Abb. 519. Kabylenknabe im Alter der Beschneidung.]

Um die +Liebe+ des anderen Geschlechtes zu gewinnen, gibt es

eine Unmenge +Zaubermittel+. Durch solche Hilfsmittel kann man

auch Uneinigkeiten zwischen Verliebten stiften, wenn man ihre

bevorstehende Hochzeit nicht gern sieht. Zu diesem Zwecke nimmt man

Wasser, mit dem ein Toter gewaschen wurde, und schüttet es über das

betreffende Mädchen. Daraufhin entstehen zwischen dem verlobten

Paare Streitigkeiten, die eine Auflösung seines Verhältnisses zur

wahrscheinlichen Folge haben. Glaubt eine Frau in Marokko, daß die

Zuneigung ihres Gatten im Abnehmen begriffen sei, so läßt sie sich

Honig von der Stirn bis zum Kinn über das Gesicht herablaufen und

fängt ihn unten mit einem Löffel auf. Darauf sticht sie sich mittels

eines Feigenblattes in die Zunge, mischt das daraus hervorquellende

Blut mit sieben Salzkörnern und mengt es unter den Honig; weiter

läßt sie Blut in den Löffel tropfen, das von der Stelle zwischen den

Augenbrauen stammt, und fügt darauf noch weitere sieben Salzkörnchen

hinzu. Das Ganze vermischt sie mit so viel Erde von ihren Fußspuren,

wie erforderlich ist, um drei Silbermünzen zu bedecken, und tut alles

zusammen in das Essen ihres Mannes, worauf bei diesem die im Erkalten

begriffene Liebe wieder entfacht werden soll.

Da der +Wunsch nach Kindern+ unter den Mohammedanerinnen ein recht

reger ist und auf der anderen Seite die Frau, die ihrem Gatten keine

solchen schenkt, der allgemeinen Verachtung preisgegeben ist, auch

schwer einen zweiten Mann bekommen kann, so greift sie in ihrer Angst

nach allerhand Amuletten und Zaubersprüchen, die ihr zur Erreichung

ihres Zieles behilflich sein sollen. Wir haben diese verschiedenen

magischen Zeichen und Gegenstände bereits kennen gelernt; für besonders

wirksam werden solche Formeln, Zeichen und Figuren gehalten, wenn

sie mit einem Myrtenzweig und einer Tinte aus Safran und Rosenwasser

auf Gazellenhaut aufgetragen und dann in einem stählernen Behälter

aufbewahrt werden. Auch werden von unfruchtbaren Frauen Pilgerfahrten

nach heiligen Orten oder Schreinen unternommen, wo sie vielfach an

einem besonderen Baum Zeugfetzen aufhängen.

Wenn eine +schwangere Kabylin+ eine schwere Geburt bereits

durchgemacht hat und eine solche von neuem befürchtet, trägt sie

zur Erleichterung ihrer Niederkunft in den Falten ihres Haiks eine

Mischung von Öl und Eichelasche mit sich herum oder bindet sich auf

einen ihrer Oberschenkel einen Feuerstein auf; ebenso trägt sie wohl

an ihrem rechten Oberschenkel ihren eigenen Haarkamm mit dem darauf

geschriebenen Wunsche einer leichten Geburt.

Die +Geburt+ eines Kindes wird auch in Nordafrika von den einheimischen

Stämmen mit großer Freude und lautem Lärm begrüßt, besonders aber,

wenn ein Sohn angekommen ist. Die Geburtshelferin meldet dies bei den

Kabylen mit einem lauten „Yu, yu“ an, worauf sich alle Männer des

Dorfes versammeln und Freudenschüsse abgeben. Die Großeltern beschenken

das Neugeborene, festlich angetan, mit mancherlei Gaben und wünschen

ihm Glück, und mit Stolz befestigt man auf der Stirn der Wöchnerin das

Thabazimth, ein rundes, broschenähnliches Schmuckstück, zum Zeichen,

daß sie der Familie einen Erben und dem Dorfe einen Verteidiger

gegeben hat. Der glückliche Vater zahlt der Gemeinde eine Abgabe,

oft verdoppelt er sie aus eigenem Antrieb. Um den bösen Blick oder

die Dschinns zu bannen, werden Mutter und Kind mit Salz bestreut. Am

siebenten Tage nach der Geburt pflegen sich die Bekannten einzufinden

und das Kind zu beschenken. Dabei findet für gewöhnlich eine religiöse

Festlichkeit statt.

Sind die Mädchen etwa sieben Jahre alt geworden, dann +färbt+ man

ihnen die +Hände mit Hennah+, fettet ihnen das Haar ein und flicht es

fest zu einem Zopf; von da an gelten sie für Jungfrauen und müssen an

der Öffentlichkeit auch den Schleier tragen. Die Knaben (Abb. 519)

werden zu ungefähr der gleichen Zeit, bald etwas früher, bald später,

+beschnitten+. Auch hierbei werden Festlichkeiten abgehalten.

[Illustration:

Mit Genehmigung von Richard Bong in Berlin.

Arabischer Schleiertanz.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 251 / 254 题