Das Grab wird überdacht nach Art eines Hauses oder einer Jurte, doch
bleibt in dem Dache eine Öffnung, um dem bösen Geist einen Ausweg
zu lassen. Durch die gleiche Öffnung reicht man dem Verstorbenen
Speise und Branntwein. Auf das Dach werden allerlei Gegenstände
gelegt, ein Schlitten, ein Stein, Körbe, ein kleines Täschchen, ein
Ruder und anderes mehr, unter das Dach stellt man auf das Grab eine
Schale und einen Löffel, um den Verstorbenen bei Gelegenheit seines
Gedächtnismahles zu speisen. Ein solches wird nämlich fünf Tage nach
dem Tode eines Mannes und vier nach dem eines Weibes abgehalten;
dabei werden Renntiere geopfert und verspeist, sowie Branntwein dazu
getrunken. Nach dem Leichenmahle spießt man die Schädel der Opfertiere
auf Pfähle (Abb. 316) und behängt letztere mit deren Geschirr, sowie
mit kleinen Glocken. Der Schlitten, der die Leiche nach dem Friedhof
brachte, wird zerschlagen. Zum Zeichen der Trauer tragen die Weiber
einige Tage ihre Zöpfe aufgelöst. Eine Ostjakenehefrau zerkratzt sich
beim Tode ihres Gatten das Gesicht mit den Nägeln, reißt sich die Haare
aus und wirft sie auf die Leiche. Außerdem zieht sie einem hölzernen
Block, dem man annähernd die Gestalt ihres Mannes gegeben hat, die
Kleider ihres Gatten an, stellt ihn an den Ort, wo er zu sitzen
pflegte, nimmt ihn nachts mit auf ihr Lager und küßt ihn; so treibt sie
es ein volles Jahr lang, worauf sie den Klotz unter Tränen begräbt.
Bei den Jakuten wird der Verstorbene am dritten Tage in einem mit einem
weißen Tuche vollständig bedeckten Sarge auf einem von Ochsen (niemals
von Pferden) gezogenen Schlitten zur Grabstätte hinausgebracht. Niemand
begleitet ihn außer den Trägern und Totengräbern; die letzteren
schaufeln in größter Hast das Grab aus und eilen dann schnell nach
Hause, bei der Heimkehr dürfen sie sich aber auf keinen Fall umsehen.
Zu Hause führen sie dann die Tiere, die die Leiche zogen, durch ein
Feuer, das sie aus den Abfällen des Sarges und dem Stroh, auf dem der
Tote lag, entzünden. Die Spaten und auch die sonstigen Werkzeuge, mit
denen sie beim Grabe hantierten, werden an diesem zurückgelassen; bei
einem Kinde dagegen legt man dessen Spielzeug auf das Grab und hängt
seine Wiege nebenan an einem Baume auf. Ist ein Schamane beerdigt
worden, dann werden seine Zaubertrommel und sein Kostüm ebenfalls am
Grabe aufgehängt. Man begräbt diese Leute bei Nacht oder wenigstens am
Abend in großer Eile und meidet späterhin ihre Stätte ängstlich.
[Illustration:
Mit Erl. des American Museum of Natural History, New York.
Abb. 315. Begräbnisplatz der Tschuktschen auf einer Hochebene in den
Tschannbergen.]
Die Frau eines Golde legt sich des Nachts neben den verstorbenen
Ehemann und deckt sich mit dem gleichen Tuche wie die Leiche zu; sie
glaubt nämlich, daß seine Seele noch nicht fortgegangen sei, sondern so
lange im Hause weile, bis der Schamane sie ins Jenseits geführt hat.
Auch nach dem Begräbnis geht die Witwe von Zeit zu Zeit nach dem Grabe
des Gatten und legt sich hier nieder. Am nächsten Tage nach dem Tode
wird die Leiche durch das Fenster gehoben und auf der Straße in den
Zedernholzsarg gelegt; unter ihren Kopf legen die Frauen aus Papier
geschnittene Tierfiguren und unter die Füße einen Stein; dies ist
nötig, um ins Jenseits zu gelangen. Auf dem Wege zur Grabstätte wird
mehrere Male haltgemacht und der Sarg jedesmal mit Branntwein begossen;
dabei ruft man dem Toten noch die Worte zu: „Trinke, gute Reise in das
Land der Seelen; komm nicht wieder und nimm keines deiner Kinder und
Tiere mit.“ Der Sarg wird in einer Grube beigesetzt und über ihm eine
Hütte errichtet, in die man die Jagdgeräte und Lieblingsgegenstände
des Toten legt. Währenddessen zünden die Frauen neben der Grabstätte
ein großes Feuer an und bitten den Toten noch einmal, daß er nicht
wieder kommen und niemand nach sich ziehen möge. Hierauf wird ein Hund
getötet, an einem Baume aufgehängt und mit Hirschfell bedeckt. Zu Hause
wäscht sich die Witwe Hände und Gesicht und verbrennt wohlriechende
Kräuter. Sodann werden die Vorratsräume, die, solange der Tote noch
im Hause lag, geschlossen waren, wieder geöffnet und ein Totenmahl
abgehalten.
[Illustration:
Aus: Brehm, Vom Nordpol zum Äquator.