durch Tanz, Gesang und Zechen; hat die Kur Erfolg, so schließt sich ein
Dankfest an sie an.]
Die freien ungesetzlichen Vereinigungen der jungen Leute pflegen
mehrere Monate und selbst ein bis zwei Jahre zu dauern, ehe sie sich
entschließen, die wirkliche Ehe miteinander einzugehen. Finden sie
in dieser Zeit, daß sie nicht zueinander passen, dann gehen sie ruhig
wieder auseinander und beginnen ein neues Zusammenleben mit anderen
Personen. Haben sie aber die Überzeugung gewonnen, daß sie miteinander
glücklich werden, dann zieht das Mädchen wieder in das elterliche Haus
zurück, und der junge Mann macht sich auf die +Werbung+ bei ihrem
Vater. Doch zuvor sendet er eine Anzahl festlich gekleideter junger
Leute, die immer unpaar sein muß, an einem bestimmten Tage, den der
Astrologe als günstig bezeichnet hat, in das Haus seiner Auserwählten.
Der Sprecher zählt zu diesem Zwecke vor den Eltern die wirklichen und
angeblichen Tugenden des Bräutigams sowie seiner Vorfahren auf, spendet
seinen Eltern Lob und rühmt ihre Vermögensverhältnisse, schließlich
teilt er dem Vater mit, daß der Betreffende nicht länger mit seiner
Tochter im Konkubinat leben, sondern mit ihr eine richtige Ehe eingehen
wolle, eine „Frau unter seiner Achsel tragen“, wie der Ausdruck dafür
lautet. -- Bei den Sakalaven, Betsileo und einigen anderen Stämmen
finden sich noch Überreste einer früheren Raubehe.
Wenn die Annahme des Antrages erfolgt ist, dann bespricht man die Natur
und den Wert der Geschenke, die der zukünftige Schwiegersohn seinen
Schwiegereltern und seiner Braut darzubringen hat und die meistens in
Rindern, Schafen, Ziegen, Geflügel, Honig, Rum, Geld, Kleidungsstücken
und so weiter bestehen; ihr Wert hängt von der Vermögenslage des
Werbers ab. Aber immer müssen gewisse Fleischstücke (zum Beispiel eine
Hammelkeule mit daranhängendem Schwanz) als besonderes Angebinde für
das Familienoberhaupt darunter sein. Heutzutage wird diese „Vodiondry“
zumeist mit Geld abgelöst.
[Illustration:
Phot. G. Grandidier.
Abb. 422. Familiengrab der Hova.
Die Toten ruhen in dem Grabe, über dem ein viereckiger Bau aus Steinen
errichtet ist; daneben steht ein geschnitzter Pfeiler, der die Köpfe
der zu Ehren des letzten Verstorbenen geopferten Ochsen trägt, sowie
ein hoher Stein, der zur Erinnerung an Familienmitglieder aufgestellt
wurde, die an anderer Stelle begraben liegen.]
[Illustration:
Phot. W. D. Marcuse.
Abb. 423. Sakalavenfrau in Trauerkleidung,
die man an dem aufgelösten Kopfhaar und am weißen Stoff der im übrigen
schmutzigen Kleidung erkennt. Während der Trauerzeit müssen die
Trauernden auf alle Vergnügungen verzichten.]
Wenn der +Hochzeitstag+ festgesetzt ist, wozu auch wieder der Astrologe
angehört wurde, begeben sich die Leute, die die Braut holen sollen,
ebenfalls in ungerader Zahl, im Zuge nach dem Heim ihrer Eltern,
wo sich die Anverwandten und Gäste bereits eingefunden haben und
ein Festmahl hergerichtet ist. Dann wird vor Zeugen der Ehevertrag
vereinbart, der alle erdenklichen Möglichkeiten berücksichtigt, zum
Beispiel, daß der Ehemann diesen oder jenen Fehler begehen, die Frau
ihre Freiheit wiedererlangen oder Witwe werden, die Eltern bei ihrem
Tode Schulden hinterlassen sollten und anderes mehr. Nachdem von den
Vertretern des Bräutigams die ausbedungenen Geschenke überbracht
worden sind und man Gegengeschenke überreicht hat, gilt die Ehe für
geschlossen. Man begrüßt die Neuvermählten mit den Worten: „Möge euer
ferneres Leben ein glückliches sein!“ Hieran schließt sich ein großes
Mahl an, bei dem der Hausherr die Gäste unermüdlich auffordert, tüchtig
den Speisen zuzusprechen. Handelt es sich um ein Hochzeitsmahl eines
vornehmen Hova, dann wird das Fleisch nicht in gewöhnlichen Töpfen
gebraten, sondern nach der Sitte der Vorfahren in Blätter eingewickelt
in Erdlöchern, die mit glühenden Steinen ausgelegt sind, geröstet.
Bei diesem Mahle essen die jungen Eheleute das einzige Mal in ihrem
Leben mit einfachen schwarzen Hornlöffeln aus demselben Napfe oder
nach dem Brauch ihrer Vorfahren auf einem Bananenblatte Reissuppe,
Honig und gerösteten Fisch oder ein Stück Fleisch. Nach Beendigung
desselben spricht der Hausvater noch einen Glück- und Segenswunsch
über sie aus, worauf sie im Zuge, für gewöhnlich in einem Tragsessel,
unter Gesang und Jubel nach dem Hause des Bräutigams sich begeben.
In dem Augenblick, wo die junge Frau das Haus verläßt, setzt sich
ihre Großmutter mit gekreuzten Beinen vor dem Hauspfeiler nieder
und verharrt ohne sich zu rühren so lange, bis sie annimmt, daß das
junge Paar in seinem neuen Heim angelangt ist, oder wenigstens bis
es ihren Blicken entschwunden ist, um, wie man sagt, dadurch die
Beständigkeit in dem neuen Haushalt zu sichern. Bei der Ankunft
geht der Zug dreimal um die kleine Umfriedigungsmauer herum, ebenso
um das Haus und schließlich um den Herd. Diese Zeremonie soll die
jungen Leute an die neue Wohnung fesseln und verhindern, daß sie
sie verlassen. Sodann wird noch einmal in der bereits geschilderten
Weise ein Mahl eingenommen. Bei diesem werden die Neuvermählten zum
Zeichen ihres zukünftigen festen Zusammenlebens noch in einen großen
Lamba aus Seide eingewickelt, dessen Enden man zusammenknotet; der
junge Mann muß diesen Knoten dann lösen, womit er andeuten will,
daß ihm das Recht zusteht, auch den Ehebund zu lösen. Dies ist der
Schluß der Festlichkeit. -- Bei der ärmeren Bevölkerung Madagaskars
gestaltet sich die Hochzeitszeremonie viel einfacher, weist auch einige
Verschiedenheiten von der soeben geschilderten auf. So wurde die junge
Frau beim Verlassen des elterlichen Hauses in früheren Zeiten angespien
oder mit dem Blut des Opfertieres besprengt, um sie zu segnen; jetzt
nimmt man dazu Wasser. Bei den Hirtenstämmen setzt sich die Braut
bei ihrer Hochzeit bescheiden in einen Winkel der Hütte und erwartet
sehnsüchtig, daß der Bräutigam ihr den einen für diesen Zweck besonders
zubereiteten Schenkel eines Huhnes darbiete. Wenn sie diesen und der
Bräutigam den anderen verzehrt hat, gilt die Ehe für geschlossen.
Neben dieser richtigen Ehe kennen die Madagassen noch eine +Zeitehe+;
dieselbe ist bei den Betsimasaraka, den Sakalaven und anderen Stämmen
üblich. Hierbei wird eine bestimmte Zeit von etwa ein bis drei Jahren
mit den Eltern der Braut vereinbart; nach Ablauf dieses Zeitraums hat
letztere das Recht, von ihrem Manne fortzugehen. Will sie die Ehe
verlängern, dann bedarf dies wieder derselben Förmlichkeiten wie das
erste Mal. Wird inzwischen aber ein Kind geboren, dann ist der Ehemann
verpflichtet, die übliche Vodiondry zu geben, und die Ehe gilt fortan
als für die Dauer geschlossen. -- Früher, und verschiedentlich auch
noch bis in die neueste Zeit hinein, nahmen Madagassen, deren Mittel
es erlaubten, sich mehrere Frauen, selbst bis zu fünfzig und mehr.
-- Obwohl die Ehe bei den Madagassen eigentlich eine rein äußerliche
Einrichtung ist, kommt es hin und wieder doch vor, daß tiefergehende,
edlere Neigungen die jungen Leute zusammenführen. Liebestränke,
Talismane, Zauberformeln, um sich die Schöne geneigt zu machen oder
um andererseits einen kühlen Ehemann wieder zu fesseln, sind sehr
verbreitet.
[Illustration:
Phot. James Sibree.
Abb. 424. Gedenkstein für einen verstorbenen Betsileo.
Die Säule ist aus Stein gearbeitet, das Gitterwerk an ihrem oberen
Ende, auf das die Schädel und Hörner der bei der Leichenfeier
dargebrachten Ochsen gesteckt werden, besteht aus Holz.]
Keuschheit ist unter den Madagassen, wie schon gesagt, eine seltene
Tugend; dasselbe gilt von der +ehelichen Treue+. Denn es gibt in
Wirklichkeit wenige Ehen, die dauernd sind. Nur bei einigen Stämmen
gilt Ehebruch für eine schändliche Handlung. Die Antimorona verlangen,
wenn sie von einer Reise zurückgekehrt sind, von ihren Frauen, daß sie
in Gegenwart der Eltern und Freunde einen Eid ablegen, während der
Abwesenheit der Männer die eheliche Treue bewahrt zu haben, und daß sie
sich zur Erhärtung der Wahrheit einem Gottesurteil unterwerfen. Sie
müssen nämlich durch einen Fluß schwimmen, in dem Krokodile hausen:
kommen sie unversehrt hindurch, dann sind sie frei von Schuld; jetzt
erst begrüßt sie der Ehemann und überreicht ihnen die mitgebrachten
Geschenke.
[Illustration:
Phot. A. C. Hollis.