Ein drittes Volkselement in Nordafrika bilden die +Juden+. Sie
sind für das Land sehr wichtig, da in ihren Händen nicht nur der
gesamte Handel, sondern auch die Industrie ruht. Die meisten von
ihnen stammen von portugiesischen und spanischen Flüchtlingen ab,
die Ende des sechzehnten Jahrhunderts und auch noch später infolge
der Judenverfolgungen einwanderten, und weisen daher den vornehmen
Typus der sogenannten Spaniolen, nicht den zumeist häßlichen der
nordeuropäischen Juden auf. Durch +besondere Schönheit+ zeichnen sich
die marokkanischen Jüdinnen aus, zumal in ihren Mädchenjahren. Leider
wird dieser Liebreiz schon frühzeitig durch das gewohnheitsmäßige
Nudeln sehr beeinträchtigt, eine Unsitte, die sie mit den Araberinnen
wie überhaupt mit allen Orientalinnen teilen. Denn Wohlbeleibtheit
(Abb. 507) gilt im Orient allgemein als Ideal weiblicher Schönheit.
Besonders in der Zeit zwischen Verlobung und Vermählung stopfen sich
die jungen Jüdinnen Marokkos, um recht dick zu werden, täglich mit
vierzig bis sechzig zigarrenförmigen Nudeln aus Weizenmehl, dazu mit
Süßigkeiten; die in Tunis mästen sich mit dem Fleisch junger Hunde und
mit Fettlebern, bis die gewünschte Körperfülle erreicht ist.
Schließlich wollen wir nicht vergessen, die zahlreichen +Mischlinge+ zu
erwähnen, die aus einer Kreuzung nicht nur der Araber mit den Berbern,
sondern auch zwischen diesen und den im Laufe der Zeiten eingewanderten
zahlreichen Römern, Vandalen, Spaniern, Italienern und anderen Völkern
der Mittelmeerländer hervorgegangen sind. Auch Neger haben hieran
teilgenommen, die noch ihren Geisterkultus treiben (Abb. 508 und 516).
[Illustration:
Phot. A. J. R. Tremcarne.
Abb. 516. Geisterkultus bei den Negern Nordafrikas.
Das Bild zeigt ein von einem Buschgeist oder Dschinn (Joguwa)
besessenes Weib.]
Die +Kleidung+ der nordafrikanischen Eingeborenen ist im allgemeinen
die in den islamitischen Ländern übliche. Bei den einfacheren Stämmen
des Sahararandes beschränkt sie sich auf ein umgebundenes Fell; wer
sich aber mehr leisten kann, legt sich eine Tobe, ein weites, bis
an die Knie reichendes Hemd, zu. Darüber wird meistens noch ein
Umschlagetuch aus Baumwolle, zur kälteren Jahreszeit oder auf Reisen
aus Wolle, der sogenannte Burnus, von den Männern getragen. Als
Kopfbedeckung kommen der Fes oder bei reicheren Leuten der Turban und
als Fußbekleidung gelbe Lederpantoffel hinzu. Die jüngeren Männer
nehmen heutzutage mehr und mehr europäische Kleidung an. Das Haar
wird meistens kurzgeschnitten getragen, die Riffberber lassen sich
den Kopf scheren und nur auf der rechten Seite des Hinterkopfes ein
Büschel stehen, das sie in kleine Zöpfchen flechten. Frauen und
Mädchen (Abb. 511) pflegen weite Beinkleider aus farbigem Stoff, ein
weißes Musselinhemd und eine farbige, meistens mit Gold, Silber und
Seide kunstvoll bestickte Jacke anzulegen und über den Hüften einen
silbernen Gürtel zu tragen. Auf dem Kopfe haben sie eine bestickte
Mütze, an den Füßen Sandalen aus feinem Marokkinleder. Bei den ärmeren
Stämmen beschränkt sich die Gewandung auf zwei Stücke groben, für
gewöhnlich blaugefärbten Stoffes. Stets aber wird großes Gewicht auf
recht viele Ketten aus Silber und Münzen im Haar und um den Hals, sowie
auf nicht minder zahlreiche Ringe und Spangen um Hand- und Fußgelenke
gelegt; reichere Frauen vervollständigen ihren +Schmuck+ durch Perlen,
Diamanten und andere Edelsteine (siehe die Kunstbeilage und Abb.
512). Ein altes Überbleibsel aus der Vorzeit sind die Fibeln oder
Gewandnadeln (ganz noch in der ursprünglichen einfachen Form gehalten)
zum Zusammenstecken der Kleidungstücke (Abb. 513). Natürlich geht
die Mohammedanerin auch hier außerhalb ihres Hauses stets verschleiert;
ärmere Weiber begnügen sich damit, durch Vorziehen ihres Gewandes das
Gesicht zu verhüllen. Bei Ausgängen hüllen sich die Frauen in ein
großes wollenes Tuch, den Haik, das über den Kopf geht und bis auf die
Augen herabreicht, von der linken Hand über der Brust zusammengehalten
und mit der rechten bis über die Nase hochgehoben wird. In solcher
Umhüllung gleichen sie lebendig gewordenen Wäschebündeln von manchmal
nicht ganz einwandfreier Beschaffenheit. Die Kabylenfrauen (Abb. 510
und 515) halten sich hinsichtlich der Verschleierung nicht so streng an
die Vorschrift des Islams.
[Illustration:
Phot. Lehnert & Landrock.