Abb. 414. Madagassische Fischerboote.]

Die +Hauptbeschäftigung+ der Frauen von Madagaskar ist das Zerstampfen

von Reis für den Tagesbedarf; nebenbei weben sie auch primitive

Stoffe zu Kleidern und flechten Matten, Körbe und Hüte aus Binsen

oder Reisstroh. Die Männer dagegen führen, sofern sie nicht gerade,

wie einige Bewohner von Merina, Kaufleute oder eigentlich Hausierer

sind, ein vollkommen müßiges Leben, ausgenommen während der Zeit des

Säens und Erntens. Entsprechend dieser ihnen angeborenen Trägheit

geben sie auch gute Hirten ab. Die Küstenmadagassen, deren einzige

Beschäftigung das Fischen ist, sind oft tüchtige Seeleute, die auch

über gut gebaute Boote (Abb. 414) verfügen. -- Als Unterbrechung des

süßen Nichtstuns, das den gewöhnlichen Zustand der Madagassen ausmacht,

sind ihnen Vergnügungen willkommen; auch dem Spiel (Abb. 415) sind sie

sehr ergeben. Ein jedes Familienereignis gibt Anlaß zu Gesellschaften

und Festen; Geburt, Hochzeit, Tod, das Errichten eines neuen Hauses,

die Ankunft eines vornehmen Fremden, die Befreiung von einem Unglück,

wie etwa einer Epidemie oder einer Überschwemmung -- dies alles dient

als Vorwand zu einem Freudenfest, bei dem Ochsen geschlachtet, viel

Rum getrunken und getanzt wird. Der +Tanz+ ist auf der ganzen Insel

eine der beliebtesten Unterhaltungen (Abb. 416); langsame Bewegungen in

anmutigen, ungezwungenen Stellungen kennzeichnen ihn. Ebenso sind die

Madagassen sehr musikliebend (Abb. 417).

[Illustration:

Phot. G. Grandidier.

Abb. 415. Madagassen beim Spiel,

auf das sie viel Zeit zu verwenden pflegen, besonders die Sakalaven.

Der Einsatz besteht in Eiern.]

[Illustration:

Phot. G. Grandidier.

Abb. 416. Sakalaventanz zu Maintirano.

Er ist gekennzeichnet durch langsame Bewegungen und zwanglose, anmutige

Stellungen. Die Tänzer bewegen sich dabei langsam von der Stelle,

während sie mit den Armen eigentümliche Drehungen ausführen.]

Ohne Nachkommen zu sterben, gilt bei ihnen als das größte aller Übel,

was bei ihrer großen Verehrung der Vorfahren und ihrer feudalen

Gesellschaftsgliederung erklärlich erscheint. Daher war es Vorschrift,

daß, wenn ein Mann kinderlos starb, die Witwe von neuem heiratete,

damit „der Keim wieder auflebe“. Das Bestreben eines jeden Madagassen

läuft somit darauf hinaus, eine +möglichst große Nachkommenschaft+ zu

haben; nicht damit zufrieden, was ihm die Natur gewähren kann, macht es

ihm Freude, noch andere Kinder zu adoptieren, wo dies nur möglich ist.

Bei all dieser Liebe zu den Kindern und dem Wunsche nach einer großen

Familie muß es um so mehr wundernehmen, daß die schreckliche Unsitte

des +Kindsmordes+ auf Madagaskar so verbreitet war. Es hängt dies aber

mit dem stark ausgeprägten Aberglauben an Unglückstage und -stunden

zusammen. Wird ein Kind zum Beispiel um Mitternacht im Monat Mai

geboren, dann gerät die Familie in große Bestürzung, denn das Kind wird

dann ein Zauberer. Erscheint es zu der Stunde auf der Welt, wenn die

Ochsen auf die Weide oder die Leute an die Arbeit gehen, dann steht

zu befürchten, daß aus ihm ein Verschwender werde. Der ganze Monat

September gilt für verhängnisvoll, denn die in ihm Geborenen werden

sicherlich Bösewichter oder bringen den Eltern Unheil, wenn sie nicht

gar deren Tod verursachen. Daher schafft man sie sofort entweder durch

Lebendigbegraben oder Ertränken aus der Welt. Eine Ausnahme machen

allein diejenigen, die gegen zwölfeinhalb Uhr mittags, das heißt wenn

die Sonne ihre Strahlen gerade auf die Türschwelle sendet, das Licht

der Welt erblicken; jedoch dürfen auch sie nicht so ohne weiteres am

Leben bleiben, sondern werden einem Gottesurteil unterworfen. Man

legt das Kind vor den Ausgang einer Ochsenhürde und wartet ab, ob die

Tiere beim Herausgehen ihm einen Schaden zufügen. Auch wenn es nur von

ihnen verwundet werden sollte, ist es dem Tode verfallen; nur wenn es

unverletzt bleibt, läßt man es am Leben. Für die Geburt eines Prinzen

dagegen ist nach dem Aberglauben der Madagassen der September gerade

günstig, denn sie meinen, daß man, um ein großer und berühmter Fürst

zu werden, recht böse sein und jeden mit Füßen treten müsse. Eine

glückliche Zukunft steht ferner den Kindern bevor, die im Juli zur Welt

kommen, besonders dann, wenn die Sonne aufgeht, oder wenn ihre Strahlen

zwischen vier und fünf Uhr nachmittags die Hauspforten vergolden; denn

dann wird der neue Weltbürger sehr große Reichtümer einernten. Man

kennt aber auch Mittel und Wege, um das böse Schicksal eines unter

ungünstigen Aussichten geborenen Kindes abzuwenden. So muß man bei

einem Februarkinde, das man zu einem Brandstifter bestimmt glaubt,

schnell eine kleine Hütte aus Erde und Kalk machen und sie verbrennen,

oder man kann auch eine Heuschrecke oder einen Maikäfer als Opfer

darbringen.

Die +Schwangere+ ist mancherlei Fady unterworfen. Sie darf keine

Ochsenschnauze essen, weil sonst ihr Kind eine schnauzenförmige

Oberlippe bekäme, ebensowenig das Fleisch eines bestimmten

Wasservogels, weil seine Beine sonst so dünn wie bei diesem Tiere

werden würden, auch nicht von einem Raubvogel, weil das Kind sonst

diebische Eigenschaften annähme; sie darf sich auch nicht über eine

taubstumme oder geisteskranke Person lustig machen, weil das Kind dann

die gleichen Eigenschaften erwürbe, und anderes mehr. Naht die Stunde

der +Geburt+, dann versammeln sich die Angehörigen und jeder von ihnen

nimmt nach dem Vorbilde des ältesten Familienmitgliedes etwas Wasser in

den Mund, das dann auf die Gebärende ausgespien wird.

[Illustration:

Phot. James Sibree.

Abb. 417. Madagassische Musikanten.

Die Madagassen besitzen eine ziemliche Auswahl von Musikinstrumenten,

so (auf dem Bilde von links nach rechts zu sehen): die Flöte, die

einsaitige Geige, den Lamako (zwei Holzbretter, die man gegeneinander

schlägt), die Bambusgitarre, die Trommel, die Kürbisgeige und als

weiteres Blasinstrument die Muschel.]

Ist die Geburt erfolgt, was mit großer Freude begrüßt wird, dann

fleht der Vater den Segen Gottes, der Vorfahren, der „zwölf Könige“

und der „heiligen zwölf Berge Imerinas“ herab. Der +Säugling+ wird

mit Rinderfett abgerieben, damit er kräftig gedeihe. Daher pflegen

Erwachsene bei Wettspielen und Kämpfen einander mit den Worten

herauszufordern: „Komm her, wenn du von deiner Mutter wirklich mit Fett

eingerieben worden bist.“ Die +Namen+, die die Madagassen ihren Kindern

beilegen, werden meistens von Tieren oder Pflanzen hergenommen und mit

der Vorsilbe ra versehen; es können dabei unter Umständen recht lange

Namen herauskommen, wie Ravoninahitriniarivo, was „tausend Blüten des

Grases“ heißen soll. Auch häßlich klingende Namen, wie zum Beispiel

Misthaufen, werden dem Kinde beigelegt, um dadurch das Unglück, das ihm

droht, abzuwenden.

[Illustration:

Phot. W. D. Marcuse.

Abb. 418. Krankenbehandlung zu Tulear.

Der Leidende, dessen Zustand auf die Wirkung eines Teufels (Bilo)

zurückgeführt wird, muß auf einer Plattform vom Blute eines Ochsen

trinken, der zu seiner Wiederherstellung geopfert wurde.]

Einen wichtigen Augenblick im Leben des Kindes bildet die erste

+Haarschur+, die etwa im Alter von drei Monaten stattfindet und zu

einem großen Fest sich gestaltet; zu ihr finden sich auch entfernt

lebende Familienmitglieder ein. Bei der Auswahl des Haarschneiders muß

man achtgeben, daß sein Vater noch lebt, denn sonst würden die Eltern

selbst sterben und ihr Kind als Waise zurücklassen. Man beginnt auf der

linken Seite und entfernt hier mit einer Schere das „böse Haarbüschel“

über dem linken Ohr, das man sofort mit der dazu gebrauchten Schere

wegwirft. Darauf wird die rechte Kopfseite vorgenommen und das über

dem rechten Ohr stehende „gute Haarbüschel“ abgeschnitten, aber nicht

fortgeworfen, sondern in einer Reisschwinge mit Fleischstückchen aus

dem Höcker des Zebuochsen und Knollen von Arum esculentum zu einem

Talisman für glückliche Geburten gemischt, den man unter die gierig

danach haschenden Festgenossen wirft.

Wenn die Knaben das erste Lebensjahr zurückgelegt haben, wird an

ihnen die +Beschneidung+ vorgenommen. Dieser Vorgang bietet Anlaß zu

einer mehr oder minder großen Feier mit mancherlei Zeremonien, die

früher recht umfangreich waren. Wichtig ist dabei, daß sowohl die

Eltern als auch Paten und Patinnen während der dem Akte vorausgehenden

Woche vom Bett getrennt schlafen müssen. Jetzt sind die Zeremonien

bereits sehr vereinfacht worden. Am Abend vorher wird ein Bananenbaum

unter Begleitung der Menge, die mit der rechten Hand ihre Lambas

schwenkt, tanzt und singt, eingeholt, in Mannshöhe abgeschnitten und

in der nordöstlichen Ecke der Hütte in den Boden gesteckt; auf seine

abgeschnittene Spitze wird ein irdener Napf mit einem aus Kuhmist durch

Kneten hergestellten Docht und Unschlitt gesetzt, worauf man diese

Lampe anzündet. Sie muß bis zum nächsten Morgen brennen und darf nur

von männlichen Wesen bedient werden; falls eine Frau dies besorgte,

würde der Knabe kein „Mann“ werden. Während der Nacht wird der Segen

über das Kind gesprochen. Man stellt zu diesem Zweck eine flache

Holzschüssel mit Wasser auf, in die silberne Ketten gelegt werden.

Drei Männer müssen nun mit einem Rohrstengel diese Ketten zehnmal

hintereinander herausholen und dabei dem Kinde viel Geld und Reichtümer

wünschen. Beim ersten Hahnenschrei befestigt einer der versammelten

Männer einen Pflanzenstengel (Hundezahn oder Quecke) an einer Flasche

oder an einer Kalabasse, worauf die kräftigsten und mutigsten Männer

ausgesandt werden, um in diesem Gefäß „kräftiges“ Wasser zu holen,

das zum Auswaschen der Wunde bei der Beschneidung gebraucht wird.

Der Operateur, der bereits am Abend vorher eingetroffen ist und die

Nacht in einer Hütte zubrachte, worin sich kein weibliches Wesen

aufhalten durfte, nimmt an dem Kinde mittels eines kleinen Messers

die Beschneidung vor. Ein Assistent wartet den Augenblick ab, wo die

Wunde zu bluten anfängt, schwingt hierauf seine Lanze und schlägt

damit die Türschwelle, wobei er wünscht, daß der Knabe ein „Muster

von Schönheit und Güte“ werden möge. Die abgeschnittene Vorhaut muß

der Vater in Stückchen zerschnitten mit einer Banane verzehren. Bei

den Sakalaven wird sie in eine Flinte geladen oder auf die Spitze

einer Lanze gesteckt und diese über das väterliche Haus geschleudert;

stellt sich der Speer senkrecht zur Erde, dann erblickt man darin ein

Anzeichen dafür, daß der Knabe mutig werden wird. Bei den Bara werfen

die Väter die Vorhaut in den nächsten Fluß. -- Bei den Antankarana wird

die Beschneidung in etwas abweichender Weise vorgenommen. Es geht dem

eigentlichen Akte ein reichliches Essen und Trinken der Verwandten und

Gäste voraus. Darauf wird ein Ochse gefesselt und zu Boden geworfen,

den Kopf nach Osten gerichtet. Der Familienälteste begießt mit einem

Topf Wasser das Tier vom Kopf bis zu den Füßen, stellt sich mit einem

Stäbchen in der Hand hinter dasselbe, klopft ihm viermal auf die Rippen

und fleht dabei Gesundheit, Reichtum und sonstiges Gute auf die Kinder

herab. Darauf wird der Ochse durch Zerschneiden der Halsschlagader

getötet und sein Fleisch gegessen; seine Hörner aber werden mit einem

Stück Schädeldecke auf eine lange spitze Stange gesteckt und mitten im

Dorfe aufgestellt. Die Beschneidung wird an den Knaben einzeln in einem

dicht geschlossenen Zelte vorgenommen, die abgeschnittene Vorhaut auch

hier von den Verwandten in eine Flinte geladen und unter Jubel in die

Luft oder gegen die Ochsenhörner geschossen. Essen, Trinken und Tanz

beschließen das Fest.

[Illustration:

Phot. W. D. Marcuse.

Abb. 419. Krankenbehandlung bei den Sakalaven,

die in der Hauptsache in einer Einreibung des Gesichts mit Maniokpulver

und gelbem Ocker besteht. Diese Salbe bleibt so lange liegen, bis der

Kranke gesund geworden ist.]

[Illustration:

Phot. James Sibree.

Abb. 420. Ein Grab der Betsileo.

Der Tote ruht in dem steinernen Unterbau; der Turm ist aus Holz

hergestellt und weist oft schöne Schnitzereien auf.]

Die +Kinder+ wachsen von der Liebe und Sorgfalt der Mutter behütet

heran; solange sie nicht gehen können, trägt diese sie beständig auf

dem Rücken mit sich herum, sei es, daß sie auf dem Felde arbeitet

oder im Haushalte tätig ist. Eine Erziehung erhalten diese Kinder

weder in geistiger noch in moralischer Hinsicht, und sie wachsen

heran, ohne daß ihre Fehler beachtet und verbessert werden. Überhaupt

nimmt die +Moral+ in Madagaskar eine ganz untergeordnete Stufe ein,

besonders in geschlechtlichen Dingen. Ein junges Mädchen kann tun und

lassen, was ihm beliebt. Daher ist es auch gang und gäbe, daß die

Mädchen bereits vor ihrer Reife, also etwa mit zehn bis elf Jahren,

oft auch noch früher, geschlechtlichen Verkehr anfangen und freie

Vereinigungen der jungen Leute allgemein üblich sind. Schamhaftigkeit

und Keuschheit sind, mit wenigen Ausnahmen, auf Madagaskar ziemlich

unbekannte Tugenden. Im Gegenteil, die Eltern begünstigen sogar die

freie Liebe ihrer Töchter, nur der Verkehr eines Mitgliedes der

adligen oder der freien Kaste mit einer Sklavin wird mißbilligt. Da

auf die Jungfräulichkeit der Mädchen absolut kein Wert gelegt wird, so

erscheint es verständlich, daß auch die gastliche Prostitution, das

heißt das Überlassen der Töchter des Hauses an Gastfreunde von hohem

Rang, zu den Pflichten des Hausherrn gehört.

[Illustration:

Phot. W. D. Marcuse.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 199 / 254 题