[Illustration:
Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
Abb. 372. Altäre in der heiligen Grabeskirche,
die letzten Stationen des Leidensganges des Heilands für Pilger der
römischen und griechischen Kirche.]
Das Bestreben jeder strenggläubigen Moslemitin sowie jeder Jüdin
ist darauf gerichtet, ihrem Manne recht viele, womöglich männliche
+Kinder+ zu schenken. Ist ihr solches Glück versagt und leidet sie
infolgedessen unter Vernachlässigung von seiten ihres Gatten sowie
unter der Verspottung ihrer Nachbarn, die unter höhnischem Lachen mit
dem Finger auf sie zeigen, dann sucht sie diesem Übelstande mit allen
Mitteln abzuhelfen. Sie sucht die verschiedensten heiligen Stätten
(Schreine) auf und nimmt die Hilfe weiser Frauen oder heiliger Männer
in Anspruch. Der bedeutendste Schrein ist der Neby Daud, das heißt
der „Prophet“ David, womit das angebliche Grabmal Davids gemeint ist,
ein moslemitischer Schrein, der von einer größeren Anzahl Menschen
alljährlich aufgesucht wird. Jede Frau glaubt, daß der „Prophet“ David
sich für alle diejenigen verwenden wird, die sich Kinder wünschen,
sofern sie ein Gelübde ablegen. Zum Zeichen dessen trägt sie meistens
ein Stück Zeug, und das Gelübde erfüllt sie durch das Opfer eines
Lammes, das ein heiliger Mann schlachtet; das Fleisch des Tieres wird
darauf unter die Armen verteilt. Sind alle Bemühungen, Mutter zu
werden, vergeblich gewesen, so tut die Mohammedanerin ihr letztes und
trägt eine schwarze Schlange drei Tage lang auf bloßer Haut; dann ist
sie fest überzeugt, daß sie nicht mehr lange auf die Mutterschaft zu
warten braucht. -- Die +Geburt eines Kindes+ bildet in jedem Dorfe ein
wichtiges Ereignis. Verspürt die islamitische Frau, daß ihre schwere
Stunde naht, so verläßt der Gatte seine Wohnung, nachdem er einen
Freund gebeten hat, dort zu bleiben und ihm die Nachricht von der
erfolgten Entbindung zu überbringen. Ist ein Knabe zur Welt gekommen,
so läuft dieser Freund in größter Eile zum Vater, schwenkt von weitem
schon freudig seine Arme und ruft ihm so laut er nur kann zu: „Bschara,
Bschara“, das heißt „gute Nachricht, gute Nachricht“. Der neugebackene
Vater macht sich spornstreichs auf den Weg nach Hause, um dem Kinde
einen Namen zu geben. Dieses wird nach der Geburt sofort ganz und gar
mit Salz eingerieben, mit Olivenöl bestrichen und sodann in Windeln
gewickelt. Erst nach sieben Tagen wird es ausgebündelt, noch einmal
mit Öl gewaschen, mit Salz eingerieben und dann wieder eingehüllt.
Dieses Verfahren wird vierzig Tage lang fortgesetzt. Dann wird das
Kind (Knabe wie Mädchen) in die Kleidung der Erwachsenen gesteckt. Der
Vater gibt seinen Freunden, von denen man erwartet, daß sie sich mit
Geschenken einfinden werden, ein Fest. Es schenkt auch jeder, seinen
Mitteln entsprechend, einen gewissen Betrag, angeblich zum Besten des
Kindes, aber in Wirklichkeit für die eigenen Zwecke des einsammelnden
Vaters. Vielfach, meistens bei den Bauern, werden Geschenke auch
in Gestalt von Naturalien (Schafe, Ziegen, Getreide, Linsen und
dergleichen) verabreicht.
[Illustration:
Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.