Am Morgen des festlichen Tages holt eine große Schar junger Männer die
Braut unter Musikbegleitung vom Haus ihres Vaters ab; sie wird dazu
geschmückt, in einen Schleier gehüllt und auf ein Kamel oder Pferd
gesetzt (Abb. 384). Das Volk macht sich diese Gelegenheit zunutze,
um möglichst großen Lärm durch Abschießen von Gewehren, Schlagen
von Trommeln und Geschrei zu veranstalten; es geleitet den Zug zum
Hause des Bräutigams, in dem die Braut den Tag mit ihren weiblichen
Verwandten und Freundinnen verbringt, während ihr Auserwählter mit
seinen Gästen verschiedenen männlichen Übungen und dem Sporte nachgeht.
Gegen Abend, wenn das Festmahl fertig gestellt ist, zu dem unter
Umständen bis zu anderthalbhundert Schafe geschlachtet worden sind,
machen sich die Gäste daran, den Speisen fleißig zuzusprechen. Der
Bräutigam nimmt dabei einen erhöhten Platz ein, um die Gesellschaft gut
übersehen zu können; ein Zeremonienmeister mit Gehilfen ist besonders
angestellt, um für das leibliche Wohl der Teilnehmer zu sorgen. Sind
alle im Überflusse gesättigt, dann werden die Geschenke eingesammelt.
Ein jeder, der zur Hochzeit geladen ist, soll von Rechts wegen ein
solches mitbringen, das immer in barem Gelde zu bestehen pflegt. Um
die Hochherzigkeit der gütigen Geber anzuspornen, ruft der Einsammler
jedesmal mit lauter Stimme den Namen des Spenders aus, nennt aber eine
viel größere Summe, als er in Wirklichkeit gegeben hat, damit der
nächste nicht hinter ihm zurückstehe; gleichzeitig fleht er des Himmels
Segen auf dessen Familie herab. Sind alle Geschenke eingesammelt, dann
erhebt sich der junge Ehemann und zieht sich mit seiner Frau zurück;
die Brautjungfern erwarten das Paar mit brennenden Öllämpchen.
[Illustration:
Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
Abb. 379. Eine Sammlung von Amuletten, durch die der böse Blick gebannt
werden soll.]
[Illustration:
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 380. Szene aus dem Passahfest in Palästina,
das zur Erinnerung an das Sterben der Erstgeburt im alten Ägypten bis
auf den heutigen Tag gefeiert wird. Ein fleckenloses Lamm wird als
Opfer geschlachtet.]
Eigenartig ist die Werbung bei den +Drusen+, einer mohammedanischen
Sekte, die innerhalb ihres eigenen Stammes zu heiraten pflegt und sich
mit einer einzigen Frau begnügt, obwohl der Islam ihnen deren mehrere
erlaubt. Drei Tage vor dem Hochzeitstag begibt sich der Bräutigam mit
einem Gefolge von Altersgenossen, die, wie er, vollständig bewaffnet
sind, zu seinem zukünftigen Schwiegervater, der, gleichfalls im
Waffenschmuck, die Gesellschaft an der Schwelle seines Hauses erwartet,
um von diesem in aller Form die Tochter als Frau zu verlangen. Der
Vater gesteht sie ihm unter den Bedingungen des Brautvertrages zu und
erteilt, wenn das Heiratsgut ausgemacht und auf die Braut übertragen
ist, dem Paare seinen Segen. Die Braut erscheint dabei für einen
Augenblick tief verschleiert in Begleitung ihrer weiblichen Verwandten;
die Mutter übernimmt die Bürgschaft für die unbefleckte Reinheit ihrer
Tochter. Der junge Mann fragt seine Zukünftige, ob sie ihn heiraten
wolle, und erhält die zusagende Antwort: „Ich nehme dich“; dabei
überreicht sie ihm einen sehr schönen syrischen Dolch, den Khanjar,
in ein großes Taschentuch aus Wolle gewickelt, das sie mit eigenen
Händen gearbeitet hat. Sie will damit andeuten, daß sie sich in Zukunft
unter den Schutz ihres Mannes stellen wird, aber auch, daß dieser
mit dem Dolch ein etwaiges Vergehen ihrerseits sühnen darf, sei es,
daß sie mit ihrer Jungfrauenehre etwa leichtsinnig umgegangen sein
oder sonst ein von ihr bei der Hochzeit abgelegtes Gelübde übertreten
oder ihre Pflicht als gehorsame Gattin nicht erfüllt haben sollte. Am
Hochzeitsabend führen die Frauen den Bräutigam zum Brautgemach, wo
ihn die Braut, vom Kopf bis zum Fuß in einen roten, mit Goldflitter
besetzten Schleier gehüllt, erwartet; er entfernt diesen und setzt ihr
den Tantur aufs Haupt, den sie so lange trägt, als sie lebt. Es ist
dies eine silberne, manchmal auch nur zinnerne, spitz zulaufende Tube,
die auf dem Kopfe im rechten Winkel zu der Stirn getragen wird (ähnlich
wie man das Horn eines Einhorns darstellte) und das Abzeichen für die
verheiratete Drusenfrau bildet (Abb. 385). Dies Schmuckstück wird auf
sehr verschiedene und für die einzelnen Örtlichkeiten kennzeichnende
Weise getragen, so daß jemand, der mit Land und Sitten vertraut ist,
nach der Art, wie eine Frau den Tantur trägt, zu sagen vermag, aus
welchem Bezirk sie stammt. Für gewöhnlich ruht er mit seinem breiteren
Ende auf einem Kissen oben auf dem Kopf und wird hier durch zwei
Seidenschnüre festgehalten, die, nachdem sie um den Kopf geschlungen
worden sind, hinten fast bis zur Erde hinabreichen und in Troddeln
endigen, die bei den besseren Klassen noch mit einer Silberkappe
versehen sind. Sobald der Schleier vom jungen Ehemann gelüftet wird,
laufen alle Anwesenden eiligst aus dem Zimmer; sie schreien dabei in
tiefen Kehllauten und lassen diese mißtönende Musik noch stundenlang
weiter erschallen. Die Männer führen inzwischen in einem anderen Raum
oder auf dem Hofe einen Schwertertanz auf; sie fuchteln in drolligen
Stellungen mit ihren Schwertern und Messern in der Luft herum, um die
Jans (bösen Geister) dem künftigen Leben der Neuvermählten fernzuhalten.
[Illustration:
Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
Abb. 381. Schwertertanz bei einer Hochzeit.
Die Trommeln schlagen den Takt zu den Bewegungen des Tänzers. Es sollen
dadurch die bösen Geister gebannt und die Zuschauer unterhalten werden.]
Abweichend von den sonstigen Hochzeitsgebräuchen besteht bei den
+Kurden+ die Sitte, daß die Braut, nachdem sie von dem Bräutigam in
sein Zelt geführt worden ist, vor dem zwei Freunde mit gezückten
Schwertern die Ehrenwache halten, damit kein Unberufener es betrete,
sich gegen die Annäherung des jungen Gatten zunächst heftig sträubt
und erst nach langem Bitten, das durch Überreichung eines wertvollen
Geschenks unterstützt wird, das Beilager erlaubt. Wird ein Mädchen
unter den Kurden nicht mehr für jungfräulich befunden, dann setzt man
sie, nur mit einem wollenen Hemd bekleidet, verkehrt auf einen Esel,
gibt ihr den Schwanz in die Hand und jagt sie unter Verhöhnungen
aus dem Dorfe hinaus; ein jeder, der sie trifft, hat das Recht, die
Gefallene mit Kot zu bewerfen.
Bei den christlichen +Armeniern+ besteht noch die Sitte, daß die Kinder
in der Wiege, selbst noch ungeborene, miteinander verlobt werden, um
feste Verbindungen zwischen zwei Familien dadurch anzuknüpfen. Als
Zeichen solcher Verlobung gilt ein Einschnitt in das Obergestell der
Wiege des Mädchens, den der Vater des Knaben macht, oder das dreimalige
Umwickeln des Gestelles mit einem baumwollenen Faden. Bei der Werbung
eines Erwachsenen legt der Jüngling seiner Angebeteten nachts im
geheimen einen Korb mit frischen Blumen oder Pakete mit süßen Früchten
vor die Tür des elterlichen Hauses. Nachdem er auf solche Weise zwei-
bis dreimal das Mädchen aufmerksam gemacht hat, gibt er dessen Eltern
durch seine Verwandten zu wissen, daß er es war, der diese Gaben
hinlegte. Sind die Eltern gesonnen, ihre Tochter ihm zum Weibe zu
geben, so tun sie in den von ihm dargebrachten Korb ein gekochtes Huhn,
einige aus Milch, Eiern und Butter gebackene Kuchen sowie einige Eier
und senden ihn dem Jüngling zurück. Daraufhin gilt die Verlobung für
abgemacht. Zum Zeichen dessen überreicht die Mutter des Bräutigams
oder eine andere weibliche Anverwandte während des Gottesdienstes am
Palmsonntag dem Mädchen eine angezündete Kerze und wirft ihr ein großes
rotes Tuch über den Kopf. Einige Monate nach der Verlobung findet
die Vermählung statt. Sie wird in der Weise begangen, daß Braut und
Bräutigam dreimal um den Herd des Hauses gehen, seinen Rand küssen und
sich, das Gesicht gen Osten gewandt, vor ihm aufstellen; der Geistliche
stellt Kerzen auf den Herd und legt beiden eine Schnur aus grüner und
roter Seide um den Hals, die er an den Enden mit einem Wachssiegel,
auf das ein Kreuz gedrückt wird, schließt. Solange diese Schnur (Narot
genannt) am Halse der Neuvermählten sitzt, haben sie kein Anrecht auf
geschlechtlichen Verkehr. Durch eine besondere kirchliche Feier wird
das Paar erst von diesem Verbot befreit.
[Illustration:
Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.