Für gewöhnlich begnügen sich die Sibirier mit einer Frau, jedoch ist
es keine Seltenheit, daß Männer, die es sich leisten können, mehrere
nehmen.
Die +Stellung des Weibes+ ist überall eine recht niedrige; besonders
untergeordnet erscheint sein Los bei den Burjäten, Ostjaken und
Samojeden. Hier ist die Frau gleichsam das Lasttier des Mannes; es
wird ihr nicht nur alle Arbeit im Haushalte auferlegt, sondern sie
muß auch noch bei einem Wechsel des Aufenthalts die Hütte abbrechen,
die ganze Last auf den Schlitten verstauen und am neuen Ort die Hütte
wieder aufbauen.
Bei den Samojeden gilt alles, was ein Weib anfaßt, für unrein. Wenn
eine Frau das Zelt aufgeschlagen hat, dann erhält sie nicht eher
Zutritt zu ihm, als bis sie nicht nur ihre eigene Person, sondern alle
Stücke, auf denen sie saß, einschließlich des Schlittens, sowie jeden
Gegenstand, den sie in den Händen getragen, über einem kleinen Feuer
mittels Renntierhaaren ausgeräuchert hat. Bei den Tungusen wird die
eine Hälfte des Zeltes ausschließlich von den Männern, die andere von
den Weibern eingenommen.
Eines etwas besseren Schicksals erfreut sich die Frau bei den Giljaken,
was wohl daher kommen mag, daß unter diesen Völkern das weibliche
Geschlecht in der Minderzahl und darum sehr gesucht und geschätzt
ist. Bei ihnen kann eine Frau sogar Schamanin werden. Eine besondere
Liebesbezeigung der Giljakeneheleute besteht darin, daß sie sich
gegenseitig die Läuse vom Kopfe suchen und sich in den Mund stecken,
sowie daß sie einander mit ihrem Speichel das Gesicht waschen. Die
Giljaken behandeln ihre Frauen im allgemeinen gut; wenn dies nicht der
Fall ist, dann verläßt die Gattin einfach ihren Mann und wird die Frau
eines anderen, der den Brautpreis für sie erlegt.
Da die Frau durch den Kalym Eigentum des Mannes wird, so kann er mit
ihr machen, was er will. Er kann sie auch züchtigen, sowie weiter
verhandeln, vertauschen und verschenken. Gegenseitiger Austausch der
Ehefrau war unter den Aleuten, Jakuten und Itälmen üblich. Ebenso
kann ein Korjäke seine Frau einem Freunde, selbst wenn dieser schon
verheiratet ist, für längere Zeit durch Vertrag überlassen. Sehr
verbreitet ist unter den Sibiriern (Tschuktschen, Tungusen, Korjäken,
Samojeden und so weiter) die Sitte, einem Gastfreunde, um ihn besonders
zu ehren, Frau, Tochter oder Schwiegertochter für die Nacht zu
überlassen. Als Zeichen einer solchen Annäherung von seiten der Frau
gilt bei den Tschuktschen ein Kitzeln der Fußsohle des Gastes.
[Illustration: Abb. 312. Junger Golde auf der Brautschau.]
Eine +Scheidung+ der Ehe geht leicht vor sich. Ist ein Mann mit seiner
Frau nicht zufrieden oder ist er ihrer überdrüssig geworden, dann
sendet er sie einfach ihren Eltern zurück; er ist dann allerdings
verpflichtet, den Kalym zurückzuerstatten. Einer Witwe ist es erlaubt,
wieder zu heiraten; falls sie es aber nicht tut, steigt sie bei den
Giljaken in der Achtung. Bei den Ostjaken siedelt die Witwe nach
dem Tode ihres Mannes zu den Eltern des Verstorbenen über, die sie
dann wieder wie ihre eigene Tochter verheiraten können; sind die
Schwiegereltern schon gestorben, dann kehrt die Frau zu ihren eigenen
Eltern zurück.
Mit der +Sittlichkeit+ der Sibirier ist es im allgemeinen nicht
sonderlich gut bestellt. Die unverheirateten Mädchen haben in
geschlechtlicher Hinsicht vollständige Freiheit; niemand nimmt daran
Anstoß, wenn sie vor der Ehe Verkehr haben, wohl aber wird es für
entehrend gehalten, wenn dieser von Folgen begleitet ist. Daher ist der
Kindsmord keine ungewöhnliche Erscheinung.
Bei Erkrankungen eines Menschen pflegt man den Schamanen zu rufen, der
durch Beschwörung (wie wir oben schilderten) versucht, die entwichene
Seele wieder einzufangen und zurückzubringen. Ist seine Kunst
vergeblich und steht der +Tod+ des Kranken zu erwarten, dann schrecken
die Tschuktschen nicht davor zurück, ihn auf gewaltsame Weise aus dem
Wege zu räumen. Wenn der Kranke in Schlummer verfallen ist, legen sie
um seinen Hals einen Riemen und schnüren ihm damit die Kehle zu (Abb.
314). Nach Eintritt des Todes wird die Brust geöffnet und die Luftröhre
durchschnitten. Es kommt auch vor, daß alte Leute, die des Lebens
überdrüssig geworden sind, ihre Angehörigen angehen, sie ins Jenseits
zu befördern; diesem ihrem Wunsche wird dann auch entsprochen. An
demselben Tage noch wird der Leichnam in Felle eingehüllt und auf einem
Renntierschlitten auf eine Hochebene oder in die Wildnis gefahren, wo
man ihn vollkommen nackt mit nach Nordosten gerichtetem Kopfe einfach
auf den Boden hinlegt und den Tieren zum Fraße überläßt (Abb. 315).
Der Schlitten, der ihn dorthin brachte, wird zerhackt, die Renntiere,
die ihn zogen, werden getötet und einige Streifen ihres Fleisches
über den Toten gelegt. Meistens umgibt man den Toten noch mit einer
Steinumwallung in Form eines Rechtecks und setzt einen kleinen Napf mit
etwas Wegzehrung für die Reise ins Jenseits neben ihn, ferner einige
Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens, wie seine Pfeife und sein
Messer, damit er sich ihrer auch dort bediene, wie hier auf Erden. Nie
wieder wird die Begräbnisstätte von den Angehörigen betreten.
[Illustration:
Mit Erl. des American Museum of Natural History, New York.
Abb. 313. Heidnische Krankenheilung bei den Tschuktschen durch
Suggestion (Auflegen eines Stabes auf den Kopf).]
Nach dem Tode eines Ostjaken zündet man im Tschum um die Leiche ein
Feuer an und läßt den Schamanen kommen, damit er den Toten frage,
auf welchem Friedhofe er beerdigt sein will. Dies geschieht in der
Weise, daß man den Ort nennt und den Kopf der Leiche zu erheben sucht.
Das Einverständnis erkennt man daran, daß der Tote dieses zuläßt; im
anderen Falle würden drei Männer nicht imstande sein, seinen Kopf
zu heben. Die Frage muß solange wiederholt werden, bis der Tote
einwilligt. Darauf wird die festlich gekleidete Leiche entweder in
einen Sarg oder in ein Boot gelegt; das letztere zerschneiden sie zu
diesem Zwecke in zwei Hälften, in die eine kommt die Leiche zu liegen,
mit der anderen wird sie zugedeckt. Sodann wird sie in einer Grube
beigesetzt, wobei der Sarg erst mit Birkenrinde und dann mit Erde
bedeckt wird.
[Illustration:
Aus „Globus“.