Die +Heirat+ erfolgt in Persien bereits in frühem Alter; für gewöhnlich
wird für den Jüngling, wenn er das achtzehnte Jahr erreicht hat,
von seiner Mutter Umschau nach einer geeigneten Frau gehalten, aber
oft genug werden auch schon vierzehnjährige Knaben mit elfjährigen
Mädchen verheiratet. Der Grund hierfür liegt in dem in Persien noch
herrschenden Patriarchat, in dem Wunsche des Vaters, eine möglichst
junge Schwiegertochter ins Haus zu bekommen, damit sie sich unter
geringeren Schwierigkeiten an die neue Familie gewöhne, als dies bei
einer schon älteren der Fall sein würde. Die Mutter hält also für
ihren Sohn Umschau und sucht ihm, wenn möglich, eine Cousine aus,
da diese sich bei ihren Verwandten bereits wie zu Hause fühlt. Läßt
sich dies aber nicht einrichten, dann treten besondere Vermittler in
Tätigkeit. Ist ein passendes Mädchen aus entsprechender Familie und
mit entsprechendem Vermögen gefunden, dann machen die Mutter und
ihre Schwester der neuen Familie einen formellen Besuch. Dabei wird
das junge Mädchen aufgefordert, Zucker und Wasser hereinzuholen. Sie
zieht sich zurück und legt ihre besten Kleider an; bei der Rückkehr
wird sie von den Besuchern umarmt und aufs genauste untersucht, sogar
ihre Haare werden auf Echtheit geprüft. Hieran schließt sich eine
lange Besprechung, an der das Mädchen aber nicht teilnehmen darf.
Beide Parteien übertreiben mit echt persischer Phantasie die Vorzüge
ihrer Kinder und der beiderseitigen sozialen Stellung. In der nächsten
Zeit suchen es die Frauen häufig so einzurichten, daß das Mädchen
seinen Zukünftigen zu Gesicht bekommt, was sich leicht machen läßt,
wenn er vorüberreitet oder spazieren geht. Es verstößt gegen die
gute Sitte, daß der Jüngling die für ihn Ausgesuchte erblickt, aber
manchmal wird dies doch bewerkstelligt; er versteckt sich dann in
einem Nebenraum, wenn seine Auserwählte in Begleitung ihrer Mutter den
Gegenbesuch macht. Ist man über den Brautpreis einig geworden, um den
viel gefeilscht zu werden pflegt, dann findet die Verlobung statt, zu
der Geschenke in Form von Schmucksachen und Schalen mit Süßigkeiten
ins Haus der Braut gesandt werden; jedoch beteiligen sich an dieser
Feierlichkeit nur die Frauen beider Familien. Ungefähr zwei Monate
später findet dann die Hochzeit an einem glückverheißenden Tage statt,
den der Astrologe festgesetzt hat. Es werden dazu wiederum Geschenke
gesandt, darunter befindet sich eine Platte mit hundert verschiedenen
Kräutertränken und Kräutern, ein Spiegel und zehn Meter Leinwand, mit
der die Braut während der Zeremonie verhüllt wird, ferner ein Paar
Leuchter, zwanzig Paar Schuhe und mehrere Platten mit Süßigkeiten.
[Illustration:
Phot. Major P. M. Sykes.
Abb. 329. Steinlöwe in Mesched.
Um Kinder zu bekommen, sammelt die Perserin gewisse Zaubermittel
und geht dann dreimal unter dem hier abgebildeten steinernen Löwen
hindurch.]
[Illustration:
Phot. Henri D’Allemagne.
Abb. 330. Läuterungszeremonie auf dem Wege von Teheran nach Ispahan bei
der heiligen Stadt Kum.
Pilger, die das Grab der Fatme, der Tochter Alis, besuchen wollen,
müssen unter einer über die Straße gespannten Schnur hinweggehen oder
-fahren, an der ein Koran hängt.]
[Illustration:
Phot. Henri D’Allemagne.
Abb. 331. Zwei Widder, die zum Kampfe aufeinander losgelassen werden,
eine zu Neujahr in Persien beliebte Volksbelustigung.]
Die Braut, die am Tage vorher ein Bad genommen hat, wird vor dem
Spiegel mit den Leuchtern geputzt, dabei wird ihr die Leinwand um
den Kopf geschlungen und durch die weiße Hülle ein Faden in sieben
Farben gezogen. Ferner wird ihr der Mund voll Süßigkeiten gestopft und
Zucker über den Kopf gestreut. In das Feuer schüttet man wohlriechende
Drogen. Während dieser Vorbereitungen läßt ein Rechtsgelehrter, der
bei den Männern sitzt, den Bräutigam rufen und sich von ihm in aller
Form die Zusage machen, daß er für ihn als Vermittler tätig sein darf;
darauf verliest er den Entwurf des Ehevertrages. Ein entsprechender
Vermittler von seiten der Braut begibt sich zu dieser und fragt sie
dreimal vor dem Vorhang zu den Frauengemächern, ob sie den Bräutigam
zu den genannten Vereinbarungen nehmen wolle. Ihre bejahende Antwort
läßt er sich noch von einer der anwesenden Frauen bestätigen. Nun
verhandeln beide Agenten noch einmal gemeinsam; der des Bräutigams
bittet dreimal den der Braut um deren Hand für seinen Klienten unter
den Bedingungen, die im Ehevertrag festgelegt wurden. Der letztere
bejaht die Frage dreimal, worauf das Ehebündnis für vollzogen erklärt
wird und man Süßigkeiten zu sich nimmt. Die Zeremonie findet vorläufig
ihren Abschluß damit, daß der Bräutigam nunmehr in die Frauengemächer
geführt wird, wo er nach Überreichung eines Geschenkes, meist eines
Ringes, den Vorzug genießt, seine ihm soeben angetraute Frau im Spiegel
zu sehen. Weiter erfolgt nichts. Bis die Braut ihrem zukünftigen
Heim zugeführt wird, vergeht noch einige Zeit, die zur Beschaffung
der Einrichtung benutzt wird. An einem Nachmittag, den wiederum der
Astrologe festgesetzt hat, werden die Hochzeitsgeschenke (Zeug,
Möbel, Kochgeräte und so weiter) auf reich geschmückten Maultieren
nach dem Hause des Bräutigams geschafft. Nach Einbruch der Dunkelheit
begeben sich die männlichen Verwandten und Freunde des Bräutigams,
denen in einiger Entfernung die weiblichen sich anschließen, zum Hause
der Braut unter Begleitung von Musikanten, die Lampen und Fackeln
tragen. Nach ihrer Ankunft wird dem Vater der Braut der abgeschlossene
Ehevertrag überreicht. Inzwischen sind der Braut die Körperhaare
sorgfältig entfernt worden, besonders auf dem Rücken, da hierüber der
Aberglaube besteht, daß dort ein Haar des Todesengels wachse; außerdem
wird sie jetzt in ihr Brautgewand gekleidet.
[Illustration:
Phot. H. R. Sykes.
Abb. 332. Wandermusikanten aus Ostpersien.
Sie brüllen in nasalen Tönen unter eintöniger Begleitung von
Handtrommeln altiranische Legenden und die Taten ihrer Nationalhelden
oder zweideutige Liebeslieder. Wie die Zigeuner ziehen sie von Ort zu
Ort und sind als Luti beim Volke bekannt.]
[Illustration:
Phot. E. Crawshay Williams.