nicht die feindlichen Länder, obgleich deren Truppen besondere
Bezeichnungen dafür haben: die Franzosen nennen die schweren deutschen
Geschütze ~marmite~, die Engländer ~Jack Johnson~. Aber Holland und
Amerika brachten recht geschickte Darstellungen. #Johan Braakensiek#
schuf für „De Amsterdammer“ ein Blatt „Goochelaar Papa Mars“, der
Kriegsgott als Zauberer mit den Mörsern (Abb. 35); der Holländer #P. de
Jong# zeigt den Brummer eindrucksvoll als den Unwiderstehlichen, der die
Jungfrau Antwerpen bezwungen hat und mit eisernen Klammern am Boden
festhält (Abb. 41); ihr Schild mit der Aufschrift „Bundesgenossen“ ist
zerbrochen, und alle anderen Geschütze erscheinen gegenüber dem Riesen
wie Spielzeug. Eine ganz originelle Auffassung der „Fleißigen Berta“
bringt der Flame #George van Raemdonck# (Abb. 38), hier kommt neben dem
Humor auch das Tragische zum Ausdruck: der Unterkörper hat die Form
eines Grabhügels, drapiert mit Totenschädeln, Knochen und Schwertern,
die Haare und der üppige Busen der Dame zeigen die Attribute des Todes,
und selbst der Stiel des Lorgnons ist ein Totenknochen. #Sidney Greene#,
der fruchtbare Karikaturist des New Yorker „Evening Telegram“ zeigt in
seiner Verwandlungsfolge ~„From Pilsner to Powder“~ (Abb. 43) die
Entwicklung vom Frieden zum Kriege: aus dem harmlosen Pilsner und der
Zigarre wird allmählich der 42-Zentimeter-Mörser und sein Geschoß. ~„A
42 centimeter Mistake“~ betitelt sich die Zeichnung von #Robert Carter#,
die zur Weihnachtszeit in dem New Yorker „Evening Sun“ erschien (Abb.
42). In Amerika kommt der Weihnachtsmann durch die Essen in die Häuser,
um die zu diesem Zwecke hingehängten leeren Strümpfe der Kinder mit
Gaben zu füllen; die hohen Rohre des Mörsers 42 hält er für
Schornsteine. (Man darf dem alten Herrn den Irrtum nicht übelnehmen.)
Sehr nett ist dann die Zeichnung von #A. M. Froehlich# in der „New
Yorker Staats-Zeitung“: „den geehrten Verbündeten empfehlen sich als
Verlobte der Onkel aus Friedrichshafen und die Tante aus Essen“ (Abb.
37). Die Idee, die diesem Scherzbilde der größten deutschen Tageszeitung
Amerikas zugrunde liegt, ist recht gut: die „Dicke Berta“ und der
„Zeppelin“ verloben sich, um zusammen zu wirken: #die Verbindung# der
beiden möge die #Geburt# eines größeren Deutschlands in die Wege leiten!
[Abbildung: ~Abb. 42. Robert Carter: Ein 42 Zentimeter-Irrtum.~
~(A 42 centimeter Mistake.)~
~(Evening Sun, New York.)~]
Die amerikanische Karikatur nimmt überhaupt in diesem Kriege einen
außergewöhnlich großen Raum ein; sie spiegelt getreu die Stimmung in den
Vereinigten Staaten wider. Dabei haben die amerikanischen Karikaturen
den Vorzug, meist sehr gut gezeichnet zu sein, und es liegen ihnen auch
fast immer recht originelle Ideen zugrunde. Sehr böse sind die
Spottbilder gegen Deutschland in dem bedeutendsten Witzblatt der
westlichen Halbkugel, dem „Life“, besonders die von #William H. Walker#.
Es sind die abgedroschenen Themen vom Kaiser als Feind der Zivilisation,
der an der Niedertretung Belgiens und Zerstörung der Kunstdenkmäler
seine Freude hat. Typisch dafür das seitengroße Blatt ~„My Heart bleeds
for Louvain“~, der Kaiser als Keiler über den Trümmern von Löwen (die
Darstellung des Kaisers als Keiler war schon im spanisch-amerikanischen
Kriege üblich. Der damals sehr beschäftigte #Davenport# ist ihr
Schöpfer; die aufrechtstehenden Schnurrbartenden haben ihn zum Vergleich
mit den Hauern geführt. Diese Art, den deutschen Kaiser zu zeichnen, hat
sich bis heute in der englischen und amerikanischen Karikatur erhalten).
Das seit über dreißig Jahren erscheinende Blatt ist in Deutschland so
gut wie gar nicht bekannt. Hin und wieder sieht man in deutschen
Blättern sehr starke Anlehnungen an die wirklich meist recht guten
Zeichnungen des „Life“. Ein Tierkarikaturist, wie ihn die Zeitschrift in
#S. Sullivant# besitzt, kann nur mit Oberländer in seiner besten frühen
Zeit verglichen werden. Die Darsteller gesellschaftlicher Zustände (der
~upper ten~) wie #Harrison Cady# und #Foster Lincoln# können sich
getrost unsern besten Satirikern an die Seite stellen; der bekannte
#George Dana Gibson# wiederholt sich in letzter Zeit zu oft, seinen
großen Serien Ebenbürtiges (~Education of Mr. Pipps etc.~) hat er nicht
mehr geschaffen. #Otho Cushing#s von antikem Geiste beeinflußte
Umrißzeichnungen zeigen ein feines Formgefühl, sie sind von rhythmischer
Schönheit erfüllt. #Rea Irvin# sprudelt nur so von witzigen Einfällen,
er hat auch nebenbei eine Reihe von japanisierenden Illustrationen zu
den ~„Letters of a Japanese Schoolboy“~ geschaffen, die amerikanische
Zustände vom japanischen Standpunkte beleuchten.
[Abbildung: ~Abb. 43. Sidney Greene: Vom Pilsner zum Pulver.~
~(From Pilsner to Powder).~
~(Evening Telegram, New York.)~]
Amerika ist also reich an geschickten Karikaturenzeichnern, sie kommen
mehr noch als in den Wochenschriften in der #Tagespresse# zur Geltung.
Die großen Zeitungen der Vereinigten Staaten, die oft Millionenauflagen
erreichen, bringen fast alle Illustrationen; auch vornehme Blätter wie
„Sun“ haben sich schließlich diesem Gebrauche fügen müssen. Die
Zeichnungen müssen rasch erscheinen. Das eben eingegangene Telegramm muß
möglichst gleich mit den nötigen Illustrationen herauskommen. ~Time is
money.~ Der Amerikaner will nicht lange nachdenken; die Sache muß ihm
so bequem wie möglich gemacht werden. Dabei passiert denn in der Eile
und aus Unkenntnis mancher nette Schnitzer: als Bernhard von Bülow
Reichskanzler wurde, brachte eine der bekanntesten New Yorker Zeitungen
zusammen mit der Nachricht ein Bild Bülows; es war auch Bülow, aber --
Hans von Bülow, der berühmte Dirigent, der zwar ein Orchester leiten,
aber nicht das Deutsche Reich hätte lenken können. Sein scharf
geschnittener Kopf mit dem charakteristischen Knebelbart fungierte nun
für die New Yorker als Bild des neuen deutschen Kanzlers. Hier handelte
es sich um einen Irrtum; aber auch sonst ist der Amerikaner in solchen
Fällen nicht verlegen. „Portland News“ brachten kürzlich eine
Reproduktion von #Anton von Werner#s Bild „Erstürmung der Spicherer
Höhen“ als „Sturm deutscher Infanterie in geschlossener Formation auf
einen Hügel“. -- Im allgemeinen müssen die Illustrationen der
Tageszeitungen humoristisch gehalten sein (so will es das Publikum), und
so sind denn in den Vereinigten Staaten eine ganze Reihe tüchtiger
Karikaturisten entstanden. Diese satirischen Darstellungen vermögen viel
schärfer als lange Auseinandersetzungen die Blößen der darin Karikierten
zu zeigen; deshalb kann man ihre Bedeutung zu politischen
Propagandazwecken auch gar nicht hoch genug einschätzen, besonders, wenn
man die Riesenauflagen der amerikanischen Zeitungen in Betracht zieht.
[Abbildung: ~Abb. 44. M. Claus: Die fleißige Berta.~
~(Lustige Blätter, Berlin.~)]
[Abbildung: =CAN HE HATCH IT?=
~Abb. 45. Sidney Greene: Die Kluck-Henne.~
~(Evening Telegram, New York.)~]
Es war eine der schmerzlichsten Enttäuschungen für das Deutsche
Reich, daß sich die Mehrheit in den Vereinigten Staaten (das
Anglo-Amerikanertum und die seinem Einfluß unterworfenen Gruppen) mehr
oder weniger offen auf die Seite unserer Feinde stellte und ganz
unverhohlen ihre Sympathie für diese zum meist recht deutlichen Ausdruck
brachte, obgleich doch auch Japan, Amerikas Todfeind, zu den Verbündeten
zählt. Ebenso erfreulich war die angenehme Enttäuschung, welche die
Deutsch-Amerikaner durch ihr mutiges Eintreten für ihr Stammland
bewiesen; man glaubte sie großenteils dem „Vaterland“ verloren; nun
zeigten sie, daß sie ihre alte Heimat nicht vergessen hatten und setzten
sich in jeder Hinsicht tatkräftig dafür ein, daß die Wahrheit über die
Ursachen und den Verlauf des Krieges durchdringen konnte. An ihre Seite
traten aus altem angeborenen und unausrottbarem Hasse gegen England
geschlossen die zahlreichen in Amerika lebenden Irländer, die drüben
großen politischen Einfluß besitzen. Man glaube nicht, daß
ausschließlich die Beherrschung der Kabel durch England und die
Verbreitung der Lügendepeschen die antideutsche Stimmung erzeugt haben;
hinter diese Täuschungen kam man sehr rasch: von einem Amerikaner rührt
das Wortspiel her: ~allies = all lies~ (die Alliierten = alles lügt). Es
spielen da andere tiefeingewurzelte Vorurteile mit. Der Amerikaner
betrachtet England immer noch als eine Art Mutterland, Paris als
maßgebend in allen Geschmacksfragen (vor allem auch in der bildenden
Kunst). Eine Niederlage dieser Länder würde er wie eine persönlich
Schlappe empfinden. Dann glaubt er immer noch an einen „deutschen
Militarismus“, von dem das deutsche Volk „erlöst“ werden müßte und
fürchtet von einem siegreichen Deutschland später Verletzungen
der bis zum Überfluß zitierten Monroe-Doktrin (daher schon im
spanisch-amerikanischen Kriege die feindliche Stimmung gegen
Deutschland, die erst nach der Reise des Prinzen Heinrich
freundschaftlicheren Gefühlen Platz machte).
[Abbildung: ~Abb. 46. Robert Carter: „Mehr -- und nicht so dünn!“~
~„More -- and not quite so thin!“.~
~(Evening Sun, New York.)~]
So erklären sich die gegen Deutschland gerichteten Karikaturen, die den
Kaiser „auf dem Rückzuge“ aus Rußland schildern (~„German Defeat“~) mit
dem Schatten Napoleons: „Glaubst du siegen zu können, wo ich unterlag?“
oder „die Ereignisse reifen schnell“ (~the leaves are falling fast~, die
deutschen Waffen sinken wie trockene Blätter zu Boden) oder #Sidney
Greene#’s ~„Cracking a cultured nut“~ (der Kaiser in der Nußzange
zwischen Heer und Marine der Verbündeten) und so die schon erwähnten
giftigen Zeichnungen im „Life“. Denn, was man wünscht, glaubt man gern!
Es kommen auch noch andere Momente für die antideutsche Stimmung in
Frage, als da sind die rauhe Außenseite des Deutschen, die unvorteilhaft
absticht von den gewandteren Formen des Anglo-Amerikaners, und die nicht
gerade absolut notwendig ist als Zeichen von Rechtschaffenheit und
Wahrheitsliebe, dann die deutsche Vereinsmeierei in Amerika mit ihren
oft recht komisch wirkenden Auswüchsen.
[Abbildung: ~Abb. 47. S. Conacher: Der nette, alte Herr.~
~(Dear me! and to think I came near on one of those myself -- in Mexico
-- not so very long ago!)~
~(Life, New York.)~]
Der wichtigste Grund der Deutschfeindlichkeit war aber für den
Anglo-Amerikaner diesmal die Verletzung der sogenannten Neutralität
Belgiens (so in den Reden des früheren Präsidenten der Harvard
Universität, Eliot). Das ~„scrap of paper“~, die Bezeichnung des
belgischen Neutralitätsvertrages als eines wertlosen Papierfetzens,
spielt in den amerikanischen Blättern genau so wie in den englischen die
größte Rolle. Auch wirtschaftliche Faktoren sprechen mit. Mit den
Verbündeten kann man Geschäfte machen; mit Deutschland würde man es auch
tun, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden wäre. Im allgemeinen kann man
sagen: die wirtschaftlichen Kreise, besonders die Hochfinanz in den
Neu-England-Staaten, halten zu den Alliierten, das akademisch gebildete
Publikum bewahrt wenigstens teilweise seine Sympathien für Deutschland,
dem es so viel schuldet und ist weit davon entfernt, es für ein von
Barbaren bewohntes Gebiet zu halten. Man lese nur die ehrliche
Flugschrift, die der bekannte Austauschprofessor #Burgeß# von der
Columbia-Universität bereits im August 1914 veröffentlichte (im Herbst
1915 ist von ihm [deutsch bei S. Hirzel in Leipzig] eine andere, sehr
sachlich gehaltene Arbeit erschienen); er ist Anglo-Amerikaner und kann
seinen Stammbaum Hunderte von Jahren zurückführen, er bekennt aber ganz
offen, daß ihm näher als sein Mutterland das Vaterland Deutschland
steht, dem er sein Wissen und seine Bildung verdanke. Und Burgeß steht
mit seiner Propaganda für richtige Bewertung deutscher Kultur durchaus
nicht einzeln da.
[Abbildung: ~Abb. 48. „Wessen Börse wird zuerst leer?“~
~Japanische Karikatur aus Osaka (Herbst 1914).~]
Das Wichtigste an Aufklärungsarbeit aber leisteten die deutschen
Vereinigungen, besonders auch die vom Mitgliede des Repräsentantenhauses
Bartholdt gegründete „Neutralitätsliga“. Teilweise erfolgt diese
Aufklärung in humoristischer Form. Der deutsche Preßklub in New York hat
ein solches Blatt herausgegeben; es nennt sich „Die gefüllte Kriegsente“
und beginnt gleich damit, die rätselhafte Neutralität Amerikas zu
verspotten, indem es an seinen Kopf setzt: New-York, Great Britain, 14.
November 1914. Dann gibt es lustige Kriegsberichte von allen
Schauplätzen, ganz im Stil der anglo-amerikanischen Hetzblätter.
„Englands Flotte nach den Masurischen Seen“ heißt es in Riesenlettern,
und nun entwickelt der Berichterstatter in Retroward den neuesten
Feldzugsplan des Generals Kannrennen im Sinne der Überschrift. Aus Paris
gibt er folgenden ergötzlichen Schlachtbericht:
„Auf unserm linken Flügel erlitten die Deutschen eine vernichtende
Niederlage. Die afrikanischen Schützen griffen zusammen mit den
Indiern und Hottentotten das Zentrum des Feindes bei
Wosollderduebelweiten in Belgien an. Es entspann sich ein wütendes
Geschützfeuer, welches von unserer braven Artillerie indes bald nur
mit Schweigen beantwortet wurde. Da nämlich unser genialer
Artilleriekommandeur sah, daß die deutschen Granaten eventuell die
französischen Truppenbewegungen hätten stören können und die Prussiens
überdies keinen Schuß Pulver wert sind, so zog er einfach seine Leute
zurück. Dann begannen wir mit Heldenmut den eigentlichen Angriff. Da
aber das Gelände ungünstig war, so wurde das Schlachtfeld später
einige Kilometer rückwärts verlegt. Unsere tapfern Truppen ließen den
Feind nicht zur Ruhe kommen und blieben trotz der Hast unseres
Rückzugs mit ihm in Fühlung. Seine Verluste sind fürchterlich. Der
feindliche General hat Selbstmord begangen. Sechs preußische Prinzen
wurden schwer verwundet, der Bruder des Kaisers wurde gefangen
genommen.“
[Abbildung: ~Abb. 49. George van Raemdonck: Wie Holland seine
Neutralität wahren wird.~
~(Dadurch, daß es im Notfalle das ganze Land unter Wasser setzt.)~
~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~]
Bemerkt sei noch, daß die Kriegsente mit Abbildungen reich verziert ist,
die ebenfalls über die Gesinnung der Zeichner keinen Zweifel lassen. Ein
jämmerlich verprügelter englischer Löwe schmückt die letzte Seite,
hoffentlich auch das Symbol, mit dem der Weltkrieg einst zu Ende geht.
[Abbildung: ~Abb. 50. Dan. Lynch: Fabrikation der Schweizerkäse während
des Krieges.~
~(Life, New York.)~]
Solche Satiren auf gewisse amerikanische Zeitungen sind sehr nötig. Was
allein der in Deutschland in seiner Bedeutung weit überschätzte „New
York Herald“ (er gehört durchaus nicht zu den Blättern der besseren
Klassen) in Lügen und Verhetzungen leistet, ist so hahnebüchen, daß man
es nicht für möglich halten sollte; es übertrifft an Dummheit bei weitem
alles, was etwa von französischen Zeitungen geboten worden ist. Danach
müßte von dem deutschen Heere überhaupt kein Mann mehr übrig sein:
Tausende von hungernden Menschen wälzen sich durch die Straßen Berlins
vor das Schloß, überall in der Reichshauptstadt werden Schützengräben
gezogen (vielleicht hat der Berichterstatter des „Herald“ die
Ausschachtungsarbeiten für die neuen Untergrundbahnen gesehen!). Kurzum,
Deutschland steht vor seinem nahen Ende. Und diesen Blödsinn dann mit
zentimeterhohen Typen in den ~„headlines“~, den Überschriften, für deren
sensationelle Aufmachung ein eigener Mitarbeiter gehalten wird! Daneben
geht der haarige Unsinn, den andere amerikanische Zeitungen ihren Lesern
vorsetzen. „San Francisco Chronicle“ schrieb: ~„Kaiser clips Ends of His
Mustache. When it was observed some time after the beginning of the war
that the Kaiser’s hair had turned white, no one paid much attention to
that change, but the removal of his mustache ends has struck the public
imagination, and has, perhaps, strange as it may seem, done more than
anything else to convince the population of Berlin that the war outlook
is becoming bad for Germany.“~ („Der Kaiser schneidet die Spitzen seines
Schnurrbarts ab. Als man einige Zeit nach dem Ausbruch des Krieges
bemerkte, daß das Haar des Kaisers weiß geworden war, achtete niemand
sonderlich auf diese Veränderung, aber die Entfernung seiner
Schnurrbartenden hat einen tiefen Eindruck auf das Publikum gemacht und
hat die Bevölkerung von Berlin mehr als alles andere davon überzeugt,
daß die Kriegsaussichten ungünstig für Deutschland sind.“) -- Im
Chicagoer „Hardwood Record“, einem Blatt, das in der amerikanischen
Holzindustrie angesehen ist, war folgende Notiz enthalten: „In
Österreich werden Sägespäne mit Teer gemischt und zu Heizbriketts
verarbeitet. In Deutschland wird aus Sägespänen, die mit Roggenmehl
vermischt werden, eine Art Brot gebacken, das von Menschen sowohl als
auch von Pferden verzehrt wird. Eine Dampfbäckerei stellt allein
zwanzigtausend solcher Brote am Tage her.“ Solcher Unsinn stand übrigens
nicht bloß in der anglo-amerikanischen Presse, deren Ignoranz zur Genüge
bekannt ist. Auch englische Zeitungen, z. B. die Londoner Times haben in
der ersten Zeit manche Ente in die Welt gesetzt. Ein uraltes Vorrecht
der Unterliegenden ist die Lüge. Später, als es mit den Lügen nicht mehr
ging, haben sie allerdings recht objektiv berichtet. Interessant ist,
wie solche falschen Berichte oft entstehen. Man entsinnt sich, daß im
September 1914 die Nachricht die Runde durch die gesamte Presse machte,
es wären achtzigtausend Russen im Hafen von Archangelsk nach Frankreich
eingeschifft worden. In England nennt man im Eierhandel die russischen
Eier einfach Russen, wie wir russische Zigaretten kurzweg als Russen
bezeichnen und wie die Kaninchen, die in Massen aus Belgien über Ostende
nach London kommen, „Ostendes“ heißen. Zu Beginn des Septembers erhielt
nun ein Londoner Eier-Kommissionär eine Depesche des Wortlauts: „80000
Russen aus Archangel abgegangen.“ Ein Telegraphenbeamter erzählte diese
Ankündigung als neueste inhaltschwere Zeitungsdepesche geschwätzig
weiter, irgendein Reporter griff sie auf -- und in zwei Tagen waren die
Zeitungsleser der Alliierten um eine verheißungsvolle, erst nach langer
Zeit weichende Hoffnung reicher. -- Hier waren also die unschuldigen
Eier an einer Nachricht schuld, die die ganze Welt tagelang
beschäftigte. ~Omne vivum ex ovo!~
Über französische Lügen hatte sogar „Corriere d’Italia“ eine grotesk
wirkende Liste gebracht: Die Basutoneger haben sich den Engländern als
Pfeilschleuderer angeboten; der Sultan von Marokko hat außer 50000
Getreuen auch ein Heer von Odalisken nach Frankreich gesandt; die
Deutschen haben die Provinz Antwerpen geräumt, belagern aber die Festung
dieses Namens; die in Archangelsk an Bord genommenen Russen sind am
Nordkap gelandet und treffen morgen in London ein; der Inn wälzt blutige
Wogen in den Lech usw. usw.
Bewußt harmlos sind dagegen die Zeichnungen in dem schon mehrfach
zitierten „Life“, wie die von #Dan Lynch# über Fabrikation der
Schweizerkäse in der jetzigen Zeit (Abb. 50); die Käse werden zwischen
der deutschen und französischen Grenze in die Höhe gewunden, und die
Geschosse sorgen für die Durchlöcherung.
[Abbildung: ~Abb. 51. Marcus: Das Duett der „Bindestrich-Amerikaner“.~
~(N. Y. Times, New York.)~]
Hand in Hand damit gehen zahlreiche Spottbilder gegen die ~„#hyphenated
americans#“~. So nennt man drüben die Irisch-Amerikaner,
Italo-Amerikaner, besonders aber die #Deutsch-Amerikaner#, also die
Leute mit dem Bindestrich (~hyphen~); sie werden als Bürger zweiter
Klasse betrachtet, weil sie nicht als „reine Amerikaner“ gelten,
besonders die ~„Dutchmen“~ (Spottwort für die Deutschen). Gegen #sie#
wendet sich die Presse der Kriegshetzer. In New York ist kürzlich sogar
ein Theaterstück ~„The Hyphen“~ gegeben worden, das ein ganz blödes
Machwerk der Deutschenhetze darstellte. Autor und Direktor, J. Miles
Forman und Charles Frohmann, gingen ein paar Wochen später mit der
Lusitania unter. Es konnte sich übrigens nicht lange auf dem Spielplan
halten, obgleich die Reklame dafür sehr geschickt eingeleitet worden
war. -- Gegen die ~hyphenated americans~ richten sich also zahlreiche
Karikaturen. Meist sitzen die ~Hyphenated~ auf einer Mauer und wissen
nicht, nach welcher von beiden Seiten (Germany oder United States) sie
sich wenden sollen, oder sie erscheinen halbiert und singen rechts
„Deutschland über alles“, links ~„The Star Spangled Banner“~ (Abb. 51).
Im Sommer 1915 mehrten sich die Karikaturen auf #William Jennings
Bryan#, dem man allzu große Deutschfreundlichkeit vorwirft (Abb. 53, 54,
58). Daß #Bernstorff#, #Dernburg# und der in den letzten Monaten oft
genannte österreichisch-ungarische Botschafter #Dumba# im Spottbilde
eine große Rolle spielen, versteht sich von selbst (Abb. 52).
[Abbildung: ~Abb. 52. Karikatur auf Dumba, Dernburg und Bernstorff.~
~(Sidney Greene in „Evening Telegram“, New York.)~]
[Abbildung: ~Abb. 53. Bryan in seiner neuen Uniform.~
~(„Inquirer“, Philadelphia.)~]
[Abbildung: ~Abb. 54. Amerikanische Karikatur auf Bryans
Deutschfreundlichkeit.~
~(Constitution, Atlanta.)~]
Aber auch hier muß der Wahrheit gemäß berichtet werden, daß es unter den
„echten“ Amerikanern viele gibt, die mutig für Deutschland eintreten.
Gegen die Kriegshetzer schreibt unter anderem witzig das sozialistische
„Appeal to Reason“ den Amerikanern ins Stammbuch: „Wenn Sie den Krieg
lieben, ziehen Sie einen Graben in Ihrem Garten, füllen ihn halb mit
Wasser, kriechen hinein und bleiben dort einen Tag oder zwei, ohne etwas
zu essen; bestellen Sie sich weiter einen Geisteskranken, damit er mit
ein paar Revolvern und einem Maschinengewehr auf Sie schieße, dann haben
Sie etwas, das gerade so gut ist und Ihrem Lande eine Menge Geld
erspart.“
Eines imponiert den Amerikanern: die deutsche Organisation. Man kann das
gerade an den Karikaturen der Tageszeitungen wieder deutlich
feststellen. J. M. Allison, einer der Kriegskorrespondenten des nichts
weniger als deutschfreundlichen „New York Sun“, der dem Einmarsch der
deutschen Truppen in Ostende als Augenzeuge beigewohnt hat, schildert
das, was er gesehen, den Lesern seines Blattes in einem Bericht, der
sich über die Ordnung, Manneszucht und Organisation der deutschen Armee
mit Worten uneingeschränkten Lobes ausspricht. „Seit ich die Besetzung
Ostendes durch die Deutschen erlebte,“ schreibt Allison, „bin ich ein
gläubiger Bekenner des Wahrheitssatzes, daß es in der Welt nur drei
vollkommene Organisationen gibt: die katholische Kirche, die Standard
Oil Company und die deutsche Armee.“ Aus dem „Evening Sun“ stammt auch
die in Abb. 46 wiedergegebene Karikatur aus dem Anfang des Krieges von
#Robert Carter# ~„More news and not quite so thin“~, eine Satire gegen
Englands falsche Nachrichten.
[Abbildung: ~Abb. 55. Jack Walker: Die russische Dampfwalze.~
~(Daily Graphic, London.)~]
Neben #Robert Carter# steht der originelle #Sidney Greene#. In „The
Bread Line“ knüpft der Zeichner an den Gebrauch großer New Yorker
Bäckereien an, die gegen Mitternacht, besonders im Winter, Brot an die
hungrigen Armen verteilen lassen, die sich dabei hintereinander
anstellen müssen. Eine solche „Brotlinie“ werden nach seiner Meinung
vielleicht auch die europäischen Mächte bilden, wenn ihnen die
Nahrungsmittel ausgehen und sie Amerika um Unterstützung angehen müssen.
Greene zeichnete auch ein Kinotheater, genannt ~„Theatre de l’Europe“~.
~„Greatest war scenes in history“~, die größten Kriegsereignisse der
Welt werden vorgeführt. Ein Plakat zeigt die Hauptdarsteller, die
~„principals“~, und unter ihnen sofort ins Auge fallend den deutschen
Kaiser. Italien überlegt sich, ob es teilnehmen soll oder nicht. Der Tod
sitzt an der Kasse, und da fällt die Entscheidung schwer. Inzwischen ist
Italien doch eingetreten, und der Tod hat reichliche Ernte gehalten. --
[Abbildung: THE KNOTTY DACHSHUND
~Abb. 56. Sidney Greene: Der Dachshund mit den Knoten.~
~(Evening Telegram, New York.)~]
Den „#Dachshund#“ (das Wort ist ganz in den englischen Sprachgebrauch
übergegangen) findet man häufig als „Vertreter“ Deutschlands. Besonders
in England und Amerika treffen wir die Dackel in Scherzbildern, die
sich mit deutschen Angelegenheiten befassen. Die „Fliegenden Blätter“
könnten gelb werden vor Neid! So zum Beispiel in dem Karton von #Jack
Walker# aus dem „Daily Graphic“ in London (Abb. 55). Das war noch zur
Zeit, als man in England seine Hoffnung auf die russische Dampfwalze
gesetzt hatte. Aber wir haben die vom Zeichner ironisch aufgestellte
Warnung ~„Beware of steam roller“~ („Achtung, Dampfwalze!“) befolgt,
wenn auch in anderer Weise, als den Engländern lieb war. Das gleiche
Thema behandelt, künstlerisch aber weit bedeutender, die Zeichnung von
#Marcel Bloch# in der „Guerre sociale“ (Abb. 57). Mit innigem Behagen
und einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit gegen unser Heer und seine
Führer im Osten betrachten wir diese Blätter heute, wo längst der Große
Bär in den Wendekreis des Krebses getreten ist, oder, um deutsch zu
reden, Rußland kehrt gemacht hat und immer weiter nach Osten weicht.
[Abbildung: ~Abb. 57. Marcel Bloch: Die russische Dampfwalze.~
~(La Guerre sociale, Paris.)~]