Sowie der Tod eingetreten ist, muß die +Leiche+ mit dem Gesicht nach
Mekka zu gelagert und noch am selben oder spätestens am nächsten
Tage beerdigt werden. Inzwischen klagen und schreien die Frauen des
Hauses unaufhörlich. Die Leiche wird in eine Art Sack gehüllt und
auf einer Bahre zum Grabe getragen; vorauf gehen Männer, die das
Glaubensbekenntnis „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist
sein größter Prophet“ und im Anschluß daran „Die Gnade Gottes sei mit
ihm und Friede“ singen. Hinter der Bahre, die von Freunden getragen
wird, gehen die Frauen in Haufen und stimmen ein gleichsam heulendes
Begräbnisgeschrei an; sie schlagen sich dabei auf die Brust, bewerfen
sich den Kopf mit Staub und zerraufen sich das Haar. Zunächst kommt
die Leiche noch in die Moschee, wo der Imam sie einsegnet, dann wird
sie auf den Friedhof getragen, wo die letzten Förmlichkeiten vollzogen
werden. In der ersten Nacht nach dem Begräbnis, der „Nacht der
Einsamkeit“ -- so genannt, weil in ihr die Seele des Verstorbenen, noch
mit dem Leibe verbunden, für sich allein auf dem Friedhof zurückbleibt,
um erst am andern Tage entweder nach dem Ort der Seligen oder nach
dem Gefängnis der Verdammnis zu wandern -- kommen die Freunde und
Bekannten der Leidtragenden in deren Hause zusammen, um ihnen ihr
Beileid auszusprechen und bei Kaffee und Tabak sich zu unterhalten,
während jene entweder sich dabei beteiligen oder sich in einem Winkel
des Hauses ihrem Schmerz überlassen. Zu gleicher Zeit finden sich zwei
bis drei Schulmeister ein, die zuerst eine einfache Mahlzeit einnehmen
und dann das siebenundsechzigste Kapitel des Korans herbeten, auch
unaufhörlich den Namen „Allah“ ausrufen, um Gott zu zwingen, sich der
armen Seele des Heimgegangenen zu erbarmen. -- An den nächstfolgenden
Tagen setzt sich das eintönige Klagen der Weiber fort und wiederholt
sich sogar noch jahrelang an bestimmten Tagen.
[Illustration:
Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.