Ebenso wie die Rache getöteter Tiere wird auch die +verstorbener
Menschen+ von den Sibiriern gefürchtet; sie sind daher bestrebt, wie
wir noch weiter unten sehen werden, den Verstorbenen ihre Habe mit
ins Grab zu geben und durch allerlei Zeremonien sie an der Rückkehr
zu verhindern. Außerdem lassen sie es sich angelegen sein, mit Hilfe
der Schamanen der Seele der Abgeschiedenen den Weg ins Jenseits zu
zeigen. Über das Aussehen der Geister und ihr Wesen herrschen unter
den Sibiriern nur unklare Vorstellungen; man glaubt vielfach, daß sie
zu Bären, Adlern, Eulen, Käfern und so weiter werden oder als Schatten
umhergehen, und unterscheidet gute und böse Geister. Die ersteren
gelten meistens für die Beschützer des Hauses und des Eigentums,
während die bösen hingegen als Unholde den Menschen alles mögliche Böse
zuzufügen suchen, im besonderen Krankheit und Tod. Nach dem Glauben
der Burjäten essen sie die kleinen Kinder und trinken ihr Blut, aber
nur bei solchen unter einem Jahre; die Erwachsenen belästigen sie
dagegen durch allerlei Ränke. Früher scheint man bei diesem Volke durch
Menschenopfer die bösen Geister versöhnlich gestimmt zu haben, wie sich
aus alten Liedern und Sagen der Burjäten entnehmen läßt. Da man mit der
Möglichkeit rechnen muß, daß die Geister der Verstorbenen trotz aller
Vorsichtsmaßregeln doch zu ihren Angehörigen zurückkehren, fertigt
man Ahnenbildnisse für sie an, in denen sie dann einen ihrem früheren
Körper ähnlichen Aufenthalt nehmen können. Es sind dieses aus Holz
roh geschnitzte, bald größere, bald kleinere menschliche Figuren, an
denen eigentlich nur der Kopf, als der Sitz der Seele, ausgearbeitet
zu werden pflegt. Man bringt sie entweder im Hause oder unter dem
Dachfirst an, stellt sie auch wohl an abgelegenen Plätzen auf.
[Illustration:
Phot. Fr. Alexander.
Abb. 302. Jakutenschnitter von der Arbeit ausruhend.
In der rechten Hand hält er einen Wedel gegen Insekten, in der linken
eine Sense.]
Allgemein nimmt man an, daß die +Seelen der Verstorbenen+ nach längerer
oder kürzerer Frist in eine andere Welt übergehen, wo sie ein dem
irdischen ähnliches, aber weit glücklicheres Leben führen. Nach dem
Glauben der Ostjaken geht die Seele zunächst in den Himmel ein und
bleibt hier ebensolange, wie sie auf Erden weilte, sodann wandert sie
in einen Käfer, der unter Steinen lebt, und schließlich geht sie in das
Innere der Erde über. Die Eskimo kennen ein Totenreich, das unserem
Fegfeuer entsprechen würde und für die bösen Geister als Aufenthalt
dient, und ein Himmelreich, wo die Abgeschiedenen die wahre Seligkeit
finden und wohin in erster Linie Männer gelangen, die im Leben viel
erduldet und große Taten vollbracht haben, sowie die Frauen, die im
Wochenbett starben. Zu diesen beiden Reichen ist indessen der Zugang
nicht leicht; zu ersterem führt er über ein dünnes Seil oder über
eine spiegelglatte Eisbrücke, an deren Ende zwei bissige Seehunde
die Ankömmlinge erwarten, zu letzterem über den Regenbogen und einen
bluttriefenden Berg. Wegen dieser mannigfachen Gefahren, die die
Abgeschiedenen auf den Wegen ins Himmelreich erwarten, geben die Eskimo
ihren Kindern Hundeköpfe ins Grab mit, die die schwachen Kinderseelen
unterwegs leiten und beschirmen sollen. Bei den Jakuten sind die
ursprünglichen Anschauungen von der Gottheit und dem Leben nach dem
Tode bereits stark durch den Monotheismus der christlichen Religion
beeinflußt worden. Gott ist nach ihrer heutigen Ansicht unsichtbar,
er wohnt im siebenten Himmel und regiert von dort die Welt; zwischen
ihm und der Erde bilden eine Reihe weniger bedeutender Götter die
Vermittlung. Der Himmel hat sieben Firmamente übereinander, auf dem
obersten thront Gott der Schöpfer, auf den niedriger gelegenen die
übrigen Götter. An den Stufen des Himmels wohnen die guten Geister, in
der Tiefe der Hölle die bösen, denn die Seelen der Verstorbenen werden
je nach ihren Tugenden oder Lastern in jene oder in diese verwandelt.
Der Fürst der Hölle wird auch als ein Gott angesehen. Die Erde ist
dem Teufel zur Verfügung gestellt; er kann die auf ihr lebenden
Menschen verführen; damit er diese ihm verliehene Macht nicht zu sehr
mißbrauche, hat Gott die geringeren Götter auf die Erde gesandt; sie
sollen die Menschen vor den Angriffen des Teufels schützen. Nach dem
Tode nimmt der Teufel die Seele und führt sie an alle Stellen, wo der
Lebende sündigte, und bestraft sie dort; darauf gelangt die Seele an
den ihr zukommenden Platz.
[Illustration:
Aus „Globus“.