Abb. 396. Zulugigerl.]

Die +Stellung der Frau+ und auch schon des Mädchens ist bei den

Hottentotten eine verhältnismäßig angesehene. Eine besonders hohe

Achtung genießt die älteste Tochter innerhalb der Familie; Beweis

dafür ist unter anderem die für jeden Mann bindende Versicherung: „So

wahr meine Schwester lebt.“ Es darf daher nicht wundernehmen, wenn wir

hören, daß das Hottentottenmädchen seinen Lebensgefährten selbst wählt.

Bei der +Hochzeit+ geht es hoch her. Der Vater schlachtet ein Rind, es

muß dies aber ein tragendes weibliches Tier sein, damit die Ehe auch

fruchtbar werde. Auch unfruchtbare Weiber essen davon, um in gesegnete

Umstände zu kommen. -- Früher war Polygamie erlaubt, heutzutage hat das

Christentum damit aufgeräumt.

[Illustration: Abb. 397. Zulumädchen (Natal).]

Bei +Krankheitsfällen+ versammeln sich die nächsten Angehörigen

um den Kranken und beginnen durch Schreien, Heulen, Klatschen und

Stampfen einen Heidenlärm zu machen. Nützt dies nichts und hat es

den Anschein, daß es mit dem Kranken zu Ende gehe, dann rütteln und

schütteln sie den Sterbenden unter lautem Geschrei und reden ihm mit

schmeichelnden Worten zu, noch länger unter ihnen zu verweilen. Hat

der Kranke unter solchem Lärm sein Leben ausgehaucht, so versucht

man noch einmal, ihn auf dieselbe Weise zurückzurufen, und macht

ihm gleichzeitig wegen seines Dahinscheidens schwere Vorwürfe. Hat

auch dies keinen Erfolg mehr, dann nehmen das Wehklagen der Frauen

und der Lärm noch zu. Früher schlachtete der Sohn des Verstorbenen,

sobald es wieder ruhig geworden war, einen Bock und bestrich mit

dessen Blute die Leiche. Darauf brachte man sie in Hockerstellung,

das heißt man legte sie so, daß ihre Knie an den Bauch, die Ellbogen

auf die Knie und die Arme über die Brust gekreuzt zu liegen kamen,

band sie mit Lederriemen fest und wickelte sie in den Karoß, den der

Verstorbene bei Lebzeiten getragen hatte, oder auch in Felle oder

Matten. Heutzutage wird die Leiche einfach von den Weibern gewaschen

und ausgestreckt in Felle eingenäht, darauf von drei bis vier Trägern

nach dem Grabe außerhalb der Werft geschleppt; die Leiche darf die

Hütte aber niemals durch die Tür, sondern nur durch ein zu diesem

Zweck durch Wegnahme einer Matte hergestelltes Loch in der Wand

verlassen. Die Beerdigung findet möglichst bald nach dem Tode statt.

Alle Männer und Weiber, die während der Vorbereitungen sich vor der

Hütte versammelt und in zwei Kreisen niedergehockt haben, rufen in

einem fort Bo-Bo, das heißt Vater, und folgen sodann unter vielem

Lärm in zwei ebenfalls nach Geschlechtern getrennten Gruppen der

Leiche. Diese wird zusammen mit den Habseligkeiten des Verstorbenen

ohne besondere Zeremonie in einer bald flacheren, bald tieferen Grube

beerdigt. Auf das zugeschaufelte Grab wirft man aus den uns bereits

bekannt gewordenen Gründen Steine; Vorübergehende pflegen einen neuen

Stein hinzuzufügen, so daß schließlich unter Umständen große Haufen

entstehen. Nach Beendigung dieser Zeremonie kehren alle Teilnehmer

nach dem Dorfe zurück, wobei sie noch einmal den Verstorbenen laut

mit Namen rufen; zu Hause setzen sie sich vor seiner Hütte in zwei

Kreisen nieder und klagen stunden-, selbst tagelang. Früher gingen

nach Beendigung dieser Klagen der Dorfälteste oder zwei alte Leute in

beiden Kreisen herum und bespritzten alle Sitzenden mit ihrem Urin,

holten sodann von dem Herde in der Hütte, die sie durch das für den

Toten gebrochene Loch verließen, eine Handvoll Asche und bestreuten

die draußen Sitzenden damit. Diese rieben sich zunächst mit der Asche

ein, schrieen wiederum und beschmierten sich sodann noch mit Kuhmist,

den die nächsten Anverwandten aus dem Viehkral herbeiholten. Offenbar

sollten diese Handlungen zur Reinigung dienen, da allem, was mit

den Körperausscheidungen zusammenhängt (Urin, Mist), eine besondere

Zauberwirkung zugeschrieben wird. Am nächsten Tage packten die Bewohner

des ganzen Dorfes ihre Habe zusammen, brachen ihre Häuser ab -- das

des Verstorbenen ließen sie stehen, nahmen auch nichts von ihm mit aus

Furcht vor seinem Geiste -- und zogen von dannen. Ehe man auseinander

ging, schlachtete der Erbe noch ein Schaf zu einem Abschiedsschmaus. --

Eigenartig sind die +Trauer+abzeichen bei den Hottentotten. Das Netz

des von den Erben geschlachteten Tieres wurde dem Ehegatten oder, falls

dieser tot war, dessen ältestem Sohn überlassen, der es zu einem Strick

drehte und sich um den Hals band, wo es so lange hängen blieb, bis

es von selbst abfiel. Auch Trauerfrisuren werden getragen, besonders

von den ärmeren Leuten, die sich kein Schlachttier leisten können.

Sie lassen sich das Haar so scheren, daß mitten auf dem Wirbel eine

Platte und rund um den Kopf lauter schmale Streifen stehen bleiben.

Sogar Körperverstümmlungen scheinen früher üblich gewesen zu sein;

es wird berichtet, daß Freunde und Anverwandte sich ein Fingerglied

gleichsam als Opfer für den Verstorbenen weghauen ließen und es ihm in

das Grab nachwarfen; von anderer Seite wird wieder erzählt, daß nur

die Witwe sich dieser Verstümmlung unterzogen habe, weil sie dadurch

in den Augen der Hottentotten gleichsam wieder jungfräulich werde. Man

konnte dann aus der Zahl der fehlenden ersten Fingerglieder an einer

Frau sogleich erkennen, wie oft sie schon verheiratet gewesen war. --

Daß die Hottentotten an ein +Fortleben nach dem Tode+ glaubten, dafür

dürfen wir den Beweis in ihren Begräbnisgebräuchen erblicken; aber wie

sie sich dieses vorstellten, darüber fehlen uns nähere Angaben.

[Illustration:

Phot. R. Thiele.

Abb. 398. Kaffernfrauen in Festtracht,

die ihre große Vorliebe für allerlei Schmuck verrät.]

Mehrfach ist beobachtet worden, daß man alte Leute, die sich nicht

mehr ernähren konnten und ihren Angehörigen zur Last fielen, einfach

aussetzte und ihrem Schicksal, das heißt der Tötung durch wilde Tiere,

überließ; sie ertrugen dies als etwas ganz Selbstverständliches.

[Illustration:

Phot. Britische Südafrika-Gesellschaft.

Abb. 399. Eingeborener Schmied aus Rhodesia beim Anlegen von Fußringen.

Der Beruf eines Schmiedes gilt als besonders wichtig, da er die

mannigfaltigen Messing- und Kupferzieraten anzufertigen hat, mit denen

sich die Frauen so gern schmücken. Im Vordergrund erblickt man eine

Zimba, ein Musikinstrument, das aus dünnen, auf einem Brett befestigten

Stahlstreifen von verschiedener Länge besteht.]

Das dritte einheimische Rassenelement in Südafrika bilden die

+Bantuneger+, die die östlichen Landstrecken vom großen Fischfluß an

bis zum Tanganjikasee hinauf einnehmen. Sie sind offenbar von Norden

her zu verschiedenen Zeiten hierhin vorgedrungen und haben selbst

Ausläufer nach Westen in das Gebiet der Buschleute und Hottentotten

geschickt, die Herero und Ovambo (Abb. 389).

Von den uns hier beschäftigenden südafrikanischen Bantu nehmen die

größte Verbreitung die +Kaffern+ ein mit ihren Unterstämmen der Xosa,

Pondo, Tembu, Zulu, Swasi und anderen. Die wichtigste Gruppe hiervon

sind zweifelsohne die Zulu, insofern sie den Europäern am meisten zu

schaffen gemacht haben. Westlich von den Kaffern sitzen die ihnen

stammverwandten +Betschuanen+, die weniger kriegerisch als sie sind,

sondern sich mehr den Künsten des Friedens widmen. Auch sie zerfallen

in eine Reihe Untervölker, deren wichtigstes die +Basuto+ (Abb. 391)

sind. Zu ihnen wiederum stehen in nahem verwandtschaftlichen Verhältnis

die das Hochland zwischen Limpopo und Sambesi bewohnenden +Baronga+,

+Makalaka+ und +Maschona+. Die nördlichste Gruppe der südafrikanischen

Bantu sind die +Barotse+ und +Mambunda+, am Sambesibogen, sowie die

berüchtigten +Angoni+ (Abb. 395) am Tanganjikasee, der nördlichste

Zweig der Zulu überhaupt, die bis heute ihre alten Stammessitten wohl

noch am reinsten bewahrt haben dürften.

[Illustration: Abb. 400. Tochter eines Zuluhäuptlings.

Das Haar wird von den Zulu kegelförmig in die Höhe frisiert und mit

einem Metallband unten zusammengehalten.]

Die südafrikanischen Bantu, mit Ausnahme der Herero, betreiben durchweg

+Ackerbau+, und zwar in der Form des Hackbaus. Sofern nicht die

Europäer den Pflug eingeführt haben, ist sein Gebrauch ihnen unbekannt.

Die wichtigsten Kulturpflanzen sind die Getreidearten, vor allem Hirse

in drei verschiedenen Sorten, sowie Mais und auch Reis. Das Getreide

wird in großen Mörsern zerquetscht oder auch auf steinernen Handmühlen

zermahlen und zumeist in Breiform genossen. Neben Ackerbau wird auch

Viehzucht betrieben, von dem einen Stamm mehr, von dem anderen weniger.

Die Stelle der Lasttiere wird vielfach von Frauen und Mädchen vertreten

(Abb. 392). Schließlich trägt auch die Jagd zum Lebensunterhalt der

Bantu bei, wenngleich nur in beschränktem Maße. In der Auswahl

der Speisen sind sie nicht wählerisch; an vielen Speisen, die uns

geradezu Ekel erregen würden, empfinden sie Genuß. So sind geröstete

Heuschrecken, Raupen, Würmer und Termiten wirkliche Delikatessen für

die Neger; auch verfaultes Fleisch verzehren sie mit Vergnügen. Die

Basuto waren früher Menschenfresser.

[Illustration:

Phot. H. H. Johnston.

Abb. 401. Zulufrauen beim Frisieren,

wobei sie sich gegenseitig helfen. Bemerkenswert ist die

Mannigfaltigkeit ihres Schmuckes und die charakteristische

Narbenverzierung auf dem rechten Arm der einen Frau.]

Die +Hütten+ der südafrikanischen Bantuneger weisen verschiedene

Formen auf. Am verbreitetsten ist die kegeldachförmige Rundhütte.

Es werden Stangen im Kreise in die Erde gesteckt und über sie ein

fertiges kegelförmiges, aus Matten hergestelltes Dach gesetzt.

Zwischen den Stangen werden Ruten wie in einem Geflecht durchgeführt

und die so entstehenden Wände mit Gras behängt. Eine andere Form ist

die Bienenkorbhütte (Abb. 390). Auch hier werden Stangen kreisförmig

in die Erde gestoßen, aber an ihrem oberen Ende zusammengebunden,

dieses Gerüst wird darauf ebenfalls durch dazwischen geflochtene Ruten

verstärkt und mit Gras bedeckt. Eine dritte Form endlich gleicht

unserer fensterlosen Scheune. Zu ihrer Herstellung werden Pfähle

in Rechteckform in die Erde gerammt und durch Querlatten zu einem

Gitterwerk verbunden, das man mit Palmblattmatten bekleidet. Auf diesen

Unterbau wird dann ein auf mehreren in der Mitte des Raumes stehenden

Pfählen ruhendes Satteldach gebaut, das gleichfalls eine Bedeckung

durch Matten erhält.

Die +Kleidung+ der Bantu hängt von dem Grade ihrer Kultur

beziehungsweise der Stärke des europäischen Einflusses ab. Unter den

ursprünglichen Verhältnissen pflegen Männer und Frauen fast nackt

zu gehen oder sich nur eine Hüftschnur oder einen Lendenschurz (Abb.

391 und 397) umzulegen; andere Stämme wieder tragen Hüfttücher aus

Baumrindenstoff oder Felle. Eine Ausnahme macht die Kleidung der

Hererofrauen (Abb. 394), die ganz einzig dasteht. Sie tragen außer

einem Lendenschurz und einem langen Mantel aus dem gleichen Stoffe, der

überdies mit eisernen Perlen in verschiedenen Mustern besetzt ist, noch

eine Art Korsett, das aus einer Anzahl Riemen mit runden, durchbohrten

Scheibchen aus Straußeneierschalen hergestellt ist, und eine durch

aufrecht stehende Ohren und einen tief in den Nacken herabhängenden

eisernen Perlenbehang gekennzeichneten Kopfputz aus Leder.

Die Vorliebe für +Schmuck+ ist bei beiden Geschlechtern sehr

verbreitet, und die Art, wie man sich ausputzt, sehr mannigfaltig (Abb.

393, 395 und 396). Die Männer legen großen Wert auf einen mächtigen

Kopfputz in Gestalt bunter Federn oder Felle, desgleichen auf einen

Körperbehang aus Fellen (Abb. 393 und 395), während die Weiber mehr

Neigung für Perlenschmuck bekunden: dicke Schnüre beziehungsweise

Wülste oder Behänge aus bunten aus Europa bezogenen Perlen, die

in geschmackvollen Mustern angeordnet sind; an allen möglichen

Körperstellen, von der Stirn herab bis zu den Füßen, wird solcher

Schmuck angebracht (Abb. 397 und 398). Bei beiden Geschlechtern sind

ferner eiserne oder kupferne Ringe um Arme und Beine sehr beliebt

(Abb. 399). Eigenartig ist der Schmuck der Hererofrauen; sie tragen

nämlich um die Unterschenkel eine Art Beinschienen aus Lederriemen mit

aufgezogenen Eisenperlen. Große Sorgfalt verwenden die Frauen auf ihre

Frisuren (Abb. 400 und 401); die Betschuanenfrauen reiben sich das

Kopfhaar mit einer Mischung aus Fett und Glimmer ein, wodurch es ein

schillerndes Aussehen erhält. Sehr verbreitet ist schließlich noch die

Bemalung, die Tatauierung und das Anbringen von Narben; von sonstigen

Verunstaltungen wäre das Durchbohren der Ohren, der Lippen sowie das

Ausschlagen beziehungsweise Zuspitzen der Zähne und auch das Abschlagen

des letzten Gliedes am kleinen Finger zu erwähnen.

[Illustration:

Mit Erl. der Mariannhiller Mission, Vertretung Würzburg.

Abb. 402. Regendoktor der Zulu, der ein drohendes Hagelwetter aufhalten

will.]

Die +religiösen Vorstellungen+ der Bantu beruhen ausschließlich auf dem

Glauben an die Macht der Geister der Vorfahren, wie wir ihn bereits

verschiedentlich bei anderen Naturvölkern kennen gelernt haben. Dieser

Aberglaube beeinflußt alle Verhältnisse ihres Lebens, ihr ganzes Denken

und Handeln von der Wiege bis zum Grabe. Ihre religiösen Übungen

gehen demgemäß darauf aus, die Geister der Verstorbenen durch Opfer

günstig zu stimmen. Die Vermittler zwischen Lebenden und Toten sind

die +Wahrsager+, die eine fast unbegrenzte Macht besitzen und daher

eine wichtige Rolle in allen Lebenslagen spielen. Diese Wahrsager

bilden einen bestimmten Stand unter den Stämmen; sie sind gleichsam

Staatsbeamte, die ihre Tätigkeit für das Wohl des Ganzen ausüben,

insofern ihre Aufgabe darin besteht, die Verbrecher und Zauberer

zu offenbaren, und erfreuen sich unter ihren Stammesgenossen ganz

besonderer Achtung. Das Amt des Wahrsagens wird sowohl von Männern wie

von Weibern ausgeübt. Auf eigene Hand kann es keiner übernehmen, wohl

aber sich zu einem solchen melden oder in Vorschlag gebracht werden.

Glauben die Angehörigen einer Person aus ihrem sonderbaren Verhalten

(wie lebhaftem Träumen, Stimmenhören, Aufsuchen der Einsamkeit,

Menschenscheu, Krämpfen, Zwiegesprächen mit Vögeln, launenhaftem

Wesen, Nahrungsverweigerung und so weiter) entnehmen zu können, daß

sie sich für einen Wahrsager eignen dürfte, so lassen sie den oder

die Betreffende durch einen erfahrenen Wahrsager prüfen. „Hält dieser

den Fall für aussichtsvoll, so verordnet er dem Lehrling eine Medizin

zur Verstärkung aller der eben erwähnten und ähnlicher Erscheinungen.

Hierauf setzt er ihm einen Federbusch auf das Haupt, und der Unterricht

in der geheimen Wissenschaft beginnt. Unter der Kur, die hauptsächlich

in Einreibungen und Einnahme von Medizinen besteht, verstärken sich die

rätselhaften Symptome des Novizen immer mehr. Zuletzt springt dieser

an Felswänden hinab, oder er wirft sich ins Wasser, oder er gefährdet

auf andere Weise sein Leben, so daß seine Freunde ihn bewachen müssen,

damit er nicht umkomme. Er beschwört nun Schlangen und windet sie um

Hals und Brust. Magert bei alledem der Prüfling stark ab, so gilt

dies als ein günstiges Zeichen für den Beruf; denn die Eingeborenen

setzen nur wenig Vertrauen in einen fetten Wahrsager. Nach einiger Zeit

erklärt der Novize, daß er die äußere Schale der Sünde abgestreift

und sich zu einem Geiste entwickelt habe und daß die Geister der

Vorfahren in dem ihnen eigenen pfeifenden Tone zu ihm sprächen. Zu

seiner Beruhigung werden ihm nunmehr Zaubermittel um den Hals gehängt.

Der Appetit kehrt wieder, die Träume werden ruhiger. Er gibt vor, im

Schlafe hellzusehen, und befaßt sich mit dem Finden verlorener Sachen,

so daß sein Lehrmeister es für an der Zeit hält, ihn vollständig in die

Geheimnisse der Kunst einzuweihen.“ Ehe nun der angehende Wahrsager

öffentlich anerkannt wird, muß er eine Probe ablegen. Fällt diese zu

seinen Gunsten aus, dann wird er von den Ältesten des Stammes unter

Zustimmung des Häuptlings gewählt. -- In der Hauptsache scheint es sich

bei den Wahrsagern um neuropathische oder hysterische Individuen zu

handeln, denen indessen eine gewisse Gerissenheit nicht abgeht. Denn

wenn ihre Kuren keinen Erfolg haben, dann entschuldigen sie sich damit,

daß die betreffende Krankheit nicht zu ihrem besonderen Fach gehöre,

und werfen den Angehörigen sogar vor, daß sie keinen anderen Doktor

geholt haben.

Die Wahrsager pflegen als Abzeichen ihrer Würde mit einem Stück

Ziegenhaut auf den Schultern (Abb. 403), das in zwei breiten Streifen

über die Brust herabhängt, oder als Ersatz dafür mit dicken Schnüren

oder Bändern aus Gras, Perlen, Sehnen und so weiter bekleidet zu sein;

auf dem Kopf tragen sie eine oder mehrere Gallenblasen einer Ziege,

wenn möglich von solchen Tieren, die für einen von ihnen erfolgreich

durchgeführten Fall geschlachtet wurden -- je größer ihre Anzahl ist,

um so höher steht der Ruf des Wahrsagers --, und hängen zahlreiche

Tierschwänze an ihren Gürtel; auch Schlangen tragen sie als Schmuck.

Die weiblichen Künstler bemalen sich Gesicht, Brust, Arme und Beine

mit weißer Farbe. Ist der Wahrsager zugleich Medizinmann, so trägt

er um den Hals ein Band aus Bockshörnern, in deren Höhlung er seine

Heilmittel aufbewahrt.

Die bei der Ausübung seines Handwerks zur Anwendung kommenden Methoden

sind verschiedene. Zumeist werden Knochen oder Stöcke verwendet.

Handelt es sich darum, festzustellen, ob eine verdächtige Person

eines Verbrechens schuldig ist, so gibt der Wahrsager ihr eine Anzahl

kleiner Knochen in die Hand; er selbst nimmt auch welche zu sich. Beide

werfen sie sodann auf den Boden. Je nachdem die Knochen nebeneinander,

gegeneinander, übereinander oder sonstwie fallen, gibt der Wahrsager

sein Urteil ab. Handelt es sich darum, zu erfahren, wo ein ausfindig

zu machender Zauberer wohnt oder wo verloren gegangene Sachen liegen

und ähnliches mehr, so erschließt der Wahrsager die Antwort aus der

Richtung, in der die Knochen zu liegen kommen. Wo Stöcke zum Wahrsagen

benutzt werden, schleudert der Wahrsager sie hastig auf den Boden;

bleiben sie flach am Boden liegen, so bedeutet dies für ihn Verneinung

der Frage, springen sie aber auf den vermeinten Übeltäter zu, dann

lautet die Antwort bejahend. Angeblich wird dem Wahrsager dieses alles

von den Geistern im Schlafe offenbart. In Wirklichkeit aber weiß er auf

ganz geschickte und scharfsinnige Weise unter Zuhilfenahme zahlreicher

Auskunftsquellen bereits vorher auszukundschaften, wer in Frage kommen

könnte oder wo sich ein vermißter Gegenstand befindet. Seine Hilfe

wird bei allen möglichen Dingen angerufen, sei es, daß es sich darum

handelt, ausfindig zu machen, wer ein Verbrechen begangen hat, wo ein

gestohlener Gegenstand versteckt liegt, wo ein entlaufenes Stück Vieh

sich aufhält, wo der Sitz eines Leidens bei einem Kranken ist, wer ihm

die Krankheit angezaubert hat, oder daß die Witterung beeinflußt, also

Regen herbeigezaubert, die Dürre gebannt, Blitz und Donner beschworen

werden soll (Abb. 402), oder schließlich, daß man darauf ausgeht,

anderen Schaden zuzufügen, zum Beispiel jemand Zaubermittel auf den Weg

zu streuen, um ihm dadurch, wenn er diesen überschreitet, Verderben zu

bringen und dergleichen. Wird ein Wahrsager zur Heilung einer Krankheit

um Hilfe angerufen, so erscheint er mit einem Dutzend Medizinen

bewaffnet (Säften aus Kräutern, Wurzeln, Rinde oder aus Galle, Haut,

Knochen wilder Tiere, gestampften Kuheingeweiden, pulverisierten

Affenzähnen und so weiter), um damit eine oft tagelang dauernde Kur an

dem Leidenden vorzunehmen. Nach vielem Hokuspokus bringt der Wahrsager

schließlich im günstigen Augenblick den Erreger der Krankheit, meistens

eine Eidechse, die er vorher zu sich gesteckt hatte, zum Vorschein.

Wenn die Geister der Vorfahren an der Entstehung des Leidens schuld

sind, dann muß ihnen ein Opfer dargebracht werden, und wenn böse Leute

es dem Betreffenden angezaubert haben, dann erfolgt eine Ausriechung

des Schuldigen durch den Wahrsager (siehe die farbige Kunstbeilage).

In beiden Fällen geht der Zeremonie ein allgemeiner Tanz voraus, von

dem sich niemand ausschließt, weil er durch sein Fernbleiben vielleicht

Verdacht erregen könnte. Der Lärm der Trommeln und Pauken wird immer

lauter, und der Wahrsager gerät mehr und mehr in Verzückung und

wirkliche Raserei; dadurch tritt er in Beziehung zu den Geistern. Bei

dem nunmehr folgenden Opfer ist streng darauf zu achten, daß nicht

das geringste Blut auf den Boden fällt; es wird sorgfältig in einer

Opferschale gesammelt. Die Knochen und etwas vom Fett oder auch vom

Mageninhalt werden den Vorfahren zu Ehren verbrannt, die sich an dem

in die Lüfte steigenden Rauch begnügen müssen, während die Teilnehmer

sich an dem übrigen Fleisch gütlich tun; natürlich erhält der Wahrsager

und sein Anhang den Löwenanteil davon. Während der Rauch hochsteigt,

fleht er die Geister um ihre Hilfe an. Soll ein Schuldiger ausfindig

gemacht werden, so tritt der Wahrsager nach beendetem Tanz an eine

jede Person heran und beriecht sie; glaubt er den Schuldigen gefunden

zu haben, dann springt er über dessen Kopf hinweg oder zeigt auf ihn.

Dadurch ist er „ausgerochen“ und der Strafe verfallen, die entweder in

einer Geldbuße oder in Ausstoßung aus dem Stamm, in schweren Fällen

auch im Tode besteht. Eine Beteuerung der Unschuld nützt nichts,

höchstens kann der als schuldig Bezeichnete noch an das Urteil eines

höheren Zauberers appellieren, der, falls er genügend Geld dafür

erhalten hat, ihn freispricht.

[Illustration:

Mit Erl. der Mariannhiller Mission, Vertretung Würzburg.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 195 / 254 题