Ein seltsamer Brauch, der wahrscheinlich auf ein hohes Alter
zurückblickt, wurde bis vor kurzem alljährlich in Kairo geübt, das
„+Durchschneiden des Khalîg+“. Der Khalîg war ein Kanal, der vordem
durch die Stadt führte, jetzt aber zugeschüttet und in eine Straße
umgewandelt worden ist. Zur Zeit des Tiefwasserstandes des Nils wurde
der Eingang dieses Kanals durch einen Deich abgedämmt, der dann, wenn
der Nil anstieg, jedes Jahr feierlich durchbrochen wurde, um die Fluten
des Stromes in ihn hineinzulassen. Dabei wurde ein kleines Schiff,
das mit kleinen Geschützen ausgerüstet und an seinen Masten und Rahen
mit bunten Wimpeln geschmückt war, in feierlichem Zuge unter lautem
Tamtamschlag und Geschützdonner zum Kanaleingang geschleppt und hierauf
der Deichdurchstich mit großer Festlichkeit vorgenommen.
[Illustration:
Phot. H. S. W. Edwardes.
Abb. 505. Ein Reitersmann der Tuareg auf der Reise vor der Stadt Blida.
Ein Reisender läßt sich niemals unverschleiert sehen. Das Pferd ist mit
Amuletten behängt.]
Eine bei allen Festlichkeiten stets wiederkehrende Erscheinung sind
+Kampfspiele+ mit kurzen schweren Stöcken oder mit einschneidigen
Schwertern, in deren Handhabung die Ägypter sehr gewandt sind. Diese
Spiele werden nach ganz bestimmten Regeln gehandhabt, um zu verhindern,
daß sie etwa in einen richtigen Kampf ausarten. Die Dorfbewohner bilden
einen Ring, und zwei von ihnen nehmen in der Mitte mit gekreuzten
Beinen auf der Erde Platz. In dieser Stellung fangen sie mit Stöcken
ihr Gefecht an, zugleich müssen sie sich bemühen, sich allmählich
auf die Füße zu stellen, ohne mit den Händen nachzuhelfen. Das Spiel
wird nach und nach immer schneller und wilder, harte Schläge dürfen
aber nicht ausgeteilt werden. Wird der Kopf des Gegners getroffen,
so gilt dieser für besiegt, und ein neuer Kämpe tritt aus dem Kreis
hervor, um sich mit dem Sieger zu messen. Waffentänze kommen nur bei
den Wüstenstämmen Oberägyptens vor. Die geschilderten Spiele werden
meistens in der Nähe einer Moschee, am Grabe eines Heiligen oder an
irgendeiner geweihten Stätte abgehalten, die oft durch einen heiligen
Stein oder Baum gekennzeichnet ist. An einem solchen heiligen Platze in
der Nähe von El Kab in Oberägypten lassen die Gläubigen winzige Teile
ihrer Speise oder ihrer Gewänder als Opfergabe in Tonkisten zurück.
[Illustration:
Phot. Em. Frechon, Biskra.
Abb. 506. Algerische Frauen auf der Reise.
Auf jeder Seite des Kamelrückens sitzt eine Frau in einem käfigartigen
Gestell, das ziemlich unbequem und heiß ist.]
Ägypten ist von jeher das Land der +Tänzerinnen+ gewesen. Die
berühmtesten von ihnen gehören einem besonderen Stamme an und heißen
Ghawazu. Sie führen ihre Tänze unter Begleitung eines zither- oder
violinenähnlichen Musikinstruments sowie einer Rohrpfeife auf und
begleiten sich daneben noch selbst mit Kastagnetten. Diese Tänze
bestehen in schreitenden und drehenden Bewegungen und vor allem in
einem Zittern der Muskeln der leicht verschleierten Hüftgegend, in
dessen Ausführung die Ghawazu eine unbegreifliche Geschmeidigkeit
und Fertigkeit bekunden, und arten öfters in ein ziemlich laszives
Schauspiel aus, das die männlichen Zuschauer sinnlich erregen soll,
wozu noch feuriger Augenaufschlag, herausforderndes Lächeln und andere
pantomimische Liebeserklärungen beitragen. Diese Vorstellungen finden
auf offener Straße, in Höfen, in Kaffeehäusern sowie in den Haremen
(gelegentlich gewisser Festlichkeiten, wie Hochzeit, Geburt und so
weiter) statt; je nach dem Stande der Zuschauer sind die Tänzerinnen
mehr oder weniger bekleidet und ihre Darbietungen freier. Besonders
schlüpfrig fallen sie vor Männergesellschaften aus. Ganz besonders gilt
dies von dem für Ägypten geradezu spezifischen +Bauchtanz+ (Abb. 498).
Eigentlich ist diese Bezeichnung irreführend, denn es handelt sich hier
nicht nur um Bewegungen des Bauches, wenngleich dieser in erster Linie
daran beteiligt ist, sondern um solche des ganzen Oberkörpers; die
Beine bleiben dabei ruhig oder bewegen sich nur wenig. Das Bezeichnende
für ihn sind die Leidenschaft und die Wollust, die in den Bewegungen
zum Ausdruck kommen.
[Illustration:
Naturaufnahme von ~Dr.~ G. Buschan.