Im Lager der Nomaden gestaltet sich die Trauer noch viel tiefer; man
klagt und härmt sich hier so lange ab, bis vollständige Erschöpfung
eintritt. Die Leiche wird in einer flachen Grube beigesetzt, und
darüber werden Steine gehäuft, damit die wilden Tiere oder die Vögel
ihr nichts anhaben können. War ein Scheich wegen wohlwollender
Behandlung seiner Mitmenschen sehr beliebt, dann gibt eine Kaffeekanne
auf dem Grabe Kunde von dieser seiner Gastfreundschaft. Die Beisetzung
findet sonst nach dem mohammedanischen Ritus statt, gestaltet sich
aber ganz schlicht, ohne Zeremonie und großes Gepränge. Die Verwandten
opfern, wenn es sich um einen Mann handelt, ein Mutterschaf, ohne
jedoch sein Blut zu versprengen; sie kochen und verteilen alsdann das
Fleisch. Bei der Leiche einer Frau wird kein Opfer dargebracht, sie
wird aber beim Heraustragen aus dem Lager mit wohlriechendem Wasser
besprengt. Die Weiber besuchen häufig die Gräber ihrer Lieben und
weinen um die Toten; eine Witwe pflegt ihre Kinder dorthin zu führen
und sie über den Verlust des Vaters aufzuklären. -- In den Städten
und größeren Dörfern gestalten sich die Beisetzungszeremonien schon
großartiger. In Jerusalem begräbt man die jüdischen Toten stets am
Abhang des Ölbergs und die mohammedanischen auf der gegenüberliegenden
Seite des Kidrontales. Die allgemeine Meinung geht dahin, daß hier
alle Toten am Jüngsten Tag auferstehen werden. An diesem großen Tage
wird Mohammed eine Sichtung vornehmen, die bösen Mohammedaner auf der
anderen Seite bei den Ungläubigen zurücklassen, die guten aber in Flöhe
verwandeln und sie, nachdem er die Gestalt eines Schafes angenommen, in
seiner Wolle über die Brücke Es Sirat, die so dünn wie ein Pferdehaar
ist, ins Paradies hinüberführen.
[Illustration:
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 386. Szene aus einer moslemitischen Dorfhochzeit.
Neben dem Bräutigam steht der Leiter der Festlichkeit mit einem
Schwert. Die jungen Leute tanzen um die beiden herum, wobei sie mit den
Händen den Takt schlagen.]
Noch einer mohammedanischen Sekte sei hier kurz Erwähnung getan, der
+Nosairier+ oder Ansarije, die sich selbst als Fellach bezeichnen.
Früher über ganz Syrien und Mesopotamien verbreitet, sind sie heute
in einer Kopfzahl von 70-80000 fast nur noch in dem syrischen
Küstengebirge zwischen Libanon und Antiochia, dem Dschebel Ansarije,
anzutreffen. Sie sind auch äußerlich von der übrigen Bevölkerung
Syriens auffallend verschieden. In religiöser Hinsicht sind sie eine
Abzweigung der Schiiten, doch ist ihre Glaubenslehre, in die sie unter
anderem auch die Seelenwanderung aufgenommen haben, mit so vielen
Anschauungen aus dem altsyrischen Heidentum und dem altchristlichen
Gnostizismus durchsetzt, daß sie ein recht wirres Religionsgemisch
darstellt. So beten die Nosairier, um nur eines hervorzuheben, die
Sonne an, die sie als Wohnsitz Gottes nach seinen verschiedenen
Inkarnationen -- als Adam, Moses, Jesus, Mohammed, Ali, Hussein und so
weiter -- ansehen.