Abb. 502. Typen junger Berberinnen.]

Von allen Mohammedanern können die Ägypter für die duldsamsten gelten;

auch nehmen sie ihre +Glaubensvorschriften+ verhältnismäßig leicht. So

führen sie selten eine Wallfahrt nach Mekka aus, beobachten nicht immer

so streng ihre Fasten und sind saumseliger in der Ausführung sonstiger

religiöser Gebräuche; doch verrichten sie für gewöhnlich wohl ihre

Zwangsgebete mit den üblichen Fasten und Kniebeugungen (Abb. 500) und

enthalten sich des Weingenusses. Ganz frei von Fanatismus sind sie aber

nicht. Dies kommt unter der Landbevölkerung manchmal gelegentlich der

+Zikrs+ zum Ausdruck; es sind dies eine Art Erbauungspredigten, die

oft eine Zugabe zu einem Feste vorstellen, stets jedoch im Anschluß

an die Dorfvergnügungen gelegentlich des „Großen Bairamfestes“ und

anderer wichtiger Feste abgehalten werden. Die Teilnehmer eines Zikrs

versammeln sich gewöhnlich bei einer Moschee oder dem Grabe eines

Heiligen und setzen sich in zwei Reihen einander gegenüber; meistens

sind es streng religiös gesinnte Männer, das weniger gläubige Publikum

sieht zu und spendet seinen Beifall. Man beginnt im Sitzen den Namen

Allah zu rufen, anfänglich langsam, und dieses Wort mit leichtem

Kopfnicken zu begleiten. Bald werden die Worte hastiger ausgesprochen

und dementsprechend auch die Bewegungen des Kopfes verstärkt. Hierauf

stehen beide Reihen unter sichtlicher Anstrengung auf und stoßen den

Oberkörper vorwärts und rückwärts; verschiedene andere Bezeichnungen

der Gottheit treten jetzt an Stelle des Namens Allah, und man sieht

den Gesichtern deutlich ihre Verzückung an. Schließlich dreht sich der

ganze Körper wie im Wirbel; der Schweiß perlt von den Gesichtern der

Anbeter, die nur noch ein heiseres, atemberaubendes „Hu, Hu, Hu!“ (Er,

das heißt der Eine Gott) ausstoßen können. Befinden sich Epileptiker

in der Gesellschaft, die für besonders heilig gelten -- und an solchen

fehlt es wohl nie -- dann bekommen sie ihren Anfall und sinken um;

auch die übrigen Teilnehmer fallen erschöpft zur Erde. Die Sekte der

+Derwische+ in Kairo führt ähnliche Tänze mit Verzückungen auf. Viele

Fellachen, besonders die Sakkah oder Wasserträger, gehören zu dieser

Sekte, sie unterscheiden sich aber von der übrigen Landbevölkerung

äußerlich nicht. Dagegen tragen die Derwische in Kairo, wo sie in

Klöstern zusammenwohnen, eine hohe weiße Kopfbedeckung, die sie als

solche kennzeichnet. Die niederen Mitglieder des Derwischordens sind

ganz ungebildete Leute, die meistens zerlumpt im Lande umherziehen und

sich den Lebensunterhalt zusammenbetteln; sie leisten aber nichts auf

dem Gebiete der guten Werke. Dagegen sind die Derwische, die höhere

Stellen im Orden einnehmen, oft sehr begabte Menschen, die sich für

ihre Person von den Verzückungen der übrigen fernhalten, wenn sie sie

auch nicht gerade mißbilligen.

[Illustration:

Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 237 / 254 题