Die +Frauen+ der Kirgisen sind die reinen Arbeitstiere, wie auch sonst
bei den Nomadenstämmen. Während die Männer auf ihren Wanderzügen stets
zu Pferde sitzen, müssen die Frauen vielfach zu Fuß nebenher laufen.
Sie tragen keinen Schleier.
Eigentliche +Hochzeitsgebräuche+ kennen die Kirgisen nicht. Man begnügt
sich im allgemeinen damit, ein großes Hochzeitsmahl zu veranstalten.
Die Braut trägt einen unförmigen, hohen, kegelartigen Kopfputz
(Saukele) aus rotem Stoff, der reich mit Perlen, Münzen, Edelsteinen
und Silberschmuck verziert ist und unter Umständen einen Wert von
mehreren tausend Mark darstellt.
Bei Beginn der +Geburt+ werden alle Weiber aus der Jurte entfernt,
in dem Glauben, es könnte eine darunter sein, die vom Satan besessen
wäre. Dagegen versammeln sich die Männer drinnen, und draußen stellen
sich alle übrigen Dorfbewohner auf. Man schreit, lärmt, knallt mit der
Peitsche und schießt mit der Flinte, manchmal schlägt man auch, nur
zum Schein, auf die Kreißende ein. Offenbar sollen dadurch die bösen
Geister verscheucht werden. Außerdem holt man einen Dargon, eine Art
Arzt, oder häufiger den Schamanen hinzu. Dieser nimmt die üblichen
Beschwörungen vor, um die Geburt zu erleichtern.
Wird ein solcher Baksa zu einer Kreißenden gerufen, dann läßt er
zunächst alle Feuer bis auf das auf dem Herde brennende auslöschen,
kniet, mit einem langen, weißen Hemd bekleidet, vor ihr nieder und
beginnt, sich langsam hin und her neigend, auf einem dreisaitigen
mandolinenähnlichen Instrumente zu spielen, das er von Zeit zu Zeit
schüttelt. Darauf singt er mit zitternder Stimme eine fremdartige,
wilde Melodie. Ab und zu unterbricht er die Musik und seinen
Gesang durch unartikulierte laute Schreie und springt endlich nach
einer kurzen Pause sehr erregt auf; mit verzerrtem Gesicht und
rollenden Augen fängt er an, in der Jurte im Kreise umherzugehen, zu
gestikulieren, als ob er Krämpfe habe, umherzuspringen, überhaupt
sich wie toll zu gebärden. Wenn gar zwei Baksen herzugezogen worden
sind, wird die Szene noch wilder. Beide rasen umher, und einer sucht
den anderen an Wildheit zu überbieten; sie beißen sich, bewerfen sich
mit glühenden Feuerbränden und hören mit ihrem Toben nicht eher auf,
als bis der schwächere kraftlos zusammenbricht. Inzwischen soll die
Geburt sich leicht abwickeln. -- Die ganze +Kindererziehung+ beschränkt
sich für die Knaben auf das Erlernen des Reitens -- die Kirgisen sind
vorzügliche Reiter --, für die Mädchen auf Spinnen, Weben, Sticken
und Herstellen von Gewändern und Filz, sowie in dem Erlernen der
Hauswirtschaft.
[Illustration: Abb. 355. Sartische Musikanten.
Bemerkenswert sind die über zwei Meter langen Trompeten aus Kupfer,
die nur bei ganz besonderen Gelegenheiten geblasen werden. Ihre Töne
klingen wie Ochsengebrüll.]
+Turkmenen.+ Der dritte Volksstamm, der für unser Gebiet in Betracht
kommt, sind die Turkmenen. Sie führen die gleiche Lebensweise wie
die Kirgisen. Dementsprechend leben sie unter Zelten, die sie in der
Weise herstellen, daß sie dicken Filz über ein Gestell aus Weidenruten
hängen. Das Innere dieser Wohnungen ist an den Wänden mit kostbaren
Gebetsteppichen, gewebten Vorhängen und den berühmten Satteltaschen
ausgestattet; ebenso liegen dicke Filzdecken oder Teppiche auf dem
Boden. Ihr Reichtum an Herden, die vorwiegend aus Pferden bestehen, ist
bei weitem nicht so bedeutend wie der der Kirgisen.
Ihre Tracht gleicht der kirgisischen; nur ein Kleidungsstück
unterscheidet die Turkmenen von diesen ihren Stammesvettern, das ist
ihre große buschige schwarze Schafwollmütze, der Kalpak. -- Wie die
Kirgisenfrauen gehen auch die Turkmeninnen unverschleiert. Dagegen
behängen sie sich viel mit allerlei Schmuckstücken, die ein ziemliches
Gewicht haben, zum Beispiel schweren Brustharnischen mit Achatsteinen
oder massiven Daumenringen, dicken Armbändern, die so breit sind, daß
sie den ganzen Vorderarm bedecken, und anderem mehr. Mancher Ehemann
legt in diesem Schmuck beinahe sein ganzes Vermögen an.
Auch die Turkmenen sind +vorzügliche Reiter+, und ihre Frauen sind in
dieser Kunst nicht minder geschickt als die Männer. Außerdem sind die
Turkmenen große +Liebhaber von Ringkämpfen+, bei denen die Zuschauer
in dichten Reihen umherstehen. Jeder barfüßige Held, dem es gelingt,
seinen Gegner zum Straucheln zu bringen und ihn platt auf die Erde zu
werfen, wird mit lautem Beifall von ihnen begrüßt. Der Kampf spielt
sich in ruhiger, bedächtiger Weise ab; Roheiten kommen dabei nicht
vor. Ein Schiedsrichter überreicht dem Sieger helleuchtende seidene
Taschentücher; mit dem Stock in der Hand hält er die Ordnung aufrecht.
[Illustration:
Phot. Annette M. B. Meakin.
Abb. 356. Kirgisenfrauen.