Abb. 305. Tunguse in seiner typischen Tracht

mit Schneeschuh und Stock auf der Jagd.]

Wenn eine +Schwangere+ bei den Sibiriern merkt, daß ihre schwere Stunde

naht, dann zieht sie sich für einige Zeit in eine besondere Jurte oder

Schneehütte zurück oder begibt sich abseits vom Dorfe ins Dickicht,

um niederzukommen. In dieser Zurückgezogenheit bringt sie nach der

Geburt auch noch einige Wochen (bei den Samojeden bis zu zwei Monaten)

zu; nach Abschluß dieser Zeit unterzieht sie sich einer Läuterung.

Bereits während ihrer Schwangerschaft ist die junge Mutter mancherlei

Verboten unterworfen. Bei den Ostjaken ist es ihr untersagt, sich einem

Manne zu nähern oder über Gegenstände des Haushaltes zu steigen. Ist

ein schwangeres Weib zufällig doch über ein Netz gestiegen, so wird

dieses zerschnitten, dann aber wieder zusammengenäht. Bei den Inuk

muß sie aus einem besonderen Gefäß trinken, darf ihre Nahrung nicht

vor der Hütte zu sich nehmen und mehr dergleichen. Wenn bei den Golde

eine Frau Mutter wird, dann pflegt sie den Schamanen über die Zukunft

ihres Kindes um Rat zu fragen. Sie verschluckt die Regenbogenhaut

eines Bärenauges, damit das Kind ein gutes Aussehen bekomme, sagt dies

aber keinem anderen, sondern behauptet, daß sie das Auge versteckt

habe; denn es würde ihr als Sünde ausgelegt werden, wenn sie sie etwa

gegessen hätte. Nach dem Glauben dieses Volkes leben die menschlichen

Seelen vor ihrer Geburt im Himmel, wo sie in der Gestalt eines kleinen

Vögelchens in einem großen heiligen Baume wohnen. Steigt eine solche

Seele zur Erde hinab, dann bildet sie sich im Leibe der Frau zu einem

Menschen um. Stirbt das Kind innerhalb eines Jahres, dann kehrt

seine Seele wieder zum Himmel zurück, behält aber die Fähigkeit,

zum zweitenmal Mensch zu werden. -- Die +Geburt+ geht meistens

unter Beihilfe einer alten Frau vor sich. Um ihre schwere Stunde zu

erleichtern, muß die Gebärende bei den Ostjaken dieser ihre Sünden

bekennen. Soviel Sünden sie beichtet, so viel Knoten macht die Alte

in einen dünnen Strick. Gleichzeitig aber bekennt der Mann ebenfalls

einer alten Frau, daß er in unerlaubtem Verkehr mit einem fremden

Weibe gestanden oder daß er, was gar nicht so selten ist, Sodomiterei

getrieben habe. Auch diese bindet für jedes Vergehen einen Knoten

in einen Strick. Darauf werden beide Stricke miteinander verglichen,

die überzähligen Knoten werden abgeschnitten, und der Rest wird der

Kreißenden auf den Unterleib gelegt. Falls die Eheleute keine Sünde

bei dieser Generalbeichte verheimlicht haben, steht der Gebärenden

eine leichte Geburt bevor. +Nach der Niederkunft+ muß die Frau sich

gewissen Reinigungsgebräuchen unterziehen, die in der Hauptsache darin

bestehen, daß sie sich täglich an dem Feuer in ihrer Hütte, in das

sie wohlriechende Stoffe geworfen hat, durchräuchern läßt, auch wohl

darüber hinwegspringt. Der Samojedin ist es zwei Monate lang verboten,

frisches Fleisch zu essen, der Inukfrau sogar ein Jahr lang; auch

darf diese das Fleisch eines durch Herzschuß getöteten Tieres nicht

verzehren. Beim Wiederbetreten der gemeinsamen Wohnung legt sich die

Ostjakin vor dem Eingang auf die Erde, worauf sämtliche Hausbewohner

über sie wegschreiten; die Inukfrau betritt bei dem gleichen Anlaß

das Haus nicht durch die Tür, sondern durch ein Loch in der Wand,

die Tungusin ebenso durch ein Loch in der Decke; alles dieses hängt

offenbar mit der Reinigung der Wöchnerin zusammen.

[Illustration:

Aus: Falkenhorst, Nordpolfahrten.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 157 / 254 题