Die ersten Schritte zur +Verlobung+ werden meistens von den jungen
Männern unternommen; nur bei den Kaffern kommt es manchmal vor, daß
die Angehörigen des Mädchens die Angelegenheit in die Wege leiten.
Man pflegt meistens durch Vermittler vorsichtig auszukundschaften,
ob Aussicht auf Heirat besteht, natürlich unter Darbringung von
Geschenken. Erst wenn die Bereitwilligkeit bekannt geworden ist,
werden direkte Verhandlungen angeknüpft, die sich in erster Linie
um die Festsetzung des Brautpreises drehen, wobei nach Möglichkeit
geschachert wird. Mitunter werden sehr weitschweifige Zeremonien bei
der Werbung beobachtet. Bei den Basuto macht der Vater des Jünglings
dem Vater der von diesem Auserwählten einen Besuch -- nebenbei bemerkt
sind einzelne Stämme sehr förmlich bei ihrer Begrüßung (Abb. 406) --,
spricht zunächst über gleichgültige Sachen und kommt dann mit seinem
Anliegen heraus, das er in die Worte kleidet: „Ich bin gekommen, ein
Hündchen von euch zu erbitten.“ Nach langer Pause und scheinbar langem
Nachdenken erwidert der Angeredete: „Wir sind arm, wir haben kein Vieh;
hast du Vieh?“ Darauf beginnt der Werbende über die schlechten Zeiten
zu klagen und erreicht schließlich nach langem Feilschen eine Einigung
über den Kaufpreis in Vieh, womit er seine Aufgabe erfüllt hat. Darauf
wird ein zweiter Bote in den Kral des Mädchens entsandt, der sich mit
den Worten einfindet: „Ich bin gekommen, um Schnupftabak zu erbitten.“
Die alten Frauen füllen ihm reichlich davon in eine Kalabasse und
übersenden sie dem Bräutigam. Zu Hause wird von diesem die ganze Sippe
versammelt, der Mann der ältesten Schwester des Bräutigams öffnet die
Schnupftabaksdose, und jeder der Anwesenden nimmt daraus unter großer
Feierlichkeit. Am nächsten Tage wird die Dose nebst Angeld an Kleinvieh
in den Kral des Mädchens zurückgesandt; dieses umwickelt sie zierlich
mit Perlengewinden und trägt sie, beständig oder doch bei feierlichen
Anlässen, um den Hals. Damit will es andeuten, daß es fortan Braut ist.
Erst wenn die junge Frau ihr erstes Kind geboren hat, legt sie die Dose
ab, nimmt die Perlenschnüre herunter und legt diese ihrem Kinde um. Die
Verlobung wird festlich gefeiert und mit viel Bier begossen. Den Rest
des Brautpreises bringt der Bräutigam später persönlich, allerdings
nicht auf einmal, sondern in Raten. Die Heimführung der Braut erfolgt
aber erst, wenn alles bezahlt worden ist.
[Illustration:
Phot. P. M. Clarke.
Abb. 406. Begrüßung bei den Barotse,
die bei ihnen sehr förmlich ausfällt. Man kniet nieder und küßt
einander die Hände, wiegt den Körper von einer Seite zur andern und
überhäuft sich mit Worten der Bewillkommnung.]
Bei der +Hochzeit+ der Bantu (Abb. 404) finden ganz verschiedene
Zeremonien statt; sie dehnen sich bei den Awenda oft über einen Monat
und länger aus. Ehe sie nicht abgeschlossen sind, dürfen Braut und
Bräutigam nicht als Mann und Frau zusammenleben. -- Ein Brauch, der
sich bisher nicht hat ausrotten lassen, ist das +Eheversprechen unter
Kindern+ im zartesten Alter. -- Die +Vielehe+ ist unter den Bantu
erlaubt und wird auch vom Gesetz anerkannt, erfährt aber meist durch
die Armut des Bräutigams Einschränkung. Wo die Mittel dagegen vorhanden
sind, kann sich der Ehemann so viel Frauen kaufen, als ihm beliebt.
Der Brautpreis besteht, wie schon erwähnt, in Vieh. Die Weiber eines
Mannes vertragen sich im allgemeinen gut miteinander, weil sie meistens
eine eigene Hütte haben und eigene Wirtschaft führen. Der Mann haust
zeitweilig in dem einen Haushalt, dann wieder in einem anderen; die
Frauen sind jedoch verpflichtet, ihm täglich Speisen zu bereiten und
sie ihm dorthin zu bringen, wo er sich gerade aufhält. Unter den
Kaffernfrauen sollen +Duelle+ nichts Seltenes sein und mit Händen,
Füßen, Nägeln und Zähnen ausgefochten werden.
+Ehescheidung+ kommt häufig vor und ist für gewöhnlich mit einer
Rückgabe des Kaufpreises verbunden. Der Mann kann seine Frau ohne
Gründe verstoßen, geht dann aber dieser Rückgabe verlustig. +Ehebruch+
wird von den Angoni stets mit dem Tode geahndet; der Verführer wird in
Gegenwart der ehebrecherischen Frau mit einer Keule erschlagen, sie
selbst an einen Baum gebunden und mit einem Strick erdrosselt. Den
Angehörigen der Schuldigen ist es verboten, diesen ein zeremonielles
Begräbnis zu bereiten. -- Die Awenda heiraten, wenn ihre Frau stirbt,
deren Schwester oder nächste Verwandte; sind diese aber noch zu jung,
um zu heiraten, dann muß der Vater eine entsprechende Vertreterin
stellen, bis sie herangewachsen sind. Bei den Matabele nehmen die
Brüder des Verstorbenen die Witwe zur Frau; bei den Maschona erben oft
die Söhne des Vaters Witwen, ausgenommen die eigene Mutter.
Nach dem Bekanntwerden eines +Todesfalles+ kommen die Verwandten
sofort zusammen, und die Frauen heulen laut; bei den Barotse wird
meistens durch Schießen ein großer Lärm gemacht. Der Tote wird in
Felle oder Rindenstoffe, auch in wollene Decken eingehüllt und in
hockender Stellung mit seinen Waffen und seinem persönlichen Besitz
in der Erde beigesetzt. Verbrennung kommt unter den Bantustämmen
nirgends vor, dagegen wird die Leiche vereinzelt im Busch ausgesetzt
oder ins Wasser geworfen. In diesen Fällen handelt es sich aber nur
um Sklaven, Stammesfremde oder um Leute, die keine Angehörigen mehr
haben. Besondere Begräbnisstätten gibt es nicht; zumeist wird der
Verstorbene in der Hütte selbst begraben und diese dann entweder
gänzlich aufgegeben oder ruhig weiter bewohnt. Die Kaffern begraben
ihre Häuptlinge im Kral. Die Awenda beten zu den Verstorbenen und
versprechen, ihnen Bier zum Grabe zu bringen und für die Kinder zu
sorgen. Bevor das Grab zugeschaufelt wird, schneidet der nächste
Verwandte in die Decke, welche die Leiche umhüllt, ein Loch, gerade
über dem Ohr, damit der Tote den großen Geist reden höre.
Bei den Basuto werden nach der Beerdigung die schon vorher
abgeschnittenen Enden des Kuhfelles, in das man den Toten gehüllt
hatte, zu kleinen Riemen zurechtgeschnitten und der Witwe zum Zeichen
der Trauer als Band um die Stirn gebunden. Bei den Angoni legt die
Witwe gleichfalls einen Trauerschmuck in Gestalt einer Binde um die
Stirn an und trägt ihn ein halbes oder auch ein ganzes Jahr. Nach
dieser Trauerzeit ruft sie ihre Verwandten und Bekannten zusammen,
entledigt sich feierlich des Trauerabzeichens, verbrennt es über dem
Feuer und schüttet die Asche in einen Fluß, in dessen Nähe die Handlung
vor sich geht. Nachdem sie auch noch die Feuerstätte gereinigt hat,
um das Andenken an den Verstorbenen damit gänzlich auszulöschen,
kehren alle Teilnehmer in die Hütte zurück und halten zum Schluß ein
festliches Gelage ab. Fortan darf die Witwe wieder heiraten.
[Illustration:
Phot. P. M. Clarke.
Abb. 407. Ein Barotsetänzer.
Man pflegt hauptsächlich nach den Tönen der Serimba zu tanzen, einer
Reihe von Kalabassen, in deren jeder eine Zunge aus Holz angebracht
ist. Die Masken haben hier keine religiöse Bedeutung, sondern sollen
nur die betreffende Person unkenntlich machen.]
[Illustration:
Phot. G. Grandidier.
Abb. 408. Häuser der Antanosy.
Im Vordergrunde sind Frauen beschäftigt, in einem Steinmörser Reis zu
stampfen; hinter ihnen ein Kornspeicher, den man auf Pfähle gesetzt
hat, um den Ratten den Zugang zu erschweren.]
Madagaskar.
Die Bevölkerung der Südafrika im Osten vorgelagerten Insel Madagaskar
setzt sich aus verschiedenfarbigen Völkerelementen zusammen, deren
Grundbestandteile ein interessantes Rassenproblem abgeben. In der
Hauptsache scheinen es zwei Rassen gewesen zu sein, die zu ihrer
Zusammensetzung beigetragen haben; die reinsten Vertreter der einen
sind die Hova, die der anderen die Sakalaven; die Mischungsprodukte
zwischen beiden sind die übrigen überaus zahlreichen Stämme, die die
Franzosen unter dem Sammelnamen der Madagassen zusammenfassen.
Die +Hova+, ursprünglich ein kleiner Stamm, der das Hochland von
Imerina in Besitz nahm, haben es vermöge ihrer hohen Intelligenz und
guten Beanlagung verstanden, bis die Franzosen sich zu Herren der
Insel aufwarfen, die Führung über die übrigen Stämme zu behaupten;
sie bilden auch jetzt noch die Oberschicht. Wie ihr Äußeres, ihre
Geschichte, Sprache und ethnologischen Verhältnisse deutlich verraten,
sind die Hova malaio-polynesischen Ursprungs und wanderten vor etwa
achthundert bis tausend Jahren, mutmaßlich von den Großen Sundainseln
her, ein; bekanntlich sind ja diese Völker in der Schiffahrt von jeher
gut bewandert gewesen. Ihr Typus ähnelt in der Tat dem der Javanen;
kleiner Wuchs, olivgelbe Hautfarbe, üppiges straffes oder leicht
gelocktes schwarzes Haar, rundlicher Kopf, kleine, öfter schiefstehende
Augen, flaches Gesicht, vorstehende Backenknochen, vorstehende gerade
Nase und etwas dicke Lippen sind seine hauptsächlichen Kennzeichen.
Weniger rein schon erscheint dieser malaiische Typus bei den südlich
von den Hova wohnenden Betsileo. Die Hova bildeten früher einen
Feudalstaat und zerfielen in drei Klassen: die Adligen (Andriana), die
Freien (eigentlichen Hova) und die Sklaven (Andevo). -- Das gerade
Gegenteil der Hova sind die +Sakalaven+, ein Volk von tiefdunkler
Hautfarbe und negerartigem Aussehen (wolligem Haar, länglichem Schädel,
vorspringendem Gesicht und so weiter). Es liegt bei der Nähe Südafrikas
die Vermutung nahe, daß sie von dort hergekommen sein mögen, aber ein
derartiger Ursprung der Sakalaven wird aus gewichtigen Gründen --
vor allem sind die Bantu durchaus keine Seefahrer -- von zuständigen
Kennern der Verhältnisse in Abrede gestellt. Es mag ja möglich sein,
daß an der Zusammensetzung der dunklen Völker Madagaskars auch
Bantuneger sich beteiligt haben, aber diese kamen nicht von selbst über
die Meerenge von Mozambique, sondern wurden von den Arabern als Sklaven
eingeführt. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, daß es sich bei den
Sakalaven um Reste einer Urbevölkerung handelt, die zur afrikanischen
Grundrasse gehörte, also den Negritos verwandt gewesen sein wird.
Südafrika, Madagaskar, Südindien, die Sundainseln und so weiter
bildeten ursprünglich ein zusammenhängendes Festland, das von eben
dieser Rasse bewohnt gewesen sein muß; erst später hat dieses Festland
seine heutige Gliederung erfahren.
[Illustration:
Phot. G. Grandidier.