Aus „Kolonie und Heimat.“

Inneres der Palisadenfeste eines Eingeborenensultans in Ostafrika, die

von den deutschen Truppen bei der Besitznahme des Landes unter großen

Opfern erstürmt werden mußte.]

Verschiedene Madagassenstämme, im besonderen die Betsileo und

Antaokara, befolgten früher die von Ozeanien her übernommene Sitte,

ihre Toten nicht sogleich zu begraben, sondern über der Erde erst die

Verwesung abzuwarten und Leichenwachen daneben zu stellen. Um sich

diese Pflicht nach Möglichkeit erträglich zu gestalten, betranken sich

die Angehörigen und Freunde tüchtig in Rum und verbrannten Unmassen

von Weihrauch, Talg und sogar Leder. Bei den Betsileo (Abb. 420)

begräbt man jetzt den Toten möglichst bald, nimmt aber nach einiger

Zeit noch ein zweites Begräbnis mit seiner Nachbildung vor, die die

Frauen, während die eigentliche Beisetzung stattfindet, in dem Hause

anfertigen. Sie rollen eine Matte zusammen, umkleiden sie mit Lambas

und legen diese Nachbildung des Toten in einen aus Bambusstangen

geflochtenen Käfig, weswegen dieses ganze Erzeugnis Trano vorona,

das heißt „Käfig mit Vögeln“, benannt wird. Dieser Trano vorona wird

etwa zwei bis sieben Tage ausgestellt, das heißt so lange, als die

Mittel ausreichen, um die zahlreich versammelten Trauergäste mit Rum

und Fleisch reichlich zu versorgen, und sodann entweder neben der

wirklichen Leiche mit vielem Lärm und Gesang begraben oder einfach so

wie er ist ausgesetzt. +Begräbnisse+ auf Madagaskar sind stets von

Festlichkeiten begleitet. Früher wurden massenhaft Tiere geschlachtet;

die Regierung hat aber, um einer zu starken Schmälerung der Herden

vorzubeugen, diese Unsitte auf ein einziges Tier beschränkt. Die Köpfe

der Ochsen mit den daran bleibenden Hörnern werden auf das Grab ihres

verstorbenen Besitzers gelegt. Viel Rum wird getrunken und vielfach

auch zahlreiche Gewehrsalven abgeschossen. Ein solches Fest dauert so

lange, als Essen und Getränke eben vorhalten.

[Illustration:

Phot. Gebr. Haeckel.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 204 / 254 题