[Illustration:
Phot. A. O’Brien.
Abb. 336. Wie man in Beludschistan reist.
Die Frauen gehen mit den Kindern und der Wegzehrung voran, der Hausherr
folgt zu Roß, und ein Kamel trägt Hab und Gut der Familie.]
Zu den unter dem Volke beliebten Belustigungen gehören die meist zu
Neujahr stattfindenden Widderkämpfe (Abb. 331).
+Aberglaube und Zauberei+ sind unter der persischen Bevölkerung noch
sehr im Schwange. Zahlreich sind die Mittel, sich einer lästigen Person
oder eines Feindes auf dem Wege des Sympathiezaubers zu entledigen.
Zu diesem Zwecke muß man ein bestimmtes Gebet einundvierzig Tage lang
lesen, dann stirbt der Feind, oder man fertigt sich ein Bildnis an,
das die unliebsame Person vorstellen soll, schlägt es täglich bis zum
vierzigsten Tage und haut ihm am nächsten Morgen den Kopf ab, dann
stirbt die betreffende Person ebenfalls, oder endlich man nagelt ein
Stück Schafsfett an die westliche Mauer eines unbenutzten Friedhofs, am
besten an einem Mittwoch, und steckt vierzig Tage lang eine Stecknadel
in das Fett; in dem Maße, wie das Fett vergeht, löst sich auch der
Feind auf. Es wird versichert, daß Leute, die von diesem Zauber, der
gegen sie angewendet wurde, hörten, so in Angst und Aufregung gerieten,
daß sie wirklich starben. Wünscht man nicht den Tod einer Person,
sondern nur ihre Unbeliebtheit, dann zerstößt man eine Eselsrippe und
mischt sie unter ihr Essen. Es muß aber eine linke Rippe sein; würde
man aus Versehen eine rechte Rippe dazu verwenden, dann träte das
Gegenteil ein, die betreffende Person würde in hohem Grade beliebt
werden. -- Sehr verbreitet ist auch der +Liebeszauber+. Um die Neigung
des Mannes zurückzugewinnen, streut die Frau Kardamom, Nelken, Zimt
und anderes Gewürz in einen Krug, liest über ihm das schon erwähnte
Yasinkapitel aus dem Koran siebenmal rückwärts, füllt hierauf die Kanne
mit Rosenwasser, legt noch ein Blatt Papier, das den Namen ihres Mannes
und die von vier Engeln enthält, sowie das Hemd des ersteren hinein
und setzt schließlich das Ganze aufs Feuer; sobald die Flüssigkeit in
der Kanne kocht, kehrt der Ungetreue eilenden Schrittes heim. Oder
ein anderes, nicht minder wirksames Mittel. Man kratzt den Namen des
Geliebten auf ein Hufeisen mit einem wirksamen Talisman ein und hält es
ins Feuer; sofort wird der Geliebte unruhig und eilt stehenden Fußes zu
seiner Angebeteten. -- Dort, wo Polygamie herrscht, wird eine neue Frau
zumeist mit gemischten Gefühlen begrüßt. Um sie zu zwingen, bald wieder
nach Hause zurückzukehren, wendet die bisherige Gattin folgenden Zauber
an. Sie beschafft sich Erde vom Grabe eines ermordeten Mannes und einer
Frau und streut sie im Hause aus, nachdem sie das Kapitel im Koran,
das vom Jüngsten Tage handelt, gelesen hat. Dadurch soll Zwietracht
zwischen dem Manne und seiner neuen Gattin gestiftet und erreicht
werden, daß diese freiwillig in das Haus ihrer Eltern zurückkehrt oder
auch von jenem ausgewiesen wird. Ehefrauen, die gern Liebesabenteuern
nachgehen möchten, mischen ihrem Manne in das Essen das getrocknete
Gehirn eines Esels; dadurch wird er unfähig, ihre Schuld zu entdecken.
+Kranke+ werden auf eigentümliche Weise geheilt. Die persische Medizin
teilt alle Krankheiten in vier Klassen ein, in solche, die kalt und naß
sind, in kalte und zugleich trockene, in heiße und dabei nasse, und in
heiße und trockene. Als Heilmittel wird das entgegengesetzte Verfahren
eingeschlagen, gegen Fieber zum Beispiel, das eine heiße Krankheit ist,
wird das Fleisch von einem Hahn verordnet, denn Hahnenfleisch ist kalt,
hingegen das vom Huhn heiß.
[Illustration:
Phot. A. O’Brien.
Abb. 337. Eine andere Art zu reisen.
Frauen und Kinder sitzen in einem Kajawa, einem hölzernen Gestell, auf
dem Rücken eines Kamels, das von einem Manne am Nasenring geführt wird.]
[Illustration:
Phot. R. C. Bolster.
Abb. 338. Reisende reiten auf einem Ochsen über das Geröll im Bett
eines ausgetrockneten Bergstroms.]
Nützen derartige Heilmittel dem Kranken nichts und steht sein Ende
bevor, dann legt man ihn mit dem Gesicht nach Mekka hingewendet
nieder und liest ihm das Yasinkapitel aus dem Koran vor. Darauf wird
er veranlaßt, sein Testament in Gegenwart von Zeugen zu machen. Ist
dies geschehen, dann zerbricht man das Siegel des Sterbenden und legt
es unter seine rechte Hand. Auch bereitet man das Totenkleid vor und
bedeckt es mit Gebeten, die von einundvierzig Männern niedergeschrieben
sind und besagen: „O Allah, in Wahrheit wissen wir nichts als Gutes
über diesen Mann; du aber kennst sein Verhalten besser.“ +Nach
Beendigung des Todeskampfes+ schließt man dem Verschiedenen die
Augen, streckt ihm die Glieder, bindet ihm die Zehen der beiden
Füße zusammen und schlingt eine Schärpe um den Kopf. Dann wird der
Tote auf einer Bahre auf dem Hofe umhergetragen und zur Waschstätte
gebracht; voraus gehen die „Totenprediger“, die auch das traurige
Ereignis vorher bekanntgegeben haben. Nachdem die Waschung vollzogen
worden ist, wird die Leiche in ein Leichentuch gehüllt, wobei ihr
zwei grüne Weidenstöcke unter die Achselhöhlen gelegt werden, und auf
der Bahre unter Begleitung von Verwandten und Freunden zum Friedhof
getragen; ein Mullah sagt auf dem Wege dorthin das Al Raham-Kapitel
aus dem Koran (Abb. 335). Auf dem Friedhof wird der Tote noch dreimal
von der Bahre genommen und wieder hingelegt, beim vierten Male aber
mit dem Kopf voran ins Grab gesenkt. Er kommt auf die rechte Seite
zu liegen, mit dem Gesicht nach Mekka gewendet. Das Grab wird nun
zugemauert; es bleibt aber über dem Toten noch so viel Raum, daß er
sich aufrecht setzen kann, um das gefürchtete Verhör der beiden Engel
Munkir und Nakir zu bestehen. Wenn die Erde endlich aufgeschüttet
ist, machen alle Anwesenden mit den Fingern Zeichen darüber, wobei
sie das Anfangskapitel des Korans hersagen. Man glaubt nun, daß die
beiden genannten Engel den Toten besuchen und ihn verhören. Fällt
seine Antwort befriedigend aus, dann gehen sie wieder fort; ist das
Ergebnis des Verhörs aber nicht zufriedenstellend, dann schlagen sie
beide die Leiche mit ihren feurigen Keulen zu Staub, worauf diese ihre
frühere Gestalt wieder annimmt. Die Geister derer, die bestanden haben,
werden an den „Wohnort des Friedens“ in der Nähe von Najaf geleitet,
um dort den Jüngsten Tag abzuwarten, während die Geister derjenigen,
die für unwürdig befunden wurden, nach Sahra-i-Barahut in der Nähe von
Babylon gebracht werden, um sich dort den Strafen und der Läuterung zu
unterziehen bis zu demselben, für sie so furchtbaren Tag.
Drei Tage lang wird um den Toten getrauert. Am ersten Tage sprechen
einundvierzig Männer die „Gebete der Beunruhigung“, um den Verstorbenen
für die Begegnung mit Munkir und Nakir zu stärken, am folgenden
Tage besuchen Verwandte das Grab, bilden einen Kreis, bitten um die
Vergebung aller Propheten und Heiligen und danken den Freunden für
ihre Teilnahme, am dritten Tage endlich fordert ein Geistlicher die
Angehörigen auf, die Öffnungen in ihren Hemden, die sie sich zum
Zeichen ihrer Trauer eingerissen haben, wieder zu schließen, und
beendet damit die Trauer. Am vierzigsten Tage endlich wird über
dem Grabe ein Gedenkstein errichtet (Abb. 333). -- Zu den Gräbern
großer Heiligen werden Wallfahrten unternommen und Weihgaben an ihnen
dargebracht (Abb. 334).
+Leviratsehe+ ist zwar nicht direkte Vorschrift in Persien, aber
sie gilt für die Brüder des Verstorbenen als eine Anstandspflicht,
gleichviel, ob Kinder da sind oder nicht. -- +Ehebruch+ führt zur
Ehescheidung.
[Illustration:
Phot. R. C. Bolster.
Abb. 339. Hütten der Nomadenstämme.
Der Unterbau besteht aus lose zusammengefügten Steinen, die beim
Abbrechen der Hütte für gewöhnlich stehen bleiben; das Dach bilden
Matten aus geflochtenen Blättern der Zwergpalme. Die Hütte im
Hintergrunde ist aus Reisig hergestellt.]
+Afghanistan und Beludschistan.+ Die +Kleidung+ der Afghanen wie auch
der Beludschen besteht in einem langen Hemd, weiten Hosen (bei den
einen aus Baumwolle, bei den anderen aus Leinen), einem mantelartigen
Überwurf aus Schaffell und einer Mütze, die bei den Beludschen eine
zylindrische Form aufweist. Die Städter haben bereits vielfach
persische Tracht angenommen. Die Frauen kleiden sich in derselben
Weise; Schmuck ist bei ihnen äußerst beliebt. Die afghanischen
Bergvölker +wohnen+ in Dörfern, die oft sehr stark befestigt sind und
mit Hörnern versehene Türme besitzen. Die nomadisierenden Povindah
bringen ihr Leben in Zelten zu. Die Stadtbewohner verfügen bereits
über festgebaute Häuser, die oft sehr vornehm eingerichtet sind. Die
Beludschen führen ein +Nomadenleben+ (Abb. 336 bis 338) und hausen
in primitiven Mattenhütten, die öfters auf einem aus losen Steinen
aufgebauten Unterbau ruhen (Abb. 339). Diese Steinmauern, die sich
vorzugsweise an solchen Plätzen finden, in deren Nähe Wasser ist,
lassen sie bei ihrem Fortzuge für die nächsten Wanderer stehen; nur die
Mattenwände nehmen sie mit.
[Illustration:
Phot. A. O’Brien.
Abb. 340. Pferdewettrennen, ein bei den Beludschen sehr beliebter Sport,
der auf ein ziemliches Alter zurückblicken kann.]
Afghanen wie Beludschen sind Anhänger des Islams, die ersteren aber
viel fanatischer als die letzteren. Dafür sind diese aber um so
+abergläubischer+. Sehr verbreitet ist unter den Beludschen der Glaube
an den Mamm; es ist dies der gewöhnliche braune Bär, dem man aber
die Eigenschaften eines Werwolfs oder Vampirs zuschreibt. Von vielen
Frauen nimmt man an, daß sie in Wahrheit Mamms sind, die eine solche
Gestalt nur angenommen haben, um Männer in die Falle zu locken, ihr
Blut auszusaugen oder sie durch ihre Liebesumarmungen zu Tode zu
drücken. Eine besondere Merkwürdigkeit der Beludschen, die von ihren
Nachbarn, den Afghanen, nicht geteilt wird, ist ihre +Abneigung gegen
Fische+, offenbar ein Überbleibsel aus alten totemistischen Gebräuchen.
Sie essen niemals Fisch. Ebenso meiden sie Eier. An Teufel glauben
die Beludschen zwar nicht, wohl aber an allerlei Geister. Die Hazara
stellen aus diesem Grunde bei der Geburt eines Kindes stets Speise für
einen solchen Dschinn an die Seite der Kreißenden. Auch Feuerproben
werden von den Beludschen vorgenommen, im besonderen das uns schon von
anderwärts her bekannte +Feuerlaufen+.
[Illustration:
Phot. A. O’Brien.
Abb. 341. Eselwettrennen.
Wettrennen zwischen Kamelen oder Eseln sind unter den Beludschen beim
Mittelstande sehr beliebt. Der Häuptling will das Zeichen zum Start
geben.]
[Illustration: Abb. 342. Musikanten vom Domstamme.
Sie sind indischer Herkunft, tragen aber Beludschenkleidung. Einer
von ihnen spielt gerade auf der Sarinda mittels eines mit Roßhaaren
bespannten Bogens.]
Die +Beludschen+ haben in viel höherem Grade noch ihre Ursprünglichkeit
bewahrt als die Afghanen. Sie sind ein +Volk von Reitern und
Pferdezüchtern+. Leidenschaftlich interessieren sie sich daher auch
für +Pferdewettrennen+ (Abb. 340 und 341); gelegentlich wetteifert
dabei ein Stamm gegen einen anderen. Nach ihrer Überlieferung ist
dies eine alte Neigung, die vor vielen Jahrhunderten einmal zu
Bürgerkriegen und Spaltungen in feindliche Parteien innerhalb des
Volkes führte. Bei allen größeren Festen oder Versammlungen finden
solche Pferderennen statt, die auch immer von Tänzen begleitet sind.
Am ausgebildetsten zeigen ihren +Nationaltanz+ noch die Bergstämme.
Die Tänzer, die lange, wallende weiße Gewänder tragen, fassen sich bei
den Händen, bilden einen Kreis, in dessen Mitte die Musik -- Trommeln
und zwei weitere, unserem Violoncell und unserer Gitarre ähnliche
Instrumente -- aufspielt, und setzen sich mit leicht federndem Schritt
in Bewegung, den Kreis bald enger ziehend, bald ihn vergrößernd.
Allmählich werden ihre Bewegungen, die anmutig und gemessen begannen,
immer schneller, die Tänzer machen sich oft voneinander los und drehen
sich allein, schließlich endet das Ganze in einen wilden Taumel.
Die Umstehenden werden ebenfalls von der Lust zu tanzen erfaßt und
fallen unter wüstem Geschrei ein (siehe die farbige Kunstbeilage). --
Unter den berufsmäßigen Kameltreibern ist ein ähnlicher Tanz üblich.
Sobald sie dabei in Aufregung geraten, nehmen sie ganz seltsame
und groteske Stellungen ein: sie kauern sich nieder, hüpfen umher,
springen wie Frösche und stoßen ein wildes Geheul aus, grunzen oder
geben andere eigenartige Töne von sich. -- Der Tanz der Afghanen ist
ein Schwertertanz. Zumeist halten nämlich die Tänzer ein Schwert
in beiden Händen, manchmal ein solches nur in der einen und eine
Flinte in der anderen Hand. Sie kreisen um einen Pfosten, schwenken
das Schwert um den Kopf und werden nach und nach so erregt, daß sie
in wilden Bewegungen umherspringen und nicht selten ihre Gewehre
abschießen. Die Musikanten halten sich hier außerhalb des Kreises auf.
Aus anderen freudigen Anlässen tragen bei den Beludschen berufsmäßige
+Sänger+ Lieder, im besonderen alte Balladen vor. Jedoch sind dies
keine eigentlichen Beludschen, sondern Domen, das heißt Männer des
Zigeunerstammes, die die Lieder gleichzeitig auf den schon erwähnten
Musikinstrumenten begleiten (Abb. 342). Die Beludschen verfassen auch
noch mancherlei Dichtungen, aber keiner von ihnen gibt sich dazu her,
selbst sein Erzeugnis öffentlich vorzutragen; er lehrt es einen Dom,
und dieser singt es vor dem versammelten Volke. Die Bergbewohner üben
auch Gesänge, kurze Liebeslieder und kleine lyrische Gedichte, ein und
begleiten sie mit der Flöte. Diese Gedichte atmen mitunter einen recht
romantischen Geist, besonders wenn die Liebe mitspricht. Denn Flirten
und Hofmachen kommt unter den jungen Leuten recht häufig vor. Im großen
und ganzen erfreuen sich die Frauen der Beludschen ziemlicher Freiheit,
wenngleich bei der Auswahl des Gatten ihre Stimme wenig ins Gewicht
fällt. Dafür entschädigen sich die Frauen aber durch Liebeleien nach
der Hochzeit. Daß jungverheiratete Frauen sich von ihren Liebhabern aus
anderen Stämmen oder Familien entführen lassen, kommt sehr häufig vor.
Ein solches Vergehen hat den Tod der Frau oder des Liebhabers, meistens
beider zur Folge, wenn es dem Paare nicht gelingt, sich auf das Gebiet
eines anderen Stammes zu flüchten, denn hier verbietet das Gesetz der
Gastfreundschaft ihre Auslieferung. Frauen dürfen bei Fehden unter
den einzelnen Stämmen nicht getötet werden, ebensowenig Knaben bis
zur Pubertät. Sobald sie aber die Reife erlangt haben, werden sie mit
Hosen bekleidet, wie sie die erwachsenen Männer tragen, gelten dann für
Männer und dürfen wie diese fortan mit Fug und Recht umgebracht werden.
[Illustration:
Phot. R. J. Bruce.
Abb. 343. Szene aus einem Begräbnis der Afghanen.
Povindahfrauen erwarten die Ankunft einer Kinderleiche an einer
Haltestelle im Gomalpaß.]
[Illustration: Der Nationaltanz der Balutschen,
der am ausgebildetsten unter den Hügelstämmen gefunden wird. Dreißig
oder mehr Männer bilden, sich an den Händen haltend, einen Kreis, in
dem zwei oder drei Spielleute sitzen. Sie bewegen sich langsam und in
wellenförmigen Linien gegeneinander und gehen zurück, um den Kreis
wieder zu bilden, ohne sich loszulassen. Allmählich wird der Tanz
bewegter, die Männer geraten in Aufregung und bewegen sich schneller
und schneller, bis der Tanz zum Tumult ausartet; einige sinken
erschöpft um, während andere dafür ihren Platz ausfüllen.]
Bei +Erkrankung+ werden Zaubermittel angewandt. Viele Mullah stehen in
dem Rufe, Krankheiten heilen zu können, entweder durch Verabreichung
eines solchen Mittels oder durch Anblasen der Kranken. Auch gegen den
bösen Blick gibt es zahlreiche Zaubermittel; man schützt durch sie
auch die Lieblingstiere, wie Kamele, Stuten, Ziegen und so weiter; sehr
beliebt sind zu diesem Zweck blaue Perlenketten.
Die +Beisetzung der Toten+ erfolgt nach mohammedanischem Ritus, aber
in den Einzelheiten herrscht manche Abweichung unter den verschiedenen
Stämmen. In den Städten befolgen sowohl Afghanen wie Beludschen die
üblichen Methoden; sie errichten schöne gewölbte Grabdenkmäler für
gewichtige Persönlichkeiten und bestatten die Leichen des gewöhnlichen
Volkes in bescheidenen Lehmgräbern. Die wilden Stämme errichten über
den Gräbern vielfach Steinhaufen, die Povindah legen Hörner des Schafes
oder der wilden Ziege obenauf (Abb. 343 und 344). Wird ein Heiliger
oder eine Persönlichkeit von Ruf begraben, dann errichtet man ihm zu
Ehren einen Schrein. Einer der berühmtesten dieser Schreine ist der
von Sakhi Sarwar (Abb. 345) im Dera-Ghazi-Khan-Gebiet. Alljährlich im
Frühjahr wird zu ihm gewallfahrtet; auf den in den Felsen gehauenen
Stufen versammeln sich die Menschen, um den Spielen, Ringkämpfen und
Pferderennen zuzusehen, die zu den Füßen des Felsens, auf dem der
Schrein steht, sich abspielen.
[Illustration:
Phot. R. C. Bolster.
Abb. 344. Das Grab eines Heiligen oder Pir,
das aus Steinen errichtet und durch Stangen mit Kleiderfetzen als
Fahnen weithin sichtbar gemacht ist. Rechts obenauf liegen Hörner des
wilden Schafes oder Urtels.]
+Russisch-Turkistan.+ Turkistan mit Buchara, Chiwa und Transkaspien
bildet einen Teil von Russisch-Asien, der sich nördlich von Afghanistan
und östlich von Persien bis zu den großen Binnenseen (Kaspisee,
Aralsee und Balchaschsee) erstreckt. Seine +Bevölkerung+ bietet ein
recht buntes Bild, das allerdings in der Hauptsache aus Angehörigen
der mongolischen Rasse besteht, die aber hinsichtlich ihrer Tracht,
Sitten und Gewohnheiten ziemlich voneinander abweichen, so daß eine
erschöpfende Schilderung auf Schwierigkeiten stoßen dürfte. Die
geographische Lage Turkistans und der westlich anstoßenden Gebiete,
die den innerasiatischen Stämmen im Laufe der Jahrtausende gleichsam
als Einfallstor nach Europa dienten, gibt uns die Erklärung für
dieses Völkergemisch. Mongolen, Arier, Juden (Abb. 346), Araber und
Türkenvölker haben sich hier im Laufe der Zeiten zusammengefunden
und sind miteinander Kreuzungen eingegangen, deren heutiges Produkt
bald den einen, bald den anderen Typus mehr hervortreten läßt. Es
ist in verschiedener Hinsicht praktisch, die Bevölkerung der uns
interessierenden Gebiete in die Städtebewohner und in die Nomaden zu
teilen; beide Gruppen unterscheiden sich nämlich voneinander nicht
nur in kultureller, sondern auch in anthropologischer Hinsicht. Die
ansässige Bevölkerung heißt +Sarten+; es sind stattlich gewachsene
Leute von bräunlicher Hautfarbe, die sich von den Mongolen durch
diesen ihren hohen Wuchs, mehr länglichen Schädel, edlere Züge und
stärkeren Haarwuchs unterscheiden. Zum großen Teil zu seßhafter
Lebensweise sind die Uzbegen übergegangen, wohingegen die Turkmenen im
Westen, die Kirgisen im Osten Turkistans noch reine Nomaden sind. Sie,
besonders die letzteren, weisen in ihrem Äußeren noch ziemlich reinen
Mongolentypus auf.
[Illustration:
Phot. R. C. Bolster.
Abb. 345. Das große Grabmal zu Sakhi Sarwar.
Es ist auf einem Felsvorsprung angelegt; die Steinstufen sind aus dem
natürlichen Felsen herausgehauen. Auf ihnen versammeln sich zahlreiche
Pilger aus Beludschistan und dem Pandschab, um den unten stattfindenden
Spielen und Wettrennen zuzusehen.]
Die +Tracht der Sarten+ ist eine recht charakteristische und erinnert
im ersten Augenblick an weibliche Gewandung. Das kommt von dem
langwallenden (bis zum unteren Drittel des Unterschenkels reichenden),
schlafrockähnlichen Oberkleid, dem Chalat, her, das zumeist noch
offen getragen wird und daher hinterherschleppt. Darunter sitzt ein
zweiter Chalat, der aber durch einen Gürtel aus baumwollenen Tüchern
geschlossen gehalten wird; der Gürtel dient gleichzeitig als Behältnis
für Tabaksdose, Geld, Speisen und so weiter. Baumwollene oder leinene
Beinkleider, schwarze Lederstrümpfe, große gelbe Stiefel und ein Turban
vervollständigen die Kleidung. Während das Tragen eines Turbans bei
den Persern nur den Mullah gestattet ist, geht ein Sarte niemals ohne
einen solchen aus. Die Tracht der Frauen ist im großen und ganzen der
der Männer gleich. Sobald sie das Haus verlassen, was nur äußerst
selten der Fall ist, hüllen sie sich in einen dichten Roßhaarschleier
und in ein graues Gewand, das lange, eng auslaufende Ärmel hat und sie
vom Kopf bis zu den Füßen bedeckt (Abb. 347 u. 348). Reiche und Arme
kleiden sich auf dieselbe Weise, nur unterscheiden sich die Frauen
der oberen Klassen von ihren ärmeren Mitschwestern durch die bessere
Qualität des Stoffes und die größere Sauberkeit des Gewandes.
[Illustration:
Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
Abb. 346. Bucharische Juden am Tabernakelfest.