panik an der Themse.~
~(„Um Gottes willen, -- da kommt doch schon wieder was!“).~
~(Lustige Blätter, Berlin.)~]
[Abbildung: ~Abb. 70. Johan Braakensiek: Der neue Tod.~
~Holländische Karikatur auf die Unterseeboote.~
~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~]
[Abbildung: ~Abb. 71. Reinuemel: Otez l’Œillère!~
~(Die Scheuklappen weg!)~
~(Le Rire Rouge, Paris)~]
[Abbildung:
WARNING!!!
ANY FOREIGN COUNTRY
PRESUMING TO TRIFLE WITH
THE DIGNITY AND HONOR OF THIS
GREAT NATION DOES SO AT THE
RISK OF INSTANT ANNIHILATION
BY OUR MIGHTY ARMY AND
MAGNIFICENT NAVY UNDER
THE EFFICIENT MANAGEMENT
OF ITS HEAVEN-GUIDED BOSS.
----------
WE CAN MOBILIZE A HORDE OF
30,000 WELL TRAINED SOLDIERS,
INSTANTLY, ON THREE MONTH’S
NOTICE AND MAKE OUR FLEET
READY FOR ACTION IN TWO YEARS.
U.S.A.
~Abb. 72. Harry Grant Dart: Das wohlgerüstete Amerika.~
~Amerikanische Karikatur auf die mangelhaften Vorbereitungen der
Vereinigten Staaten. (Life, New York.)~]
[Abbildung: ~Abb. 73. P. van der Hem: Der neue Tod.~
~(Die Stickgase.)~
~(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)~]
#Wolffs Telegraphen-Bureau# darf natürlich auch nicht zu kurz kommen;
hier ist es besonders die französische Presse, die sich diese
Depeschenagentur aufs Korn genommen hat (genau so wie die deutsche das
Bureau Reuter), übrigens nicht nur in rein karikaturistischen
Darstellungen wie die der Abb. 71, sondern auch in harmloserer
Verbindung. #A. Guillaume#, der bekannte Darsteller galanter Szenen,
zeigt den plötzlich von der Reise ins Schlafzimmer seiner Frau
zurückkehrenden Ehemann (der Galan verschwindet grade unterm Bett): „Ich
bin schleunigst wiedergekommen; ich habe eine Depesche erhalten, daß du
mich betrügst!“ Darauf sie: „Pah! Das ist doch natürlich wieder nichts
anderes als so eine alberne #Nachricht des Wolffschen Bureaus#!“
Die modernste und vielleicht schrecklichste Waffe, die #Stickgase#
(~asphyxiating gases~) hat in dem schon vorher genannten #P. van der
Hem# ihren Meister gefunden. Sein großes Blatt aus dem „Nieuwe
Amsterdammer“ kann man wohl mit Recht als eine sehr gelungene
Versinnbildlichung der erstickenden Dämpfe betrachten. Aus dem langen,
röhrenartig erweiterten Totenschädel strömen die giftigen Dämpfe in den
feindlichen Schützengraben, Tod und Verderben verbreitend. Bei allem
Ernst, der über dem Blatt lagert, ist der Vorwurf, den sich der Künstler
gewählt hat, temperamentvoll wiedergegeben. Trotzdem außer dem schwarzen
Grundton nur Blau verwendet wurde, ist die Zeichnung farbig doch sehr
stimmungsvoll. Ein Mann wie P. van der Hem, bei dem sich so scharfe
Beobachtung mit technischem Können vereint, wäre der gegebene Zeichner
für einen großen Totentanz des Weltkriegs. Gegen seine Darstellung der
Stickgase (Abb. 73) fällt die des Franzosen #Lanos# ~„La bête puante“~
aus dem ~„Rire rouge“~ gänzlich ab. Unter Hineinschleppung viel zu
vieler Einzelheiten und bei farbig-fahriger Buntheit läßt die Zeichnung
den Eindruck des Schrecklichen, den der Künstler beabsichtigte, durchaus
vermissen und wirkt eher komisch.
[Abbildung: Mit einem herrlichen Schwunge setzte das letzte Vierteljahr
1914 ein.
~(Kladderadatsch.)~]
[Abbildung: ~Abb. 74. Postkarte, entstanden im deutschen Großen
Hauptquartier im Westen.~
~_Marianne, pauvre chatte,
Tu vas brûler tes pattes
En tirant les marrons
Du brasier Teuton
Pour plaire au singe avide:
John Bull -- le grand perfide!_~
~(La Fontaine~
~Marianne, armes Kätzchen,
Verbrennst Dir Deine Tätzchen
Beim Holen der Maronen
Am Feuer des Teutonen,
Aus Liebe zu John Bull, dem Briten
Dem gierigen Affen, dem Perfiden.~
]
[Abbildung: ~PARADE-MARCH~
Michel vole les pendules; von Boden, les tableaux;
Gretchen vide les armoires et Messieurs les Officiers, les caves.
~Abb. 75. Ricardo Florès: Parademarsch.~
~Aus dem Album „Boches, Deutschland unter Alles“.~
~(Paris, Ollendorff Editeur, 1914.)~]
Wohl kaum einem Lande ist der Krieg so überraschend gekommen wie
Frankreich, denn wenn man dort auch immer stolz auf das ~„archiprêt“~
pochte und eine Reihe von Kriegshetzern fleißig an der Arbeit waren, so
hatte man, wenigstens soweit die große Mehrheit in Betracht kam, doch
nicht ernstlich an einen Krieg geglaubt, zum mindesten nicht an einen
solchen im Jahre 1914. So fand denn der 1. August die Franzosen
~archiprêt~ in dem Sinne von 1870, nämlich unvorbereitet. Wandel und
Handel stockte, vor allem der Buchhandel, und er hat sich auch bis heute
noch nicht richtig erholen können, während er in andern Ländern schon
längst sich den neuen Verhältnissen anzupassen wußte. In Deutschland
beträgt #allein# die Zahl der mit dem Kriege in Zusammenhang stehenden
Neuerscheinungen vom 1. August bis 31. Dezember 1914 1416 Nummern,
während in Frankreich der ~„Mémorial de la Librairie“~ im #ganzen# bloß
286 Werke verzeichnete und unter diesen #nur# 20, die in direktem
Zusammenhange mit den Zeitereignissen standen. Eine große Reihe von
Revuen und Zeitungen verschwanden sang- und klanglos und sind auch nicht
wieder erstanden; andere fristen notdürftig als zweiseitige Blätter ihr
Dasein. In Paris hörten die Witzblätter nach Ausbruch des Krieges
zunächst auf zu erscheinen. Die Karikatur trat zuerst wieder in den
Tageszeitungen auf, in jenem Stil, der für die gesamte Literatur und
Kunst seit dem Ausbruch des Krieges für Frankreich charakteristisch ist.
Es ist dort anders als bei uns: während hier nur wenige Schreier und
Toren die Ausnahme bilden und die weitaus überwiegende Mehrzahl der
Deutschen sich vernünftig und korrekt benimmt, ist es in Frankreich
gerade umgekehrt; dort ist die Besonnenheit eine Ausnahme, und die Masse
des Volkes, #auch# die der Gebildeten, ist von einer Art Wahnsinn
befallen, dessen pathologische Wutausbrüche in der Tagespresse, den
Witzblättern, den Ansichtskarten und in Einzelheften zum Ausdruck
kommen, die zu sammeln für jeden, der sich überhaupt mit der
Kriegsliteratur beschäftigt, zum mindesten sehr reizvoll ist. Das
Bewußtsein der Ohnmacht einem stärkeren Feinde gegenüber hat die
Franzosen in eine hysterische Raserei versetzt, deren Ergüsse einfach
jeder Beschreibung spotten. Aber es ist wirklich richtiger, alle diese
Dokumente von der #komischen# Seite zu betrachten, als sie ernst zu
nehmen. Die gekränkte Eitelkeit, die Sorge um den Untergang der
~„Gloire“~ hat dieses bedauernswerte Volk zu solchen sonderbaren
Delirien geführt. Frankreich glaubt noch immer, die Welt führe Krieg,
weil seine Eitelkeit vor 44 Jahren durch den Verlust Elsaß-Lothringens
verletzt wurde. Nur ganz langsam und allmählich machen sich auch Stimmen
in Frankreich bemerkbar, die vor übergroßem Siegesbewußtsein warnen und
den Deutschen Gerechtigkeit widerfahren lassen, ja, die sogar das Wort
~„Les Allemands“~ wieder in Anwendung bringen, das doch jetzt in der
französischen Presse verpönt ist und durch ~„Assassins“~, ~„Barbares“~,
oder das so beliebte ~„Boches“~ ersetzt wird.
Besonders interessant sind jene Dokumente, die angeblich authentische
deutsche Originalaufnahmen bringen, während es sich tatsächlich um
französische Fälschungen schlimmster Art handelt. Durch alle Blätter bei
uns ging ja jene Illustration, die drei deutsche Offiziere mit ihrem
„Raub aus französischen Schlössern“ zeigte, in Wirklichkeit die
Abbildung dreier Kavallerieleutnants, die sich nach einem Herrenreiten
mit den drei gewonnenen Preisen hatten photographieren lassen; der
Hintergrund war vorsichtig wegretuschiert worden. Auf eine andere
Fälschung aus dem „Matin“ (der überhaupt kaum zu überbieten ist) machte
kürzlich der „Kunstwart“ aufmerksam: das Blatt hatte eine Aufnahme eines
Berliner Photographen benutzt, die den Kaiser und den Kronprinzen in
freundlichem Gespräche vorführte. Der „Matin“ fälschte nun in das
Original verschiedene „Kleinigkeiten“ hinein und dann wurde der nötige
Text zu dieser Fälschung fabriziert: ~„Explication orageuse des deux
Willies. Les officiers de la suite sourient ironiquement.“~ Noch toller
aber ist, was sich das Blatt „L’Intransigeant“ kürzlich geleistet hat;
es brachte eine Gruppe hoher deutscher Offiziere mit ausgesprochen
tieftraurigen Gesichtern, alle Mienen verraten Niedergeschlagenheit und
Mutlosigkeit. Die Unterschrift: „Offiziere des deutschen Großen
Generalstabes beim Rückzug nach einem mißglückten Angriffsversuch.“ Die
Photographie war allerdings vollständig Original und auch nicht
gefälscht. Aber man sah in dem französischen Blatte die Figuren nur bis
etwa zu den Knien, die #ganze# Aufnahme zeigte nämlich die so traurigen
und kopfhängerischen deutschen Offiziere bei der Beerdigung eines auf
dem Felde der Ehre gefallenen Kameraden!
Bei all diesen Hetzereien passieren auch originelle Schnitzer. Das
„Journal“ brachte im Januar mit der nötigen Entrüstung eine Abbildung
aus der „Jugend“: Kitchener als Frosch mit den Händen in einer blutigen
Masse hingemordeter Menschen wühlend. Man hoffte wohl auf die Entrüstung
der gekränkten Engländer. In Wirklichkeit handelte es sich aber um eine
-- französische Karikatur der „Assiette au Beurre“ aus der Zeit des
Burenkrieges (wie die „Jugend“ auch richtig angegeben hatte).