Bei der Geburt eines Mädchens ist die Freude bei weitem nicht so groß.
Der Bote kommt nur langsam zum Vater, der von weitem schon den Inhalt
der Botschaft ahnt, und teilt ihm diese schonend mit. Er weist zwar
gleichzeitig tröstend darauf hin, daß der Vater später einmal von der
Tochter auch einen Vorteil haben wird. Denn vorläufig hat ein Mädchen
für ihn keinen Wert; erst wenn es älter wird und heiratet, steigt es
in den Augen des Vaters. Dieser interessiert sich dann für die äußere
Erscheinung der Tochter und schätzt ihren Wert ein; er genießt fortan
auch bei dem Händler, von dem er seine Nahrungsmittel bezieht, Kredit.
Hat er drei Töchter, so kann er dies dem Besitze von etwa achthundert
bis zweitausend Mark gleich achten, je nach dem Alter und den Reizen
derselben. Gleichwohl werden die Mädchen niemals mitgezählt, wenn man
von der Zahl der Familienmitglieder spricht. -- Manchmal wird bei der
Geburt eines Kindes auch ein Lamm als Geschenk dargebracht, um Achtung
und Ergebenheit zu bekunden. Dieser Brauch wird indessen nicht als
eine religiöse Zeremonie angesehen, wenngleich sich meistens daran ein
Festgelage anschließt und vielleicht die Erfüllung eines Gelübdes damit
verknüpft ist. Oft wird diese Gelegenheit dazu benutzt, um Frieden zu
schließen, das Geschenk bedeutet dann ein Versöhnungszeichen zwischen
zwei Nachbarn oder Bekannten, deren gute Beziehungen durch Fehde oder
Blutvergießen getrübt gewesen waren. Oft entspricht das Darbringen von
Geschenken auch lediglich eigennützigen Beweggründen: derjenige, der
das Opfer „führt“, erwartet davon eine Belohnung, die dem Brauche gemäß
in einem Kleidungsstück bestehen muß. -- Auch bei der Rückkehr eines
teuren Verwandten wird noch heute wie in früheren Zeiten aus Freude ein
Tier geschlachtet (Abb. 383).
[Illustration:
Phot. G. Robinson Lees.