Abb. 328. Persische Bastonade.]

Die +Heirat+ erfolgt in Persien bereits in frühem Alter; für gewöhnlich

wird für den Jüngling, wenn er das achtzehnte Jahr erreicht hat,

von seiner Mutter Umschau nach einer geeigneten Frau gehalten, aber

oft genug werden auch schon vierzehnjährige Knaben mit elfjährigen

Mädchen verheiratet. Der Grund hierfür liegt in dem in Persien noch

herrschenden Patriarchat, in dem Wunsche des Vaters, eine möglichst

junge Schwiegertochter ins Haus zu bekommen, damit sie sich unter

geringeren Schwierigkeiten an die neue Familie gewöhne, als dies bei

einer schon älteren der Fall sein würde. Die Mutter hält also für

ihren Sohn Umschau und sucht ihm, wenn möglich, eine Cousine aus,

da diese sich bei ihren Verwandten bereits wie zu Hause fühlt. Läßt

sich dies aber nicht einrichten, dann treten besondere Vermittler in

Tätigkeit. Ist ein passendes Mädchen aus entsprechender Familie und

mit entsprechendem Vermögen gefunden, dann machen die Mutter und

ihre Schwester der neuen Familie einen formellen Besuch. Dabei wird

das junge Mädchen aufgefordert, Zucker und Wasser hereinzuholen. Sie

zieht sich zurück und legt ihre besten Kleider an; bei der Rückkehr

wird sie von den Besuchern umarmt und aufs genauste untersucht, sogar

ihre Haare werden auf Echtheit geprüft. Hieran schließt sich eine

lange Besprechung, an der das Mädchen aber nicht teilnehmen darf.

Beide Parteien übertreiben mit echt persischer Phantasie die Vorzüge

ihrer Kinder und der beiderseitigen sozialen Stellung. In der nächsten

Zeit suchen es die Frauen häufig so einzurichten, daß das Mädchen

seinen Zukünftigen zu Gesicht bekommt, was sich leicht machen läßt,

wenn er vorüberreitet oder spazieren geht. Es verstößt gegen die

gute Sitte, daß der Jüngling die für ihn Ausgesuchte erblickt, aber

manchmal wird dies doch bewerkstelligt; er versteckt sich dann in

einem Nebenraum, wenn seine Auserwählte in Begleitung ihrer Mutter den

Gegenbesuch macht. Ist man über den Brautpreis einig geworden, um den

viel gefeilscht zu werden pflegt, dann findet die Verlobung statt, zu

der Geschenke in Form von Schmucksachen und Schalen mit Süßigkeiten

ins Haus der Braut gesandt werden; jedoch beteiligen sich an dieser

Feierlichkeit nur die Frauen beider Familien. Ungefähr zwei Monate

später findet dann die Hochzeit an einem glückverheißenden Tage statt,

den der Astrologe festgesetzt hat. Es werden dazu wiederum Geschenke

gesandt, darunter befindet sich eine Platte mit hundert verschiedenen

Kräutertränken und Kräutern, ein Spiegel und zehn Meter Leinwand, mit

der die Braut während der Zeremonie verhüllt wird, ferner ein Paar

Leuchter, zwanzig Paar Schuhe und mehrere Platten mit Süßigkeiten.

[Illustration:

Phot. Major P. M. Sykes.

Abb. 329. Steinlöwe in Mesched.

Um Kinder zu bekommen, sammelt die Perserin gewisse Zaubermittel

und geht dann dreimal unter dem hier abgebildeten steinernen Löwen

hindurch.]

[Illustration:

Phot. Henri D’Allemagne.

Abb. 330. Läuterungszeremonie auf dem Wege von Teheran nach Ispahan bei

der heiligen Stadt Kum.

Pilger, die das Grab der Fatme, der Tochter Alis, besuchen wollen,

müssen unter einer über die Straße gespannten Schnur hinweggehen oder

-fahren, an der ein Koran hängt.]

[Illustration:

Phot. Henri D’Allemagne.

Abb. 331. Zwei Widder, die zum Kampfe aufeinander losgelassen werden,

eine zu Neujahr in Persien beliebte Volksbelustigung.]

Die Braut, die am Tage vorher ein Bad genommen hat, wird vor dem

Spiegel mit den Leuchtern geputzt, dabei wird ihr die Leinwand um

den Kopf geschlungen und durch die weiße Hülle ein Faden in sieben

Farben gezogen. Ferner wird ihr der Mund voll Süßigkeiten gestopft und

Zucker über den Kopf gestreut. In das Feuer schüttet man wohlriechende

Drogen. Während dieser Vorbereitungen läßt ein Rechtsgelehrter, der

bei den Männern sitzt, den Bräutigam rufen und sich von ihm in aller

Form die Zusage machen, daß er für ihn als Vermittler tätig sein darf;

darauf verliest er den Entwurf des Ehevertrages. Ein entsprechender

Vermittler von seiten der Braut begibt sich zu dieser und fragt sie

dreimal vor dem Vorhang zu den Frauengemächern, ob sie den Bräutigam

zu den genannten Vereinbarungen nehmen wolle. Ihre bejahende Antwort

läßt er sich noch von einer der anwesenden Frauen bestätigen. Nun

verhandeln beide Agenten noch einmal gemeinsam; der des Bräutigams

bittet dreimal den der Braut um deren Hand für seinen Klienten unter

den Bedingungen, die im Ehevertrag festgelegt wurden. Der letztere

bejaht die Frage dreimal, worauf das Ehebündnis für vollzogen erklärt

wird und man Süßigkeiten zu sich nimmt. Die Zeremonie findet vorläufig

ihren Abschluß damit, daß der Bräutigam nunmehr in die Frauengemächer

geführt wird, wo er nach Überreichung eines Geschenkes, meist eines

Ringes, den Vorzug genießt, seine ihm soeben angetraute Frau im Spiegel

zu sehen. Weiter erfolgt nichts. Bis die Braut ihrem zukünftigen

Heim zugeführt wird, vergeht noch einige Zeit, die zur Beschaffung

der Einrichtung benutzt wird. An einem Nachmittag, den wiederum der

Astrologe festgesetzt hat, werden die Hochzeitsgeschenke (Zeug,

Möbel, Kochgeräte und so weiter) auf reich geschmückten Maultieren

nach dem Hause des Bräutigams geschafft. Nach Einbruch der Dunkelheit

begeben sich die männlichen Verwandten und Freunde des Bräutigams,

denen in einiger Entfernung die weiblichen sich anschließen, zum Hause

der Braut unter Begleitung von Musikanten, die Lampen und Fackeln

tragen. Nach ihrer Ankunft wird dem Vater der Braut der abgeschlossene

Ehevertrag überreicht. Inzwischen sind der Braut die Körperhaare

sorgfältig entfernt worden, besonders auf dem Rücken, da hierüber der

Aberglaube besteht, daß dort ein Haar des Todesengels wachse; außerdem

wird sie jetzt in ihr Brautgewand gekleidet.

[Illustration:

Phot. H. R. Sykes.

Abb. 332. Wandermusikanten aus Ostpersien.

Sie brüllen in nasalen Tönen unter eintöniger Begleitung von

Handtrommeln altiranische Legenden und die Taten ihrer Nationalhelden

oder zweideutige Liebeslieder. Wie die Zigeuner ziehen sie von Ort zu

Ort und sind als Luti beim Volke bekannt.]

[Illustration:

Phot. E. Crawshay Williams.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 172 / 254 题