Von allen Mohammedanern können die Ägypter für die duldsamsten gelten;
auch nehmen sie ihre +Glaubensvorschriften+ verhältnismäßig leicht. So
führen sie selten eine Wallfahrt nach Mekka aus, beobachten nicht immer
so streng ihre Fasten und sind saumseliger in der Ausführung sonstiger
religiöser Gebräuche; doch verrichten sie für gewöhnlich wohl ihre
Zwangsgebete mit den üblichen Fasten und Kniebeugungen (Abb. 500) und
enthalten sich des Weingenusses. Ganz frei von Fanatismus sind sie aber
nicht. Dies kommt unter der Landbevölkerung manchmal gelegentlich der
+Zikrs+ zum Ausdruck; es sind dies eine Art Erbauungspredigten, die
oft eine Zugabe zu einem Feste vorstellen, stets jedoch im Anschluß
an die Dorfvergnügungen gelegentlich des „Großen Bairamfestes“ und
anderer wichtiger Feste abgehalten werden. Die Teilnehmer eines Zikrs
versammeln sich gewöhnlich bei einer Moschee oder dem Grabe eines
Heiligen und setzen sich in zwei Reihen einander gegenüber; meistens
sind es streng religiös gesinnte Männer, das weniger gläubige Publikum
sieht zu und spendet seinen Beifall. Man beginnt im Sitzen den Namen
Allah zu rufen, anfänglich langsam, und dieses Wort mit leichtem
Kopfnicken zu begleiten. Bald werden die Worte hastiger ausgesprochen
und dementsprechend auch die Bewegungen des Kopfes verstärkt. Hierauf
stehen beide Reihen unter sichtlicher Anstrengung auf und stoßen den
Oberkörper vorwärts und rückwärts; verschiedene andere Bezeichnungen
der Gottheit treten jetzt an Stelle des Namens Allah, und man sieht
den Gesichtern deutlich ihre Verzückung an. Schließlich dreht sich der
ganze Körper wie im Wirbel; der Schweiß perlt von den Gesichtern der
Anbeter, die nur noch ein heiseres, atemberaubendes „Hu, Hu, Hu!“ (Er,
das heißt der Eine Gott) ausstoßen können. Befinden sich Epileptiker
in der Gesellschaft, die für besonders heilig gelten -- und an solchen
fehlt es wohl nie -- dann bekommen sie ihren Anfall und sinken um;
auch die übrigen Teilnehmer fallen erschöpft zur Erde. Die Sekte der
+Derwische+ in Kairo führt ähnliche Tänze mit Verzückungen auf. Viele
Fellachen, besonders die Sakkah oder Wasserträger, gehören zu dieser
Sekte, sie unterscheiden sich aber von der übrigen Landbevölkerung
äußerlich nicht. Dagegen tragen die Derwische in Kairo, wo sie in
Klöstern zusammenwohnen, eine hohe weiße Kopfbedeckung, die sie als
solche kennzeichnet. Die niederen Mitglieder des Derwischordens sind
ganz ungebildete Leute, die meistens zerlumpt im Lande umherziehen und
sich den Lebensunterhalt zusammenbetteln; sie leisten aber nichts auf
dem Gebiete der guten Werke. Dagegen sind die Derwische, die höhere
Stellen im Orden einnehmen, oft sehr begabte Menschen, die sich für
ihre Person von den Verzückungen der übrigen fernhalten, wenn sie sie
auch nicht gerade mißbilligen.
[Illustration:
Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.