Abb. 458. Flötende Hirtenknaben.]

Wenn die Kinder das +Reifealter+ erreichen, müssen sich sowohl

die Knaben wie die Mädchen für gewöhnlich besonderen Zeremonien

unterziehen. Diese schwanken bei den verschiedenen Stämmen oft sehr

beträchtlich; zumeist sind sie zu obszön, als daß man sie schildern

könnte. Zu diesem Zeitpunkte werden den angehenden Jünglingen und

Jungfrauen vielfach auch die Stammesabzeichen durch Schröpfen oder

Tatauieren gewisser Muster aufgetragen, bei einzelnen Stämmen, wie

den Masai, Wadschagga, Kikuyu, Wakamba und Suaheli, wird an ihnen

auch die Beschneidung vorgenommen. Der Eintritt der Reife bedeutet bei

wohl allen ostafrikanischen Völkern ein überaus wichtiges Ereignis im

Leben beider Geschlechter; deshalb werden damit große Festlichkeiten

verbunden, Tänze abgehalten (Abb. 470 und 471), Essen veranstaltet

und viel Bier getrunken. Bei den Masai setzen die Zeremonien bereits

wochenlang vor dem eigentlichen Festakt ein. Man sieht dann die Knaben

mit möglichst viel Schmuck behängt im eigenen und in den Nachbarkralen

täglich tanzen und singen. Zu diesen Vorführungen finden sich auch

viele Frauen ein, die Mütter der Knaben mit Begleiterinnen, sodann aber

auch Frauen, die gern Kinder haben möchten. Diese lassen sich von den

Knaben mit frischem Rindermist bewerfen und hoffen dadurch fruchtbar

zu werden. Am Tage vor der Beschneidung wird den angehenden Jünglingen

der Kopf rasiert und ihnen an Stelle des Fellumhangs, den sie bis dahin

trugen, ein von der Mutter angefertigter, bis auf die Füße reichender

Lederschurz verabreicht. Die Zeremonie findet am frühen Morgen statt.

Kein weibliches Wesen darf aber derselben beiwohnen; dagegen nehmen die

Krieger an ihr teil: sie bespötteln die Knaben, die nicht standhaft

sind und nicht lautlos die Schmerzen ertragen, legen ihnen sogar

Spottnamen bei und strafen sie und unter Umständen selbst ihre Eltern

mit Verachtung, letztere auch mit Schlägen dafür, daß sie ihre Söhne

nicht zu der nötigen Standhaftigkeit und Abhärtung erzogen haben. Nach

Beendigung dieser Handlung versammeln sich alle männlichen Teilnehmer

und werden von den Eltern in ausgiebigem Maße mit Fleisch und Honigbier

bewirtet. Es geht dabei immer recht lustig zu; man scherzt und lacht

und renommiert. Die Krieger brüsten sich mit ihren Heldentaten, und die

Väter der Beschnittenen malen sich bereits in Gedanken die künftigen

Taten ihrer Sprößlinge und den Gewinn aus, den sie ihnen von ihren

Kriegszügen heimbringen werden. Den Abschluß des Festes bildet ein

Tanz. -- Von der Beschneidung der Mädchen, die in ziemlich dem gleichen

Alter wie die der Knaben (vierzehn bis sechzehn Jahre) stattfindet

und in Abtrennung eines Teiles des Kitzlers besteht, wird von den

Masai nicht so viel Aufsehens gemacht. Dagegen gestaltet sich die

Beschneidung der Mädchen bei den eigentlichen Bantu zu einer äußerst

wichtigen Angelegenheit. Die Mädchen erhalten hier längere Zeit vor der

eigentlichen Einweihung von einer Ehefrau Unterricht, der sie über das

Geschlechtsleben sowie über die Sitten und Umgangsformen gegenüber den

Familien- und Stammesmitgliedern aufklärt. Die betreffende Lehrerin

bleibt auch für die Zukunft ihre Beraterin. Der Unterricht, der in

einer besonderen Hütte erteilt wird, zerfällt manchmal in verschiedene

Stufen und nimmt Monate in Anspruch. Währenddessen dürfen die jungen

Mädchen sich von keinem männlichen Wesen erblicken lassen und müssen

sich, falls sie die Hütte einmal verlassen, mit einem Kopftuch, das sie

zu diesem Zwecke tragen, bedecken. In einzelnen Gegenden fertigen die

Lehrerinnen auch zum Anschauungsunterricht Lehmfiguren an, die auf das

Eheleben Bezug nehmen. Diese Belehrungen finden ihren Abschluß in einem

großen Fest, bei dem die Frauen, die den Unterricht erteilten, von

ihren Schülerinnen und deren Eltern reichlich beschenkt werden. Dabei

werden unter Trommelbegleitung und Händeklatschen Aufführungen und

Tänze veranstaltet, die oft einen sehr lasziven Charakter (Bauchtänze)

annehmen; an ihnen beteiligen sich auch die Novizinnen, um darzutun,

daß sie sich auf solche Künste (wie obszöne Gesäßbewegungen und so

weiter) auch verstehen. Bei den Makonde werden die Mädchen auch noch

durch schreckenerregende Masken, darunter solche, die den Teufel mit

Hörnern und Bart vorstellen, geängstigt, um ihren Mut zu erproben. Als

Zeichen der Reife werden sie von ihren Lehrerinnen mit Eigelb, das

mit Rizinusöl vermischt ist, auf Stirn, Brust und Rücken angemalt.

Bei den Bakulia ist für die Mädchen, die der Beschneidung harren, ein

mit zahlreichen kleinen weißen und roten Perlen bestickter Lederkranz

charakteristisch, den sie wie einen Heiligenschein um den Kopf

tragen. Außerdem gehören zu ihrer Ausrüstung während dieser Zeit eine

Kürbisflasche und eine Rute, um die Fliegen von ihrer Wunde abzuwehren

(Abb. 472). Sowie die Operation vollendet ist, legen sie sich ein

großes, sorgfältig gegerbtes und mit rotem Ocker gefärbtes Fell an.

Von jetzt an dürfen die jungen Mädchen offiziell Geschlechtsverkehr

haben, und sie machen auch von dieser Erlaubnis ausgiebigen Gebrauch.

Mit dem ersten Unterricht pflegen die Pubertätsgebräuche nicht immer

abgeschlossen zu sein, sondern meistens folgen jenem noch ein zweiter

und ein dritter, die unter Umständen, wenn die Mädchen etwa inzwischen

geheiratet haben, in ihrer Hütte in Gegenwart des Ehemanns abgehalten

werden.

[Illustration:

Aus: Weiß, Völkerstämme Ostafrikas.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 215 / 254 题