Abb. 300. Reiche Jakutenfrau.]

Der animistischen Denkweise entsprechend werden auch +Tiere als

höhere Wesen+ behandelt; man verehrt sie hauptsächlich aus Furcht,

daß sie sich rächen könnten, wenn man sie tötet. Besonders der Bär

und der Walfisch erfreuen sich der größten Achtung. Dem ersten zu

Ehren werden große Feste veranstaltet, an denen schließlich ein Bär

getötet wird. Die Giljaken fangen zu diesem Zwecke ein junges Tier

ein; jedem Dorfe, in dem dasselbe bei dem Transport Aufenthalt nimmt,

widerfährt dadurch ein Glück; wird durch Versehen der Führer etwa

ein Kind vom Bären getötet, so schätzen die Eltern dies als eine

Auszeichnung. In dem Heimatdorfe angekommen, bringen die Giljaken den

Bären in einen besonderen Behälter, wo er längere Zeit gefüttert und

gut gepflegt wird. Zum Festtage strömen die Leute von weit und breit

zusammen; es finden gleichzeitig Hundewettrennen statt. Darauf wird

der Bär, der für die Festlichkeit vorgesehen ist, herumgeführt und

zum heiligen Platze gebracht; hier bindet man ihn an einen Pfahl und

tötet ihn durch Pfeilschüsse unter dem Geschrei und dem Gejubel der

versammelten Menge. Darauf wird er zerlegt und sein Fleisch an die

Zuschauer verteilt; die Veranstalter des Festes müssen sich mit der

Suppe begnügen. Die Knochen des Tieres werden schließlich gesammelt

und in einer besonderen Gruft beigesetzt. Die Ostjaken stimmen vor der

an einem Baume aufgehängten Haut des Bären Bittgesänge an, auf daß das

getötete Tier ihnen ihr Vorgehen vergebe, und erweisen ihm große Ehre,

um seinen Geist zu versöhnen, damit er sich nicht räche. Ein ähnliches

Fest begehen im Anfang des Frühjahrs die Itälmen. Hierbei ist der

Walfisch Gegenstand der Verehrung. Sie schnitzen aus Holz ein solches

Tier von etwa einem halben Meter Länge und zünden vor ihm eine Lampe

an, die die ganze Fangzeit über, also bis zum Herbste brennen muß. Im

nächsten Frühjahr, bevor die Walnetze ausgelegt werden, bringen sie

den hölzernen Walfisch unter Trommelwirbel und allgemeinem Jubel in

eine Erdjurte und schlachten ihm zu Ehren eine Anzahl Hunde. Schamanen

verkünden darauf, daß das Tier ins Wasser entflohen sei.

[Illustration:

Phot. A. Kett.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 154 / 254 题