Deutschland ist hier wieder als „Dachshund“ dargestellt. -- Ähnliche

Absichten verfolgt ~The Crown Prince’s First Lesson Book or Nursery

Rhymes for the Times~ von #George H. Powell# mit Randleisten in

kräftiger Holzschnittmanier von #Scott Calder#.

[Abbildung: ~Abb. 23. Johan Braakensiek: Der Totenkopf-Schmetterling.~

~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~]

[Abbildung: ~4 THE STORY OF THE INKY BOYS.~

~As he had often done before,

For happy centuries and more,

The wealthy English colonist

(That stranger to the Maily Fist),

Beneath whose skilful, kindly sway

Our vast dominions smile each day,

One summer morning sallied out

To see his lands and walk about.

And as the sun was hot, good fellow,

He took with him his green umbrella.

Then William, little noisy wag,

Ran out and jeered and waved his flag;

And Bethmann-Hollweg, smug and trim,

Bringing his treaty shears with him;

Bernhardi, too, snatched up his toys

And joined the other envious boys;

For all disliked the English race,

And loathed this fellow's prosperous face.

“We also want to feel the sun”;

They said, “come, show us how it's done!

We want a place within it, too;

We're more deserving far than you--

We want your place! Yah Yah! Boo Boo”!~

~Abb. 24. Eine Seite (stark verkleinert) aus „The swollen-headed

William“, der englischen politischen Struwwelpeter-Parodie.~]

Auf Sven Hedins berühmtes Buch „Ein Volk in Waffen“ ist ähnlich

ausgestattet wie die deutsche Volksausgabe eine Parodie erschienen: ~In

Gentlest Germany by Hun Svedend. Translated from the Svengalese by E. V.

Lucas with 45 illustrations a. 1 map by George Morrow~. Bei dem

„Svengalesischen“ hat der Verfasser wohl auch an die bekannte Figur des

Svengali aus „Trilby“ gedacht. Die kleinen Schwächen des Hedinschen

Originals (sie kommen dem großen Werte des Werkes gegenüber ja gar nicht

in Betracht) sind geschickt ausgenutzt. Die Anlage des Buches ist ganz

neuartig: der Text der Satire hält sich meist wörtlich an das Vorbild,

und der Verfasser Lucas wirft nur ein paar Brocken (die er natürlich

Hedin in den Mund legt) dazwischen, um den Originaltext ins Lächerliche

zu ziehen. Vielleicht wird es am besten durch ein Stück aus dem Text

gezeigt, das hier folgt; die in gewöhnlicher Schrift gedruckten Sätze

entsprechen #wörtlich# dem Texte Sven Hedins (in der billigen Ausgabe

Seite 32), die gesperrt gedruckten Stellen sind Zusätze von Lucas:

(Hedin schildert, wie einfach die Speisenfolge im Hauptquartier des

Kaisers ist und dann die Unterhaltung bei Tisch): „Der Kaiser sprach

fast die ganze Zeit mit mir, #nannte mich stets ‚mein lieber Hun

Svedend‘#, er knüpfte an meinen letzten Vortrag in Berlin an, dem er

beigewohnt hatte: Tibet, wo ich so unruhige Zeiten erlebte, werde wohl

bald das einzige Land auf der Erde sein, das Ruhe habe; #das mache ihn

stolz und glücklich#. Mich freute besonders zu hören, mit welcher

Achtung und Sympathie der Kaiser sich über Frankreich aussprach. Er

beklagte die Notwendigkeit, die ihn gegen seinen Wunsch gezwungen

habe, sein Heer gegen die Franzosen zu führen. Er hoffte, daß die Zeit

kommen werde, da Deutsche und Franzosen gute Nachbarschaft halten

können, #wie Löwe und Lamm, wenn das Lamm bequem eingebettet im Magen

des Löwen liegt#. Wenn die Franzosen eine Ahnung von der wirklichen

Denkweise des Kaisers hätten, würden sie ihn ganz anders beurteilen

als jetzt. #Warum sie diese Ahnung nicht haben, könne Er nicht

begreifen. Sicherlich wären sie doch nicht so kindisch, um sich durch

die feindlichen Bewegungen Seiner Heere beeinflussen zu lassen.#“

Die Engländer sind wütend auf Hedin, weil er der Freund eines Landes

geworden ist, gegen welches England kämpft. England, das ihn (Hedin) zum

Ehrendoktor von Cambridge und Oxford gemacht hat! ~„In Gentlest

Germany“~ soll die Rache dafür sein.

[Abbildung: ~Abb. 25. „Bethmann Hollweg, nervously tearing his menu

card into little bits.“ (Bethmann Hollweg zerreißt die Tischkarte in

kleine Fetzen.) Anspielung auf die Bezeichnung des belgischen

Unabhängigkeits-Vertrags als eines Fetzens Papier. Aus der Parodie „In

Gentlest Germany“ by Hun Svedend, ill. von Geo. Morrow.~]

In Holland sind eine große Reihe tüchtiger Karikaturisten an der Arbeit,

den Krieg im Bilde festzuhalten. Für den „Amsterdammer“ zeichnet seit

1887 der 1858 geborene #Johan Braakensiek# wöchentlich etwa zwei Satiren

über aktuelle politische Ereignisse, in nicht gerade übermäßig witziger,

oft eher hausbackener Art. Im Bestreben, nirgends anzustoßen, bleibt er

meist sehr korrekt. Das Beste, was er geschaffen hat, ist der

Totenkopf-Schmetterling (Abb. 23) mit der Unterschrift „Geht fort, wir

wollen gegen Unbewaffnete nicht kämpfen“. Von ihm rührt auch die in Abb.

1 wiedergegebene Lithographie her, die kurz nach Ausbruch des Krieges

erschien; der Tod redet den ermordeten Erzherzog an: „Königliche Hoheit,

ich habe geglaubt, eine Fürstlichkeit wie Sie darf nicht ohne Gefolge

reisen“ (nämlich nicht ohne Gefolge ins Jenseits, daher im Hintergrunde

die Schemen der Gefallenen). Nur einmal hat Braakensiek sein Phlegma

verloren, das war nach dem Untergang der Lusitania, auf den später noch

besonders eingegangen werden soll.

Der Wochenschrift „De Amsterdammer“ ist in dem „Nieuwe Amsterdammer“,

der Anfang 1915 gegründet wurde, eine schwer ins Gewicht fallende

Mitbewerberin erwachsen. Das neue Blatt hat es verstanden, sich einen

der allerbedeutendsten Karikaturisten Hollands, #Piet van der Hem#, als

dauernden Mitarbeiter zu sichern. Die Reihe der großen farbigen Blätter,

die er für die genannte Zeitschrift geliefert hat, gehören zum Besten

und Stimmungsvollsten des ganzen Krieges, so zum Beispiel die

„Versuchung des heiligen Antonius“ (Abb. 6), dann das Blatt, das nach

dem Untergang der Lusitania entstand und in das Redaktionsbureau einer

deutschen Zeitung versetzt (Abb. 66), vor allem aber auch ein Blatt „De

nieuwe Dood“ (Abb. 73). Viele dieser Zeichnungen sind von tiefem

sittlichen Ernst erfüllt.

[Abbildung: ~Abb. 26. „Mr. (or Herr) Bernard Shaw“.~

~Aus „In Gentlest Germany“ ill. von George Morrow.~]

Für das Wochenblatt „De Notenkraker“, einer Beilage der bekannten

sozialdemokratischen Zeitung „Het Volk“, arbeitet der an die deutschen

Simplicissimuszeichner erinnernde #Albert Hahn#; in knapper Form und

ohne viel Beiwerk gibt er seinen Gedanken bildlichen Ausdruck. Ihm

erscheint der Krieg nicht als das Werk eines einzelnen, er sieht die

Dinge von einer höheren Warte. In Abb. 22 polemisiert er gegen die

Verwendung der Reimser Kathedrale als militärischen Stützpunkt durch die

Franzosen. Die gleiche Absicht leitet #E. Nunes# in den „Meggendorfer

Blättern“ (Abbildung 21).

[Abbildung: ~Abb. 27. Jordaan: Der Suezkanal.~

~Deutschland zur Türkei: „Packe ihn an der Gurgel!“ (De Notenkraker,

Amsterdam.)~]

Für den „Notenkraker“ zeichnet auch #Jordaan#; die Karikatur „Der

Suezkanal“ (Abb. 27) ist sein Werk. Der deutschfeindliche „De Telegraaf“

bringt Beiträge von #Louis Raemaekers#. Es sind ihm eine ganze Reihe

ergreifender Darstellungen des Kriegselends gelungen; viele sind ganz

objektiv gehalten, ohne einzelne Völker treffen zu wollen. Aber das

Schicksal Belgiens, des stammverwandten Landes, hat ihm den Griffel in

die Hand gedrückt, um seinem Haß gegen die „Eroberer“ Luft zu machen.

Wenn sein Temperament mit ihm durchgeht, dann werden für ihn die

Deutschen zu „Barbaren“, dann zeigt er belgische Bürger, die den

deutschen Truppen vorausmarschieren müssen, um im feindlichen Kugelregen

zusammenzubrechen, dann führt man Krieg mit den toten Meistern der Kunst

van Eyck, Massys und Rubens, die auf einem Scheiterhaufen stehen, vor

dem deutsche Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett Wacht halten. Eine

Reihe seiner Darstellungen des Kriegselends und seiner Spottbilder hat

er im Verlage „Elsevier“ auch als Alben herausgegeben.

Auf einzelne Werke der hier genannten holländischen Zeichner wird an

andern Stellen noch näher eingegangen werden.

[Abbildung: ~Abb. 28. Türkische Karikatur: „Zur Schlachtbank“.~

~Die Verbündeten müssen England Vorspanndienste leisten.~

~(Hodja, Konstantinopel.)~]

Unter den Blättern unserer Verbündeten steht die „Muskete“ an der

Spitze, eine ähnliche Stellung in Österreich einnehmend wie in

Deutschland der „Simplicissimus“, sie zählt eine ganze Reihe tüchtiger

Illustratoren zu ihren ständigen Mitarbeitern. Zu ihnen gehört

beispielsweise #Rudolf Herrmann#. Das Thema, das er in der Abb. 13

trefflich behandelt, die Vorspanndienste, die die Verbündeten England

leisten müssen, kommt auch in einer Zeichnung unseres anderen

Bundesgenossen, wenn auch primitiver, zum Ausdruck, in der türkischen

Karikatur, die wir hier wiedergeben (Abb. 28).

[Abbildung: ~Abb. 29. Jack Walker: Wenn ich nur den anderen Stiefel auch

anbekäme!~

~(Daily Graphic, London.)~

~Winter 1914-15.~]

[Abbildung: ~The Rock of Germany~

~Abb. 30. Robert Carter: Deutschlands Felsen.~

~Hindenburg, an dem die russischen Wogen (die Wellenköpfe sind durch

Bärenköpfe dargestellt) abprallen.~

~Amerikanische Zeichnung aus dem „Evening Sun“, New York.~]

Es waren ganz bestimmte Personen und ganz besondere Objekte, denen sich

die Stifte und Pinsel der Karikaturenzeichner in erster Linie zuwandten:

Menschen und Dinge, die rasch -- und mit vollem Recht -- eine

unbegrenzte Volkstümlichkeit erwarben. Daß eine so prächtige und

erfolgreiche Persönlichkeit wie #Hindenburg#, die für uns das neue

deutsche Heldentum verkörpert, an die allererste Stelle rückte, war bei

seinen großartigen Leistungen nur natürlich. Ein äußeres Zeichen wahrer

Volkstümlichkeit zeigt sich in den Anekdoten, mit denen berühmte Männer,

wie etwa Bismarck, umgeben werden. Das Volk webt um alles, was es liebt,

einen förmlichen Sagenkreis. So war es auch bei dem großen Befreier des

deutschen Ostens, der plötzlich wie ein Riese, bis dahin den meisten

völlig unbekannt, vor uns stand. Gicht, Rheuma und alle möglichen

Krankheiten sollten ihn plagen. Er wußte diese Dinge mit Humor in den

zahlreichen Gesprächen mit Berichterstattern dankend von sich

abzulehnen. Viel fester aber noch setzte sich die Mär, daß Hindenburg

Sommer für Sommer in Ostpreußen zugebracht hätte, sich vom

Garnisonkommando in Königsberg alljährlich eine Kanone entliehen und sie

regelmäßig durch alle masurischen Seen und Sümpfe gezogen hätte, um

diese auf ihre Tiefe zu prüfen! Man sollte es nicht für möglich halten,

daß unter den vielen Tausenden von poetischen Erzeugnissen, mit denen

der Generalfeldmarschall angesungen wurde (und die er dank seiner guten

Gesundheit trefflich überstand), sich auch das Werk eines angesehenen

Dichters befindet, die „Ballade von den masurischen Seen“ des

Österreichers Franz Karl Ginzkey, die diese Geschichten allen Ernstes

als Tatsachen behandelt und die damit in das Gebiet des unfreiwilligen

Humors rückt. Aus dem in der Form gelungenen Gedicht, das namentlich

auch das Gurgeln der Sümpfe lautmalend trefflich wiedergibt, diene

folgender Abschnitt als Probe:

Es lebt keine Unke, kein Frosch, kein Lurch,

Die er nicht kennte durch und durch (!!)

Er kennt jeden Steg, jeden Busch und Verhack,

Er kennt jede Lack wie den eigenen Sack (!!)

Wie breit sie nach West, wie tief sie nach Ost,

Er kennt sie, als hätt’ er sie selber gekost’t. (!!)

Und immer hört er das Gurgeln dumpf:

Der Sumpf ist Trumpf, der Sumpf ist Trumpf.

Er schluckt die Russen mit Rumpf und Stumpf.

Man versuche nur, sich das einmal vorzustellen: die Prüfung aller der

einzelnen Reptilien und Amphibien durch Hindenburg! Denn es „lebt

#keine# Unke, #kein# Frosch, #kein# Lurch, die er nicht kennte #durch#

und #durch#“. Der Dichter hat das Recht, sich der Hyperbel als einer

poetischen Form zu bedienen, aber das hier geht denn doch zu weit! Was

hat schließlich der anatomische Bau dieser harmlosen Tiere mit dem

Verlaufe der Schlacht von Tannenberg zu schaffen? -- Eine Reihe wirklich

guter Scherze knüpft sich an den Namen Hindenburg. So zum Beispiel:

„Weshalb hat der Zar Petersburg in Petrograd umgetauft?“ Antwort: „Weil

er hinten (Hinden)burg nicht leiden kann.“ -- Hindenburg ist Ehrendoktor

aller vier Fakultäten. „Welchen davon hat er am meisten verdient?“ „Den

~Dr. med.~; denn niemand hat in Ostpreußen so großartige und gelungene

-- Operationen ausgeführt wie er.“ Von dem Generalfeldmarschall erwartet

man nach dem Burgfrieden einen #Hindenburgfrieden#, der Deutschland für

alle Zeiten gegen neue Überfälle sichert. Und wie populär er auch gerade

bei der Jugend ist, die nach Eintreffen seiner Siegesnachrichten

schulfrei erhält, zeigt die Äußerung eines unvorbereiteten Quartaners

vor der Lateinstunde: „Wenn Hindenburg heute keinen Sieg meldet, bin ich

verloren!“ -- Der Generalfeldmarschall wird immer im Scherzbilde und

Scherzworte fortleben, ein Zeichen wahrer Volkstümlichkeit, die er in so

hohem Maße nur noch mit Bismarck und Zeppelin gemeinsam hat. -- Hier muß

auch der Biertischstrategen gedacht werden. Niemand hat sie so köstlich

karikiert wie Johnson im „Kladderadatsch“ in Anlehnung an Defreggers

bekanntes Bild „Der Salontiroler“ (Abb. 31). Ein nettes Scherzgedicht

von Hans Flux in der „Schwäbischen Tagwacht“ richtet sich gegen diese

Besserwisser:

Zu Cannstatt ob dem Stammtisch

Hängt Hindenburg im Bild,

Es blickt der Schlachtenmeister

So freundlich und so mild.

Worüber mag sich freuen

Grad hier der große Mann?

#Weil er von diesem Stammtisch

Noch recht viel lernen kann.#

[Abbildung: ~Abb. 31. A. Johnson: Der Salonstratege.~

~(Kladderadatsch, Berlin.)~]

[Abbildung: ~The Piper Von Hindenburg~

~Abb. 32. Robert Carter: Der Bärenfänger Hindenburg.~

~Amerikanische Karikatur aus dem „Evening Sun“, New York.~]

[Abbildung: ~Abb. 33. Shonk: Hindenburg aus Schwertern, Kanonen und

Truppen zusammengesetzt.~

~(Daily Times, Portsmouth.)~]

Einem Hindenburg gegenüber verstummten auch deutschfeindliche Blätter

des Auslandes mit ihren Anklagen, er wird auch in der amerikanischen

Presse als ~„the man of the hour“~ gefeiert (Abb. 30, 32, 33). Unter dem

Eindrucke der großen deutschen Erfolge können auch die Zeichner, die

sonst Deutschland nicht gerade freundlich gesinnt sind, nicht anders;

sie bringen zwischendurch germanophile Blätter. Auf Abb. 34 ruft der

englische Löwe Polen an: „Nicht die Preußen, die #Reußen# will ich

sprechen“. Mackensen: „Das tut mir leid, die sind gerade abgezogen.“

[Abbildung: ~Abb. 34. Karikatur auf den russischen Rückzug.~

~England: „Not Prussia, #Russia#!“~

~v. Mackensen: „Russia has just stepped out!“~

~(Robert Carter in „Evening Sun“, New York.)~]

Einen Hindenburg macht eben niemand nach, obgleich eine Anzeige im

„Breslauer Generalanzeiger“ lautet: „Hindenburg sowie sämtliche deutsche

Heerführer liefert zu günstigsten Bedingungen Verlag Carl Tinius,

Leipzig-Neustadt. Vertreter an allen Plätzen gesucht. Muster franko bei

vorheriger Einsendung von einer Mark.“ -- Man muß sich wirklich wundern,

daß von der französischen, englischen und russischen Regierung nicht

schon Bestellungen eingelaufen sind.

Was Hindenburg unter den Lebenden, ist der #42-Zentimeter-Mörser# unter

den leblosen Dingen. Oder soll man hier nicht auch lieber von einem

Lebewesen sprechen? Das Volk hat diese volkstümlichste Waffe rasch

personifiziert: #männlich# als „Großen Brummer“, #weiblich# als

„Fleißige Berta“ oder auch „Dicke Berta“ zu Ehren der Besitzerin der

Kruppwerke, die hier das Attribut der Dicke unverschuldet mit in den

Kauf nehmen muß. Auch um die „Dicke Berta“ hat sich ein Sagenkreis

gesponnen, erstens wegen ihrer rasch erworbenen Popularität, zweitens

weil niemand etwas Näheres über sie erfuhr. Ging man doch so weit, ihre

Existenz überhaupt leugnen zu wollen! Es ist eine der herrlichsten

Erscheinungen in diesem Kriege, daß die wenigen Menschen, die um den

42-Zentimeter-Mörser wußten, das Geheimnis so wunderbar gehütet haben!

Als nach Kriegsausbruch bekannt wurde, die Deutschen besäßen ein

Riesengeschütz, aus dem wenige Schüsse genügten, die stärkste Festung zu

Fall zu bringen (Lüttich hatte es ja gleich bewiesen), da ging ein

Staunen durch die ganze Welt, gemischt mit geheimem Grauen. Der Mörser

42 aber wurde, wie später auch ~U 9~, das Symbol deutscher Tüchtigkeit,

das Wahrzeichen der militärischen Energie Deutschlands. Die

Überlegenheit dieses Riesenmörsers erkannten auch die Neutralen restlos

an. Es bildete sich Legende über Legende über den großen Brummer; die

Hauptsache war, daß das Geschütz, wie ein Militärschriftsteller

bemerkte, einige Armeen wert ist. Die Bezeichnung „#Fleißige# Berta“

sollte wohl den Gegensatz zur „#Faulen# Grete“ bringen, ein Name, der

zuerst für Geschütze auftauchte, mit denen die Hohenzollernfürsten die

aufsässigen Quitzows bekämpften.

[Abbildung: ~Abb. 35. Joh. Braakensiek: Der Zauberer Mars.~

~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~]

In Form eines Märchens hat Hans Natonek die Wirkung des „Großen

Brummers“ besungen:

„In den letzten Julitagen war es, da klang es wie fernes

Trompetengeschmetter durch die Luft. Und näher kam der Ton, immer

näher, schwoll ungeheuer an, es war das Rasseln von tausend

Kanonenrädern, der Tritt von Millionen und das Säbelklirren einer

Welt, die zum Kampf aufzog. Die schlummernden Riesen erwachten. Im

Dunkel der Nacht, von undurchdringlichem Geheimnis umhüllt, wurden sie

verladen. Plötzlich -- niemand wußte wie -- standen sie vor einer

mächtigen Feste mit Panzertürmen und Mauern aus Stahl und Beton.

Lüttich. Wie Tiere, die man aus langer Gefangenschaft entlassen hat,

nach Beute gierig, spähten die ungeheuren Schlünde in die Ferne. Dann

brüllten sie auf, daß der Luftraum zusammenzukrachen schien, ein

Feuerball, wie ein Komet mit blutrotem Schweif, sauste durch die Luft,

die Panzertürme barsten, und die Mauern aus Stahl und Beton waren

überhaupt nicht mehr da... Was sind die blutigen Kometen, die in

sagenhaften Zeiten den Krieg verkündeten, gegen die brennenden Gase

des Geschosses, das die Luft durchsaust! Die 42-Zentimeter-Granate war

der Kriegskomet des Jahres 1914! Nun staunt die Welt. Die Sage spinnt

geheimnisvolle Fama um den Riesenmörser, von dem man weiß, daß er da

ist, unbestimmt ahnt, was er zu wirken vermag, um den es aber noch

immer so märchenhaft dunkel ist, wie zuvor, als man noch gar nicht

wußte, daß es so etwas in Wirklichkeit gibt.“

[Abbildung: ~Abb. 36. Nirsoli: Der Gleichmacher.~

~Italienische Karikatur auf den deutschen 42 cm-Mörser.~

~(Il Numero, Rom.)~]

[Abbildung: ~Abb. 37.~

~M. Froehlich: Als Verlobte empfehlen sich der Onkel aus Friedrichshafen

und die Tante aus Essen.~

~(Staats-Zeitung, New York.)~]

[Abbildung: ~Abb. 38. George van Raemdonck: Die fleißige Berta.~

~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~]

Der „Große Brummer“ oder „Dicke Berta“ hielten nun auch bald ihren

Einzug in die Witzblätter; jeder Künstler stellte sie in seiner Art dar,

und es ist reizvoll, eine Reihe solcher Darbietungen miteinander zu

vergleichen. Das Material würde ausreichend sein für eine Monographie

„Der große Brummer in der Karikatur“. #M. Claus# zeichnete ihn als

fleißige, strickende korpulente Dame unter Innehaltung der Geschoßform

(Abb. 44); #Walter Trier# als Nachtmahr des Zaren, auf dessen Bett er

mit offenem Schlunde hockt, während gleichzeitig Zeppeline den

Betthimmel umkreisen (ein Blatt, das besser ist als die meist recht

rohen und humorlosen Zeichnungen dieses Künstlers); #Peter Pfeffer#

stellte ihn einem Franzosen, der das Maul aufreißt, gegenüber („Na, nun

wollen wir doch mal sehen, wer das letzte Wort behält!“); #Gustav

Brandt# läßt ihn selbst den unverletzlichen indischen Fakir

zerschmettern (Abb. 39); #Thomas Theodor Heine# zeigt das englische

Gegenstück „Lord Kitcheners neuen Faktor“ (Abb. 40); #W. A. Wellner#

zeichnet die „Dicke Berta“ im Wochenbett bei einem „Freudentag im Hause

Krupp“, es hat gerade wieder ein Kind von ihr das Licht der Welt

erblickt. Ein neu gegründetes Witzblatt, der „Brummer“, ein Ableger der

„Lustigen Blätter“, führt seinen Namen nach dem Geschütz. Die

Volkstümlichkeit des Riesenmörsers spiegelt sich auch in dem

scherzhaften Briefe eines Frankfurter Konfektionärs aus dem Felde an die

„Frankfurter Zeitung“ wider:

„Modelle zeigen diesmal wir Deutsche den Franzosen, und zwar hat ein

bekanntes Haus in Essen zahlreiche ~piècen~ mit 42 Zentimeter

Taillenweite herausgebracht, die, wo sie auch erscheinen, Staunen des

Fachmanns und Verwunderung des Laien erregen. Die tonangebende Farbe

für diese Saison ist feldgrau, sie hat die Versuche französischen

Ursprungs, Rot und Blau zur Geltung zu bringen, überall siegreich aus

dem Felde geschlagen. Die französischen Cutaways scheinen auch nicht

die Sympathie ihrer Träger gefunden zu haben, denn sie wurden

zahlreich vorzeitig abgelegt, da sie beim Laufen sehr hinderlich sind.

Großen Vorrat haben wir in ~points~. Es gibt zwei Sorten: ~points

tirés à la main~ und ~à la machine~. Letztere sind allerdings bei

unseren Kunden sehr unbeliebt, da sie ~nolens volens~ sehr große

Quantitäten in kürzester Zeit abnehmen müssen. Der Absatz von diesen

Artikeln ist sehr hoch, da große englische Häuser extra auf den

Kontinent gekommen sind, um noch davon abbekommen zu können. Der

französische Markt scheint auch noch große Quantitäten davon aufnehmen

zu wollen; wir sind aber genügend vorgesehen, um ihn vollständig zu

befriedigen.“

[Abbildung:

Dem Fakir bei Altenglands Truppe

Ist jeder Kugelregen Schnuppe.

Auch gegen Waffen, welche länglich,

Ist er immun und unempfänglich!

Und selbst wenn die Granate platzt,

Der Fakir vor Vergnügen schmatzt.

Erst bei dem 42-#Brummer#

Hört man ein schmerzliches Gewummer!

Bei #diesem# Mörser, großkalibrig,

Bleibt selbst vom #Fakir nichts mehr übrig!#

~Abb. 39. Gust. Brandt: Der unverletzbare Fakir.~

~(Kladderadatsch, Berlin.)~]

[Abbildung: ~Abb. 40. Th. Th. Heine: Lord Kitcheners „furchtbarer neuer

Faktor“.~

~(Simplicissimus, München.)~]

[Abbildung: ~Abb. 41. P. de Jong: Der Unwiderstehliche.~

~(Antwerpen veroverd door den onweerstaanbare.)~

~Holländ. Karikatur.~]

Die Karikatur im Weltkriege · 第 2 / 6 段