Sehr kostbar pflegt die +Kleidung der Jüdinnen+ zu sein. Ihre
Hauptstücke bestehen aus Samt und Seide; sie sind in der
verschwenderischsten Weise mit echtem Gold besetzt. Dazu kommen die
sonstigen Schmucksachen, Ketten, Ringe, Spangen und so weiter, die in
ihrer Kostbarkeit oft bis zu zweitausend Mark Wert vorstellen sollen.
Der junge Ehemann schenkt seiner Neuvermählten an kostbaren Gewändern,
Schmucksachen und anderen wertvollen Dingen, soviel nur in seinen
Kräften steht. In Tunis tragen die Jüdinnen, die sich rühmen, von den
ursprünglichen Ansiedlern abzustammen, die bereits zu Salomos Zeiten
herüberkamen, eine ganz eigenartige, schwer vergoldete spitze Kappe,
über die sie noch einen seidenen Schal ziehen.
[Illustration:
Phot. Mary Tremearne.
Abb. 517. Eine über die Haustür gemalte Hand als Schutz gegen den bösen
Blick.]
Wenngleich der Araber behauptet, daß er sein ganzes Vertrauen auf
Allah setze (Abb. 514), so lebt er dennoch in ständiger Furcht, daß
irgendein böser Geist, von ihm Dschinn genannt (Abb. 518), seinen
Untergang beschlossen oder irgendein Mitmensch ihm mit dem bösen Blick
etwas angetan habe. Um dies zu verhüten, bedeckt er sich mit allerlei
+Talismanen+, die in frommen Sprüchen aus dem Koran, magischen Zeichen
oder Figuren bestehen, oder mit verschiedenen Zaubermitteln in Gestalt
eines Fisches, einer Menschenhand, eines Schwertes, Schlüssels,
Halbmondes und anderer ähnlicher Dinge. Ja noch mehr, nicht nur seine
eigene Person sucht er dadurch zu schützen, sondern auch sein Eigentum;
er hängt zu diesem Zweck ein Hufeisen über seine Tür und bemalt seine
Hausgegenstände und Tiere mit den angeführten Figuren, beziehungsweise
hängt sie ihnen um. Ein sehr beliebtes Zeichen ist hierfür die
menschliche Hand (Abb. 517), die in schwarzer oder roter Farbe über
fast jeder Türe prangt, auf die Haut der Haustiere gestrichen oder
mit Blut auf die Instrumente, die bei gewissen religiösen Handlungen
Verwendung finden, gemalt, wie auch von den Schönen des Landes in
Silber um den Hals getragen wird. An vielen Gebäuden ferner füllt
man die Mauerritzen mit Papier aus, auf dem Koransprüche geschrieben
stehen, mischt solche Papierstückchen auch wohl unter den Mörtel, mit
dem die Häuser aufgeführt werden.
[Illustration:
Phot. A. J. N. Tremearne.
Abb. 518. Eine Borizeremonie.
Einer der Tänzer hält sich für besessen von dem Bori oder Dschinn
Mai-Aska, der als Barbier der Geisterstadt gilt. Er schickt sich an,
die anderen zu rasieren.]
Da die Araber Nordafrikas so tief im +Aberglauben+ stecken, nimmt es
nicht wunder, wenn man hört, daß +Wahrsager+ und +Kristallschauer+ sehr
gesucht von ihnen sind. Gewahrsagt wird aus Mustern, die auf Sandhaufen
gezeichnet werden, durch Zählen von Bohnen oder durch Schriftzeichen;
auch das Weissagen aus den Eingeweiden der Opfertiere und andere
derartige Verfahren sind noch gebräuchlich. Christen und Juden sind für
den Araber Fremde, daher schreibt er ihnen auch böse Kräfte zu. Bekommt
er am Morgen den einen oder den anderen als erste Person, die ihm
begegnet, zu Gesicht, so legt er dieses Zusammentreffen als eine üble
Vorbedeutung aus. Auch die schwarze Farbe gilt für eine solche; daher
begegnet ein Araber ungern einem Neger, selbst einem solchen seines
Glaubens, und noch weniger gern Amseln. Dagegen ist Weiß die Farbe
der Freude und der guten Vorbedeutung; ein junges Mädchen, das Milch
austrägt, gilt für ein erfreuliches Vorzeichen.
Um Regen herbeizuführen, der bei der unter den nordafrikanischen
Himmelstrichen herrschenden Trockenheit meistens sehr erwünscht ist,
werden ebenfalls allerlei geheimnisvolle Maßnahmen getroffen. Eine der
interessantesten ist der Ghonja. Ist eine große Dürre eingetreten,
dann kleidet man eine Wasserkelle wie eine Puppe (Ghonja) an und führt
sie im Zuge durch die Straßen; die alten Weiber und die Kinder singen
dabei: „Ghonja hat sein Haupt entblößt. Gib ihm zu trinken! O Herr, gib
uns Regen!“ oder so ähnlich. Die Puppe und die mit ihr Hantierenden
werden zuletzt mit Wasser begossen.
[Illustration:
Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.