Die übrige Bevölkerung Madagaskars, die sogenannten +Madagassen+
(Abb. 410), kann man als eine Mischbevölkerung ansehen, die aus einer
Kreuzung jener beiden Grundelemente hervorgegangen ist und in ihrem
Äußeren bald mehr den einen, bald mehr den anderen Zug verrät. Es haben
zu ihrer Zusammensetzung auch noch weitere Rassenelemente beigetragen,
die, teils freiwillig, teils durch Schiffbruch verschlagen, die Insel
besiedelten; es zählen zu diesen vor allem Araber, ferner Perser und
Inder, vielleicht auch Chinesen und Japaner, und seit den letzten
Jahrhunderten auch die Weißen. Die Madagassen weisen eine Unzahl von
Stämmen auf, als deren wichtigste die Betsimasaraka (Abb. 412), die
Tanala, Bara und andere zu nennen sind.
Die Grundverschiedenheit in der Abstammung der Hova und Sakalaven
kommt auch in ihrer Kleidung, ihren Wohnungen (Abb. 408 und 409) und
in ihren sonstigen Gepflogenheiten zum Ausdruck. Die +Nationaltracht+
der Madagassen ist der Lamba (Abb. 410 und 411), ein großes Stück
Zeug, entweder aus weißer Baumwolle oder aus leuchtend bunter Seide
hergestellt, das als Überwurf getragen wird. Die Betsimasaraka tragen
oft eine Tunika aus Raphiafasern, ihre Frauen außerdem noch eine
kurze Jacke, die nur die Schultern, die Arme und den oberen Teil der
Brust bedeckt, aber die Bauchgegend freiläßt, ähnlich wie die Tracht
der Indierinnen. In den südöstlichen Provinzen haben manche Stämme
noch ihre althergebrachten Mattentrachten aus Schilf in Gebrauch, ein
röhrenähnliches Gewand, in das man hineinsteigen muß; es wird um die
Hüften mit einem Gürtel zusammengehalten.
[Illustration:
Phot. G. Grandidier.
Abb. 410. Madagassenfrau mit ihrem Kinde auf dem Rücken,
das sie bei ihren Arbeiten auf dem Felde oder zu Hause in ihren Lamba
gehüllt stets mit sich schleppt.]
+Schmuck+ ist besonders bei den dunklen Stämmen sehr beliebt und
recht abwechslungsreich. Er besteht in möglichst vielen Ketten aus
Korallen-, Glas- oder Silberperlen, Armbändern und Ringen aus Metall,
großen Ohrringen und Stiften in den Nasenflügeln. Eine große Vorliebe
zeigen die Hova- und Sakalavenfrauen für das Aufsetzen kleiner
Schönheitstüpfelchen (bei den einen in schwarzer, bei den anderen in
weißer oder gelber Farbe) auf die Haut des Gesichtes. Besonders pflegen
alle Madagassenfrauen ihr Kopfhaar; bei Trauer wird es stark zerzaust
und aufgebauscht (Abb. 423). -- +Tatauierung+ kommt nur noch selten vor.
[Illustration:
Phot. G. Grandidier.
Abb. 411. Eingeborenentanz zu Tananarivo.
Von den mit dem Nationalgewand (Lamba) bekleideten und mit Blumen
geschmückten Mädchen tanzen die größeren einen Kindertanz; die jüngeren
begleiten sie mit taktmäßigem Händeklatschen.]
Die +Religion+ der Hova, wie der Madagassen überhaupt, ist offiziell
das Christentum, aber in Wirklichkeit zeigen sie sich religiös
gleichgültig und neigen eher zu ihrem alten animistischen Aberglauben.
Sie erkennen ein höchstes Wesen, Sanahary, das heißt den allgemeinen
Schöpfer, an, den sie aber, da er seinem Wesen nach gut ist und
dementsprechend im allgemeinen kein Unglück verhängt, in ihrem Kult
ziemlich vernachlässigen. Dagegen sind die Geister der Ahnen Gegenstand
der größten Verehrung, zumal sie außerordentliche Furcht einflößen.
Man glaubt nämlich an ihre absolute Macht, Gutes und Böses über die
Lebenden zu verhängen, denen sie sogar von Zeit zu Zeit einen Besuch
abstatten. Das geht selbst so weit, daß man annimmt, ein verstorbener
Mann könne nachts seiner Ehefrau beiwohnen, weswegen auch lange
nach seinem Tode geborene Kinder als legitim anerkannt werden. Die
Ahnengeister erhalten Opfergaben, gewöhnlich ein Stück Rindfleisch und
etwas Rum, das man zu ihrem Grabe bringt, wenn man ihre Gunst gewinnen
will. Die Madagassen glauben auch an die Unsterblichkeit der Seele,
nehmen aber an, daß diese nicht ohne weiteres zum Himmel aufsteige,
sondern zuvor noch eine Reihe Wanderungen durch teils wirkliche,
teils eingebildete tierische Wesen durchzumachen habe, die der Mensch
sich bis zu einem gewissen Grade aussuchen könne. Am meisten ist der
Aberglaube verbreitet, daß die Seele des Toten sich zuerst in ein
Kokolampy verwandle, ein Fabeltier mit langen Haaren, das in düsteren
Wäldern umherirre, um die Gräber schleiche, sich von Krabben nähre und
am Tage in Höhlen hause, nachts aber unheimliche Laute von sich gebe.
Sobald man diese Töne hört, wagt sich niemand allein des Nachts in den
Wald, in den Häusern stockt die Unterhaltung, kurz, es herrscht große
Furcht. Wenn das Kokolampy stirbt, geht die Seele in den Körper eines
dicken Nachtschmetterlings, den Voangoamba, über, dem zu begegnen den
bevorstehenden Tod eines Familiengliedes anzeigt, sodann in ein
Chamäleon, weiter in ein Insekt, namens Angalatsaka, und schließlich
in eine Ameise, nach deren Tod sie sich erst befreit und in den Himmel
eingeht.
[Illustration:
Phot. G. Grandidier.
Abb. 412. Wasserträger der Betsimasaraka.
Als Wasserbehälter dienen mächtige Bambusrohre, die das heiße, feuchte
Klima prächtig gedeihen ließ.]
Unter den Sakalaven ist der +Steinkultus+ noch sehr verbreitet, der
offenbar mit alten religiösen Vorstellungen zusammenhängt. So begegnet
man öfters großen Steinhaufen, die von Goldsuchern zusammengetragen
wurden und von ihnen, unter Darbringung von Honig als Opfergabe, um
Hilfe bei ihrem Gewerbe angefleht werden. An anderen Orten trifft man
auf zwei einzelne große Steine, deren einer nach Norden, der andere
nach Süden zeigt, die von Frauen, die Mütter werden wollen, angebetet
und mit Honig und Fett eingerieben werden; wer sich einen Knaben
wünscht, wendet sich an den südlichen, wer ein Mädchen haben möchte,
an den nördlichen Stein. Andere Steine werden angegangen, um eine
Zunahme des Besitztums, eine Vermehrung der Herden, Fruchtbarkeit für
die Aussaat und ähnliches mehr zu erflehen. Es gibt auch Steinbauten
in Form von Dolmen; auf sie gießen die Tanala, bevor sie ihre Toten
begraben, die von diesen ausgeschiedene Flüssigkeit aus und richten
Gebete und Danksagungen an die Seelen der Vorfahren. Daher findet man
auf ihnen auch stets Bananenblätter mit Reis und einen Bambusbehälter
mit Honig oder Rum.
[Illustration:
Phot. G. Grandidier.
Abb. 413. Madagassische Zauberer weissagen mittels Getreidekörnern,
die sie auf einer Matte in sechzehn Häuschen hinlegen, darauf Figuren
aus ihnen bilden und deren Bedeutung dann auslegen.]
Der Madagasse unternimmt nichts Wichtiges, ohne daß er einen +Zauberer+
zu Rate zieht. Dieser breitet eine Handvoll Getreide oder eine Anzahl
Samen nach gewissen Regeln auf einer Matte aus und bildet aus ihnen
sechzehn Figuren, deren Bedeutung er nach einem bestimmten Gesetz
auslegt (Abb. 413). Überhaupt sind die Zauberer, die bald Mpanazary,
bald Ombissa, Mpisikidy oder Masina und so weiter heißen, auf der
ganzen Insel sehr wichtige Persönlichkeiten. Sie stehen in dem Rufe,
nicht nur wahrsagen und Kranke heilen zu können, sondern auch die Macht
zu besitzen, das Ody, einen Talisman, anzufertigen, der gewöhnlich aus
kleinen Stücken geschnitzten Holzes, den Enden von Ochsenhörnern, die
mit Glasperlen verziert sind, und Krokodilzähnen besteht. Die Hörner
und Zähne werden mit Sand oder Erde, auch mit verschiedenen kleinen
Gegenständen, wie vergoldeten Nägeln, Eisenabfällen und anderem mehr
angefüllt. Nachdem der Zauberer Gott angerufen und das Zaubermittel
noch mit Rinderfett eingerieben hat, händigt er es gegen Barzahlung
seinem Kunden aus, der es nun beständig um den Hals trägt und fortan
überzeugt ist, daß er bei allen seinen Unternehmungen vom Glück
begünstigt sein werde. So zum Beispiel wird er überall Gegenliebe
finden, gegen Kugeln sowie gegen Krokodilbisse gefeit sein, bei
Diebstählen unentdeckt bleiben und auch in allen übrigen Dingen stets
Erfolge zu verzeichnen haben. -- Mit diesen Zaubermitteln und Fetischen
ist fast stets ein +Fady+ verknüpft, das heißt ein Verbot bestimmten
Handlungen oder bestimmten Fleischsorten gegenüber. Bei Nichtbefolgung
dieses Fady verliert der Ody seine sämtlichen Tugenden und büßt seine
Kraft ein. Dieser Brauch des Fady, der über ganz Madagaskar verbreitet
ist, erinnert sehr an das Tabu in Ozeanien.
Die früher üblichen +Gottesurteile+ sind jetzt mehr in Wegfall
gekommen, aber bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein wandte
die einheimische Regierung zur Ermittlung eines Verbrechens noch die
Tangenprobe an, so benannt nach der je nach der genossenen Menge mehr
oder weniger giftigen Frucht des Tangenbaumes (~Tanginia venenifera~),
die der Verdächtigte essen mußte; übergab er sich nach ihrem Genuß,
dann galt seine Unschuld für erwiesen. Andere Ordalien sind jetzt noch
in Gebrauch (siehe unten).
[Illustration:
Phot. W. D. Marcuse.