Abb. 385. Drusenfrau mit dem Tantur.]

Im Lager der Nomaden gestaltet sich die Trauer noch viel tiefer; man

klagt und härmt sich hier so lange ab, bis vollständige Erschöpfung

eintritt. Die Leiche wird in einer flachen Grube beigesetzt, und

darüber werden Steine gehäuft, damit die wilden Tiere oder die Vögel

ihr nichts anhaben können. War ein Scheich wegen wohlwollender

Behandlung seiner Mitmenschen sehr beliebt, dann gibt eine Kaffeekanne

auf dem Grabe Kunde von dieser seiner Gastfreundschaft. Die Beisetzung

findet sonst nach dem mohammedanischen Ritus statt, gestaltet sich

aber ganz schlicht, ohne Zeremonie und großes Gepränge. Die Verwandten

opfern, wenn es sich um einen Mann handelt, ein Mutterschaf, ohne

jedoch sein Blut zu versprengen; sie kochen und verteilen alsdann das

Fleisch. Bei der Leiche einer Frau wird kein Opfer dargebracht, sie

wird aber beim Heraustragen aus dem Lager mit wohlriechendem Wasser

besprengt. Die Weiber besuchen häufig die Gräber ihrer Lieben und

weinen um die Toten; eine Witwe pflegt ihre Kinder dorthin zu führen

und sie über den Verlust des Vaters aufzuklären. -- In den Städten

und größeren Dörfern gestalten sich die Beisetzungszeremonien schon

großartiger. In Jerusalem begräbt man die jüdischen Toten stets am

Abhang des Ölbergs und die mohammedanischen auf der gegenüberliegenden

Seite des Kidrontales. Die allgemeine Meinung geht dahin, daß hier

alle Toten am Jüngsten Tag auferstehen werden. An diesem großen Tage

wird Mohammed eine Sichtung vornehmen, die bösen Mohammedaner auf der

anderen Seite bei den Ungläubigen zurücklassen, die guten aber in Flöhe

verwandeln und sie, nachdem er die Gestalt eines Schafes angenommen, in

seiner Wolle über die Brücke Es Sirat, die so dünn wie ein Pferdehaar

ist, ins Paradies hinüberführen.

[Illustration:

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 386. Szene aus einer moslemitischen Dorfhochzeit.

Neben dem Bräutigam steht der Leiter der Festlichkeit mit einem

Schwert. Die jungen Leute tanzen um die beiden herum, wobei sie mit den

Händen den Takt schlagen.]

Noch einer mohammedanischen Sekte sei hier kurz Erwähnung getan, der

+Nosairier+ oder Ansarije, die sich selbst als Fellach bezeichnen.

Früher über ganz Syrien und Mesopotamien verbreitet, sind sie heute

in einer Kopfzahl von 70-80000 fast nur noch in dem syrischen

Küstengebirge zwischen Libanon und Antiochia, dem Dschebel Ansarije,

anzutreffen. Sie sind auch äußerlich von der übrigen Bevölkerung

Syriens auffallend verschieden. In religiöser Hinsicht sind sie eine

Abzweigung der Schiiten, doch ist ihre Glaubenslehre, in die sie unter

anderem auch die Seelenwanderung aufgenommen haben, mit so vielen

Anschauungen aus dem altsyrischen Heidentum und dem altchristlichen

Gnostizismus durchsetzt, daß sie ein recht wirres Religionsgemisch

darstellt. So beten die Nosairier, um nur eines hervorzuheben, die

Sonne an, die sie als Wohnsitz Gottes nach seinen verschiedenen

Inkarnationen -- als Adam, Moses, Jesus, Mohammed, Ali, Hussein und so

weiter -- ansehen.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 192 / 254 题