Abb. 303. Burjätische Frau.]

Auch während des Schlafes trennt sich die Seele zeitweilig von dem

Körper des Menschen und kann umherschweifen. Fängt der Teufel dabei

die Seele ein, so erkrankt der Mensch; hält er sie zu lange fest,

dann muß er sterben. Ist ein Mensch krank geworden, so versucht man

es bei den Tschuktschen mittels Suggestion (Abb. 313). Sonst wendet

man sich an den Schamanen, da nur ein solcher imstande ist, die Seele

zurückzuschaffen. Die +Schamanen+ sind zumeist Männer (Abb. 308),

seltener Frauen (Abb. 311), denen die Aufgabe zufällt, zwischen den

Menschen und den überirdischen Geistern, im besonderen den bösen, dem

Teufel, zu vermitteln. Ihr Beruf pflegt sich von Vater auf Sohn zu

vererben, jedoch kann ihnen ihre Bestimmung auch von den Göttern im

Traume verkündet werden; auf jeden Fall haben die angehenden Schamanen

eine langdauernde Schule durchzumachen, in der sie in die Geheimnisse

eingeweiht werden. Zumeist sind sie wohl von ihrer Kunst überzeugt, oft

genug aber sind sie auch bewußte Betrüger, die durch ihre besondere

Klugheit die übrigen zu betören vermögen; sie machen zur Erhöhung ihres

Ansehens auch allerlei Taschenspielerkunststückchen, ähnlich unseren

Spiritisten. Eine wesentliche Vorbedingung für den Schamanenberuf

scheint eine gewisse Überempfindlichkeit des Nervensystems zu sein,

eine Art Hysterie. Sie zeichnen sich äußerlich durch eine besondere

Tracht aus, die durch auffälligen Zierat, wie allerlei Lederstreifen,

Adlerklauen, Schlangenhäute, Federn, Ringe, Glöckchen, Amulette und

so weiter, furchterregend auf die Zuschauer wirkt. In der Hand halten

sie das wichtigste Werkzeug ihrer Kunst, eine Trommel von etwa fünfzig

bis siebzig Zentimeter Durchmesser, die aus einem hölzernen Rahmen

besteht, mit Renntier- oder Seesäugerhaut bespannt und mit kleinen

Schellen behängt ist. Die Trommel wird mit einem kurzen Stock aus Holz

geschlagen, der mit Fell überzogen ist und vorn meist in zwei Hörner

ausläuft. Außerdem gehört zum Ausputz eines Schamanen eine runde

Kupferscheibe, die zusammen mit Tigeridolen als Zeichen der Kraft

und einigen Götterbildnissen an einem Lederriemen über seiner Brust

hängt; in dieser Scheibe sollen sich die guten und bösen Taten der

Menschen widerspiegeln, so daß sie der Schamane erkennen kann. Bevor

der Schamane seine offizielle Kleidung anlegt, werden alle Gegenstände

von seinem Gehilfen mit Branntwein bespritzt. Bei einer Krankenheilung

setzt er sich bei den Golde noch eine Kopfbedeckung aus Hobelspänen

auf, deren Enden ihm über den Nacken herabfallen, und befestigt solche

auch an seinen Ellbogen und Knien. Der Zweck derselben soll der sein,

daß die Krankheit während der Behandlung in diese Späne übergehe, die

nach eingetretener Heilung dann fortgeworfen werden.

Wird der Schamane zu einem +Kranken+ gerufen, um die von einem bösen

Geiste diesem geraubte Seele wieder einzufangen, so erscheint er

im vollen Kostüm, was an und für sich schon Schaudern einzuflößen

geeignet ist, und nimmt an dem Kranken seine Beschwörungen vor. Er

beginnt zunächst einen Tanz, der anfänglich langsam und manchmal nicht

ungraziös, dann immer schneller ausgeführt wird und schließlich in

einen wirren Wirbel ausartet. Gleichzeitig schlägt er seine Trommel,

singt, schreit, brüllt, verzerrt mehr und mehr sein Gesicht und gerät

allmählich in einen Zustand von Ekstase, in der er den bösen Geist

erkennt und zu dem Kranken zitiert. Sodann kämpft er mit ihm, bestürmt

ihn anfänglich mit Bitten und Versprechungen, dann mit Drohungen.

Dieses Spiel treibt er so lange, bis er vollständig erschöpft zu Boden

sinkt. Darauf erteilt er dem harrenden Kranken -- oft genug, indem er

sich dazu der Sprache eines Bauchredners bedient -- die Antwort des

bösen Geistes, die meistens darin besteht, daß dieser zur Versöhnung

eine Anzahl Schafe oder Pferde fordert. Oft verlangen die Schamanen von

dem Kranken beziehungsweise seiner Umgebung noch ganz andere Dinge,

so zum Beispiel, daß er die Kleider wechsle und in den Wald an eine

bestimmte Stelle hinlege; oft geben sie dem Kranken auch allerlei

Mittel ein, stellen ihm Idole an die Seite (Abb. 310), schwingen bei

der Beschwörung eine Gerte mit einem Pferdehaarbüschel über dem Kranken

und anderes mehr. Trifft die Voraussage des Schamanen zu und findet

der Kranke Genesung, dann wird jener gut belohnt; mißglückt dagegen

der Beschwörungsversuch und stirbt der Kranke, so ist der Schamane um

eine Ausrede nicht verlegen: er meint dann, daß die Seele auf ihrer

Wanderung sich verirrt habe, oder daß die bösen Geister mit dem Opfer

nicht zufrieden gewesen seien.

[Illustration:

Aus: Brehm, Vom Nordpol zum Äquator.

Abb. 304. Inneres einer ostjakischen Hütte (Tschum).

In der Mitte das Herdfeuer mit dem Kochkessel an einer Stange, die

zum Aufhängen der Wäsche und der nassen Kleider dient. Links oben ein

Hausgötze, links unten Lagerstätten (aus Riedgrasbündeln gefertigte

Matten mit Renntierfellen).]

Die Mitwirkung eines Schamanen pflegt meistens auch gefordert zu werden

bei der Aufdeckung eines Diebstahls, beim Wahrsagen, beim Wetterzauber

und bei der Herstellung von Amuletten. Schließlich fällt ihm noch die

Aufgabe zu, die Seele eines Verstorbenen ins Jenseits zu begleiten.

[Illustration:

Aus: Deniker, Races of Men.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 156 / 254 题