Die +Stellung der Frau+ und auch schon des Mädchens ist bei den
Hottentotten eine verhältnismäßig angesehene. Eine besonders hohe
Achtung genießt die älteste Tochter innerhalb der Familie; Beweis
dafür ist unter anderem die für jeden Mann bindende Versicherung: „So
wahr meine Schwester lebt.“ Es darf daher nicht wundernehmen, wenn wir
hören, daß das Hottentottenmädchen seinen Lebensgefährten selbst wählt.
Bei der +Hochzeit+ geht es hoch her. Der Vater schlachtet ein Rind, es
muß dies aber ein tragendes weibliches Tier sein, damit die Ehe auch
fruchtbar werde. Auch unfruchtbare Weiber essen davon, um in gesegnete
Umstände zu kommen. -- Früher war Polygamie erlaubt, heutzutage hat das
Christentum damit aufgeräumt.
[Illustration: Abb. 397. Zulumädchen (Natal).]
Bei +Krankheitsfällen+ versammeln sich die nächsten Angehörigen
um den Kranken und beginnen durch Schreien, Heulen, Klatschen und
Stampfen einen Heidenlärm zu machen. Nützt dies nichts und hat es
den Anschein, daß es mit dem Kranken zu Ende gehe, dann rütteln und
schütteln sie den Sterbenden unter lautem Geschrei und reden ihm mit
schmeichelnden Worten zu, noch länger unter ihnen zu verweilen. Hat
der Kranke unter solchem Lärm sein Leben ausgehaucht, so versucht
man noch einmal, ihn auf dieselbe Weise zurückzurufen, und macht
ihm gleichzeitig wegen seines Dahinscheidens schwere Vorwürfe. Hat
auch dies keinen Erfolg mehr, dann nehmen das Wehklagen der Frauen
und der Lärm noch zu. Früher schlachtete der Sohn des Verstorbenen,
sobald es wieder ruhig geworden war, einen Bock und bestrich mit
dessen Blute die Leiche. Darauf brachte man sie in Hockerstellung,
das heißt man legte sie so, daß ihre Knie an den Bauch, die Ellbogen
auf die Knie und die Arme über die Brust gekreuzt zu liegen kamen,
band sie mit Lederriemen fest und wickelte sie in den Karoß, den der
Verstorbene bei Lebzeiten getragen hatte, oder auch in Felle oder
Matten. Heutzutage wird die Leiche einfach von den Weibern gewaschen
und ausgestreckt in Felle eingenäht, darauf von drei bis vier Trägern
nach dem Grabe außerhalb der Werft geschleppt; die Leiche darf die
Hütte aber niemals durch die Tür, sondern nur durch ein zu diesem
Zweck durch Wegnahme einer Matte hergestelltes Loch in der Wand
verlassen. Die Beerdigung findet möglichst bald nach dem Tode statt.
Alle Männer und Weiber, die während der Vorbereitungen sich vor der
Hütte versammelt und in zwei Kreisen niedergehockt haben, rufen in
einem fort Bo-Bo, das heißt Vater, und folgen sodann unter vielem
Lärm in zwei ebenfalls nach Geschlechtern getrennten Gruppen der
Leiche. Diese wird zusammen mit den Habseligkeiten des Verstorbenen
ohne besondere Zeremonie in einer bald flacheren, bald tieferen Grube
beerdigt. Auf das zugeschaufelte Grab wirft man aus den uns bereits
bekannt gewordenen Gründen Steine; Vorübergehende pflegen einen neuen
Stein hinzuzufügen, so daß schließlich unter Umständen große Haufen
entstehen. Nach Beendigung dieser Zeremonie kehren alle Teilnehmer
nach dem Dorfe zurück, wobei sie noch einmal den Verstorbenen laut
mit Namen rufen; zu Hause setzen sie sich vor seiner Hütte in zwei
Kreisen nieder und klagen stunden-, selbst tagelang. Früher gingen
nach Beendigung dieser Klagen der Dorfälteste oder zwei alte Leute in
beiden Kreisen herum und bespritzten alle Sitzenden mit ihrem Urin,
holten sodann von dem Herde in der Hütte, die sie durch das für den
Toten gebrochene Loch verließen, eine Handvoll Asche und bestreuten
die draußen Sitzenden damit. Diese rieben sich zunächst mit der Asche
ein, schrieen wiederum und beschmierten sich sodann noch mit Kuhmist,
den die nächsten Anverwandten aus dem Viehkral herbeiholten. Offenbar
sollten diese Handlungen zur Reinigung dienen, da allem, was mit
den Körperausscheidungen zusammenhängt (Urin, Mist), eine besondere
Zauberwirkung zugeschrieben wird. Am nächsten Tage packten die Bewohner
des ganzen Dorfes ihre Habe zusammen, brachen ihre Häuser ab -- das
des Verstorbenen ließen sie stehen, nahmen auch nichts von ihm mit aus
Furcht vor seinem Geiste -- und zogen von dannen. Ehe man auseinander
ging, schlachtete der Erbe noch ein Schaf zu einem Abschiedsschmaus. --
Eigenartig sind die +Trauer+abzeichen bei den Hottentotten. Das Netz
des von den Erben geschlachteten Tieres wurde dem Ehegatten oder, falls
dieser tot war, dessen ältestem Sohn überlassen, der es zu einem Strick
drehte und sich um den Hals band, wo es so lange hängen blieb, bis
es von selbst abfiel. Auch Trauerfrisuren werden getragen, besonders
von den ärmeren Leuten, die sich kein Schlachttier leisten können.
Sie lassen sich das Haar so scheren, daß mitten auf dem Wirbel eine
Platte und rund um den Kopf lauter schmale Streifen stehen bleiben.
Sogar Körperverstümmlungen scheinen früher üblich gewesen zu sein;
es wird berichtet, daß Freunde und Anverwandte sich ein Fingerglied
gleichsam als Opfer für den Verstorbenen weghauen ließen und es ihm in
das Grab nachwarfen; von anderer Seite wird wieder erzählt, daß nur
die Witwe sich dieser Verstümmlung unterzogen habe, weil sie dadurch
in den Augen der Hottentotten gleichsam wieder jungfräulich werde. Man
konnte dann aus der Zahl der fehlenden ersten Fingerglieder an einer
Frau sogleich erkennen, wie oft sie schon verheiratet gewesen war. --
Daß die Hottentotten an ein +Fortleben nach dem Tode+ glaubten, dafür
dürfen wir den Beweis in ihren Begräbnisgebräuchen erblicken; aber wie
sie sich dieses vorstellten, darüber fehlen uns nähere Angaben.
[Illustration:
Phot. R. Thiele.
Abb. 398. Kaffernfrauen in Festtracht,
die ihre große Vorliebe für allerlei Schmuck verrät.]
Mehrfach ist beobachtet worden, daß man alte Leute, die sich nicht
mehr ernähren konnten und ihren Angehörigen zur Last fielen, einfach
aussetzte und ihrem Schicksal, das heißt der Tötung durch wilde Tiere,
überließ; sie ertrugen dies als etwas ganz Selbstverständliches.
[Illustration:
Phot. Britische Südafrika-Gesellschaft.
Abb. 399. Eingeborener Schmied aus Rhodesia beim Anlegen von Fußringen.
Der Beruf eines Schmiedes gilt als besonders wichtig, da er die
mannigfaltigen Messing- und Kupferzieraten anzufertigen hat, mit denen
sich die Frauen so gern schmücken. Im Vordergrund erblickt man eine
Zimba, ein Musikinstrument, das aus dünnen, auf einem Brett befestigten
Stahlstreifen von verschiedener Länge besteht.]
Das dritte einheimische Rassenelement in Südafrika bilden die
+Bantuneger+, die die östlichen Landstrecken vom großen Fischfluß an
bis zum Tanganjikasee hinauf einnehmen. Sie sind offenbar von Norden
her zu verschiedenen Zeiten hierhin vorgedrungen und haben selbst
Ausläufer nach Westen in das Gebiet der Buschleute und Hottentotten
geschickt, die Herero und Ovambo (Abb. 389).
Von den uns hier beschäftigenden südafrikanischen Bantu nehmen die
größte Verbreitung die +Kaffern+ ein mit ihren Unterstämmen der Xosa,
Pondo, Tembu, Zulu, Swasi und anderen. Die wichtigste Gruppe hiervon
sind zweifelsohne die Zulu, insofern sie den Europäern am meisten zu
schaffen gemacht haben. Westlich von den Kaffern sitzen die ihnen
stammverwandten +Betschuanen+, die weniger kriegerisch als sie sind,
sondern sich mehr den Künsten des Friedens widmen. Auch sie zerfallen
in eine Reihe Untervölker, deren wichtigstes die +Basuto+ (Abb. 391)
sind. Zu ihnen wiederum stehen in nahem verwandtschaftlichen Verhältnis
die das Hochland zwischen Limpopo und Sambesi bewohnenden +Baronga+,
+Makalaka+ und +Maschona+. Die nördlichste Gruppe der südafrikanischen
Bantu sind die +Barotse+ und +Mambunda+, am Sambesibogen, sowie die
berüchtigten +Angoni+ (Abb. 395) am Tanganjikasee, der nördlichste
Zweig der Zulu überhaupt, die bis heute ihre alten Stammessitten wohl
noch am reinsten bewahrt haben dürften.
[Illustration: Abb. 400. Tochter eines Zuluhäuptlings.
Das Haar wird von den Zulu kegelförmig in die Höhe frisiert und mit
einem Metallband unten zusammengehalten.]
Die südafrikanischen Bantu, mit Ausnahme der Herero, betreiben durchweg
+Ackerbau+, und zwar in der Form des Hackbaus. Sofern nicht die
Europäer den Pflug eingeführt haben, ist sein Gebrauch ihnen unbekannt.
Die wichtigsten Kulturpflanzen sind die Getreidearten, vor allem Hirse
in drei verschiedenen Sorten, sowie Mais und auch Reis. Das Getreide
wird in großen Mörsern zerquetscht oder auch auf steinernen Handmühlen
zermahlen und zumeist in Breiform genossen. Neben Ackerbau wird auch
Viehzucht betrieben, von dem einen Stamm mehr, von dem anderen weniger.
Die Stelle der Lasttiere wird vielfach von Frauen und Mädchen vertreten
(Abb. 392). Schließlich trägt auch die Jagd zum Lebensunterhalt der
Bantu bei, wenngleich nur in beschränktem Maße. In der Auswahl
der Speisen sind sie nicht wählerisch; an vielen Speisen, die uns
geradezu Ekel erregen würden, empfinden sie Genuß. So sind geröstete
Heuschrecken, Raupen, Würmer und Termiten wirkliche Delikatessen für
die Neger; auch verfaultes Fleisch verzehren sie mit Vergnügen. Die
Basuto waren früher Menschenfresser.
[Illustration:
Phot. H. H. Johnston.
Abb. 401. Zulufrauen beim Frisieren,
wobei sie sich gegenseitig helfen. Bemerkenswert ist die
Mannigfaltigkeit ihres Schmuckes und die charakteristische
Narbenverzierung auf dem rechten Arm der einen Frau.]
Die +Hütten+ der südafrikanischen Bantuneger weisen verschiedene
Formen auf. Am verbreitetsten ist die kegeldachförmige Rundhütte.
Es werden Stangen im Kreise in die Erde gesteckt und über sie ein
fertiges kegelförmiges, aus Matten hergestelltes Dach gesetzt.
Zwischen den Stangen werden Ruten wie in einem Geflecht durchgeführt
und die so entstehenden Wände mit Gras behängt. Eine andere Form ist
die Bienenkorbhütte (Abb. 390). Auch hier werden Stangen kreisförmig
in die Erde gestoßen, aber an ihrem oberen Ende zusammengebunden,
dieses Gerüst wird darauf ebenfalls durch dazwischen geflochtene Ruten
verstärkt und mit Gras bedeckt. Eine dritte Form endlich gleicht
unserer fensterlosen Scheune. Zu ihrer Herstellung werden Pfähle
in Rechteckform in die Erde gerammt und durch Querlatten zu einem
Gitterwerk verbunden, das man mit Palmblattmatten bekleidet. Auf diesen
Unterbau wird dann ein auf mehreren in der Mitte des Raumes stehenden
Pfählen ruhendes Satteldach gebaut, das gleichfalls eine Bedeckung
durch Matten erhält.
Die +Kleidung+ der Bantu hängt von dem Grade ihrer Kultur
beziehungsweise der Stärke des europäischen Einflusses ab. Unter den
ursprünglichen Verhältnissen pflegen Männer und Frauen fast nackt
zu gehen oder sich nur eine Hüftschnur oder einen Lendenschurz (Abb.
391 und 397) umzulegen; andere Stämme wieder tragen Hüfttücher aus
Baumrindenstoff oder Felle. Eine Ausnahme macht die Kleidung der
Hererofrauen (Abb. 394), die ganz einzig dasteht. Sie tragen außer
einem Lendenschurz und einem langen Mantel aus dem gleichen Stoffe, der
überdies mit eisernen Perlen in verschiedenen Mustern besetzt ist, noch
eine Art Korsett, das aus einer Anzahl Riemen mit runden, durchbohrten
Scheibchen aus Straußeneierschalen hergestellt ist, und eine durch
aufrecht stehende Ohren und einen tief in den Nacken herabhängenden
eisernen Perlenbehang gekennzeichneten Kopfputz aus Leder.
Die Vorliebe für +Schmuck+ ist bei beiden Geschlechtern sehr
verbreitet, und die Art, wie man sich ausputzt, sehr mannigfaltig (Abb.
393, 395 und 396). Die Männer legen großen Wert auf einen mächtigen
Kopfputz in Gestalt bunter Federn oder Felle, desgleichen auf einen
Körperbehang aus Fellen (Abb. 393 und 395), während die Weiber mehr
Neigung für Perlenschmuck bekunden: dicke Schnüre beziehungsweise
Wülste oder Behänge aus bunten aus Europa bezogenen Perlen, die
in geschmackvollen Mustern angeordnet sind; an allen möglichen
Körperstellen, von der Stirn herab bis zu den Füßen, wird solcher
Schmuck angebracht (Abb. 397 und 398). Bei beiden Geschlechtern sind
ferner eiserne oder kupferne Ringe um Arme und Beine sehr beliebt
(Abb. 399). Eigenartig ist der Schmuck der Hererofrauen; sie tragen
nämlich um die Unterschenkel eine Art Beinschienen aus Lederriemen mit
aufgezogenen Eisenperlen. Große Sorgfalt verwenden die Frauen auf ihre
Frisuren (Abb. 400 und 401); die Betschuanenfrauen reiben sich das
Kopfhaar mit einer Mischung aus Fett und Glimmer ein, wodurch es ein
schillerndes Aussehen erhält. Sehr verbreitet ist schließlich noch die
Bemalung, die Tatauierung und das Anbringen von Narben; von sonstigen
Verunstaltungen wäre das Durchbohren der Ohren, der Lippen sowie das
Ausschlagen beziehungsweise Zuspitzen der Zähne und auch das Abschlagen
des letzten Gliedes am kleinen Finger zu erwähnen.
[Illustration:
Mit Erl. der Mariannhiller Mission, Vertretung Würzburg.
Abb. 402. Regendoktor der Zulu, der ein drohendes Hagelwetter aufhalten
will.]
Die +religiösen Vorstellungen+ der Bantu beruhen ausschließlich auf dem
Glauben an die Macht der Geister der Vorfahren, wie wir ihn bereits
verschiedentlich bei anderen Naturvölkern kennen gelernt haben. Dieser
Aberglaube beeinflußt alle Verhältnisse ihres Lebens, ihr ganzes Denken
und Handeln von der Wiege bis zum Grabe. Ihre religiösen Übungen
gehen demgemäß darauf aus, die Geister der Verstorbenen durch Opfer
günstig zu stimmen. Die Vermittler zwischen Lebenden und Toten sind
die +Wahrsager+, die eine fast unbegrenzte Macht besitzen und daher
eine wichtige Rolle in allen Lebenslagen spielen. Diese Wahrsager
bilden einen bestimmten Stand unter den Stämmen; sie sind gleichsam
Staatsbeamte, die ihre Tätigkeit für das Wohl des Ganzen ausüben,
insofern ihre Aufgabe darin besteht, die Verbrecher und Zauberer
zu offenbaren, und erfreuen sich unter ihren Stammesgenossen ganz
besonderer Achtung. Das Amt des Wahrsagens wird sowohl von Männern wie
von Weibern ausgeübt. Auf eigene Hand kann es keiner übernehmen, wohl
aber sich zu einem solchen melden oder in Vorschlag gebracht werden.
Glauben die Angehörigen einer Person aus ihrem sonderbaren Verhalten
(wie lebhaftem Träumen, Stimmenhören, Aufsuchen der Einsamkeit,
Menschenscheu, Krämpfen, Zwiegesprächen mit Vögeln, launenhaftem
Wesen, Nahrungsverweigerung und so weiter) entnehmen zu können, daß
sie sich für einen Wahrsager eignen dürfte, so lassen sie den oder
die Betreffende durch einen erfahrenen Wahrsager prüfen. „Hält dieser
den Fall für aussichtsvoll, so verordnet er dem Lehrling eine Medizin
zur Verstärkung aller der eben erwähnten und ähnlicher Erscheinungen.
Hierauf setzt er ihm einen Federbusch auf das Haupt, und der Unterricht
in der geheimen Wissenschaft beginnt. Unter der Kur, die hauptsächlich
in Einreibungen und Einnahme von Medizinen besteht, verstärken sich die
rätselhaften Symptome des Novizen immer mehr. Zuletzt springt dieser
an Felswänden hinab, oder er wirft sich ins Wasser, oder er gefährdet
auf andere Weise sein Leben, so daß seine Freunde ihn bewachen müssen,
damit er nicht umkomme. Er beschwört nun Schlangen und windet sie um
Hals und Brust. Magert bei alledem der Prüfling stark ab, so gilt
dies als ein günstiges Zeichen für den Beruf; denn die Eingeborenen
setzen nur wenig Vertrauen in einen fetten Wahrsager. Nach einiger Zeit
erklärt der Novize, daß er die äußere Schale der Sünde abgestreift
und sich zu einem Geiste entwickelt habe und daß die Geister der
Vorfahren in dem ihnen eigenen pfeifenden Tone zu ihm sprächen. Zu
seiner Beruhigung werden ihm nunmehr Zaubermittel um den Hals gehängt.
Der Appetit kehrt wieder, die Träume werden ruhiger. Er gibt vor, im
Schlafe hellzusehen, und befaßt sich mit dem Finden verlorener Sachen,
so daß sein Lehrmeister es für an der Zeit hält, ihn vollständig in die
Geheimnisse der Kunst einzuweihen.“ Ehe nun der angehende Wahrsager
öffentlich anerkannt wird, muß er eine Probe ablegen. Fällt diese zu
seinen Gunsten aus, dann wird er von den Ältesten des Stammes unter
Zustimmung des Häuptlings gewählt. -- In der Hauptsache scheint es sich
bei den Wahrsagern um neuropathische oder hysterische Individuen zu
handeln, denen indessen eine gewisse Gerissenheit nicht abgeht. Denn
wenn ihre Kuren keinen Erfolg haben, dann entschuldigen sie sich damit,
daß die betreffende Krankheit nicht zu ihrem besonderen Fach gehöre,
und werfen den Angehörigen sogar vor, daß sie keinen anderen Doktor
geholt haben.
Die Wahrsager pflegen als Abzeichen ihrer Würde mit einem Stück
Ziegenhaut auf den Schultern (Abb. 403), das in zwei breiten Streifen
über die Brust herabhängt, oder als Ersatz dafür mit dicken Schnüren
oder Bändern aus Gras, Perlen, Sehnen und so weiter bekleidet zu sein;
auf dem Kopf tragen sie eine oder mehrere Gallenblasen einer Ziege,
wenn möglich von solchen Tieren, die für einen von ihnen erfolgreich
durchgeführten Fall geschlachtet wurden -- je größer ihre Anzahl ist,
um so höher steht der Ruf des Wahrsagers --, und hängen zahlreiche
Tierschwänze an ihren Gürtel; auch Schlangen tragen sie als Schmuck.
Die weiblichen Künstler bemalen sich Gesicht, Brust, Arme und Beine
mit weißer Farbe. Ist der Wahrsager zugleich Medizinmann, so trägt
er um den Hals ein Band aus Bockshörnern, in deren Höhlung er seine
Heilmittel aufbewahrt.
Die bei der Ausübung seines Handwerks zur Anwendung kommenden Methoden
sind verschiedene. Zumeist werden Knochen oder Stöcke verwendet.
Handelt es sich darum, festzustellen, ob eine verdächtige Person
eines Verbrechens schuldig ist, so gibt der Wahrsager ihr eine Anzahl
kleiner Knochen in die Hand; er selbst nimmt auch welche zu sich. Beide
werfen sie sodann auf den Boden. Je nachdem die Knochen nebeneinander,
gegeneinander, übereinander oder sonstwie fallen, gibt der Wahrsager
sein Urteil ab. Handelt es sich darum, zu erfahren, wo ein ausfindig
zu machender Zauberer wohnt oder wo verloren gegangene Sachen liegen
und ähnliches mehr, so erschließt der Wahrsager die Antwort aus der
Richtung, in der die Knochen zu liegen kommen. Wo Stöcke zum Wahrsagen
benutzt werden, schleudert der Wahrsager sie hastig auf den Boden;
bleiben sie flach am Boden liegen, so bedeutet dies für ihn Verneinung
der Frage, springen sie aber auf den vermeinten Übeltäter zu, dann
lautet die Antwort bejahend. Angeblich wird dem Wahrsager dieses alles
von den Geistern im Schlafe offenbart. In Wirklichkeit aber weiß er auf
ganz geschickte und scharfsinnige Weise unter Zuhilfenahme zahlreicher
Auskunftsquellen bereits vorher auszukundschaften, wer in Frage kommen
könnte oder wo sich ein vermißter Gegenstand befindet. Seine Hilfe
wird bei allen möglichen Dingen angerufen, sei es, daß es sich darum
handelt, ausfindig zu machen, wer ein Verbrechen begangen hat, wo ein
gestohlener Gegenstand versteckt liegt, wo ein entlaufenes Stück Vieh
sich aufhält, wo der Sitz eines Leidens bei einem Kranken ist, wer ihm
die Krankheit angezaubert hat, oder daß die Witterung beeinflußt, also
Regen herbeigezaubert, die Dürre gebannt, Blitz und Donner beschworen
werden soll (Abb. 402), oder schließlich, daß man darauf ausgeht,
anderen Schaden zuzufügen, zum Beispiel jemand Zaubermittel auf den Weg
zu streuen, um ihm dadurch, wenn er diesen überschreitet, Verderben zu
bringen und dergleichen. Wird ein Wahrsager zur Heilung einer Krankheit
um Hilfe angerufen, so erscheint er mit einem Dutzend Medizinen
bewaffnet (Säften aus Kräutern, Wurzeln, Rinde oder aus Galle, Haut,
Knochen wilder Tiere, gestampften Kuheingeweiden, pulverisierten
Affenzähnen und so weiter), um damit eine oft tagelang dauernde Kur an
dem Leidenden vorzunehmen. Nach vielem Hokuspokus bringt der Wahrsager
schließlich im günstigen Augenblick den Erreger der Krankheit, meistens
eine Eidechse, die er vorher zu sich gesteckt hatte, zum Vorschein.
Wenn die Geister der Vorfahren an der Entstehung des Leidens schuld
sind, dann muß ihnen ein Opfer dargebracht werden, und wenn böse Leute
es dem Betreffenden angezaubert haben, dann erfolgt eine Ausriechung
des Schuldigen durch den Wahrsager (siehe die farbige Kunstbeilage).
In beiden Fällen geht der Zeremonie ein allgemeiner Tanz voraus, von
dem sich niemand ausschließt, weil er durch sein Fernbleiben vielleicht
Verdacht erregen könnte. Der Lärm der Trommeln und Pauken wird immer
lauter, und der Wahrsager gerät mehr und mehr in Verzückung und
wirkliche Raserei; dadurch tritt er in Beziehung zu den Geistern. Bei
dem nunmehr folgenden Opfer ist streng darauf zu achten, daß nicht
das geringste Blut auf den Boden fällt; es wird sorgfältig in einer
Opferschale gesammelt. Die Knochen und etwas vom Fett oder auch vom
Mageninhalt werden den Vorfahren zu Ehren verbrannt, die sich an dem
in die Lüfte steigenden Rauch begnügen müssen, während die Teilnehmer
sich an dem übrigen Fleisch gütlich tun; natürlich erhält der Wahrsager
und sein Anhang den Löwenanteil davon. Während der Rauch hochsteigt,
fleht er die Geister um ihre Hilfe an. Soll ein Schuldiger ausfindig
gemacht werden, so tritt der Wahrsager nach beendetem Tanz an eine
jede Person heran und beriecht sie; glaubt er den Schuldigen gefunden
zu haben, dann springt er über dessen Kopf hinweg oder zeigt auf ihn.
Dadurch ist er „ausgerochen“ und der Strafe verfallen, die entweder in
einer Geldbuße oder in Ausstoßung aus dem Stamm, in schweren Fällen
auch im Tode besteht. Eine Beteuerung der Unschuld nützt nichts,
höchstens kann der als schuldig Bezeichnete noch an das Urteil eines
höheren Zauberers appellieren, der, falls er genügend Geld dafür
erhalten hat, ihn freispricht.
[Illustration:
Mit Erl. der Mariannhiller Mission, Vertretung Würzburg.