Abb. 373. Der armenische Patriarch in vollem Staate auf dem Totenbett.]

Bei der Geburt eines Mädchens ist die Freude bei weitem nicht so groß.

Der Bote kommt nur langsam zum Vater, der von weitem schon den Inhalt

der Botschaft ahnt, und teilt ihm diese schonend mit. Er weist zwar

gleichzeitig tröstend darauf hin, daß der Vater später einmal von der

Tochter auch einen Vorteil haben wird. Denn vorläufig hat ein Mädchen

für ihn keinen Wert; erst wenn es älter wird und heiratet, steigt es

in den Augen des Vaters. Dieser interessiert sich dann für die äußere

Erscheinung der Tochter und schätzt ihren Wert ein; er genießt fortan

auch bei dem Händler, von dem er seine Nahrungsmittel bezieht, Kredit.

Hat er drei Töchter, so kann er dies dem Besitze von etwa achthundert

bis zweitausend Mark gleich achten, je nach dem Alter und den Reizen

derselben. Gleichwohl werden die Mädchen niemals mitgezählt, wenn man

von der Zahl der Familienmitglieder spricht. -- Manchmal wird bei der

Geburt eines Kindes auch ein Lamm als Geschenk dargebracht, um Achtung

und Ergebenheit zu bekunden. Dieser Brauch wird indessen nicht als

eine religiöse Zeremonie angesehen, wenngleich sich meistens daran ein

Festgelage anschließt und vielleicht die Erfüllung eines Gelübdes damit

verknüpft ist. Oft wird diese Gelegenheit dazu benutzt, um Frieden zu

schließen, das Geschenk bedeutet dann ein Versöhnungszeichen zwischen

zwei Nachbarn oder Bekannten, deren gute Beziehungen durch Fehde oder

Blutvergießen getrübt gewesen waren. Oft entspricht das Darbringen von

Geschenken auch lediglich eigennützigen Beweggründen: derjenige, der

das Opfer „führt“, erwartet davon eine Belohnung, die dem Brauche gemäß

in einem Kleidungsstück bestehen muß. -- Auch bei der Rückkehr eines

teuren Verwandten wird noch heute wie in früheren Zeiten aus Freude ein

Tier geschlachtet (Abb. 383).

[Illustration:

Phot. G. Robinson Lees.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 186 / 254 题