Bei den Sakalaven erfahren die Könige eine besondere Behandlung. Sie
wickeln deren Leichen zunächst in Ochsenhäute und hängen sie tief im
Busch an Bäumen auf. Nach einigen Monaten gehen die Häuptlinge hin
und entnehmen dem verwesten Leichnam einige Reliquien, nämlich einen
Halswirbel, einen Fingernagel und eine Haarlocke. Während der übrige
Körper unter großen Feierlichkeiten begraben wird, bringt man die
oben genannten Stücke nach einer heiligen Stätte, wo bereits ähnliche
Reliquien von früher begrabenen Königen her aufbewahrt sind. Mit ihrem
Besitz ist das Recht der königlichen Gewalt verbunden.
+Trauernde+ Madagassen lassen sich das Haar zerzausen und tragen grobe
und schmutzige Kleidung (Abbild. 423); sie dürfen sich auch nicht
waschen, auch nicht in den Spiegel sehen, falls sie etwa einen solchen
im Besitz haben sollten. Die Frauen müssen alle Gedanken an Gefallsucht
aufgeben und ihre Umgebung durch ihren jämmerlichen Anblick geradezu
zum Abscheu bringen. Die Farbe der Trauer ist, wie überall sonst im
Osten, auch bei den Madagassen weiß.
[Illustration:
Phot. C. W. Hattersley.
Abb. 430. Tapfere Krieger bringen den Schädel eines erlegten
Flußpferdes vor den König.
Zum Zeichen ihres Sieges über das Tier, das viele Opfer an Menschen
gefordert hat, haben sie sich die Köpfe mit Bananenblättern geschmückt.]
Ostafrika.
Das große Gebiet südlich von Abessinien und dem Golf von Aden bis
herab zum Nyassasee, beziehungsweise dem Unterlauf des Zambesi
bezeichnen wir als Ostafrika. Es bildet ein ebenso interessantes und
vielleicht noch bunteres Völkergemisch als Südafrika. In seinen Teilen
südlich vom Gleicher, ganz allgemein gesagt, herrschen die schon von
Südafrika her bekannten Bantustämme vor, wenngleich hier bereits
verschiedentlich vom Osthorn her andere Rassenelemente zugewandert
sind, die Hamiten heißen. Zu letzteren gehören die Wahima, Kavirondo
(oder Wagaia), Masai, Wandorobbo (Abb. 425) und Watatura (Abb. 428)
im sogenannten Zwischenseengebiet. In Deutsch-Ostafrika sind die
bekanntesten Bantustämme die Wanyamwesi, Waschambala, Wanguru, Wakami,
Kirundi, Waganda, Wasoga, Wakikuyu, Wakamba, Wadigo, Wagogo, Wanyuturu,
Wadschagga (Abb. 427), Wapare, Warangi, Wahehe, Wabena, Wapoto und
andere mehr. Längs der ganzen Küste haben sich im Lauf der beiden
letzten Jahrtausende zahlreiche Araber, Inder und Perser auf die
altangesessene Bantuschicht aufgelagert und durch Vermischung mit ihr
ein ziemlich homogenes neues Volk entstehen lassen, die Suaheli (Abb.
426). -- In den nördlichen Gebieten Ostafrikas (Somalland) dagegen
sitzen Stämme hamitischer und semitischer Zugehörigkeit, mit denen
wir uns an anderer Stelle beschäftigen werden. Hier wollen wir uns
darauf beschränken, nur zu erwähnen, daß sich ihr Typus vollständig von
dem der Bantuneger unterscheidet. Wo beide Rassenelemente aufeinander
gestoßen sind, wie in den nördlichen Teilen Ostafrikas, da haben
natürlich vielfach mehr oder minder starke Kreuzungen zwischen ihnen
stattgefunden. Ebenso sind die Bantu mehrfach Vermischungen mit den
zwischen sie versprengten Zwergvölkern eingegangen.
Die übliche +Wirtschaftsform+ der ostafrikanischen Bantu ist der
Ackerbau, nebenbei auch vielfach die Viehzucht. Die mit hamitischen
Elementen gekreuzten Bantu bevorzugen die letztere. Auch Jagd wird von
den meisten ostafrikanischen Stämmen eifrig betrieben (Abb. 430).
Die +Wohnungen+ der ostafrikanischen Bevölkerung sind teils
Kegeldachhütten, teils Temben. Vor der Besitznahme des Landes suchten
sich die übermütigen Sultane durch Palisadenfesten zu schützen (siehe
die Kunstbeilage).
[Illustration:
Phot. A. C. Hollis.
Abb. 431. Kavirondofrau mit einer Fischfalle.
Man errichtet im Flusse in spitzem Winkel zueinander zwei kleine
Steinmauern, zwischen denen das Korbnetz ausgelegt wird.]
Dieselben Ursachen, die dazu beigetragen haben, daß man in Ostafrika so
vielen und verschiedenen Mischtypen begegnet, wie Wanderungen, Aufnahme
von Kriegsgefangenen in den Stamm, Sklavenraub, Ausübung der Exogamie,
Zuflucht bei fremden Stämmen bei Eintritt einer Hungersnot und Dürre
oder bei Bedrängung von seiten vorrückender Stämme und anderes mehr,
haben auch dazu geführt, daß die verschiedenen alten Gebräuche und
Sitten der einzelnen Völker sich ebenfalls miteinander vermischten,
so daß es vielfach ein Ding der Unmöglichkeit ist, zu entscheiden, ob
ein bestimmter Brauch bei dem einzelnen Stamm heimisch ist oder zu ihm
eingeführt wurde. Im großen und ganzen können wir wohl sagen, daß,
soweit die Bantu in Betracht kommen, bei den ostafrikanischen Stämmen
die Sitten und Gebräuche so ziemlich dieselben sind, wie wir sie oben
bereits in dem Abschnitt Südafrika schilderten. Daher beschränken wir
uns an dieser Stelle auf die Wiedergabe einiger Eigenheiten.
[Illustration:
Phot. A. C. Hollis.
Abb. 432. Kavirondofrauen auf dem Wege zum Markt.
Verheiratete Frauen, wie zum Beispiel die links dargestellte, tragen
einen schmalen Gürtel mit einer hinten herabhängenden Quaste; ältere
Frauen tragen eine schwanzähnliche kurze Schürze am Gürtel.]
[Illustration:
Aus „Kolonie und Heimat“.