Wenn die Kinder das +Reifealter+ erreichen, müssen sich sowohl
die Knaben wie die Mädchen für gewöhnlich besonderen Zeremonien
unterziehen. Diese schwanken bei den verschiedenen Stämmen oft sehr
beträchtlich; zumeist sind sie zu obszön, als daß man sie schildern
könnte. Zu diesem Zeitpunkte werden den angehenden Jünglingen und
Jungfrauen vielfach auch die Stammesabzeichen durch Schröpfen oder
Tatauieren gewisser Muster aufgetragen, bei einzelnen Stämmen, wie
den Masai, Wadschagga, Kikuyu, Wakamba und Suaheli, wird an ihnen
auch die Beschneidung vorgenommen. Der Eintritt der Reife bedeutet bei
wohl allen ostafrikanischen Völkern ein überaus wichtiges Ereignis im
Leben beider Geschlechter; deshalb werden damit große Festlichkeiten
verbunden, Tänze abgehalten (Abb. 470 und 471), Essen veranstaltet
und viel Bier getrunken. Bei den Masai setzen die Zeremonien bereits
wochenlang vor dem eigentlichen Festakt ein. Man sieht dann die Knaben
mit möglichst viel Schmuck behängt im eigenen und in den Nachbarkralen
täglich tanzen und singen. Zu diesen Vorführungen finden sich auch
viele Frauen ein, die Mütter der Knaben mit Begleiterinnen, sodann aber
auch Frauen, die gern Kinder haben möchten. Diese lassen sich von den
Knaben mit frischem Rindermist bewerfen und hoffen dadurch fruchtbar
zu werden. Am Tage vor der Beschneidung wird den angehenden Jünglingen
der Kopf rasiert und ihnen an Stelle des Fellumhangs, den sie bis dahin
trugen, ein von der Mutter angefertigter, bis auf die Füße reichender
Lederschurz verabreicht. Die Zeremonie findet am frühen Morgen statt.
Kein weibliches Wesen darf aber derselben beiwohnen; dagegen nehmen die
Krieger an ihr teil: sie bespötteln die Knaben, die nicht standhaft
sind und nicht lautlos die Schmerzen ertragen, legen ihnen sogar
Spottnamen bei und strafen sie und unter Umständen selbst ihre Eltern
mit Verachtung, letztere auch mit Schlägen dafür, daß sie ihre Söhne
nicht zu der nötigen Standhaftigkeit und Abhärtung erzogen haben. Nach
Beendigung dieser Handlung versammeln sich alle männlichen Teilnehmer
und werden von den Eltern in ausgiebigem Maße mit Fleisch und Honigbier
bewirtet. Es geht dabei immer recht lustig zu; man scherzt und lacht
und renommiert. Die Krieger brüsten sich mit ihren Heldentaten, und die
Väter der Beschnittenen malen sich bereits in Gedanken die künftigen
Taten ihrer Sprößlinge und den Gewinn aus, den sie ihnen von ihren
Kriegszügen heimbringen werden. Den Abschluß des Festes bildet ein
Tanz. -- Von der Beschneidung der Mädchen, die in ziemlich dem gleichen
Alter wie die der Knaben (vierzehn bis sechzehn Jahre) stattfindet
und in Abtrennung eines Teiles des Kitzlers besteht, wird von den
Masai nicht so viel Aufsehens gemacht. Dagegen gestaltet sich die
Beschneidung der Mädchen bei den eigentlichen Bantu zu einer äußerst
wichtigen Angelegenheit. Die Mädchen erhalten hier längere Zeit vor der
eigentlichen Einweihung von einer Ehefrau Unterricht, der sie über das
Geschlechtsleben sowie über die Sitten und Umgangsformen gegenüber den
Familien- und Stammesmitgliedern aufklärt. Die betreffende Lehrerin
bleibt auch für die Zukunft ihre Beraterin. Der Unterricht, der in
einer besonderen Hütte erteilt wird, zerfällt manchmal in verschiedene
Stufen und nimmt Monate in Anspruch. Währenddessen dürfen die jungen
Mädchen sich von keinem männlichen Wesen erblicken lassen und müssen
sich, falls sie die Hütte einmal verlassen, mit einem Kopftuch, das sie
zu diesem Zwecke tragen, bedecken. In einzelnen Gegenden fertigen die
Lehrerinnen auch zum Anschauungsunterricht Lehmfiguren an, die auf das
Eheleben Bezug nehmen. Diese Belehrungen finden ihren Abschluß in einem
großen Fest, bei dem die Frauen, die den Unterricht erteilten, von
ihren Schülerinnen und deren Eltern reichlich beschenkt werden. Dabei
werden unter Trommelbegleitung und Händeklatschen Aufführungen und
Tänze veranstaltet, die oft einen sehr lasziven Charakter (Bauchtänze)
annehmen; an ihnen beteiligen sich auch die Novizinnen, um darzutun,
daß sie sich auf solche Künste (wie obszöne Gesäßbewegungen und so
weiter) auch verstehen. Bei den Makonde werden die Mädchen auch noch
durch schreckenerregende Masken, darunter solche, die den Teufel mit
Hörnern und Bart vorstellen, geängstigt, um ihren Mut zu erproben. Als
Zeichen der Reife werden sie von ihren Lehrerinnen mit Eigelb, das
mit Rizinusöl vermischt ist, auf Stirn, Brust und Rücken angemalt.
Bei den Bakulia ist für die Mädchen, die der Beschneidung harren, ein
mit zahlreichen kleinen weißen und roten Perlen bestickter Lederkranz
charakteristisch, den sie wie einen Heiligenschein um den Kopf
tragen. Außerdem gehören zu ihrer Ausrüstung während dieser Zeit eine
Kürbisflasche und eine Rute, um die Fliegen von ihrer Wunde abzuwehren
(Abb. 472). Sowie die Operation vollendet ist, legen sie sich ein
großes, sorgfältig gegerbtes und mit rotem Ocker gefärbtes Fell an.
Von jetzt an dürfen die jungen Mädchen offiziell Geschlechtsverkehr
haben, und sie machen auch von dieser Erlaubnis ausgiebigen Gebrauch.
Mit dem ersten Unterricht pflegen die Pubertätsgebräuche nicht immer
abgeschlossen zu sein, sondern meistens folgen jenem noch ein zweiter
und ein dritter, die unter Umständen, wenn die Mädchen etwa inzwischen
geheiratet haben, in ihrer Hütte in Gegenwart des Ehemanns abgehalten
werden.
[Illustration:
Aus: Weiß, Völkerstämme Ostafrikas.