[Illustration:
Phot. W. W. Rickmers.
Abb. 350. Versammlung der Turkistaner in dem Winkel einer Moschee,
wo ihnen ein des Lesens Kundiger Stellen aus heiligen Schriften oder
Neuigkeiten vorzulesen pflegt.]
Die +Kirgisen+ (das heißt Steppenwanderer) sind ein kräftiges
Nomadenvolk, das die Steppe zwischen den nördlichen Gebieten Turkistans
und dem mittleren Sibirien durchstreift; sie kommen auch in die
Sartenstädte, wo man sie häufig auf den Basaren und Märkten antrifft.
Ihre irdischen Güter bestehen nur in Viehherden (Kamelen, Pferden,
Schafen, Ziegen, Eseln), die aber einen recht hohen Wert darstellen.
Da die klimatischen Verhältnisse des Landes nicht das ganze Jahr
hindurch genügend Futter für die Herden an einer Stelle gewähren, so
sind die Kirgisen gezwungen, ein Nomadenleben zu führen. Sie leben
daher in Zelten, die sie zum Schutz gegen wilde Tiere öfters noch
mit einer Lehmmauer umgeben. Sobald der Sommer anbricht, ziehen sie
mit ihren Herden aus der Ebene in die umgebenden Berge. Die Frauen
schlagen die Zelte auf und brechen sie auch wieder ab; es sind dieses
Holzgerüste, die im Sommer mit Rohrmatten, im Winter mit Filzdecken
überspannt werden. Je nach der Wohlhabenheit ihrer Besitzer weisen die
Zelte eine mehr oder weniger kostbare Innenausstattung in Gestalt von
Teppichen und Seidenstoffen auf (Abb. 354). Sonst ist ihre Ausstattung
bescheiden; aber ein Prunkstück hat wohl jede Jurte aufzuweisen: einen
mit grüner oder roter Farbe bemalten, metallbeschlagenen Holzkoffer,
der zur Aufnahme des Familienreichtums, der Schmucksachen, des Geldes,
kostbarer Stickereien und so weiter dient.
[Illustration: Abb. 351. Stelzenlaufen der Sarten,
eine Belustigung des sehr trägen Volkes. Sie sehen an der Stadtmauer
sitzend dem Schauspiel zu, das die Bezeichnung Tamasha führt.]
Die +Kleidung+ der Kirgisen setzt sich aus kurzen, aber sehr weiten
Reithosen aus Baumwollstoff, Leder oder Häuten, deren Haare nach außen
gerichtet sind, mächtigen Stiefeln und einem langen Mantel mit sehr
langen, engen Ärmeln und (zur Winterszeit) einem Baschlik zusammen. Die
Kleidung der Frauen (Abb. 356) ist der der Männer gleich. Merkwürdig
ist an ihr, daß unverheiratete Mädchen sich mit reichem Schmuck aus
Edelsteinen und Edelmetall behängen dürfen, verheirateten Frauen
dies aber verboten ist; sie unterscheiden sich von ersteren auch
noch dadurch, daß sie sich ein weißes baumwollenes Tuch um Kopf und
Schultern binden.
[Illustration: Abb. 352. Ein Tanzknabe bei seiner Vorstellung.]
Trotz ihres enormen Reichtums an Vieh verstehen sich die Kirgisen nur
im Notfalle dazu, ein Stück zu schlachten; sie betrachten ihre Herden
als ihr Kapital und begnügen sich mit Milch und deren Erzeugnissen,
unter denen der Kumys (in schafledernen Schläuchen gegorene
Stutenmilch) die erste Stelle einnimmt, Hirsebrei und einer aus Mehl
hergestellten Speise. Nur bei festlichen Gelegenheiten genießen sie
Fleisch; dann aber lassen sie auch, wie man zu sagen pflegt, etwas
springen, und zahlreiche Tiere müssen daran glauben. Als große
Delikatesse wird der Tjustjuk geschätzt, ein etwa handtellergroßes, nur
aus Fett bestehendes Bruststück vom Schaf, das man mit dem noch daran
haftenden Fell an einem Holzstab über Kohlenfeuer röstet.
Obwohl sich die Kirgisen zum Islam bekennen, gehen sie doch ganz in
+animistischen Anschauungen+ auf; wie die sibirischen Völker kennen
auch sie Schamanen (Baksas genannt). Diese wahrsagen auch und heilen
Kranke, wobei sie Pferdeopfer darbringen. Zu Heil- und Schutzzwecken
verwenden sie außer Amuletten allerlei tierische Substanzen. Sehr
gefürchtet wird der böse Blick; allgemein verbreitet ist auch der
Glaube an Vorzeichen in Träumen und Körperzuckungen, ferner der
Tier-, Zahlen-, Sternenglaube und das Orakel. Man wahrsagt aus
Schafsknochen und Schafmistkugeln.
[Illustration:
Mit Erl. der Cambridge University Preß.
Abb. 353. Eine heilige Grabstätte, Mazar genannt,
die gleichzeitig Gebetshaus ist. Die angebrachten Steinbockhörner sind
Symbole der männlichen Kraft. Vom Mast hängt ein Yakschwanz herab.]
[Illustration:
Aus „Globus“.