Abb. 314. Kamitok bei den Tschuktschen.]

Das Grab wird überdacht nach Art eines Hauses oder einer Jurte, doch

bleibt in dem Dache eine Öffnung, um dem bösen Geist einen Ausweg

zu lassen. Durch die gleiche Öffnung reicht man dem Verstorbenen

Speise und Branntwein. Auf das Dach werden allerlei Gegenstände

gelegt, ein Schlitten, ein Stein, Körbe, ein kleines Täschchen, ein

Ruder und anderes mehr, unter das Dach stellt man auf das Grab eine

Schale und einen Löffel, um den Verstorbenen bei Gelegenheit seines

Gedächtnismahles zu speisen. Ein solches wird nämlich fünf Tage nach

dem Tode eines Mannes und vier nach dem eines Weibes abgehalten;

dabei werden Renntiere geopfert und verspeist, sowie Branntwein dazu

getrunken. Nach dem Leichenmahle spießt man die Schädel der Opfertiere

auf Pfähle (Abb. 316) und behängt letztere mit deren Geschirr, sowie

mit kleinen Glocken. Der Schlitten, der die Leiche nach dem Friedhof

brachte, wird zerschlagen. Zum Zeichen der Trauer tragen die Weiber

einige Tage ihre Zöpfe aufgelöst. Eine Ostjakenehefrau zerkratzt sich

beim Tode ihres Gatten das Gesicht mit den Nägeln, reißt sich die Haare

aus und wirft sie auf die Leiche. Außerdem zieht sie einem hölzernen

Block, dem man annähernd die Gestalt ihres Mannes gegeben hat, die

Kleider ihres Gatten an, stellt ihn an den Ort, wo er zu sitzen

pflegte, nimmt ihn nachts mit auf ihr Lager und küßt ihn; so treibt sie

es ein volles Jahr lang, worauf sie den Klotz unter Tränen begräbt.

Bei den Jakuten wird der Verstorbene am dritten Tage in einem mit einem

weißen Tuche vollständig bedeckten Sarge auf einem von Ochsen (niemals

von Pferden) gezogenen Schlitten zur Grabstätte hinausgebracht. Niemand

begleitet ihn außer den Trägern und Totengräbern; die letzteren

schaufeln in größter Hast das Grab aus und eilen dann schnell nach

Hause, bei der Heimkehr dürfen sie sich aber auf keinen Fall umsehen.

Zu Hause führen sie dann die Tiere, die die Leiche zogen, durch ein

Feuer, das sie aus den Abfällen des Sarges und dem Stroh, auf dem der

Tote lag, entzünden. Die Spaten und auch die sonstigen Werkzeuge, mit

denen sie beim Grabe hantierten, werden an diesem zurückgelassen; bei

einem Kinde dagegen legt man dessen Spielzeug auf das Grab und hängt

seine Wiege nebenan an einem Baume auf. Ist ein Schamane beerdigt

worden, dann werden seine Zaubertrommel und sein Kostüm ebenfalls am

Grabe aufgehängt. Man begräbt diese Leute bei Nacht oder wenigstens am

Abend in großer Eile und meidet späterhin ihre Stätte ängstlich.

[Illustration:

Mit Erl. des American Museum of Natural History, New York.

Abb. 315. Begräbnisplatz der Tschuktschen auf einer Hochebene in den

Tschannbergen.]

Die Frau eines Golde legt sich des Nachts neben den verstorbenen

Ehemann und deckt sich mit dem gleichen Tuche wie die Leiche zu; sie

glaubt nämlich, daß seine Seele noch nicht fortgegangen sei, sondern so

lange im Hause weile, bis der Schamane sie ins Jenseits geführt hat.

Auch nach dem Begräbnis geht die Witwe von Zeit zu Zeit nach dem Grabe

des Gatten und legt sich hier nieder. Am nächsten Tage nach dem Tode

wird die Leiche durch das Fenster gehoben und auf der Straße in den

Zedernholzsarg gelegt; unter ihren Kopf legen die Frauen aus Papier

geschnittene Tierfiguren und unter die Füße einen Stein; dies ist

nötig, um ins Jenseits zu gelangen. Auf dem Wege zur Grabstätte wird

mehrere Male haltgemacht und der Sarg jedesmal mit Branntwein begossen;

dabei ruft man dem Toten noch die Worte zu: „Trinke, gute Reise in das

Land der Seelen; komm nicht wieder und nimm keines deiner Kinder und

Tiere mit.“ Der Sarg wird in einer Grube beigesetzt und über ihm eine

Hütte errichtet, in die man die Jagdgeräte und Lieblingsgegenstände

des Toten legt. Währenddessen zünden die Frauen neben der Grabstätte

ein großes Feuer an und bitten den Toten noch einmal, daß er nicht

wieder kommen und niemand nach sich ziehen möge. Hierauf wird ein Hund

getötet, an einem Baume aufgehängt und mit Hirschfell bedeckt. Zu Hause

wäscht sich die Witwe Hände und Gesicht und verbrennt wohlriechende

Kräuter. Sodann werden die Vorratsräume, die, solange der Tote noch

im Hause lag, geschlossen waren, wieder geöffnet und ein Totenmahl

abgehalten.

[Illustration:

Aus: Brehm, Vom Nordpol zum Äquator.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 162 / 254 题