Eine Familie hat sich zum Festmahl versammelt.]

Jeder Sarte muß sich zeit seines Lebens den +Kopf rasieren+ lassen,

sobald sein Bart zu wachsen beginnt; ebensowenig darf er sich ein

Haar auf der Oberlippe stehen lassen, hingegen wohl seinen übrigen

Bart, der sogar überhaupt niemals geschnitten wird. Schon ganz jungen

Kindern, wenn sie das erste Lebensjahr gerade erreicht haben, rasiert

man den Kopf, Knaben sowohl wie Mädchen. Letztere lassen sich aber vom

siebenten Jahre an die Kopfhaare wieder wachsen. Unter Umständen dürfen

zwei kleine Haarbüschel über dem Ohr eines Knaben stehen bleiben,

wenn die Eltern damit anzeigen wollen, daß sie ein besonderes Gelübde

abgelegt haben; manchmal befestigen sie daran noch eine dichte Flechte

Frauenhaar. Weil sie keine Haare auf dem Kopfe haben, tragen alle

Sarten beständig eine kleine Mütze, die erwachsenen Männer darüber noch

ihren aus meterlangen Tüchern geschlungenen Turban. Ihre Mützen pflegen

in bunten, leuchtenden Farben bestickt zu sein. Überhaupt legen

alle Sarten großes Gewicht auf besondere Schönheit ihrer Gewandung,

die zumeist farbenprächtig ausgestattet ist. Oft genug tragen sie

bis zu einem halben Dutzend bunter Chalats, einen über dem anderen,

sogar zur heißesten Jahreszeit. -- Die Mädchen tragen ihr dichtes,

üppiges Haar glatt und in der Mitte gescheitelt und lassen es in

zahlreichen Flechten herabhängen. Kopfschmuck ist ihnen verboten. Die

verheirateten Frauen verlängern ihre schwarzen Augenbrauen künstlich

mittels Farbstifts; zum mindesten bringen sie sie über der Nasenwurzel

zusammen, oft aber führen sie sie auch seitwärts weiter. Handflächen

und Nägel werden von ihnen, wie es für die Anhängerinnen des Islams

Vorschrift ist, mit Henna gefärbt. Bei festlichen Gelegenheiten tragen

die Damen viele Korallenschnüre um den Hals und schwere silberne

Ringe im Ohr, außerdem mit Türkisen, Korallen und Glasperlen besetzte

Amulette über den Ohren im Haar.

[Illustration:

Phot. Annette M. B. Meakin.

Abb. 347. Sartenbraut.

Beim Ausgehen trägt jede Sartenfrau einen dicken Schleier aus Roßhaar

und ein langes, graues, vom Kopf bis zu den Füßen reichendes Gewand.]

Die Sarten können für die +strenggläubigsten Mohammedaner+ der

ganzen Welt gelten (Anhänger der Sunna): sie befolgen nicht nur aufs

genaueste die Vorschriften des Korans, sondern übertreiben sie unter

Umständen sogar. Während jeder andere Mohammedaner sich im allgemeinen

damit begnügt, die ihm auferlegten Waschungen an Händen, Füßen und

Mund fünfmal am Tage vorzunehmen, gewinnen es die Sarten über sich,

diese Vorschrift gegen zwanzigmal zu erfüllen (Abb. 349 und 350). --

Eine +besondere Ehrfurcht+ bekunden die Sarten +gegenüber dem Brot+.

Diese geht so weit, daß sie es für Unrecht halten, einen Laib Brot

„auf den Rücken zu legen“. Nach dem Ramadan legt jede Familie ein

Stückchen beiseite, um es bis zur nächsten Fastenzeit als glückbringend

aufzubewahren. Es gilt als Zeichen von Wohlhabenheit, wenn ein Sarte

vor seinem Gaste seine Brote hoch aufbaut.

Eine Eigentümlichkeit der Sarten sind die +Batschas+ oder +Tanzknaben+,

wozu besonders schöne oder, besser gesagt, mädchenhaft erscheinende

Knaben eigens ausgewählt werden. Sie werden auch ähnlich wie Mädchen

gekleidet: sie tragen das Kopfhaar vorn abgeschnitten und hinten

langwallend; man steckt sie in buntschillernde Gewänder, zieht ihnen

lose Beinkleider sowie hohe Lederstiefel an und setzt ihnen eine

reich und recht bunt bestickte Mütze auf. Unter einem Leiter, der mit

ihnen sehr streng umgehen soll, ziehen sie in Gruppen von zehn bis

zwölf von Ort zu Ort und werden an wohlhabende Männer vermietet, um

diese durch ihre Tänze zu unterhalten (Abb. 352), auch wohl von ihnen

sich geschlechtlich mißbrauchen zu lassen. Während des Fastenmonats

Ramadan sind diese Knaben hochgradig in Anspruch genommen; denn sie

müssen ganze Nächte durchtanzen, bis sie vor Ermüdung zusammenbrechen.

-- Die sartischen Musikanten, die bei Volksbelustigungen (Abb. 351)

aufspielen, blasen auf mächtigen Trompeten von etwa zweieinhalb Meter

Länge (Abb. 355).

Die +Begrüßungsform+ der Sarten ist sonderbar. Bei der Begegnung

reichen sie sich die Hände und streichen sich darauf mit beiden Händen

den Bart. Überhaupt ist das Händereichen unter ihnen sehr beliebt; ein

Höhergestellter hält es nicht für unter seiner Würde, einem Manne von

niedrigerem Stande die Hand zu geben.

Im Alter von acht bis zwölf Jahren wird an den Knaben die

+Aufnahmezeremonie+ vollzogen, kraft deren es ihnen gestattet ist,

fortan an Stelle der gestickten kleinen Mütze einen Turban zu tragen.

Für die jungen Mädchen besteht die Pflicht darin, sich eine Bettdecke

zu arbeiten. Das Material dazu geben ein grober straminähnlicher

Stoff und karmesinrote Seide ab; je dichter der Stoff mit der Seide

bestickt wird, für um so kostbarer gilt die Bettdecke. Sticken ist die

einzige Handarbeit, die die Sartenfrau am Freitag, der unserem Sonntag

entspricht, vornehmen darf.

Die +Sartenfrauen+ bringen ihr ganzes Leben in strenger

Abgeschlossenheit zu; wohl bei keinem Volke der Erde ist diese so

ausgeprägt wie in Turkistan. Eine Frau, die nur etwas auf ihren Ruf

hält, gleichviel, ob sie erst neun oder bereits neunzig Jahre alt ist,

wird sich außerhalb ihres Heims nie sehen lassen, ohne, wie wir es

schon geschildert haben, tief verschleiert zu gehen.

[Illustration:

Phot. Annette M. B. Meakin.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 175 / 254 题