Vor dem Gebet werden die Sandalen abgelegt.]

Nordafrika.

Als Nordafrika bezeichnen wir die französischen Provinzen

beziehungsweise Schutzstaaten Marokko, Algerien und Tunis, sowie die

italienische Provinz Tripolis. Ursprünglich wurden diese Gebiete wohl

von Menschen bevölkert, die mit der Urbevölkerung der europäischen

Mittelmeerländer gleicher Abstammung waren, anscheinend auch eine

ganz nahe Verwandtschaft mit den Urhamiten besessen haben müssen.

Ihre heutigen Nachkommen sind die +Berber+ Marokkos und die +Kabylen+

Algeriens. Zu ihnen gesellten sich bereits in der Vorzeit von Europa

her, über damals wahrscheinlich zahlreicher vorhanden gewesene

Inselbrücken, nordeuropäische (urgermanische) Völker hinzu, die jener

Urbevölkerung vielfach ihren Typus aufprägten, denn anders lassen sich

die zahlreichen blonden oder wenigstens hellfarbigen und helläugigen

Elemente unter den Berbern -- Tissot behauptet, daß solche unter

der heutigen Bevölkerung Marokkos etwa zu einem Drittel, unter den

Riffberbern sogar bis zu zwei Dritteln angetroffen werden -- nicht

erklären. Um die Mitte des elften Jahrhunderts erfolgte von Osten her

die Einwanderung von +Arabern+, also von semitischen Elementen, die

sich zu Herren des Landes aufwarfen und es bis heute geblieben sind.

Sie wohnen meistens in den Städten und größeren Ortschaften, während

die Berber mehr auf dem Lande angesiedelt sind.

Die +Berber+ sind schlanke, aber kräftig entwickelte Gestalten (Abb.

502 und 503) von einer Körpergröße, die über das Mittelmaß hinausgeht.

Ihr Schädel ist vorwiegend lang, desgleichen ihr Gesicht lang und

schmal, die Nase gerade oder gebogen (siehe die Kunstbeilage und Abb.

501). Sehr auffallend ist, wie schon gesagt, das Vorkommen hellfarbiger

Elemente unter ihnen, die sonst dunkles Haar, ebensolche Augen und

tiefbrünetten Teint ausweisen. Sie (und ebenso die Kabylen) sind

kriegerisch veranlagte Leute (siehe die farbige Kunstbeilage sowie

Abb. 504 und 505), die sowohl unter sich wie auch besonders mit der

Regierung des Sultans in beständiger Fehde leben; die meisten von

ihnen leben unabhängig, andere wiederum zahlen eine Abgabe, aber

gewöhnlich nur auf kräftiges Drängen des Sultans. Trotz dieser ihrer

Liebe zum Rauben und Plündern ist der Charakter der Berber von größerer

Offenheit und Geradheit als der der Araber; im besonderen rühmt man

ihnen große Gastfreundschaft nach. Infolge des jahrhundertelangen

Zusammenlebens mit den Arabern sind die Berber vielfache Mischungen

mit ihnen eingegangen, zumal beide Teile Anhänger des Islams sind,

die Religion also keinen Hinderungsgrund dafür abgibt. Vollblutaraber

gibt es also heutigestags wohl nur wenige, am meisten noch in den

Zeltdörfern in einzelnen ebenen Teilen des Landes, sowie jenseits des

Atlasgebirges in den breiten, meistens ausgetrockneten Flußtälern am

Nordrande der Wüste, wo sie ein Nomadenleben (Abb. 506 und 509) führen

oder auch etwas Ackerbau treiben. Je weiter nach Osten zu, um so

zahlreicher werden die arabischen Elemente gegenüber den berberischen.

Die nordafrikanischen +Araber+ -- in Tunis und Algerien Mauren genannt

-- verleugnen ihre semitische Abstammung nicht. Sie sind etwas kleiner

als die Berber, auch schlanker gebaut als diese. Das ovale Gesicht ist

von hellerer Hautfarbe, die Nase gebogen. Auch in der Charakteranlage

erinnert der Araber sehr an seine semitische Abstammung.

[Illustration:

Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 247 / 254 题