Afrika

[Illustration]

[Illustration:

Mit Erl. der Mariannhiller Mission, Vertretung Würzburg.

Abb. 387. Bierbereitung der Kaffern.

Das kaffrische Bier, Utshwala genannt, wird aus Mais und Kafferkorn

hergestellt; es wirkt berauschend.]

Afrika wird, wenn wir von der Bevölkerung nördlich der großen Wüste,

der Sahara, sowie Ägyptens absehen, die sowohl in körperlicher als auch

in kultureller Hinsicht Beziehungen zu Südeuropa aufweist, von der

+Negerrasse+ eingenommen. Ihre Angehörigen sind gekennzeichnet durch

einen langen, aufgeschossenen Körper (im Mittel hundertsiebzig bis

hundertachtundsiebzig Zentimeter) mit verhältnismäßig langen Armen,

schlanken Beinen und breiten, flachen Füßen, einen ausgesprochen

langen, schmalen Schädel mit etwas fliehendem Vorderhaupt, große,

runde, vorstehende Augen von schwarzer Farbe, sehr flache, kurze,

an der Wurzel sehr breite Nase, kleine oder nur mäßig vorspringende

Wangenbeine, vorgeschobenen Unterkiefer, dicke, fleischige, oft

wulstige Lippen und stets schwarzes, grobes, kurzes, krauses oder

wolliges Haar. Ihre Hautfarbe ist ein dunkles Braun bis Schwarz.

Infolge vielfacher Vermischung mit fremdem Blut, im besonderen

mit hamitischem und semitischem, auch mit dem der einheimischen

Zwergvölker, hat dieser Typus mancherlei Veränderungen erfahren, wobei

der eine oder der andere vorstechende Zug der sich mischenden Rassen

in dem Kreuzungsprodukt zum Ausdruck kommt. Man teilt die Neger in

+Sudan-+ und +Bantuneger+ ein. Diese Unterscheidung beruht weniger auf

körperlichen Verschiedenheiten, als vielmehr auf solchen sprachlicher

und kultureller Natur, und ist manchmal schwer durchzuführen. Allgemein

läßt sich nur sagen, daß der Sudanneger die meisten Eigentümlichkeiten

des dunklen Afrikaners in verstärktem Grade (also zum Beispiel dunklere

Haut, größere Nasenbreite, mehr umgestülpte Lippen und so weiter) zur

Schau trägt.

Außer der Negerrasse finden sich nun noch, mehr oder weniger unter

sie verstreut, Angehörige einer kleinwüchsigen helleren Rasse, die

wir als die Urbewohner Afrikas annehmen dürfen, der +afrikanischen

Grundrasse+, der +Pygmäen+. Ihre relativ reinsten Vertreter besitzt sie

in den Buschleuten Südafrikas und in gewissen zentralafrikanischen

Zwergstämmen. Diese Leute sind von niedrigem Wuchs (Männer etwa

hundertvierundvierzig, Weiber hundertfünfunddreißig Zentimeter), haben

einen im Verhältnis zu den Gliedmaßen langen Rumpf, vergleichsweise

breite Schultern und kurze Arme wie Beine. Ihr Schädel ist von mehr

rundlicher Form, zeigt eine ziemlich steil aufsteigende, breite, gut

gewölbte Stirn und ein niederes, zumeist breites Gesicht, aus dem die

Jochbeine ziemlich weit vorspringen. Die Augen stehen weit voneinander

ab, die kurze Nase ist an der Wurzel tief eingesattelt und hat einen

ziemlich breiten Rücken; die Kieferpartie ist mehr oder weniger

vorgeschoben. Das Gesicht erhält dadurch ein schnauzenartiges Aussehen.

Die Hautfarbe dieser Rasse ist ziemlich hell, von gelblichem bis

milchkaffeebraunem Ton. Sehr bezeichnend für sie ist die Beschaffenheit

ihrer Haare, die in kleinen, spiraligen Büschelchen (sogenannte

Pfefferkornbildung) auf dem Kopfe stehen. Man bezeichnet dies als

Krausköpfigkeit. Der Bart ist spärlich entwickelt, dafür aber ist der

übrige Körper mit einem zarten Flaum ganz überzogen. Für die Buschleute

ist noch im besonderen bezeichnend die geringe Entwicklung, man könnte

fast sagen das Fehlen des Unterhautzellgewebes am ganzen Körper,

wodurch die Haut Neigung zur Faltenbildung erhält, mit Ausnahme der

Gesäßpartien, die geradezu einer übermäßigen Ausbildung von Fettpolster

sich erfreuen. Die Verbreitung der Zwergvölker erstreckt sich auf

einzelne Teile des zentralen Afrika, die der Buschleute auf die

mittlere Kalahari. Ursprünglich müssen die Vertreter dieser Grundrasse

ein viel ausgedehnteres Gebiet eingenommen haben, bis nach Westafrika

auf der einen und bis zu den Quellen des Nils auf der anderen Seite

hin; ebenso saßen die Buschleute früher weit über ihre heutigen Grenzen

hinaus.

[Illustration: Abb. 388. Buschleute.]

Südafrika.

Südafrika wird von den Bantu, den Buschleuten und den Hottentotten,

wahrscheinlich einer Mischung zwischen letzteren und Hamiten,

eingenommen.

Die +Buschleute+ (Abb. 388) führen ein umherschweifendes Leben,

betreiben daher weder Ackerbau noch Viehzucht, sondern suchen sich

ihre spärliche Nahrung durch Jagen und Sammeln von Erzeugnissen der

Pflanzenwelt. In früheren Zeiten, als die Jagdgründe noch reich

bestellt waren, wurde die tierische Nahrung von ihnen bevorzugt;

mit Pfeil und Bogen erlegten sie das Wild. Heutzutage aber, wo der

Wildreichtum bedeutend nachgelassen hat, beschränken sie sich auf

das Ausgraben von Knollen und Wurzeln mittels des Grabstockes. Die

Speisen werden, da man vielfach keine Gefäße besitzt, meist nur

geröstet und halb roh hinuntergeschlungen. Sehr schwierig hält es mit

der Beschaffung von Wasser zur heißen Jahreszeit. Solange man solches

zur Verfügung hat, bewahrt man es in Straußeneierschalen auf. Fehlt

es, so nimmt man zu Saugbrunnen seine Zuflucht. Man treibt ein Loch

in den harten Boden, senkt einen mit einem Filter aus Gras versehenen

Rohrhalm hinein und bemüht sich, das sich ganz spärlich aus dem

Grundwasser einfindende Naß durch Ansaugen heraufzubefördern und dann

in Straußeneierschalen zu sammeln. -- Ihre +Wohnungen+ entsprechen

ihrem unsteten Leben. Was die Natur ihnen auf ihren Wanderungen

gerade als Unterschlupf darbietet, wird dazu benutzt, so zum Beispiel

Höhlen oder Felsenüberhänge. Sonst erfüllen denselben Zweck primitive

Windschirme aus einem Paar zusammengebundener Büschel oder auch schon

bienenkorbähnliche Hütten, die sie bei den sie umgebenden Stämmen

kennen gelernt haben.

Die +Kleidung+ der Buschleute besteht in einem Lendenschurz oder beim

weiblichen Geschlecht in einem Gürtel, von dem vorn ein kleinerer,

hinten ein größerer Schurz herabhängt. Ihr +Schmuck+ ist sehr

bescheiden, Halsketten von kleinen Scheibchen aus Straußeneierschalen.

Besondere Sorgfalt verwenden die Buschleute auf ihre Gesichtsbemalung,

die beide Geschlechter für die Tänze oder auch ohne besonderen Anlaß an

sich vornehmen lassen, und zwar durch die Zauberdoktoren selbst; diese

Bemalung hat religiösen Hintergrund.

[Illustration: Abb. 389. Zwei Ovambomädchen.]

Von den +künstlerischen Neigungen+ der Buschleute ist ihre Vorliebe

für Musik zu erwähnen; ihr einziges Musikinstrument besteht allerdings

nur in einem Bogen, dessen eines Ende zwischen die Zähne eingeklemmt

wird, während die Hand die Sehne schlägt. Mehr Beachtung verdient

ihre Zeichenkunst, deren Spuren man, über ganz Südafrika zerstreut,

an den Felsen und in den Höhlen antrifft. Sie äußert sich nach

zwei Richtungen: einmal als richtige Felsenmalerei, zum anderen

als eingeritzte Zeichnungen. Gegenstand dieser Darstellungen sind

meistens Tiere und Menschen, im allgemeinen Jagdszenen, die durch ihre

Naturwahrheit Staunen erregen müssen. Diese Malereien und Gravierungen

stammen bereits von früheren Generationen her; wenn diese Kunst

heutzutage nur noch wenig oder gar nicht mehr von den Buschleuten geübt

wird, so liegt dies einmal daran, daß sie unter ganz unglücklichen

Lebensbedingungen ihr Dasein fristen, sodann aber daran, daß sie sich

jetzt in einem Gebiete aufhalten, wo es keine Felsen und keine Höhlen

gibt, nämlich in der Wüste, so daß sich ihnen also keine Gelegenheit

mehr bietet, die ihnen innewohnende Fertigkeit im Malen zu betätigen.

Früher waren die Buschleute über ganz Südafrika verbreitet; sie wurden

aber von den mehr und mehr vordringenden großen Völkern zurückgedrängt

und ziemlich ausgerottet. Augenblicklich gehen sie ihrem Untergange mit

Riesenschritten entgegen.

[Illustration:

Phot. Britische Südafrika-Gesellschaft.

Abb. 390. Ein Kaffernkral.

Ein ornamentierter Fries am niederen Eingang zeigt an, daß hier eine

Persönlichkeit von Rang wohnt.]

Die +Religion+ der Buschleute beruht in der Hauptsache auf einer

Verquickung von Geisterglauben und Ahnenkult. Die Seelen Verstorbener,

die man sich teils als freundlich, teils als feindlich gesinnt

vorstellt und von denen man beständig das menschliche Leben in dem

einen oder dem anderen Sinne beeinflußt glaubt, werden durch das

übliche Darbringen von Opfern, durch Veranstaltung von Tänzen oder

durch Zaubermittel, die die guten Geister festhalten, die bösen

bannen sollen, verehrt. +Zaubermittel+, um Krankheiten oder Unheil

abzuwenden oder auf der Jagd Glück zu bringen, sind sehr verbreitet.

So zum Beispiel gilt es als wirksam gegen Rheumatismus, wenn man sich

eine Schlange um den Hals wickelt; auf der Jagd glaubt man Erfolg zu

haben, wenn man sich eine bestimmte streifenförmige Tatauierung auf

dem Oberarm anbringen läßt; das Wild glaubt man bezaubern zu können,

so daß es den Jäger nicht sieht, wenn man sich mit einer Jagdmedizin

einreibt, die aus einem Stück vom Herzen und dem linken Ohr eines

erlegten Exemplars der zu jagenden Tiergattung durch Verbrennen mit

glühender Kohle hergestellt ist. Und manches Ähnliche. Auch auf

+Wahrsagen+ und +Vorbedeutungen+ wird großer Wert gelegt. Um den Erfolg

einer bevorstehenden Unternehmung, Reise, Jagd und so weiter, im voraus

zu erfahren, wirft man ein Bündel Hölzchen in die Luft und schließt

aus der Lage, die die einzelnen Stücke beim Herabfallen einnehmen,

auf den Ausgang der Sache. -- Ist jemand krank geworden, dann läßt man

einen der vielen Zauberdoktoren kommen. Dieser erscheint phantastisch

aufgeputzt und mit zahlreichen Amuletten behängt und verordnet entweder

eine Medizin, die er selbst aus gekochten Kräutern und anderen Säften

-- hierbei spielt eine Abkochung der schweißigen Kleidungsstücke sowie

des Urins des Zauberers eine wichtige Rolle -- angefertigt hat, oder

er bläst, tanzt, singt, beschwört und treibt den üblichen Hokuspokus.

Zuletzt beugt er sich über den Kranken und bläst ihm den bösen Geist

fort oder saugt ihn aus; zum Zeichen, daß er des Übeltäters Herr

geworden ist, holt er ihn dann aus seinem Munde in Gestalt eines

Steinchens, Stöckchens oder eines Hirsekorns hervor.

[Illustration: Abb. 391. Basutomädchen.

(Sammlung v. d. Goot.)]

Die +Tänze+ der Buschleute beziehen sich sämtlich auf das

Geschlechtsleben der Tiere und ahmen ihre Bewegungen zur Brunstzeit

in ziemlich drastischer Weise nach, so der Elandbullentanz, den wir

noch weiter unten kennen lernen werden, der Duckerbocktanz, der

Stachelschweintanz, der Pfautanz und anderes mehr. Allen diesen Tänzen

kommt eine religiöse Bedeutung zu; anscheinend will man den Tieren,

die man nachahmt, durch einen derartigen Tanz eine Ehrung erweisen.

Bei diesen Tänzen sind beide Geschlechter beteiligt. Daneben gibt es

aber noch andere, an denen nur Männer in Tätigkeit treten, Weiber

aber gänzlich ausgeschlossen zu sein scheinen. Passarge beobachtete

zwei solcher Tänze, einen, der auf den Knien, und einen anderen, der

unter heftigem Trampeln mit den Füßen ausgeführt wurde, und will ihnen

eine noch tiefere religiöse Bedeutung als den schon erwähnten Tänzen

beigelegt wissen, wenn er auch nichts Näheres über sie in Erfahrung

bringen konnte. Im ganzen scheint das Tanzen eine wahre Leidenschaft

der Buschleute zu sein. Besonders in schönen Mondscheinnächten artet es

in wirkliche Raserei und Liebesbrunst aus, zumal nach einem reichlich

genossenen Mahle. Vor allem sind es die jungen Männer, die sich beim

Anblick des weiblichen Geschlechtes ganz berauschen und ihre wilde

Leidenschaft durch Springen, Stampfen und Gliederverrenken zum Ausdruck

bringen.

Auch Kriegstänze und Scheinkämpfe mit Assagaien gehören zu den

Belustigungen der Buschleute. Beliebt ist schließlich noch das

Melonenspiel, wobei man eine ausgehöhlte und mit Steinchen angefüllte

Melone mit dem Finger, der in ein entsprechendes Loch in der Frucht

hineinpaßt, in die Luft wirbelt und mit dem Finger wieder auffängt.

Bei der +Geburt+ eines Kindes dürfen männliche Personen nicht zugegen

sein. Das Neugeborene wird mit Gras abgerieben. Falls die Mutter mit

Nahrungssorgen zu kämpfen hat, wird das Kind für gewöhnlich lebendig

begraben; wenn sie aber einigermaßen zu leben hat und das vorhergehende

Kind sich bereits so weit entwickelt hat, daß es sich selbst Wurzeln

und Knollen ausgraben, also der Mutter zu seinem Lebensunterhalt

entbehren kann, dann wird das Neugeborene aufgezogen. Eine besondere

Pflege kann ihm trotzdem nicht zuteil werden; daher gehen viele Kinder

der Buschleute zugrunde. -- Nach der Geburt erfolgt die +Namengebung+

durch die Eltern in Gegenwart der nächsten Angehörigen; hat man

gerade ein Stück Wild erbeutet, so wird ein Festschmaus mit Tanz

veranstaltet. Die Söhne erhalten zumeist den Namen des älteren Bruders

des Vaters oder des Großvaters, die Töchter den der älteren Schwester

der Mutter oder der Großmutter. -- Die Kinder werden frühzeitig zur

Selbständigkeit erzogen; man lehrt sie die für ihre Ernährung wichtigen

Pflanzen und Tiere kennen und unterweist sie in den Sammel- und

Fangmethoden, im Aufspüren des Wildes sowie in der Anfertigung der

Hausgeräte und Waffen.

Die Knaben werden bei +Eintritt der Männlichkeit+ von einem älteren

Manne in die Geheimnisse des Geschlechtslebens eingeweiht; im

besonderen erhalten sie Unterricht in den religiösen Tänzen. Diese

Unterweisungen der Jünglinge finden draußen auf dem Felde zur

kalten Jahreszeit statt, wo sie unter Aufsicht in einer großen

Hütte untergebracht werden, kein Feuer anzünden und Wasser nur in

beschränktem Maße trinken, auch nur von Wurzeln und Früchten leben

dürfen. Alles das soll zur Abhärtung und Stählung des Körpers

dienen. Nach Abschluß dieser Zeit werden die Knaben zu Männern

geweiht, indem der Lehrer seinen Schülern auf die Stirn und zwischen

die Schulterblätter Tatauierungen einschneidet und die Wunden mit

Holzkohlenpulver einreibt. Hierauf dürfen die Jünglinge heiraten und

an den Versammlungen und Tänzen der Erwachsenen teilnehmen. Eine

Beschneidung findet nicht statt.

Bei den Mädchen wird der Eintritt der Reife ebenfalls gefeiert, aber

eine Unterweisung geht der Zeremonie nicht voraus. Die Sitte schreibt

dabei ebenfalls gewisse Tänze vor. Ein solcher Tanz des Aikwestammes

ist der Elandbullentanz, den Passarge folgendermaßen schildert. Das zum

erstenmal menstruierende junge Mädchen liegt auf der Erde, die älteren

Weiber stehen um dasselbe herum, singen, klatschen in die Hände und

klappern mit Eisenstücken. Die verheirateten jungen Frauen aber ziehen

im Gänsemarsch, mit den Füßen den Takt dazu stampfend, um das Mädchen

herum; dabei haben sie ihr Gesäß entblößt, wackeln und kokettieren

mit demselben und stoßen die Arme rhythmisch nach unten. Nach einer

Weile nähert sich ihnen mit langsamem Schritte ein Buschmann, der ein

Fell mit Hörnern der Elandantilope auf dem Kopf trägt und ähnliche

stampfende Bewegungen wie die Frauen ausführt. Er stellt den Bullen

dar, die Weiber die Kühe. Zunächst läuft der Mann mehrere Male um sie

herum, schließlich springt er in die Reihe hinter eine Frau und zieht

sie an sich. Die Bewegungen des Bullen und der Kühe lassen deutlich

erkennen, daß es sich hierbei um eine Szene aus dem Liebesleben dieser

Tiere handeln soll.

Bei der +Auswahl seiner Lebensgefährtin+ sieht sich der junge Buschmann

unter den Mädchen einer anderen Sippe um; als Vermittlerin pflegt

ihm seine Schwester zu dienen. Hat er die ihm Zusagende gefunden,

dann sucht er sich die Gunst der Eltern durch Geschenke zu erwerben.

Früher bestanden diese in einem ganzen Stück Wild oder wenigstens in

einem großen Teil eines solchen; heutzutage, wo der Wildreichtum sehr

zurückgegangen ist, genügen auch kleinere Geschenke. Mit der Erlegung

dieses Brautpreises ist die Ehe geschlossen, die dann noch durch einen

Hochzeitschmaus gefeiert zu werden pflegt. Gelegentlich ist es dabei

Sitte, daß der neue Ehemann, wenn die eingeladenen Nachbarn sich über

ihn lustig machen, sein junges Weib ergreift, worauf jene mit ihren

Grabstöcken auf ihn eindringen, so daß sich ein regelrechtes Gefecht

entwickelt; steht der Bräutigam dabei seinen Mann, so wird der Kampf

eingestellt und die Frau ihm überlassen. Der Ehemann tritt in deren

Sippe über.

Von der ihnen erlaubten +Vielweiberei+ machen die Buschleute (Abb.

388) oft Gebrauch, und drei bis vier Weiber sind keine Seltenheit.

Recht häufig heiratet der Mann nach der Reihe die Schwestern seiner

Frau oder ihre Cousinen. Im allgemeinen steht die Sittlichkeit bei den

Buschleuten auf verhältnismäßig hoher Stufe.

[Illustration:

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 392. Zulumädchen beim Tragen von Lasten,

die unter Umständen sehr schwer sind. Die vorangehenden erst zwölf- bis

dreizehnjährigen Mädchen pflegen auf weite Strecken vierzig bis fünfzig

Pfund auf dem Kopfe zu tragen.]

Bei der Nachricht von dem +Tode+ eines Buschmannes erhebt sich lautes

Schreien und Jammern unter den Weibern des Dorfes. Die Leiche, der der

Kopf mit rotem Ocker und Salbe eingerieben worden ist, wird ans Feuer

gestellt, nach Angabe anderer Autoren auch direkt durchgeräuchert. Die

Beerdigung erfolgt möglichst schnell. Der Tote wird in einer Grube in

hockender Stellung (mit über der Brust gekreuzten Armen), das Gesicht

nach Osten gewandt, zusammen mit seinen Waffen, Hausgeräten und mit

etwas Nahrung beigesetzt; sodann wird seine Hütte zerstört oder auch

verbrannt, deren Überreste in die Grube auf die Leiche geworfen und

das Ganze mit Erde zugeschaufelt. Zum Schutz gegen die wilden Tiere,

vielleicht auch um ein Hervorkommen des Geistes des Verstorbenen zu

verhindern, wird eine Steinpackung oder eine Steinsetzung über dem

Grabe aufgeführt; ein jeder, der vorübergeht und das Grab als ein

solches erkennt, wirft einen neuen Stein darauf. Die Grabstätte wird

von den Angehörigen möglichst schnell verlassen und für ein bis zwei

Jahre gemieden; selbst fremde Buschleute, die auf ihrem Zuge an einem

solchen Grabe vorbeikommen, hüten sich, in seiner Nähe zu schlafen.

Anscheinend bestehen unter den Buschleuten auch Vorstellungen von einem

Weiterleben nach dem Tode. So begegnet man der Ansicht, daß diejenigen,

die sich bei ihren Tänzen schwere Unsittlichkeiten hätten zuschulden

kommen lassen, nach ihrem Tode an einen geheimnisvollen Ort unter das

Wasser gebracht und hier in Tiere verwandelt würden, die für ihre

Ausschreitungen beständige Pein erlitten. -- Wie in ihren Sitten und

Gebräuchen überhaupt, so sind die Buschleute im besonderen auch in

denen, die sich auf die Begräbnisfeierlichkeiten beziehen, von den

umwohnenden Hottentotten sowie den Bantu verschiedentlich beeinflußt

worden.

Eine zweite Sondergruppe innerhalb der südafrikanischen Völker bilden

die +Hottentotten+. Man hat sie früher als Verwandte der Buschleute

aufgefaßt, und dies mit einer gewissen Berechtigung, insofern es sich

bei einer Gegenüberstellung mit den dunkelhäutigen Bantu bei beiden

um „hellfarbige Südafrikaner“ handelt und sie auch sonst manches

Gemeinsame in ihrem äußeren Verhalten darbieten. Indessen war es

der Sprachwissenschaft vorbehalten, Klarheit über die Stellung der

Hottentotten innerhalb des afrikanischen Völkerkreises zu schaffen.

Meinhof, der beste Kenner afrikanischer Sprachen, hat nämlich gezeigt,

daß ihre Grammatik eine ganz auffällige Übereinstimmung mit den

grammatikalischen Regeln der hamitischen Sprachen aufweist und daß auf

der anderen Seite die Schnalzlaute, die ihre Sprache mit den Dialekten

der Buschleute gemeinsam hat, von diesen nur entlehnt sind. Da nun die

Hottentotten trotz mancherlei Ähnlichkeit mit den Buschleuten in ihrem

Äußeren auf der anderen Seite auch wieder Eigenschaften aufweisen,

die sie den Hamiten nähern, wie die höhere Statur und die größere

Hellfarbigkeit, so liegt unter Berücksichtigung der sprachlichen Gründe

die Wahrscheinlichkeit sehr nahe, daß es sich bei ihnen um frühzeitig

weit nach dem Süden verschlagene und von ihren Stammesangehörigen

vollständig abgeschnittene Stämme hamitischer Völker handeln mag, die

durch starke Vermischung mit den in der Überzahl vorhanden gewesenen

Buschleuten der meisten ihrer ursprünglichen Rasseneigenschaften

verlustig gingen, jedoch ihre geistigen Eigenschaften, im besonderen

ihre entwickeltere Sprache, ihre verfeinerte Grammatik und

vorgeschrittenere Religion, sowie manche ihrer Gewohnheiten bis auf die

Neuzeit retteten.

Die Hottentotten sind heutzutage auf Deutsch-Südwestafrika, im

besonderen Groß-Namaland, beschränkt; ihre +wichtigsten Stämme+ sind

die Zwartboi, Bondelzwart (so benannt nach dem Bündel schwarzer

Streifen über den Augen), die Veldschoendrager, die Witboi, Simon

Kopper- und die Fransmann-Hottentotten. Im Gegensatz zu den Buschleuten

sind sie durchweg Viehzüchter geblieben, wie es ihre hamitischen

Vorfahren vor langen Zeiträumen schon waren. Bekannt sind ihre blutigen

Kämpfe mit der deutschen Regierung, durch die sie ziemlich aufgerieben

worden sind. Infolge der seit langem unter ihnen wirkenden Mission

haben sie das meiste Ursprüngliche bereits abgestreift und europäische

Sitten angenommen; ein Teil von ihnen ist Mischehen mit den vor den

Deutschen hier sehr verbreitet gewesenen Buren eingegangen. Im großen

und ganzen ähneln sie in körperlicher Hinsicht den Buschleuten,

unterscheiden sich aber von ihnen vor allem durch ihre bedeutendere

Größe sowie durch feinere Gesichtszüge. Ein einheitlicher Typus läßt

sich für die Hottentotten nicht aufstellen.

Ihre +Wohnungen+ sind halbkuglige niedere Hütten (sogenannte Pontoks),

die aus einem Gestell kreisförmig in den Boden gesteckter und oben

kuppelförmig miteinander verbundener dünner Zweige hergestellt sind

und mit Fellen oder Matten bedeckt werden. -- Jetzt kleiden sich

die Hottentotten schon meistens nach europäischer Art. Ihre frühere

+Tracht+ war ganz aus Leder beziehungsweise Fellen angefertigt, sie

bestand in einem solchen Hüftschurz, einem großen Fellmantel, Karoß

genannt, und einer Kopfbedeckung aus Pelz. -- Ihre +Waffen+ sind Bogen

und Pfeile, Speere und Wurfstöcke; neuerdings auch Schießgewehre.

[Illustration:

Mit Erl. der Mariannhiller Mission, Vertretung Würzburg.

Abb. 393. Basutokrieger in Kriegstracht.

Die Basuto galten früher für sehr gefürchtet im Kriegshandwerk, dem

ein jeder Mann obliegen mußte; jetzt haben sie friedlichere Sitten

angenommen.]

Die ursprüngliche +Religion+ der Hottentotten (heutzutage sind sie

Christen) scheint auf Ahnenverehrung und Geisterglauben beruht zu

haben. Die Geister der Verstorbenen wurden von ihnen als böse Dämonen

angesehen; daher war man auch bestrebt, durch Zusammenbinden der

Leiche sie an der Wiederkehr zu hindern. Der Ahnenkult kam in der

Gewohnheit zum Ausdruck, daß die an Gräbern Vorübergehenden diesen eine

Gabe darbrachten, entweder einen Stein oder Reisig, einen Blumenzweig,

ein Scheit Holz oder ein Büschel wohlriechender Kräuter darauf legten

und gleichzeitig den Verstorbenen um Gesundheit, viel Kinder und

viel Kleinvieh anflehten. -- Unglücksfälle und Krankheiten werden

dem Einflusse böser Geister zugeschrieben, gegen die man sich durch

Amulette und Beschwörungen durch einen Zauberer zu schützen sucht.

Die Hottentotten sind heutzutage +faule und zur Genußsucht geneigte

Menschen+; sie verstehen sich darauf, aus Honig ein berauschendes,

stark mussierendes Getränk herzustellen, dem sie eifrig zusprechen.

Besondere Freude haben sie an +Musik+ und +Tanz+. Ihr beliebtestes

Musikinstrument ist die Riedflöte, eine Art Schalmei, die aus einem

fußlangen Ried hergestellt wird; die verschiedenen Töne werden durch

Auf- und Niederschieben eines Stempels erzeugt. Die Männer bilden einen

Kreis und die Weiber darum einen anderen; sie bewegen sich darauf

in entgegengesetzter Richtung unter Verbiegungen des Oberkörpers,

die Weiber kehren ihre hintere Körperpartie hervor und führen unter

Händeklatschen und Musik groteske Sprünge und Bewegungen aus. --

Eine recht sonderbare Art von +Selbstbefriedigung+ betreiben die

jungen Mädchen der Hottentotten (sowie der Buschleute), indem sie

von frühester Jugend an beginnen, ihre ohnehin schon verhältnismäßig

stark entwickelten kleinen Schamlippen zu ziehen und zu zerren (sogar

unter Benutzung kleiner Gewichte), bis sie eine ansehnliche Größe

(Hottentottenschürze) erreichen.

[Illustration:

Aus „Kolonie und Heimat“.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 193 / 254 题