Abb. 311. Sojotenschamanin.]

Für gewöhnlich begnügen sich die Sibirier mit einer Frau, jedoch ist

es keine Seltenheit, daß Männer, die es sich leisten können, mehrere

nehmen.

Die +Stellung des Weibes+ ist überall eine recht niedrige; besonders

untergeordnet erscheint sein Los bei den Burjäten, Ostjaken und

Samojeden. Hier ist die Frau gleichsam das Lasttier des Mannes; es

wird ihr nicht nur alle Arbeit im Haushalte auferlegt, sondern sie

muß auch noch bei einem Wechsel des Aufenthalts die Hütte abbrechen,

die ganze Last auf den Schlitten verstauen und am neuen Ort die Hütte

wieder aufbauen.

Bei den Samojeden gilt alles, was ein Weib anfaßt, für unrein. Wenn

eine Frau das Zelt aufgeschlagen hat, dann erhält sie nicht eher

Zutritt zu ihm, als bis sie nicht nur ihre eigene Person, sondern alle

Stücke, auf denen sie saß, einschließlich des Schlittens, sowie jeden

Gegenstand, den sie in den Händen getragen, über einem kleinen Feuer

mittels Renntierhaaren ausgeräuchert hat. Bei den Tungusen wird die

eine Hälfte des Zeltes ausschließlich von den Männern, die andere von

den Weibern eingenommen.

Eines etwas besseren Schicksals erfreut sich die Frau bei den Giljaken,

was wohl daher kommen mag, daß unter diesen Völkern das weibliche

Geschlecht in der Minderzahl und darum sehr gesucht und geschätzt

ist. Bei ihnen kann eine Frau sogar Schamanin werden. Eine besondere

Liebesbezeigung der Giljakeneheleute besteht darin, daß sie sich

gegenseitig die Läuse vom Kopfe suchen und sich in den Mund stecken,

sowie daß sie einander mit ihrem Speichel das Gesicht waschen. Die

Giljaken behandeln ihre Frauen im allgemeinen gut; wenn dies nicht der

Fall ist, dann verläßt die Gattin einfach ihren Mann und wird die Frau

eines anderen, der den Brautpreis für sie erlegt.

Da die Frau durch den Kalym Eigentum des Mannes wird, so kann er mit

ihr machen, was er will. Er kann sie auch züchtigen, sowie weiter

verhandeln, vertauschen und verschenken. Gegenseitiger Austausch der

Ehefrau war unter den Aleuten, Jakuten und Itälmen üblich. Ebenso

kann ein Korjäke seine Frau einem Freunde, selbst wenn dieser schon

verheiratet ist, für längere Zeit durch Vertrag überlassen. Sehr

verbreitet ist unter den Sibiriern (Tschuktschen, Tungusen, Korjäken,

Samojeden und so weiter) die Sitte, einem Gastfreunde, um ihn besonders

zu ehren, Frau, Tochter oder Schwiegertochter für die Nacht zu

überlassen. Als Zeichen einer solchen Annäherung von seiten der Frau

gilt bei den Tschuktschen ein Kitzeln der Fußsohle des Gastes.

[Illustration: Abb. 312. Junger Golde auf der Brautschau.]

Eine +Scheidung+ der Ehe geht leicht vor sich. Ist ein Mann mit seiner

Frau nicht zufrieden oder ist er ihrer überdrüssig geworden, dann

sendet er sie einfach ihren Eltern zurück; er ist dann allerdings

verpflichtet, den Kalym zurückzuerstatten. Einer Witwe ist es erlaubt,

wieder zu heiraten; falls sie es aber nicht tut, steigt sie bei den

Giljaken in der Achtung. Bei den Ostjaken siedelt die Witwe nach

dem Tode ihres Mannes zu den Eltern des Verstorbenen über, die sie

dann wieder wie ihre eigene Tochter verheiraten können; sind die

Schwiegereltern schon gestorben, dann kehrt die Frau zu ihren eigenen

Eltern zurück.

Mit der +Sittlichkeit+ der Sibirier ist es im allgemeinen nicht

sonderlich gut bestellt. Die unverheirateten Mädchen haben in

geschlechtlicher Hinsicht vollständige Freiheit; niemand nimmt daran

Anstoß, wenn sie vor der Ehe Verkehr haben, wohl aber wird es für

entehrend gehalten, wenn dieser von Folgen begleitet ist. Daher ist der

Kindsmord keine ungewöhnliche Erscheinung.

Bei Erkrankungen eines Menschen pflegt man den Schamanen zu rufen, der

durch Beschwörung (wie wir oben schilderten) versucht, die entwichene

Seele wieder einzufangen und zurückzubringen. Ist seine Kunst

vergeblich und steht der +Tod+ des Kranken zu erwarten, dann schrecken

die Tschuktschen nicht davor zurück, ihn auf gewaltsame Weise aus dem

Wege zu räumen. Wenn der Kranke in Schlummer verfallen ist, legen sie

um seinen Hals einen Riemen und schnüren ihm damit die Kehle zu (Abb.

314). Nach Eintritt des Todes wird die Brust geöffnet und die Luftröhre

durchschnitten. Es kommt auch vor, daß alte Leute, die des Lebens

überdrüssig geworden sind, ihre Angehörigen angehen, sie ins Jenseits

zu befördern; diesem ihrem Wunsche wird dann auch entsprochen. An

demselben Tage noch wird der Leichnam in Felle eingehüllt und auf einem

Renntierschlitten auf eine Hochebene oder in die Wildnis gefahren, wo

man ihn vollkommen nackt mit nach Nordosten gerichtetem Kopfe einfach

auf den Boden hinlegt und den Tieren zum Fraße überläßt (Abb. 315).

Der Schlitten, der ihn dorthin brachte, wird zerhackt, die Renntiere,

die ihn zogen, werden getötet und einige Streifen ihres Fleisches

über den Toten gelegt. Meistens umgibt man den Toten noch mit einer

Steinumwallung in Form eines Rechtecks und setzt einen kleinen Napf mit

etwas Wegzehrung für die Reise ins Jenseits neben ihn, ferner einige

Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens, wie seine Pfeife und sein

Messer, damit er sich ihrer auch dort bediene, wie hier auf Erden. Nie

wieder wird die Begräbnisstätte von den Angehörigen betreten.

[Illustration:

Mit Erl. des American Museum of Natural History, New York.

Abb. 313. Heidnische Krankenheilung bei den Tschuktschen durch

Suggestion (Auflegen eines Stabes auf den Kopf).]

Nach dem Tode eines Ostjaken zündet man im Tschum um die Leiche ein

Feuer an und läßt den Schamanen kommen, damit er den Toten frage,

auf welchem Friedhofe er beerdigt sein will. Dies geschieht in der

Weise, daß man den Ort nennt und den Kopf der Leiche zu erheben sucht.

Das Einverständnis erkennt man daran, daß der Tote dieses zuläßt; im

anderen Falle würden drei Männer nicht imstande sein, seinen Kopf

zu heben. Die Frage muß solange wiederholt werden, bis der Tote

einwilligt. Darauf wird die festlich gekleidete Leiche entweder in

einen Sarg oder in ein Boot gelegt; das letztere zerschneiden sie zu

diesem Zwecke in zwei Hälften, in die eine kommt die Leiche zu liegen,

mit der anderen wird sie zugedeckt. Sodann wird sie in einer Grube

beigesetzt, wobei der Sarg erst mit Birkenrinde und dann mit Erde

bedeckt wird.

[Illustration:

Aus „Globus“.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 161 / 254 题