~„Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,

Anmerkungen zur Transkription

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#Text# Gesperrter Text

~Text~ Antiqua (Der Rest des Originaltextes wurde in Fraktur

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Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende dieses Textes.

Die Karikatur

im Weltkriege

Mit Genehmigung des Polizeiamtes der Stadt Leipzig

Abteilung für Presse-Angelegenheiten

Die

Karikatur im Weltkriege

von

Ernst Schulz-Besser

Mit 115 Abbildungen

[Abbildung]

Verlag von E. A Seemann / Leipzig

Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig

[Abbildung: ~Abb. 1. Johan Braakensiek: Hoheit dürfen nicht ohne Gefolge

reisen!~

~Holländische Karikatur, unmittelbar nach Ausbruch des Krieges

erschienen.~]

Wenn irgend etwas, so spiegelt die Karikatur die Empfindungen der

verschiedenen Völker, ihre Zuneigungen oder Abneigungen, die ganze

Stufenleiter ihrer Gefühle wider. Es ist eine alte Wahrheit, daß die

Kultur oder oft besser gesagt -- die Unkultur nirgends packender zum

Ausdruck kommt als im Spottbilde. An der Hand der Karikaturen können wir

nicht nur die Stimmung in den feindlichen Ländern verfolgen, sondern

auch die schwankenden Anschauungen in „Neutralien“ kennen lernen, wo

Freunde und Feinde der Zentralmächte vereinigt leben. So kommt es, daß

sich auch in der Karikatur das Drama „Weltkrieg“ abspielt, das alle ohne

Ausnahme in Mitleidenschaft gezogen hat und jedes Land zu irgendeiner

Rolle zwingt. Denn immer geringer werden die bloßen Zuschauer. Die

bedeutenderen Zeichner aller Völker greifen tätig in die gewaltigste

Bewegung ein, die je eine Zeit erfüllt hat.

Schon der letzte große Krieg, den das Deutsche Reich schlagen mußte, der

von 1870/71, hatte eine Fülle von Karikaturen im Gefolge. Namentlich das

besiegte Frankreich stellte eine große Masse von Spottbildern her, die

sich mehr durch Schamlosigkeit und Roheit, als durch künstlerische Werte

auszeichneten. Der damals schon 60 Jahre alte Honoré Daumier war mit

immer noch recht beachtenswerten Leistungen vertreten. Es ergibt sich

eine schier unübersehbare Menge von vielen Zehntausenden von Karikaturen

über Personen und Dinge des deutsch-französischen Krieges. Zwar vermögen

uns -- mit wenigen Ausnahmen -- diese satirischen Kleinkünste (auch die

deutschen) ästhetisch ebensowenig zu befriedigen wie die deutschen

Schlachtengemälde des siebziger Krieges, doch als geschichtliche und

kulturgeschichtliche Dokumente sind sie uns wert, als Erinnerung an eine

große Zeit. Heute hat es der Künstler der Gegenwart, der mit ins Feld

hinauszieht, um Studien zu machen, bedeutend schwerer als seine Kollegen

von 1870. Erstens haben sich unsere Kunstanschauungen gewandelt und zwar

gründlich, dann aber sieht sich jetzt der Zeichner bei der modernen

Gefechtsweise vor eine ungleich schwierigere Aufgabe gestellt als seine

Vorgänger von damals, wenn er dem Erleben sinnlichen Ausdruck geben

will.

Eine sehr umfangreiche Sammlung von Karikaturen aus der Zeit des

siebziger Krieges besitzt die Berliner Königliche Bibliothek, die auch

diesmal neben anderen Instituten und zahlreichen Privaten die

Veröffentlichungen über den Weltkrieg eifrig sammelt. Durchaus nicht

alles, was erscheint, ist literarisch und künstlerisch bedeutsam, aber

echte Sammler heben diese Dinge auf, auch das Kleinste und

Unscheinbarste, als vergängliche Zeugnisse einer ungeheuer großen Zeit,

mit der ein neuer Abschnitt der Weltgeschichte beginnt.

[Abbildung: ~Abb. 2. Nicholas Haz: Die Armee der Zivilisation.~

~(The Fatherland, New York.)~]

Wie verhältnismäßig leicht hatten es die Sammlungen und Sammler der

siebziger Jahre -- trotz der Fülle des Erschienenen -- gegen die unserer

Tage! Zwar in Frankreich ist unter dem Druck der gewaltigen Ereignisse

der Born der Satire zunächst nur langsam geflossen, die Künstler des

Humors und Witzes hatten das Lachen verlernt, oder es war zur Grimasse

geworden. Aber die andern Länder, vor allem Deutschland, wetzten diese

Scharte überreichlich aus. Gerade weil es niemand, auch den öffentlichen

Sammlungen nicht, gelingen wird, eine auch nur annähernde

Vollständigkeit zu erreichen, bietet sich dem einzelnen hier ein

fruchtbares Feld. Aber es heißt, rasch zugreifen. Schon sind manche

Einblattdrucke und Gelegenheitszeitungen außerordentlich selten.

[Abbildung: ~Abb. 3. Japanische Karikatur aus Tokio. (Stellungskrieg

Winter 1914.)~

~„Auf dem europäischen Kriegsschauplatze ist jetzt nicht viel Tätigkeit

zu bemerken, kein Wunder: beide Teile sind eingefroren. Sie scheinen der

aufgehenden Sonne (Japan) zum Auftauen zu benötigen.“~]

Ein trefflicher Maßstab für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines

Landes ist seine Fachpresse; ihr Fortbestehen während der Kriegszeit

kennzeichnet am besten die Widerstandskraft eines Reiches. In Frankreich

haben viele wissenschaftliche Zeitschriften ihr Erscheinen im Sommer

1914 eingestellt und fehlen zum Teil noch heute. Die großen

Tageszeitungen kommen auch jetzt noch in sehr verringertem Umfange

heraus, während in England und in Deutschland fast die gesamte Presse

ohne Unterbrechungen und Kürzungen erscheint und außerdem eine große

Reihe neuer fortlaufender Veröffentlichungen entstanden ist. Auch das

ist ein Zeichen deutscher Kraft und Überlegenheit. Ja, es ist der Fülle

des Guten bei uns etwas reichlich viel geworden! Schon im November 1914

klagten die Buchhändler darüber, daß jeder Verleger sich verpflichtet

fühle, eine Kriegsgeschichte herauszugeben, und daß es ihnen unmöglich

sei, allen Wünschen um Verwendung für diesen reichen Segen nachkommen zu

können. Waren doch schon in den ersten Wochen mehrere Dutzend

Kriegs-Chroniken in Lieferungen angezeigt worden!

Selbst in den ernstesten Zeiten ist Witz und Satire nicht zu bannen;

auch während dieses fürchterlichen Völkerringens lassen sich heitere

Augenblicksbilder nicht ausschalten. Und schließlich, halten wir uns

doch immer vor Augen: wirklicher Humor ist nur bei sittlich reifen und

wahrhaft ernsten Menschen zu finden. Es wäre ja auch schlimm bestellt,

wenn den vielen Millionen, deren Nerven jetzt aufs äußerste in Anspruch

genommen werden, der Sinn für den Scherz verloren ginge! Die Karikatur

ist eben eine Großmacht. Ein gut gezeichnetes Blatt prägt sich dem

Gedächtnis weit stärker ein als der schönste Leitartikel, und manche

Blätter können sogar erzieherisch wirken! Aber der Humor leistet noch

mehr: er hilft den Kampf gewinnen. „Ich habe hier draußen die Erfahrung

gemacht“, schreibt der Tübinger Nationalökonom Professor Robert

Wilbrandt als Ortskommandant von La Roche bei Longwy an den

„Kladderadatsch“, „wie wohltuend der Humor aus der Heimat uns ist,

gerade jetzt in diesem einzigen Kampf, wo er jubelnd erklingt, wo er so

ganz andere Objekte und so viel Grund hat zum Lachen. Für mich und

meinen Zug habe ich durch Bestellung gesorgt; das zirkuliert dann noch

weiter. Aber was bedeutet das gegenüber dem Bedürfnis; an der Front ist

es gewiß noch viel stärker als hier beim friedlichen Landsturm. Eine

nationale Mission ist zu erfüllen. Der Humor schlägt Schlachten. Im

feuchten Schützenloch hilft er mit. Witzblätter an die Front! Das ist

meine Bitte an Herausgeber, Stifter, Vereine, Liebesgabenspender. Möge

Ihr Blatt diese Bitte beherzigen, unterstützen und verbreiten!“

Dem „Kladderadatsch“, der in den annähernd siebenzig Jahren seines

Bestehens immer und fast ausschließlich die politische Satire pflegte

und über einen ausgezeichneten Stab von Mitarbeitern, vor allem auch

unter seinen Zeichnern, verfügt, war es nicht schwer, der begeisterten

Erhebung der Deutschen Ausdruck in Wort und Bild zu verleihen. Von

#Gustav Brandt#, dem Schüler der Düsseldorfer und Berliner Akademie,

rührt seit Jahrzehnten das künstlerisch Feinste und Wichtigste her, das

der „Kladderadatsch“ gebracht hat. Weltbekannt sind seine Porträts

berühmter Zeitgenossen, denen er jetzt unter anderm das Bildnis des

eigentlichen Urhebers des ganzen Krieges hinzugefügt hat (Abb. 4). „Wie

dem Kothurnschritt der alten Tragödie das leichte Satyrspiel folgte, so

hat der Ernst der Geschichte, so hat der Ernst des Lebens immer den

Humor und den Witz zur Seite gehabt, denn nur durch diese Begleitschaft

wird der Ernst des Lebens uns erträglich gemacht. Es ist dies die

idealere Seite unserer Witzblätter, wenn sie ihre Aufgabe richtig

verstehen,“ schrieb er beim Erscheinen der ersten Kriegsnummer. Aber

auch die andern deutschen Witzblätter, und selbst solche, die vorwiegend

die gesellschaftliche Satire behandeln, nahmen rasch eine Neuordnung

vor. Die Themen, die noch im Juli 1914 die Hauptsache bildeten,

versanken vor größeren Aufgaben. Die Klänge des ~Two-Steps~ übertönte

das Summen der 42er Brummer, und der Tango ging in den masurischen

Sümpfen mit unter.

Selbst deutsche Witzblätter, die sich sonst von der Politik vollständig

fernhielten, haben sich den veränderten Verhältnissen fügen müssen und

bringen nun auch Kriegswitze und Kriegskarikaturen. In den „Meggendorfer

Blättern“ finden sich recht hübsche Illustrationen von tüchtigen

Zeichnern. In den „Fliegenden Blättern“ ist ebenfalls der sonst den

Schwiegermüttern, zerstreuten Professoren, Dackeln und stehengebliebenen

Regenschirmen geweihte Raum teilweise mit netten, stubenreinen Witzen,

die sich in irgendeiner Weise mit dem Weltkrieg beschäftigen, angefüllt.

[Abbildung: ~Abb. 4. Gustav Brandt: „Eduard VIII.“ von England, der Mann

ohne Gewissen.~

~Karikatur auf den unmittelbaren Urheber des Krieges, den englischen

Minister des Auswärtigen Edward Grey. (Kladderadatsch.)~]

Und dabei sind die besten Scherze die ungewollten. Man denkt da an jene

alte Frau, die auf die Frage, wie es ihrem Sohn ginge, glückselig

antwortete: „Ja, zuerst hat er es sehr schwer gehabt, da hatte er wenig

Ruhe, aber jetzt kann er in einemfort schlafen.“ Sie hatte die Worte „in

einem Fort“ mißverstanden. -- Als das (falsche) Gerücht am Anfang des

Krieges verbreitet war, die Franzosen hätten durch Spione im Elsaß die

Brunnen durch Cholerabazillen vergiften lassen, erzählte es ein biederer

Sachse seinem Freunde auf der elektrischen Bahn. Er sprach aber immer

nur von „Cholera-Pillen“, die die Franzosen ins Wasser geworfen hätten

(da war es natürlich kein Wunder, daß die #Abführung# so rasch

erfolgte!).

Außerordentlich groß war der Absatz, den die führenden deutschen

Witzblätter fanden. Der „Kladderadatsch“ mußte einzelne Nummern

#siebenmal# neu drucken lassen, „Lustige Blätter“, „Ulk“, „Jugend“ und

„Der wahre Jakob“ konnten ihre Gesamtauflagen wesentlich erhöhen.

#Solche# Zeitschriften wirken aufklärend im Auslande, denn der vom

Feinde irregeführte Neutrale wird sich sagen, wer so zu lachen vermag,

der kann nicht, wie man mir einreden will, geschlagen am Boden liegen.

Auch der neu entstandene „Brummer“ hatte großen Erfolg. Und die

verwöhntere Ansprüche befriedigenden Nummern der „Kriegszeit“ aus dem

Verlage von Paul Cassirer in Berlin, in denen Führer der deutschen

Griffelkunst wie Max Liebermann und August Gaul dem Geiste der Zeit

künstlerischen Ausdruck gaben, fanden weit über den Kreis der

eigentlichen Graphiksammler hinaus zahlreiche Freunde. Ganz erstaunlich

aber war der Umsatz in Postkarten; ein einziger Berliner Verlag

verkaufte von Ansichtskarten mit Karikaturen in einer Woche dreiviertel

Millionen!

[Abbildung: ~Abb. 5. Ricardo Marin: Der Geist Hamlets.~

~„Sein oder Nichtsein ist die Frage“.~

~(Nuevo Mundo, Madrid.)~]

Der Weltkrieg hat mit vielem Morschen und Kranken aufgeräumt und

reinigend gewirkt, er hat aber auch einen massenweisen Auftrieb von

allerhand Schund zur Folge gehabt, der stets von neuem zeigt, wie

gering das Verständnis für ein so gewaltiges Ereignis noch immer in

manchen Köpfen ist. Was allein auf kunstgewerblichem Gebiete, wenn man

den Ausdruck kunstgewerblich für diese Machwerke überhaupt anwenden

kann, an Greueln geschaffen worden ist, spottet jeder Beschreibung. Es

genügt hier, flüchtig an die 42 ~cm~-Mörser-Schirmständer, an

schwarz-weiß-rote Kinderbälle mit der Aufschrift „Ich kenne keine

Parteien mehr“, an die Krawatten mit „Gott strafe England“, an die

Granatsplitter als Vorstecknadeln und die Hindenburg-Schnupftücher zu

erinnern (die ja auch in das Gebiet der Karikatur fallen, wenn auch in

das der unfreiwilligen), um sich all diesen Unrat ins Gedächtnis zu

rufen. Das Kgl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart vereinigt in

seiner Sammlung der Geschmacksverirrungen die Erzeugnisse jenes

After-Kunstgewerbes, das, auf den Ungeschmack der Menge rechnend, den

Patriotismus durch Massenerzeugung allerlei kriegsaktueller Attrappen

und Surrogatscherze ausbeutet. Leider haben ja auch, wie die letzte

Leipziger Messe zeigte, selbst altehrwürdige und unabhängige

Porzellanmanufakturen sich von der Mode hinreißen lassen und dem

Geschmack der breiten Masse Rechnung getragen. Hier zeigt sich, daß der

Krieg das ästhetische Gefühl oft sehr ungünstig beeinflußt. Auch vor den

Millionen von Kriegsgedichten packt weite Kreise allmählich ein

wachsender Überdruß. Man hat es schließlich satt, noch weiter

akademischen Stilübungen offizieller und inoffizieller Dichter zu

lauschen. Reime wie Rote Hosen und Franzosen, Serben und Sterben,

Brummer und Kummer, Japs und Klaps sind in Mißkredit gekommen, sodaß man

sie kaum noch beachtet. Selbst der Reim French auf Mensch, für den es

bisher keinen gab, (schon Grabbe sagt: „Warum sind Mensch und Jungfrau

ungereimte Worte?“), hat allmählich an Wert verloren (die Dichter müßten

eigentlich French für sein Erscheinen auf den Knien danken). Auch Joffre

und Koffer ist nachgerade abgeschmackt geworden und es ist noch ein

Glück für den französischen General, daß er nicht Jaffre heißt. Und

was von den poetischen Gaben gesagt wird, trifft auch auf die

Karikaturen zu. Das Kriegsbild, und nicht zum wenigsten die

Kriegskarikatur, beherrscht die Stunde, aber es ist beileibe nicht immer

ein angenehmes Herrschertum.

[Abbildung: ~Abb. 6. P. van der Heem: Italiens Lage. Die Versuchung des

heiligen Antonius.~

~(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)~]

Der jetzige Krieg ist etwas so Gewaltiges, die militärischen Leistungen

auf deutscher Seite sind so über jedes Lob erhaben, daß sie in der

Dichtkunst ebensowenig wie in der bildenden Kunst jemals völlig

verarbeitet werden können. Was er uns bisher gebracht hat, ist weder

eine neue, noch eine besonders eigenartige Kunst. Eher darf man

behaupten, daß er durch viele Tausende von flachen und minderwertigen

Dingen kunstvernichtend gewirkt hat. Was von den „Mundbarbaren“ gilt,

trifft zu einem großen Teile auch auf die „Barbaren des Griffels“ zu. Da

sind beispielsweise die sehr unerfreulichen Schützengrabenwitze und

-Illustrationen. Wollte man den Zeichnern glauben, so lebte es sich dort

wie in einer Laubenkolonie. Unwahrhaftigkeit ist es, was so viele Bilder

unverdaulich macht. Vielfach stört auch die allzu häufige Wiederholung

des gleichen Vorwurfs, das ständige Wiedererscheinen der gleichen Typen,

wie bei dem als Porträtmaler sonst geschätzten Ernst #Heilemann#. Hin

und wieder gelingt ihm aber auch ein originelles Blatt, wie die

internationale Völkerschau unserer Gefangenen, die in größerem Formate

und mit der Unterschrift ~„Quelques champions de la civilisation, de la

liberté et du progrès“~ in Belgien angeschlagen wird, damit die Belgier

ihre verbündeten Kulturträger: Neger, Hottentotten, Menschenfresser und

andere Gentlemen stets vor Augen haben. Diese farbige Zeichnung ist auch

als Postkarte mit französischem Texte vom deutschen Großen Hauptquartier

im Westen verschickt worden. Aber auch dieses Thema ist in witzigerer

Art in einer Karikatur behandelt worden, die ~„The Fatherland“~ brachte,

jenes in englischer Sprache in Nordamerika von Deutsch-Amerikanern

herausgegebene Blatt, das die deutschen Interessen in den Vereinigten

Staaten durch Aufklärung der englisch denkenden Amerikaner fördern hilft

(Abb. 2). Auch die Figuren von #Heinrich Zille# sehen immer gleich aus.

Diese französischen Weiber und Kinder scheinen ganz frisch aus Berlin

~O~ importiert zu sein, mit dem einzigen Unterschied, daß die ersteren

nicht, wie sonst bei Zille, den man den „Meister der schwangeren Frauen“

nennen könnte, fortgesetzt in anderen Umständen herumlaufen (womit er

wohl diskret den Geburtenrückgang in Frankreich andeuten will.)

[Abbildung: ~Abb. 7. A. Johnson: Maßregeln gegen die Deutschen in

England.~

~Koburger im Konzentrationslager. (Kladderadatsch.)~]

[Abbildung: ~Wir schlagen vor, die noch in Deutschland befindlichen

Japaner in den Zoologischen Gärten aufzubewahren.

Auf den Protest beleidigter Schimpansen kann keine Rücksicht genommen

werden!~

~Abb. 8. Olaf Gulbransson: Da gehören sie hin!~

~(Simplicissimus.)~]

Glücklicherweise gibt es aber auch in Deutschland Karikaturisten, die

sich mit den allerbesten anderer Länder messen können. An erster Stelle

steht wieder mit Leistungen, die auch künstlerisch voll befriedigen, der

„Simplicissimus“, und hier besonders der Skandinavier #Olaf

Gulbransson#, der ja seit langen Jahren ganz zu uns Deutschen gehört.

Neben seinem engeren Kollegen #Th. Th. Heine# und neben #G. Brandt# und

#A. Johnson# vom „Kladderadatsch“ marschiert er an der Spitze der

zeitgenössischen deutschen Karikaturenzeichner. Wollte man ihm gerecht

werden, so müßte man schlechtweg seine sämtlichen Arbeiten im

„Simplicissimus“ nennen, denn #gelungen# sind sie alle. Wie glänzend

weiß er seine Helden zu charakterisieren, ohne durch gewaltsame

Verzerrung Grotesken zu schaffen! In seiner Hand ist die Karikatur nicht

nur im etymologischen Sinne des Wortes „Übertreibung“, hier wird sie

zu einer großartigen politischen Satire. Man betrachte seine beiden

Zeichnungen gegen die Japaner (Abb. 8 u. 9). Ist hier nicht restlos die

Stimmung wiedergegeben, die alle Kreise unseres Landes gegen das Volk

erfaßte, das Kiautschou raubte? Auch andere Zeichner haben (es war ja

sehr billig) die Japse als Affen dargestellt, in allen Zeichnungen

traten sie als Vierhänder auf, aber niemandem ist das mit solch

raffinierter Beschränkung in den künstlerischen Mitteln gelungen wie

Gulbransson. Durch den Nachsatz „Auf den Protest beleidigter

Schimpansen kann keine Rücksicht genommen werden!“ erhält das Bild erst

die richtige Wucht: also noch #unter# die Affen werden die Japaner

gestellt! Wie köstlich ist der beleidigte Schimpanse! Der Künstler

drückt damit denselben Gedanken aus, den die „Jugend“ in die Worte

kleidete: „Die Japaner haben den Augenblick, da Deutschland mit vier

Staaten zugleich Krieg führt, dazu benutzt, ihm Kiautschou zu stehlen.

Damit sind sie vom Niveau anständiger Makaken auf die Stufe von

Engländern herabgesunken!“ Aber nicht bloß als Quadrumanen zeigt uns

Gulbransson die Japaner; er ist auch der einzige, der noch eine andere

Lösung fand, dem Haß gegen den englischen Helfershelfer bildlichen

Ausdruck zu geben: in der Zeichnung „Die Wacht in Kiautschou“, wo die

Mongolen den wie ein einsamer Fels stehenden deutschen Ritter als

unzählige Wellenköpfe umbranden, um schließlich, allein durch ihre

Masse, über ihn zu triumphieren. Reine Freude gewährt auch seine

„Alpenwacht“ in der Italiennummer, wo auf gelbem Hintergrunde sich der

deutsche Reichsaar und der österreichische Doppeladler mit kraftvollem

Schwarz massig und gewaltig abheben, während in der Ferne das

Diminutivum eines Italieners erscheint, nur aus einem großen Maule

bestehend: „Und der will uns etwas anhaben, der ist ja nur auf Singvögel

eingeschossen.“ Mit einfachen Mitteln ist hier eine große Wirkung

erreicht. Dieses Blatt ist durch die flächige Behandlung auch dekorativ

sehr wirkungsvoll. Ausgezeichnet sind ferner die Beiträge von #Ragnvald

Blix# im „Simplicissimus“. Neben dem Schweden Gulbransson ist dieser

Norweger eine der größten Begabungen, die in Deutschland arbeiten. Seine

reiche Phantasie weiß die Persönlichkeiten, die er sich vornimmt,

außerordentlich witzig zu charakterisieren. Hier braucht nur an seine

famose Karikatur „An der Ostfront“ erinnert zu werden: „Ganghofer ist da

-- der Sturm kann beginnen.“ Nur wenige wissen, daß Blix noch vor

einigen Jahren viel für französische Zeitungen, unter anderen auch für

~„Le Rire“~ und ~„Le Journal“~ gezeichnet hat. Er wurde bekannt durch

eine Serie Karikaturen auf klassische Gemälde, die zuerst als Sammlung

~„Le voile tombe“~ 1908 herauskam und auch deutsch im gleichen Jahre

unter dem Titel „Nach alten Meistern“ erschien.

[Abbildung: ~Abb. 9. Olaf Gulbransson: Deutsche Wacht in Kiautschou.~

~(Simplicissimus.)~]

[Abbildung: ~Abb. 10. Die Zentralmächte und Rußland.~

~Russische Karikatur aus d. Nowoje Wremja, St. Petersburg.~]

[Abbildung: ~Abb. 11. Die unparteiischen Kriegskorrespondenten.~

~Björn Björnson empfängt seine Instruktionen vom Reichskanzler Bethmann

Hollweg, Franz von Jessen von General Joffre.~

~(Klods-Hans, Kopenhagen.)~]

Bei der riesigen Fülle ist es schwer, den Weizen von der Spreu zu

sondern. Den Karikaturen des feindlichen Auslandes gegenüber muß dabei

mit großer Weitherzigkeit begegnet werden. Zeitgeschichtliche Dokumente

von bleibendem Wert sind auch scharfe und bissige Karikaturen des

Feindes, sofern sie nur geistreich sind; sie haben tausendmal mehr Wert,

als ein fader und süßlicher Kitsch, wenn er sich auch noch so

hurrapatriotisch gebärdet. Gerade wir Deutsche als Sieger dürfen im

Gefühl unserer überlegenen Kraft nicht zu empfindlich sein und müssen

Humor genug besitzen, auch in der schärfsten Karikatur des Auslandes

gegen uns den witzigen Gedanken und die künstlerische Qualität sehen zu

können! Wenn irgendwo, so soll hier der Satz gelten: ~„Tout comprendre

c’est tout pardonner.“~ Es wäre ein ganz falsch verstandener

Patriotismus, alle antideutschen Karikaturen des Auslandes in Bausch und

Bogen zu verurteilen. Bringen doch sogar die Franzosen, denen man gewiß

keine übermäßige Objektivität nachrühmen kann, in ihren Witzblättern

#regelmäßig# Reproduktionen deutscher Scherzbilder, die in schärfster

Weise französische Zustände geißeln. In einer der Nummern von ~„Le

Rire“~ vom Herbst 1915 erschien Gulbranssons englischer Löwe, den seine

Verbündeten um Hilfe anrufen: „Was wollt ihr, das ich alles leisten

soll! Habe ich nicht Dünkirchen und Calais besetzt?“ (Diese #deutsche#

Satire in einem #französischen# Blatte! Das läßt doch tief blicken!) Und

auch die Engländer haben gezeigt, daß sie Sinn für Humor besitzen, als

sie Lissauers „Haßgesang gegen England“ (vor dessen internationaler

Berühmtheit dem Autor jetzt selber graust) in einer, übrigens

meisterhaften englischen Übersetzung für gemischten Chor vertont

öffentlich im ~Royal College of Music~ zum Vortrag brachten; man denke:

Engländer den Haßgesang gegen das eigene Land! Der Dirigent Sir Walter

Parratt, der die Aufführung leitete, lobte in den Zeitungen den

Enthusiasmus, mit dem der Chor die Komposition vortrug und bedauerte

nur, daß er Lissauer kein Telegramm über den großen Erfolg senden

konnte. Der Haßgesang kommt ja bei uns in Deutschland allmählich aus der

Mode. Kurz nach seiner Entstehung wurde er als Lied eines bayrischen

Soldaten im bayrischen Heere verbreitet (darauf bezieht sich Abb. 12 aus

dem ~„Punch“~); jetzt warnt das bayrische Unterrichtsministerium vor der

Pflege des Hasses in den Schulen und wünscht die Ausmerzung des

Haßgesanges aus den Lesebüchern, in denen er Aufnahme gefunden hat. Ein

gerechter Krieg bedarf keinerlei Anstachelung durch Haßgesänge!

[Abbildung: ~Abb. 12. Geo. Morrow: Der Haßgesang.~

~(Punch, London, Dezember 1914.)~]

[Abbildung:

~„Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,

Sind ihre Kräfte nicht die meine?

Ich renne zu und bin ein rechter Mann,

Als hätt’ ich vierundzwanzig Beine!“~

~(„Faust“, 1.)~

~Abb. 13. Rudolf Herrmann: Englands Wahlspruch.~

~(Die Muskete, Wien.)~]

[Abbildung: ~BRAVO, BELGIUM!~

~Abb. 14. F. H. Townsend: Bravo, Belgien!~

~(Punch, London.)~]

[Abbildung: ~Abb. 15. F. H. Townsend: Beim Barbier.~

~Englische Karikatur auf die Angst vor den Deutschen. „Rasieren, mein

Herr?“ -- „Ja -- -- das heisst: nein! Lieber doch Haarschneiden!“

(Punch, London.)~]

Eine der unerfreulichsten Erscheinungen waren die sogenannten Ulkkarten.

Auf die französischen Gemeinheiten wird weiter unten eingegangen werden,

aber auch bei uns ist mancherlei Böses auf diesem Gebiete verbrochen

worden. Man hätte glauben dürfen, solche Ausbrüche als längst überwunden

betrachten zu können. Das waren keine Satiren auf die Feinde, das waren

vielmehr Karikaturen auf den Patriotismus selber! Traurig genug, daß

sich augenscheinlich doch genügend Abnehmer für diese auf die

niedrigsten Instinkte spekulierenden Machwerke sogenannter

„Auch-Verleger“ fanden, die Unsinn mit Witz und Phrasendrescherei mit

Patriotismus verwechselten. Natürlich fanden sie auch den Weg ins

Ausland und wurden hier als Witz der deutschen „Barbaren“ beschrieben

und -- abgebildet; so im „Matin“ vom 8. Oktober 1914 mit folgender

Anmerkung: ~Les Allemands n’ont pas beaucoup d’esprit naturel, chacun

sait cela; mais ils s’efforcent d’en avoir. En temps ordinaire ils n’y

réussissent guère; en ce moment, ils n’y réussissent pas. Leurs seuls

traits originaux sont des traits de cruauté. Ils ont fait néanmoins,

depuis deux mois, et même avant la déclaration de guerre, des débauches

de plaisanteries. Leurs cartes postales du mois de juin dernier sont

ruisselantes de gaieté -- d’une gaieté insolente, comme il convient, et

lourde, et grossière. Nous nous en sommes fait envoyer une collection et

nous allons en montrer quelques-unes aux lecteurs français, chaque fois

que nous aurons un peu de place pour étaler ces caractéristiques

laideurs.~ Diese Auslassungen sind in ihrer Verallgemeinerung natürlich

unzutreffend; aber das Recht auf eine scharfe Kritik solcher unwürdigen

Hurrastimmung darf man dem französischen Blatte nicht absprechen.

Glücklicherweise wandten sich Ministerien, Generalkommandos und auch

Künstlerverbände in Rundschreiben und Erlassen gegen diesen Unfug, auch

die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ machte dagegen mobil. Das

Leipziger Polizeiamt traf schon im Dezember 1914 die vernünftige

Anordnung, daß dem Verbote anheimfallen werden „Darstellungen auf

Postkarten oder Bilderbogen, die auf eine unwürdige Verkleinerung oder

Verunglimpfung unserer anerkannt tapferen Feinde, deren Herrscher und

Heerführer hinausliefen“. -- Wie traurig muß es aber im Hirn jener

Menschen aussehen, die solche unsinnige Karten auch noch an die Kämpfer

in die Front sandten. Unsere Truppen, die sich täglich mit den zähen und

doch auch für ihr Vaterland kämpfenden Engländern und Franzosen

herumschlagen müssen, haben denn auch glücklicherweise diese Art Kunst

nicht zu würdigen gewußt. Erst vom Schlachtfeld selber mußte die

Mahnung zur Einkehr kommen. Besser als jede Erörterung spricht der Brief

eines Kompagnieführers, der der „Kölnischen Zeitung“ zur Verfügung

gestellt wurde: „Ich habe bei der Verteilung der Postsachen an die

Mannschaften verschiedentlich beobachtet, wie sich darunter Karten

befanden, die die besiegten Franzosen, Engländer und Russen in

geschmackloser Weise verhöhnten. Der Eindruck ist ein höchst

bemerkenswerter. Fast keiner freute sich über die Karten, im Gegenteil

drückte jeder Mann sein Mißfallen darüber aus. Ich habe einen Mann

gesehen, dem die Tränen in die Augen traten. Wir sehen das unsägliche

Elend des Schlachtfeldes. Wir freuen uns zwar auch über die Siege, aber

unsere Freude ist gedämpft durch die Erinnerung an die traurigen Bilder,

die wir fast täglich vor Augen haben. Und unsere Gegner haben es

wahrlich zum weitaus größten Teile nicht verdient, daß man sie so

verspottet. Hätten sie sich nicht so tapfer geschlagen, so hätten wir

nicht solche Verluste zu verzeichnen. Ist daher schon an und für sich

eine solche Karte meines Erachtens äußerst geschmacklos, so wirkt sie

hier im Felde angesichts unserer Toten und Verwundeten geradezu

widerwärtig. Die paßt ins Feld wie ein Clown auf ein Leichenbegängnis.“

Glücklicherweise lehnte also die große Mehrheit diese zwar nicht

witzigen, dafür aber um so alberneren Produkte energisch ab. Man kann

diese „Zeichner“ am besten mit jenen patriotischen Maulhelden

vergleichen, die in jedem einen Vaterlandsverräter sehen, der nicht alle

Engländer und Franzosen für ausgemachte Schurken erklärt. Aber nicht nur

in den Karten, auch in manchen Witzblättern fand sich derartige

Afterkunst. Oder zeugt es wirklich von so fabelhaftem Geiste, nach der

Schlacht von Tannenberg immer und immer wieder den Russen zu zeichnen,

wie er im Sumpfe „ersauft“ und mit der Wodkaflasche um Hilfe ruft? (Den

„Künstlern“ sollte eigentlich bekannt sein, daß auch im russischen Heere

streng auf Abstinenz gehalten wird.) Hindenburgs überwältigend

großartige Leistung verliert auch dann kein Jota von ihrer Bedeutung,

wenn man sich über den Erstickungstod von Hunderttausenden #nicht#

lustig macht. -- Viel berechtigter waren die Witze und Bilder über

russische Unwissenheit und Bestechlichkeit. Solche hat uns in

klassischer Form bereits Victor Hehn in seinem Buche ~„De moribus

Ruthenorum“~ überliefert, wie die Geschichte von dem ehrlichen

Verwalter, der über das Verhältnis des männlichen Geschlechts zum

weiblichen in seinem Bezirk berichten sollte und der erwiderte, das

Verhältnis sei ein ganz angenehmes. Oder die Erzählung von dem Major,

der an der Wolga über die Anzahl der Singvögel in dem ihm untergebenen

Bezirk berichten sollte, und meldete, es seien deren 7500. Dies wunderte

die Kontrollstelle; man befragte ihn, wie er auf die Zahl gekommen sei.

Er antwortete treuherzig: „Ich dachte, kommt ein Revisor, so sage ich,

die fehlenden sind in die benachbarten Kreise geflogen oder die darüber

befindlichen sind aus dem Nachbarkreis herangeflogen.“ Oder die von dem

Polizeihauptmann, dem Instrumente geschickt wurden, um danach über alle

atmosphärischen Erscheinungen Beobachtungen anzustellen. Er beriet sich

mit seinem Schreiber, was das bedeute. Sie kamen überein, es handle sich

wohl um Fremdenpolizei. Die Instrumente wurden sorgfältig im Waffendepot

des Bezirks niedergelegt. Nach längerer Zeit wurde angefragt, warum

keine Berichte von ihm einliefen. Er antwortete, die Instrumente seien

angelangt und wohl aufgehoben, die Erscheinungen seien ausgeblieben und

von Atmosphäre habe er seit Jahren nichts bemerkt. --

[Abbildung:

~K is the Kaiser. (Let nobody fail

to notice Napoleon drawn to scale.)~

~K ist der Kaiser. (Hier sieht man es klar,

Wie klein gegen ihn doch Napoleon war.)~

]

[Abbildung:

~R’s for the Russians. I ask you to glance

At the swarms on the gangway, alighting in France~

~(R sind die Russen. Den Blick laßt verweilen

Auf den Schwärmen, die Frankreich zur Hilfe hier eilen.)~

~Z is a Zeppelin, right overhead --

Isn’t it a luck to have something for Z?~

~(Z ist Zeppelin in den Wolken droben --

Doch ein Wort für Z, darum muß man ihn loben.)~

~Abb. 16-18. Aus George Morrow: „An Alphabet of the War“.~

~(Punch Almanack for 1915.)~]

An der Geschmacklosigkeit der oben genannten Erzeugnisse ändert die

Tatsache nichts, daß auch das feindliche Ausland groben Schmähungen Raum

gab. In England richtete sich der Haß vornehmlich gegen den deutschen

Kaiser. Der Engländer sieht nicht oder will nicht sehen, daß #seine#

eigene Regierung die Hauptschuld an dem unsäglichen Elend trägt, das

dieser Krieg im Gefolge hat. („Wenn zwei sich streiten, freut sich der

Brite“); ihm gilt ~„The Kaiser“~ als der Urheber des Krieges. Wir können

uns hier auf das älteste und bedeutendste Londoner Witzblatt, den

~„Punch“~, beschränken; seine allwöchentlichen Kartons beschäftigen sich

fast durchweg mit Wilhelm ~II.~ Er ist immer der Herrscher von Gottes

Gnaden, mit dem aufgesträubten Schnurrbart; so verlangt ihn das

englische Publikum zu sehen, denn an diese Art der Darstellung hat es

sich nun einmal gewöhnt und läßt nicht davon ab.

[Abbildung: ~ENTERPRISE ON OUR EAST COAST.~

~THE ANTI-ZEPPELIN BATH-CHAIR.~

~Abb. 19. C. Harrison: Der patentierte Badestuhl.~

~Satire auf die Furcht der Engländer vor den Zeppelinen. (Punch,

London.)~]

Man findet in englischen Blättern kein Wort des Abscheus gegen die

Scheußlichkeiten, deren sich der farbige zoologische Garten, den England

in Europa mitkämpfen läßt, schuldig macht. Wenn aber eine verirrte

deutsche Kugel ein Schloß oder eine Kirche trifft, so entsteht ein

furchtbares Geheul über die „Barbaren“. Dabei stand in England die Wiege

der politischen Satire, von keinem Presseparagraphen oder Verbote

behelligt. Hier konnten Gillray und Hogarth ungehindert ihre Hiebe gegen

die Fehler des eigenen Landes austeilen: ihre Nachfolger von heute

ziehen es vor, darauf zu verzichten. #Raven Hill#, #Bernard Partridge#

und vor allem der bekannteste Zeichner des ~„Punch“~, #F. H. Townsend#,

zeigen den Kaiser als Verbreiter von Lügendepeschen an die Neutralen,

als Dachshund, der vor Amerika „schön macht“, als den Verführer der

Türkei. Auch gegen den Kronprinzen werden die kindlichsten Lügen

vorgebracht; eine Abbildung zeigt ihn französische Schlösser ausraubend

als Geldschrankknacker! (Ähnliche Darstellungen brachten die

französischen Spottbilder im siebziger Kriege auf Bismarck und die

preußische Landwehr.) Aber, wir wollen ehrlich sein: sind nicht auch in

unsern Blättern genügend solche Entgleisungen vorgekommen? Der Zar als

Mörder und Brandstifter, Frankreich als gemeine Dirne, der englische

König als ihr Zuhälter waren gar keine so seltenen Erscheinungen! Und

auch da hatte die „Norddeutsche Allgemeine“ recht, wenn sie schrieb:

„Dergleichen entspricht nicht der Würde der deutschen Nation. Wir müssen

eine Ehre darein setzen, dem Gegner nicht nur auf dem Schlachtfeld

überlegen zu sein, sondern auch in der Art, wie wir den Krieg mit

geistigen Waffen führen. Den Feind, mit dem wir auf dem Felde der Ehre

die Klinge kreuzen, durch niedrige Schmähbilder und Schimpfreden

anzugreifen, ist nicht vornehm und setzt die Ehre der Nation herab, die

sich solcher Mittel bedient. Überlassen wir das denen, die es nötig

haben, den englischen Mob, die Pariser Apachen und die russischen

Muschiks bei guter Laune zu erhalten. Unser deutsches Volk bedarf zur

Belebung seines kriegerischen Schwunges solcher giftigen Medikamente

nicht. Es trägt die Kraft, den Feind zu besiegen, in sich selbst. Darum

fort mit diesen Schmähbildern und Karten aus unseren Witzblättern und

Schaufenstern!“

Es war der bekannte Bibliograph der zeitgenössischen Karikatur, der

deutschfreundlich gesinnte Grand-Carteret, der bereits vor zehn Jahren

den heutigen Krieg und die politische Konstellation der dabei

beteiligten Völker genau vorausgesehen hat. In seinem Buche über Eduard

~VII.~ ~„L’Oncle de l’Europe“~ (deutsch bei A. Hofmann & Co. in Berlin)

schreibt der geistvolle Franzose in einem Kapitel „Das Persönliche in

der Karikatur, Onkel und Neffe“ die folgenden prophetischen Worte

nieder, auf die jetzt zuerst die „Frankfurter Zeitung“ wieder aufmerksam

machte und die gleichzeitig auch die wahren Gründe des Krieges treffen:

„Zeigt sich Wilhelm ~II.~ in diesem Ringen als der Vorkämpfer der

immer größer werdenden Expansionskraft Deutschlands auf dem Gebiete

der Industrie und des Handels, die gebieterisch für ihre reichen

Erzeugnisse neue Absatzgebiete auf dem Weltmarkt fordern, so sehen wir

im Gegensatz hierzu Eduard als den Verteidiger uralter Privilegien der

englischen Nation, die bisher als größte Handelsmacht der Welt

unbestritten die Hegemonie über den Erdkreis besaß und sich nun

plötzlich einem Rivalen gegenübersieht, dessen Emporkommen sie nie und

nimmermehr glaubte fürchten zu brauchen. Und dieser Kampf zwischen den

beiden großen Mächten wird die Welt einst zu der Frage drängen: „Wird

Europa englisch oder deutsch sein?“ Selbstverständlich handelt es sich

dabei nicht um territoriale Eroberungen von deutscher oder englischer

Seite, sondern um das moralische und tatsächliche Übergewicht, das

sich durch seinen Einfluß, seine Sprache, seinen Handel, seine starke

Lebenskraft äußert und das mehr oder weniger die anderen Nationen

vielleicht einmal dazu zwingen wird, in gewissem Sinne Tributstaaten

der einen oder anderen dieser Mächte zu werden, deren Ausdehnung schon

so bedeutend ist und immer größer wird! Also: Eduard oder Wilhelm! Der

Onkel oder der Neffe! Der erste stützt sich auf Frankreich, der andere

hat in Österreich seinen treuesten Verbündeten gefunden. Und wer weiß,

ob sich nicht dereinst im entscheidenden Moment die asiatischen Völker

in die europäischen Angelegenheiten mischen werden, die Völker, die

man gestern noch verächtlich Barbaren nannte, weil sie keine Christen

sind? Wenn sich der Onkel in diesem Spiel -- soll man ihn nun den

guten oder bösen Onkel nennen? -- gezwungen sähe, die #japanischen#

Trümpfe auszuspielen, so würde sein Neffe sicher bei seinen getreuen

Alliierten, den #Türken#, Hilfe finden. Die Karikatur mit ihrem oft

prophetischen Blick hat sich dieses Problems bemächtigt und wird zu

seiner Lösung beitragen, denn die Karikatur in ihren politischen

Darbietungen spricht die Sprache der Völker, in ihr widerspiegeln sich

die Anschauungen und Meinungen der Volksmassen, und diese sind es doch

schließlich, die das Schicksal der Nationen entscheiden.“

So schrieb vor Jahren Grand-Carteret, und jetzt ist die Saat, die Eduard

~VII.~ gesät hat, aufgegangen.

In den englischen Kartons gegen Wilhelm ~II.~ steckt kein wirklicher

Humor, kein attisches Salz. Der sehr fruchtbare Zeichner Townsend muß

den im Frühjahr 1914 im Alter von 94 Jahren verstorbenen John Tenniel

ersetzen, der ein halbes Jahrhundert lang für den ~„Punch“~ etwa

dreitausend Blätter geschaffen hat und dessen Zeichnung ~Dropping the

Pilot~ (Bismarck verläßt das Reichsschiff, nachdem er es durch alle

Fährnisse gesteuert hat) auch in Deutschland wohlbekannt ist. Dabei mag

daran erinnert werden, daß die Engländer auch in den deutschen

Einigungskriegen von 1864-1871 stets auf Seiten unserer Gegner gestanden

haben. In der ~„Fine Art Society“~ waren im Herbst 1914 solche

Zeichnungen im Original ausgestellt. Die Spottblätter des ~„Punch“~

gegen Wilhelm ~I.~ reden eine deutliche Sprache. Der ~„Punch“~ hat jetzt

eine Serie davon unter dem Titel ~„Punch and the Prussian Bully“~

veröffentlicht als Kampfmittel gegen den „preußischen Militarismus“

(~Bully~ bedeutet hier soviel wie Eisenfresser). Schon damals wurde der

Deutsche als täppischer Bauer dargestellt mit Schirmmütze, Pfeife im

Mund, Brille auf der roten Nase und Holzpantoffeln oder schweren

Stiefeln. Und die Kenntnis der Engländer von deutschem Wesen scheint

sich seither nicht beträchtlich erweitert zu haben: auch jetzt gelten

dieselben Dinge noch als Attribute, um den „Teutonen“ zu

charakterisieren; nur die Knackwurst ist hinzugetreten. Typisch für

diese Art der Darstellung ist das im August 1914 erschienene Blatt von

Townsend ~„Bravo, Belgium!“~, das in England rasch volkstümlich wurde

(Abb. 14). -- Die unvermeidliche Wurst erscheint neben den Maßkrügen auf

jedem Bilde, wo Deutsche vereinigt sind, wie zum Beispiel in einer

Zeichnung „Bei Bethmann“ mit Karikaturen auf den Kaiser, den

Kronprinzen, den Reichskanzler und die bekanntesten Generale; auch da

liegt die Wurst auf dem Flügel, auf dem der Thronfolger den „Tag“ spielt

(nicht die Scherlsche Zeitung, sondern den angeblichen Trinkspruch

deutscher Seeleute gegen England ~„The Day“~!)

[Abbildung: ~„No one can be stout with more charm than a German“~

~Abb. 20. George Morrow: „Niemand trägt seine Dicke mit mehr Grazie als

ein Deutscher“.~

~Aus „In Gentlest Germany“, der Parodie auf Sven Hedin’s Buch.~]

[Abbildung: ~Abb. 21. E. Nunes: Wie Frankreich seine Kirchen schützt.~

~(Meggendorfer Blätter. München.)~]

Wesentlich harmloser sind die Karikaturen, mit denen sich die Engländer

selber verspotten; diese Selbstironisierung hat wenigstens etwas

Versöhnendes an sich. #Harrisons# „Badestuhl“ (Abb. 19) ist ein Scherz

auf die Zeppelinfurcht, #Townsends# Szene im Barbierladen ein solcher

auf die Angst vor den überall eingedrungenen Deutschen (Abb. 15).

Besonders die Spionenfurcht trieb in London derartige Blüten, daß auch

englische Zeitungen darüber zu spotten begannen. ~„Evening Standard“~

veröffentlichte folgenden Dialog: „Was machen Sie hier? Sie wollen doch

sicherlich spionieren!“ fragt ein Schutzmann ein verdächtiges

Individuum. -- „Nein, ich wollte nur einbrechen!“ -- „Dann

#entschuldigen# Sie bitte!“ -- -- Und nachdem man in England erkannte,

daß der Krieg doch kein „Gänsemarsch mit Militärmusik“ ist, wie man

anfangs dachte, spotteten sogar die „Times“ über die Erfolge der

Verbündeten. Auch #George Morrows# Geschichte von dem Kubisten ist gut,

der seine bis dato unverkäuflichen Bilder „Tulpenstilleben“,

„Damenporträt“ und „Frühlingssang“ nun als „Zerstörung von Löwen“,

„Ruinen der Reimser Kathedrale“ und „Die Hunnen“ spielend absetzt. Viel

des Interessanten enthält der ~„Punch-Almanack“~ auf 1915. In Anlehnung

an die jedem englischen Kinde geläufigen ~„Mother Goose’s Nursery

Rhymes“~ mit ihrem ganz eigenartigen Rhythmus, der das Einprägen dieser

Verse so spielend leicht macht, werden die politischen Ereignisse

vorgeführt. Da ist eine Serie ~„When William comes to London“~. Dann

erhalten die englischen Parlamentarier, die nicht bedingungslos für den

Krieg stimmten, besondere Auszeichnungen: Ramsay das Eiserne Kreuz,

Hardie als Keir von Hardie den Nobelpreis (erstaunt blickt auf diesem

Bilde der kaiserliche Dackel die ihm ganz ungewohnte zerknüllte Hose des

Arbeiterführers an). Hardie hatte seinen Landsleuten vorgeworfen, sie

hätten eine Lügenfabrik errichtet, von der auf Bestellung deutsche

Greueltaten geliefert würden. Auch das politische Alphabet fehlt nicht

(Abb. 16, 17, 18); R eine Verspottung der Russen, die nicht in

Frankreich landen konnten. Und eine Nachdichtung auf das berühmte ~„Mary

had a little lamb“~ ist da, nur heißt sie ~„Willie had a little Wolff“~

(das offizielle Telegraphenbureau). Dieser ~„Punch-Almanack“~ hält sich

von allem ausgesprochen Rohen frei; er wird als ein amüsantes

zeitgeschichtliches Dokument (das natürlich von Engländern und für

Engländer verfaßt ist) auch in späteren Zeiten oft genannt werden.

#Einen# Geschäftszweig hat der Krieg in England sicher beeinträchtigt:

das ist der Verlagsbuchhandel. Die Tatsache, daß der sonst wöchentlich

erscheinende ~„Bookseller“~ nur noch monatlich herauskommt und das

monatliche ~„Book Monthly“~ in eine Vierteljahrsschrift verwandelt

wurde, ist ein deutlicher Beweis für das Gesagte, das übrigens von den

Blättern selber zugegeben wird, die die Geschäftstätigkeit im englischen

Buchhandel als wesentlich eingeschränkt bezeichnen.

Unter den neuen Veröffentlichungen in England nehmen die satirischen,

mit Karikaturen illustrierten Schriften über den Krieg eine

hervorragende Stelle ein. Die Bändchen sind sehr verschiedenartig, sie

reichen vom gemeinsten, blödesten Machwerk bis zur witzigen Parodie. Zu

den ersteren gehören neben einem scheußlichen Karikaturenwerk von Dyson,

von dem es auch eine Luxusausgabe für mehrere Pfund gibt, gemeine

Pamphlete gegen den Kaiser. Diesen Erzeugnissen liegen immer bekannte

Vorbilder zugrunde. Die größte Verbreitung fand eine Nachahmung des

Struwwelpeter ~„Swollen Headed William“~, von der drei starke Auflagen

in Zeit von einer Woche verkauft wurden (jetzt vergriffen). Auch hier

also die Anlehnung an ein berühmtes Original. (Abb. 24.)

[Abbildung: ~Abb. 22. Albert Hahn: Der Baustil des 20. Jahrhunderts.~

~Karikatur auf den Mißbrauch der Reimser Kathedrale. (De Notenkraker.)~]

~The Allies’ Alphabet~ von #Fay# und #Morrow# ist eines jener, besonders

in England zahlreichen Alphabet-Bücher, wie wir sie ähnlich,

beispielsweise in den Busch’schen Bilderbogen, besitzen, die ja auch

zahlreich parodiert wurden („der Affe sehr possierlich ist“). Die, auch

durch Verwendung von viel Rot, stark blutrünstigen Bilder bewegen sich

teilweise im Stile der gehässigen Karikaturen des Holländers Raemaekers

und der französischen Boulevardpostkarten. Erheiternd wirkt es heute,

wenn wir ein Bild sehen, auf dem ein riesenhafter Russe die Deutschen

von der Erde vertreibt:

~R stands for Russia: she’s proving her worth

By telling the Germans to get off the earth~

(R steht für Rußland, es zeigt seinen Wert

Durch Befehl an die Deutschen, zu verlassen die Erd’)

Oder, wenn wir einen Omnibus mit der Aufschrift ~„To Berlin“~ voller

jubelnder Tommies erblicken:

~O is an omnibus, full out and in:

It carries you free, and it’s labelled ‚Berlin‘~

(O ist ein Omnibus, voll draußen und drin,

Die Fahrt, die ist frei, das Ziel heißt „Berlin“.)

Bisweilen sollen die Verse auch Wortspiele bringen:

~P is the part little Willie would play:

He thinks it’s a Bona-part. What do you say?~

(P ist der Part, den klein Willie erkor;

Er glaubt, ’s ist ein Bona-part. Wie kommt es #euch# vor?)

~Wicked Willie~ von #Margaret A. Rawlins# mit Illustrationen von #Gwen

Forwood# und #Florence Holmes# geht nicht nur unter der Marke einer

Jugendschrift, sondern ist wirklich ein Buch für Kinder und hält sich

daher auch von allem fern, was für Kinderaugen nicht bestimmt ist. Der

Verfasserin schwebte das 1871 erschienene ~„Dame Europa’s School“~ vor,

an das sie sich nach dem Grundsatze ~Imitation is the sincerest

flattery~ anlehnt; auch die ~„Dame Europa“~ war eine Geschichte des

deutsch-französischen Krieges für englische Kinder (das sehr selten

gewordene Buch ist übrigens jetzt nach 44 Jahren neu aufgelegt worden).

Der ~Wicked Willie~ soll den Weltkrieg (selbstverständlich vom

englischen Standpunkte aus) den Kleinen verständlich machen; die

Nationen treten hier als Kinder (~Wicked Willie~, ~Poor Joseph~,

~Fezzie~ [Türkei], ~Little Albert~, ~Little Helvetia~ usw.) handelnd

auf. „Einst war“, so beginnt der hübsch gedruckte Quartband, „Tante

Europas Schule nicht größer als andere Schulen auch; die meisten Kinder

waren unwissende, gutmütige kleine Dinger, sie standen herum, die Finger

im Munde, und gehorchten den Anordnungen der wenigen, die größer und

klüger waren. Natürlich konnten sie, wie das bei Kindern nun mal so ist,

nicht immer friedlich miteinander spielen ..., aber erst, als die Schule

immer ausgedehnter und bedeutender wurde, da begann der große Streit,

der jetzt noch anhält ...“ -- Für Erwachsene bestimmt sind trotz des

Titels die ~Nursery Rhymes for Fighting Times~ von #Elphinstone Thorpe#,

illustriert von #Stevens#. An der Hand altberühmter englischer Reime,

wie sie Mütter und Erzieherinnen den Kindern vorsagen, werden hier die

politischen Ereignisse satirisch behandelt:

~Old Kaiser Hubbard attacked a French cupboard,

To collar a Paris bone:

At Mons and Cambrai, British troops barred the way,

And so the poor dog had none.~

(Kaiser Hubbard, alt und krank

Stürmt einen welschen Speiseschrank,

Einen Pariser Knochen zu erhaschen.

Bei Mons und Cambrai

Hindern ihn Briten, o weh,

Und so kann der arme Dackel nicht naschen.)

Die Karikatur im Weltkriege · 第 1 / 6 段