Von einer +Werbung+ des jungen Mannes um seine Frau ist in Ägypten
nicht viel die Rede. Entweder seine Mutter bringt die Heirat zustande
oder ein Vermittler von Beruf. Der Jüngling bekommt seine Auserwählte
vorher niemals zu Gesicht (siehe die farbige Kunstbeilage), außer
wenn es sich um gewöhnliche Fellachen handelt, die täglich zusammen
arbeiten. Man vermählt sich sehr jung, Kinderhochzeiten aber sind
unbekannt. Ist die Heirat ausgemachte Sache, dann findet sich der
älteste männliche Verwandte der Braut ein, um die Brautsumme ins reine
zu bringen. Nach Zahlung des festgesetzten Betrages wird der Ehevertrag
unterschrieben oder, da er nicht immer schriftlich aufgesetzt wird,
vor Zeugen wenigstens anerkannt, und zwar im Hause der Braut. Bei
den Muselmanen setzen sich der männliche Vertreter der Braut und der
Bräutigam auf die Erde und reichen sich die Hände, über die ein Fikih
ein Taschentuch ausbreitet; dabei spricht er die vorgeschriebenen
Verlöbnisworte, die ihm die beiden Männer nachsprechen. Darauf findet
ein Fest statt. Während der nächsten acht bis zehn Tage sendet der
Bräutigam der Braut täglich Geschenke; diese schickt ihm dafür die
Möbel, die sie in die Ehe mitbringt, ins Haus. Der Bräutigam bewirtet
jeden Abend Gäste bei sich. Die Braut sucht jetzt das öffentliche
Bad auf; sie geht dabei unter einem Baldachin (Abb. 499), den ihre
männlichen Verwandten tragen, und wird von Weibern begleitet, die
schrille, zitternde Freudenlaute ausstoßen. Bei ihrer letztmaligen
Anwesenheit im elterlichen Heim bewirtet sie Freunde und Verwandte und
sammelt Geldbeträge von ihnen ein in einem Klumpen Hennah, in den die
Eingeladenen Münzen stecken. Dieser letzte Abend, bei dem die Gäste
außerdem noch durch bezahlte Sänger unterhalten werden, heißt deshalb
Hennahabend. Am nächsten Abend zieht die Braut in feierlichem Zuge
in das Haus des Bräutigams ein; die Straße, in der es liegt, hat man
mit Lampions sowie mit roten und grünen Fähnchen geschmückt. In den
Städten pflegt die Braut zu Fuß zu gehen oder auf einem Esel unter
einem Baldachin zu reiten, auf dem Lande aber sitzt die Fellachenbraut,
besonders wenn sie einer wohlhabenden Familie entstammt, auf einem
stattlichen Kamel und hat einen prunkvollen, zeltähnlichen Baldachin
über sich, der gewöhnlich von zwei sich kreuzenden Palmenzweigen
getragen wird. Oft reiten auch noch zwei oder drei ihrer Freundinnen
mit auf dem Tier. Selten wird eine Kamelsänfte benutzt. Hinter der
Braut reiten Musikanten mit Pauken, ebenfalls auf Kamelen, und das
ganze Dorf begleitet den Zug. Vor ihrem neuen Heim steigt die Braut
ab, wird aber, ehe sie eintritt, noch in ein besonderes Zelt geführt,
in dem sie mit ihren weiblichen Verwandten zu Abend speist. Inzwischen
begibt sich der Bräutigam, von Fackelträgern und Musikanten begleitet,
zur Moschee, um zu beten. Vor seiner Rückkehr hat die Braut ihr
neues Heim bereits betreten, wo sie der Bräutigam zum ersten Male
von Angesicht zu Angesicht sieht. Flößt sie ihm sogleich Abscheu
ein, dann kann er sich auf der Stelle wieder von ihr losmachen; er
braucht nur die Formel der dreifachen Scheidung auszusprechen. Für
gewöhnlich geht er aber nicht gleich so weit, sondern wartet einen
geeigneteren Zeitpunkt ab. Der Koran gewährt nämlich dem Manne die
weitgehendste Freiheit bei der Scheidung. -- Von der Erlaubnis, sich
vier Frauen und als Konkubinen Sklavinnen zu halten, ist man neuerdings
sehr abgekommen; die meisten Muselmanen geben sich mit einer Frau
zufrieden. Die Kopten kennen ihrer Religion entsprechend natürlich
nur die Einehe. Ihre Hochzeitsfeierlichkeiten ähneln denen in anderen
christlichen Ländern. In der Kirche findet eine Trauung statt, bei der
der Braut eine Krone aufgesetzt wird. Man hält sodann eine Messe ab,
und allen Teilnehmern wird das Abendmahl gereicht.
[Illustration:
Nach einem Gemälde von H. Seppings Wright.