Abb. 279. Eine Gebetflagge als Talisman gegen Donnerschläge und Hagel.]

Die +Hauptunterhaltung+ des Tibeters bilden heilige +Schauspiele+

(Abb. 257, 278, 280 und 281) im Freien, die Jātakas, die an Fast- und

Festtagen aufgeführt werden und zum Gegenstand die „früheren Leben“

Buddhas haben. Auch hierbei treten manchmal Maskentänzer in Gestalt

von grotesken Tieren und Teufeln, sowie Possenreißer auf, die in den

Pausen das Volk durch ihre Sprünge und sonstigen Scherze unterhalten.

Diese heiligen Schauspiele laufen immer auf dieselbe Lehre hinaus, daß

nämlich die gute Tat belohnt und die schlechte bestraft wird.

[Illustration:

Phot. T. G. Longsloff.

Abb. 280. Tibetische Maskentänzer.

Sie wirbeln bei ihrem von Trommelschlägen und Zumbeln begleiteten Tanze

mit ihren langen Flügeln aus Yakhaaren durch die Luft, bis ihr Körper

beinahe wagrecht schwebt.]

Die +Geburt+ eines neuen Weltbürgers wird von den Eltern, Verwandten

und Nachbarsleuten mit großer Freude begrüßt, obgleich man nach der

buddhistischen Lehre nicht wissen kann, ob das Kind wirklich das eigene

Fleisch und Blut seiner Eltern ist und nicht etwa von einem wildfremden

Menschen oder vielleicht auch von einem Tier, dessen Geist zufällig

nach Wiedergeburt verlangt hat, abstammt. Dankopfer werden in den

Tempeln dargebracht und etwaige Gelübde, die vordem abgelegt wurden, um

einen Erben zu erhalten, werden erfüllt. Eine Tochter wird wie überall

in den buddhistischen Ländern weniger geschätzt. Stirbt die Mutter kurz

vor der Geburt, so wird das Kind durch Bauchschnitt herausgeholt. --

Das +Neugeborene+ wird nicht gebadet, sondern mit Butter eingerieben

und mehrere Tage lang den Sonnenstrahlen ausgesetzt. Die Nahrung der

Säuglinge besteht weniger in Milch, als vielmehr in der Hauptsache in

Dsamba mit Suppe vermischt. Talismane werden dem Kinde an sein Kleid

gebunden, um den bösen Blick abzulenken oder das Glück zum Eintritt

zu zwingen, der Astrologe wird herzugezogen, um dem Neugeborenen das

Horoskop zu stellen. Der Name, den das Kind erhält, pflegt oft ein

recht hochtrabender zu sein, wie „Der Donnerschlag langen Lebens“

oder „Das unermeßliche Banner“, oder es wird ihm einfach der Name

des Wochentages beigelegt, an dem es geboren wurde, wie die „Sonne“

für einen am Sonntag geborenen, oder „Saturn“ für einen am Sonnabend

geborenen Knaben. Für Mädchen ist der beliebteste aller Namen derjenige

der buddhistischen Mutter Gottes, nämlich „Dōlma“, was also unserem

Maria entspricht.

[Illustration:

Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 281. Ein Teilnehmer der tibetischen Prunkspiele in der Tracht

eines mittelalterlichen Panzerreiters mit Bogen und Pfeil.

Die Rüstung besteht aus Eisenplatten, die durch Riemen aus Büffelhaut

miteinander verbunden sind.]

Die tibetischen Frauen sind im allgemeinen recht fruchtbar; sie

bringen im Durchschnitt etwa zehn bis zwölf Kinder zur Welt, von denen

allerdings die Hälfte wieder stirbt. Von drei bis vier Söhnen einer

Familie wird mindestens einer zum Lama bestimmt. Die Lama sind aber zum

Zölibat verurteilt, und daher übersteigt die Zahl der unverheirateten

Mädchen weitaus die der Jünglinge, die heiraten dürfen. Obwohl daher

ein junger Mann bei seiner Brautwahl eine ungewöhnlich große Auswahl

hat, so nimmt er doch für gewöhnlich eine Frau, die älter als er ist.

Da zwischen den Geschlechtern die weitgehendste Vertraulichkeit erlaubt

ist, so sind echte Werbungen und Liebesheiraten nichts Ungewöhnliches.

Die formelle +Verlobung+ indessen wird zumeist von einem Zwischenträger

zustande gebracht, der ein Freund des Bewerbers ist und als Geschenk

eine seidene Zeremonialschärpe mit überreicht. Diese, Chadak genannt,

spielt eine sehr wichtige Rolle im gegenseitigen Verkehr, sobald

eine Gefälligkeit erbeten oder ein Besuch gemacht wird. Sie dient als

Zeichen der Begrüßung, der Freundschaft und des Glückwunsches und wird

mit einer Verbeugung in der Weise überreicht, daß man sie gefaltet über

beide parallel gehaltene Hände hinhält, worauf der andere sie auf seine

ebenso vorgestreckten Hände übergleiten läßt, ohne die Finger dabei

zu Hilfe zu nehmen. Um wieder auf die Werbung zu kommen, so wird die

Antwort der Eltern dem Vermittler an einem festgesetzten Tage zuteil,

an dem die Angehörigen der Braut und er, der dann eine große Menge

Wein zur Bewirtung der Gesellschaft mitbringt, eingeladen werden. Wenn

das Mädchen und ihre Eltern mit dem Vorschlage einverstanden sind,

dann trinken sie den Wein und nehmen jeder einen Chadak an, worauf

der Vermittler der Braut einen mit Türkisen besetzten Kranz, das

Verlobungsgeschenk des Bewerbers, auf die Stirn setzt und noch andere

Geschenke überreicht.

[Illustration:

Phot. The Moravian Mission.

Abb. 282. Hochzeitsfeier in Nordwesttibet.

Das Brautpaar, das hohe Hüte und eine Zeremonialschärpe um den Hals

trägt, hockt auf einem Teppich neben einem Tisch, auf dem ein Gefäß mit

Wein steht, während ein Lamapriester an einem Tisch mit Teetopf und

Tassen sitzt.]

Bei der nunmehr folgenden +Hochzeit+ finden keine religiösen Zeremonien

statt, denn die Heirat ist in Tibet wie in anderen buddhistischen

Ländern nichts als ein Zivilvertrag, der nur öffentlich bekannt gegeben

zu werden braucht, um Gültigkeit zu besitzen. Nachdem die Astrologen

einen günstigen Tag festgesetzt haben, werden Einladungsschärpen an

alle Verwandten und Freunde gesandt, wofür man erwartet, daß sie das

Geschenk durch ein Kleidungsstück oder einen anderen praktischen

Gegenstand erwidern. Mehrere Freunde des Bräutigams holen die Braut ab

und werden von den Angehörigen mit anderen Gästen festlich bewirtet.

Alle Festgenossen sind aufs feinste angezogen; die Reicheren tragen

Gewänder aus chinesischem Seidenbrokat, die Männer ihre Amtshüte,

die Frauen sind mit schwerem Schmuck (silbernen und goldenen, mit

Türkisen besetzten Amulettkästchen) förmlich überladen und tragen auf

dem Haupte Tiaren. Besonders ausgeputzt ist natürlich die Braut, sie

erhält ihren Platz zwischen ihren Eltern auf einem recht hohen Kissen,

daneben nehmen Freunde und Verwandte in regelmäßiger Reihenfolge Platz.

Nach Beendigung der Festtafel werfen Vater und Mutter der Braut je

eine Schärpe (Abb. 282) um den Hals und wünschen ihr dabei reichen

Kindersegen, während die übrigen Anwesenden Getreidekörner über sie

ausschütten und sie sodann zum Hause des Bräutigams begleiten. Hier

finden für gewöhnlich keine Zeremonien mehr statt. Braut und Bräutigam

setzen sich nun nebeneinander nieder, essen und trinken Wein oder

Tee, erheben sich darauf und nehmen die Glückwünsche der Gäste und

die Schärpen entgegen; die letzteren legen sie sich zum Teil um den

Hals oder häufen sie neben sich auf. Gelegentlich liest auch noch ein

Priester etwas aus den heiligen Schriften vor und spendet seinen Segen.

Die Gäste werden sodann noch einmal bewirtet. Nach der Hochzeit wandert

das glückliche Paar noch drei Tage lang, aufs schönste gekleidet,

umher, macht bei den Freunden Besuche, ißt und trinkt bei ihnen und

beteiligt sich an sonstigen Lustbarkeiten. Wie bei allen feierlichen

Gelegenheiten, so werden auch bei der Hochzeitsgratulation ausgesuchte

Höflichkeiten ausgetauscht. Diese bestehen darin, daß man sich verbeugt

und gegenseitig (wie beim Gruße überhaupt) die Zunge herausstreckt

(Abb. 283). So sonderbar uns diese Sitte anmutet, ist sie doch die

vornehmste aller Höflichkeitsformen.

[Illustration:

Phot. L. A. Waddell.

Abb. 283. Eine Begrüßung in Tibet.

Der Tibeter nimmt beim Grüßen zuerst den Hut ab, biegt dann das linke

Ohr nach vorn und reckt die Zunge heraus. Dies wird als die vornehmste

Art des Grüßens betrachtet.]

Eine in Tibet weit bis in die neuere Zeit hinein verbreitete Sitte

war die Polyandrie oder +Vielmännerei+; heutigentags ist sie bereits

im Aussterben begriffen. Hiernach gehört eine Frau gemeinsam allen

Brüdern einer Familie (Abb. 284); der älteste heiratet sie. Wenn einer

der jüngeren Brüder seine ehelichen Pflichten ausüben will, verläßt

der älteste das Haus und geht für gewöhnlich auf Reisen; zum Zeichen

dessen hängt der augenblickliche Gatte seine Schuhe, seinen Gürtel

und seine Beinkleider vor der Tür des Hauses auf. Die Polyandrie

der Tibetaner scheint im wesentlichen ein Ausfluß des Gesetzes der

Erstgeburt zu sein, das in Tibet besteht. Diesem zufolge wird der

älteste Sohn, sobald er sich verheiratet, der alleinige Besitzer aller

Ländereien, Sklaven, des Hauses und sonstigen Zubehörs seiner Eltern;

diese werden auf das Altenteil gesetzt, die jüngeren Brüder von dem

ältesten unterhalten. Daher wird die gemeinsame Frau offiziell nur die

des ältesten, und etwaige Kinder gelten nur als die seinigen.

[Illustration:

Aus: Ploß-Renz, Das Kind.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 145 / 254 题