Abb. 306. Götzenhain am unteren Ob.]

Das +Neugeborene+ wird bei den Jakuten von einer alten Frau vor dem

Läuterungsfeuer mit Wasser, das sie zuvor in den Mund nimmt, besprengt

und gewaschen; darauf schmiert sie es mit frischer Sahne ein. Die

Burjäten reiben das Kind mit schmutzigen Lappen ab und wickeln es in

eine frisch abgezogene Schafhaut ein. Die Ostjaken sowie die Samojeden

stecken das Neugeborene in den Schnee und reiben es damit tüchtig ab.

Darauf legen sie es in eine Art Wiege, einen elliptischen Korb an einem

Hängeband, den die Mutter aus Birkenrinde selbst angefertigt hat. Bei

den Golde muß das Kind dreimal die Wiege wechseln, um zu gedeihen; eine

leere Wiege darf nicht geschaukelt werden. Gestillt werden die Kinder

wohl überall sehr lange; man hat beobachtet, daß fünfjährige Kinder

noch neben den jüngeren Geschwistern die Brust dargereicht erhielten.

Solange das Kind noch nicht sprechen gelernt hat, besteht bei den

Jakuten der Aberglaube, daß es die Fähigkeit besitze, die Sprache der

Tiere, im besonderen der Vögel, sowie des Feuers und der Geister zu

verstehen. Die Burjäten glauben, daß böse Geister die kleinen Kinder

aufessen; daher sind sie bestrebt, alles mögliche zu tun, um jene von

diesen fernzuhalten. Sie beauftragen Schamanen, die Geister aus dem

Hause zu verjagen. Auch geben sie keinem Fremden Zutritt zur Jurte,

weil mit diesem zugleich ein böser Geist eintreten könnte; die Türe

bleibt in solchem Falle beständig geschlossen. Wollen die Angehörigen

in die Jurte, so müssen sie mit einem Schläger an einen Topf, der

draußen hingestellt wird, schlagen; dadurch soll der böse Geist

erschreckt und zur Flucht gezwungen werden. Manchmal ruft auch der

Schamane den guten Geist an, auf daß er das Neugeborene vor dem bösen

beschütze.

Die +Namengebung+ erfolgt zumeist bald nach der Geburt. Die Jakuten

geben dem Knaben erst einen Namen, wenn er sich aufzusetzen beginnt;

einen zweiten erhält er, wenn er den Bogen zu spannen gelernt hat.

Die Mädchen erhalten für gewöhnlich keinen Namen, sie werden entweder

einfach mit „Weib“ oder „Frau“ oder „Tochter des Soundso“ angeredet.

Die Ostjaken benennen ihre Kinder nach irgendeinem zufälligen Merkmal

aus der Umgebung; die Korjäken hängen ein in Haut eingewickeltes

Steinchen an einem Faden zwischen zwei Stäben auf und nennen darauf

eine Reihe Namen; derjenige Name, bei dem der Stein sich bewegt, wird

dem Kinde gegeben. Bei den Golde ändert man den Namen, sobald man

erfährt, daß einer Person, die den gleichen Namen trägt, ein Unglück

zugestoßen ist. -- Wenn bei den Golde ein Weib mehrere Male tote

Kinder zur Welt gebracht hat, dann fertigt der Schamane bei einer

neuen Schwangerschaft ein Säckchen an, in das er die neue Seele des

Kindes legt, und trägt dieses beständig an seinem Gürtel mit sich;

dadurch hofft er das Kind am Leben zu erhalten. -- Die jungen Mädchen

werden bei den Burjäten bis zu ihrem siebenten Lebensjahre auf dem Kopf

rasiert; erst dann läßt man ihr Haar wachsen und ordnet es in Flechten

an.

[Illustration:

Aus: Hawes, Im äußersten Osten.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 158 / 254 题