Abb. 421. Behandlung eines vom bösen Geiste (Bilo) Besessenen

durch Tanz, Gesang und Zechen; hat die Kur Erfolg, so schließt sich ein

Dankfest an sie an.]

Die freien ungesetzlichen Vereinigungen der jungen Leute pflegen

mehrere Monate und selbst ein bis zwei Jahre zu dauern, ehe sie sich

entschließen, die wirkliche Ehe miteinander einzugehen. Finden sie

in dieser Zeit, daß sie nicht zueinander passen, dann gehen sie ruhig

wieder auseinander und beginnen ein neues Zusammenleben mit anderen

Personen. Haben sie aber die Überzeugung gewonnen, daß sie miteinander

glücklich werden, dann zieht das Mädchen wieder in das elterliche Haus

zurück, und der junge Mann macht sich auf die +Werbung+ bei ihrem

Vater. Doch zuvor sendet er eine Anzahl festlich gekleideter junger

Leute, die immer unpaar sein muß, an einem bestimmten Tage, den der

Astrologe als günstig bezeichnet hat, in das Haus seiner Auserwählten.

Der Sprecher zählt zu diesem Zwecke vor den Eltern die wirklichen und

angeblichen Tugenden des Bräutigams sowie seiner Vorfahren auf, spendet

seinen Eltern Lob und rühmt ihre Vermögensverhältnisse, schließlich

teilt er dem Vater mit, daß der Betreffende nicht länger mit seiner

Tochter im Konkubinat leben, sondern mit ihr eine richtige Ehe eingehen

wolle, eine „Frau unter seiner Achsel tragen“, wie der Ausdruck dafür

lautet. -- Bei den Sakalaven, Betsileo und einigen anderen Stämmen

finden sich noch Überreste einer früheren Raubehe.

Wenn die Annahme des Antrages erfolgt ist, dann bespricht man die Natur

und den Wert der Geschenke, die der zukünftige Schwiegersohn seinen

Schwiegereltern und seiner Braut darzubringen hat und die meistens in

Rindern, Schafen, Ziegen, Geflügel, Honig, Rum, Geld, Kleidungsstücken

und so weiter bestehen; ihr Wert hängt von der Vermögenslage des

Werbers ab. Aber immer müssen gewisse Fleischstücke (zum Beispiel eine

Hammelkeule mit daranhängendem Schwanz) als besonderes Angebinde für

das Familienoberhaupt darunter sein. Heutzutage wird diese „Vodiondry“

zumeist mit Geld abgelöst.

[Illustration:

Phot. G. Grandidier.

Abb. 422. Familiengrab der Hova.

Die Toten ruhen in dem Grabe, über dem ein viereckiger Bau aus Steinen

errichtet ist; daneben steht ein geschnitzter Pfeiler, der die Köpfe

der zu Ehren des letzten Verstorbenen geopferten Ochsen trägt, sowie

ein hoher Stein, der zur Erinnerung an Familienmitglieder aufgestellt

wurde, die an anderer Stelle begraben liegen.]

[Illustration:

Phot. W. D. Marcuse.

Abb. 423. Sakalavenfrau in Trauerkleidung,

die man an dem aufgelösten Kopfhaar und am weißen Stoff der im übrigen

schmutzigen Kleidung erkennt. Während der Trauerzeit müssen die

Trauernden auf alle Vergnügungen verzichten.]

Wenn der +Hochzeitstag+ festgesetzt ist, wozu auch wieder der Astrologe

angehört wurde, begeben sich die Leute, die die Braut holen sollen,

ebenfalls in ungerader Zahl, im Zuge nach dem Heim ihrer Eltern,

wo sich die Anverwandten und Gäste bereits eingefunden haben und

ein Festmahl hergerichtet ist. Dann wird vor Zeugen der Ehevertrag

vereinbart, der alle erdenklichen Möglichkeiten berücksichtigt, zum

Beispiel, daß der Ehemann diesen oder jenen Fehler begehen, die Frau

ihre Freiheit wiedererlangen oder Witwe werden, die Eltern bei ihrem

Tode Schulden hinterlassen sollten und anderes mehr. Nachdem von den

Vertretern des Bräutigams die ausbedungenen Geschenke überbracht

worden sind und man Gegengeschenke überreicht hat, gilt die Ehe für

geschlossen. Man begrüßt die Neuvermählten mit den Worten: „Möge euer

ferneres Leben ein glückliches sein!“ Hieran schließt sich ein großes

Mahl an, bei dem der Hausherr die Gäste unermüdlich auffordert, tüchtig

den Speisen zuzusprechen. Handelt es sich um ein Hochzeitsmahl eines

vornehmen Hova, dann wird das Fleisch nicht in gewöhnlichen Töpfen

gebraten, sondern nach der Sitte der Vorfahren in Blätter eingewickelt

in Erdlöchern, die mit glühenden Steinen ausgelegt sind, geröstet.

Bei diesem Mahle essen die jungen Eheleute das einzige Mal in ihrem

Leben mit einfachen schwarzen Hornlöffeln aus demselben Napfe oder

nach dem Brauch ihrer Vorfahren auf einem Bananenblatte Reissuppe,

Honig und gerösteten Fisch oder ein Stück Fleisch. Nach Beendigung

desselben spricht der Hausvater noch einen Glück- und Segenswunsch

über sie aus, worauf sie im Zuge, für gewöhnlich in einem Tragsessel,

unter Gesang und Jubel nach dem Hause des Bräutigams sich begeben.

In dem Augenblick, wo die junge Frau das Haus verläßt, setzt sich

ihre Großmutter mit gekreuzten Beinen vor dem Hauspfeiler nieder

und verharrt ohne sich zu rühren so lange, bis sie annimmt, daß das

junge Paar in seinem neuen Heim angelangt ist, oder wenigstens bis

es ihren Blicken entschwunden ist, um, wie man sagt, dadurch die

Beständigkeit in dem neuen Haushalt zu sichern. Bei der Ankunft

geht der Zug dreimal um die kleine Umfriedigungsmauer herum, ebenso

um das Haus und schließlich um den Herd. Diese Zeremonie soll die

jungen Leute an die neue Wohnung fesseln und verhindern, daß sie

sie verlassen. Sodann wird noch einmal in der bereits geschilderten

Weise ein Mahl eingenommen. Bei diesem werden die Neuvermählten zum

Zeichen ihres zukünftigen festen Zusammenlebens noch in einen großen

Lamba aus Seide eingewickelt, dessen Enden man zusammenknotet; der

junge Mann muß diesen Knoten dann lösen, womit er andeuten will,

daß ihm das Recht zusteht, auch den Ehebund zu lösen. Dies ist der

Schluß der Festlichkeit. -- Bei der ärmeren Bevölkerung Madagaskars

gestaltet sich die Hochzeitszeremonie viel einfacher, weist auch einige

Verschiedenheiten von der soeben geschilderten auf. So wurde die junge

Frau beim Verlassen des elterlichen Hauses in früheren Zeiten angespien

oder mit dem Blut des Opfertieres besprengt, um sie zu segnen; jetzt

nimmt man dazu Wasser. Bei den Hirtenstämmen setzt sich die Braut

bei ihrer Hochzeit bescheiden in einen Winkel der Hütte und erwartet

sehnsüchtig, daß der Bräutigam ihr den einen für diesen Zweck besonders

zubereiteten Schenkel eines Huhnes darbiete. Wenn sie diesen und der

Bräutigam den anderen verzehrt hat, gilt die Ehe für geschlossen.

Neben dieser richtigen Ehe kennen die Madagassen noch eine +Zeitehe+;

dieselbe ist bei den Betsimasaraka, den Sakalaven und anderen Stämmen

üblich. Hierbei wird eine bestimmte Zeit von etwa ein bis drei Jahren

mit den Eltern der Braut vereinbart; nach Ablauf dieses Zeitraums hat

letztere das Recht, von ihrem Manne fortzugehen. Will sie die Ehe

verlängern, dann bedarf dies wieder derselben Förmlichkeiten wie das

erste Mal. Wird inzwischen aber ein Kind geboren, dann ist der Ehemann

verpflichtet, die übliche Vodiondry zu geben, und die Ehe gilt fortan

als für die Dauer geschlossen. -- Früher, und verschiedentlich auch

noch bis in die neueste Zeit hinein, nahmen Madagassen, deren Mittel

es erlaubten, sich mehrere Frauen, selbst bis zu fünfzig und mehr.

-- Obwohl die Ehe bei den Madagassen eigentlich eine rein äußerliche

Einrichtung ist, kommt es hin und wieder doch vor, daß tiefergehende,

edlere Neigungen die jungen Leute zusammenführen. Liebestränke,

Talismane, Zauberformeln, um sich die Schöne geneigt zu machen oder

um andererseits einen kühlen Ehemann wieder zu fesseln, sind sehr

verbreitet.

[Illustration:

Phot. James Sibree.

Abb. 424. Gedenkstein für einen verstorbenen Betsileo.

Die Säule ist aus Stein gearbeitet, das Gitterwerk an ihrem oberen

Ende, auf das die Schädel und Hörner der bei der Leichenfeier

dargebrachten Ochsen gesteckt werden, besteht aus Holz.]

Keuschheit ist unter den Madagassen, wie schon gesagt, eine seltene

Tugend; dasselbe gilt von der +ehelichen Treue+. Denn es gibt in

Wirklichkeit wenige Ehen, die dauernd sind. Nur bei einigen Stämmen

gilt Ehebruch für eine schändliche Handlung. Die Antimorona verlangen,

wenn sie von einer Reise zurückgekehrt sind, von ihren Frauen, daß sie

in Gegenwart der Eltern und Freunde einen Eid ablegen, während der

Abwesenheit der Männer die eheliche Treue bewahrt zu haben, und daß sie

sich zur Erhärtung der Wahrheit einem Gottesurteil unterwerfen. Sie

müssen nämlich durch einen Fluß schwimmen, in dem Krokodile hausen:

kommen sie unversehrt hindurch, dann sind sie frei von Schuld; jetzt

erst begrüßt sie der Ehemann und überreicht ihnen die mitgebrachten

Geschenke.

[Illustration:

Phot. A. C. Hollis.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 200 / 254 题