Abb. 301. Samojeden mit sibirischen Hunden.]

Ebenso wie die Rache getöteter Tiere wird auch die +verstorbener

Menschen+ von den Sibiriern gefürchtet; sie sind daher bestrebt, wie

wir noch weiter unten sehen werden, den Verstorbenen ihre Habe mit

ins Grab zu geben und durch allerlei Zeremonien sie an der Rückkehr

zu verhindern. Außerdem lassen sie es sich angelegen sein, mit Hilfe

der Schamanen der Seele der Abgeschiedenen den Weg ins Jenseits zu

zeigen. Über das Aussehen der Geister und ihr Wesen herrschen unter

den Sibiriern nur unklare Vorstellungen; man glaubt vielfach, daß sie

zu Bären, Adlern, Eulen, Käfern und so weiter werden oder als Schatten

umhergehen, und unterscheidet gute und böse Geister. Die ersteren

gelten meistens für die Beschützer des Hauses und des Eigentums,

während die bösen hingegen als Unholde den Menschen alles mögliche Böse

zuzufügen suchen, im besonderen Krankheit und Tod. Nach dem Glauben

der Burjäten essen sie die kleinen Kinder und trinken ihr Blut, aber

nur bei solchen unter einem Jahre; die Erwachsenen belästigen sie

dagegen durch allerlei Ränke. Früher scheint man bei diesem Volke durch

Menschenopfer die bösen Geister versöhnlich gestimmt zu haben, wie sich

aus alten Liedern und Sagen der Burjäten entnehmen läßt. Da man mit der

Möglichkeit rechnen muß, daß die Geister der Verstorbenen trotz aller

Vorsichtsmaßregeln doch zu ihren Angehörigen zurückkehren, fertigt

man Ahnenbildnisse für sie an, in denen sie dann einen ihrem früheren

Körper ähnlichen Aufenthalt nehmen können. Es sind dieses aus Holz

roh geschnitzte, bald größere, bald kleinere menschliche Figuren, an

denen eigentlich nur der Kopf, als der Sitz der Seele, ausgearbeitet

zu werden pflegt. Man bringt sie entweder im Hause oder unter dem

Dachfirst an, stellt sie auch wohl an abgelegenen Plätzen auf.

[Illustration:

Phot. Fr. Alexander.

Abb. 302. Jakutenschnitter von der Arbeit ausruhend.

In der rechten Hand hält er einen Wedel gegen Insekten, in der linken

eine Sense.]

Allgemein nimmt man an, daß die +Seelen der Verstorbenen+ nach längerer

oder kürzerer Frist in eine andere Welt übergehen, wo sie ein dem

irdischen ähnliches, aber weit glücklicheres Leben führen. Nach dem

Glauben der Ostjaken geht die Seele zunächst in den Himmel ein und

bleibt hier ebensolange, wie sie auf Erden weilte, sodann wandert sie

in einen Käfer, der unter Steinen lebt, und schließlich geht sie in das

Innere der Erde über. Die Eskimo kennen ein Totenreich, das unserem

Fegfeuer entsprechen würde und für die bösen Geister als Aufenthalt

dient, und ein Himmelreich, wo die Abgeschiedenen die wahre Seligkeit

finden und wohin in erster Linie Männer gelangen, die im Leben viel

erduldet und große Taten vollbracht haben, sowie die Frauen, die im

Wochenbett starben. Zu diesen beiden Reichen ist indessen der Zugang

nicht leicht; zu ersterem führt er über ein dünnes Seil oder über

eine spiegelglatte Eisbrücke, an deren Ende zwei bissige Seehunde

die Ankömmlinge erwarten, zu letzterem über den Regenbogen und einen

bluttriefenden Berg. Wegen dieser mannigfachen Gefahren, die die

Abgeschiedenen auf den Wegen ins Himmelreich erwarten, geben die Eskimo

ihren Kindern Hundeköpfe ins Grab mit, die die schwachen Kinderseelen

unterwegs leiten und beschirmen sollen. Bei den Jakuten sind die

ursprünglichen Anschauungen von der Gottheit und dem Leben nach dem

Tode bereits stark durch den Monotheismus der christlichen Religion

beeinflußt worden. Gott ist nach ihrer heutigen Ansicht unsichtbar,

er wohnt im siebenten Himmel und regiert von dort die Welt; zwischen

ihm und der Erde bilden eine Reihe weniger bedeutender Götter die

Vermittlung. Der Himmel hat sieben Firmamente übereinander, auf dem

obersten thront Gott der Schöpfer, auf den niedriger gelegenen die

übrigen Götter. An den Stufen des Himmels wohnen die guten Geister, in

der Tiefe der Hölle die bösen, denn die Seelen der Verstorbenen werden

je nach ihren Tugenden oder Lastern in jene oder in diese verwandelt.

Der Fürst der Hölle wird auch als ein Gott angesehen. Die Erde ist

dem Teufel zur Verfügung gestellt; er kann die auf ihr lebenden

Menschen verführen; damit er diese ihm verliehene Macht nicht zu sehr

mißbrauche, hat Gott die geringeren Götter auf die Erde gesandt; sie

sollen die Menschen vor den Angriffen des Teufels schützen. Nach dem

Tode nimmt der Teufel die Seele und führt sie an alle Stellen, wo der

Lebende sündigte, und bestraft sie dort; darauf gelangt die Seele an

den ihr zukommenden Platz.

[Illustration:

Aus „Globus“.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 155 / 254 题