Unter den +tibetischen Festen+ nimmt ähnlich wie bei den Chinesen
das +Neujahrsfest+ die erste Stelle ein. Es wird mit besonderem
Pomp gefeiert und ist außerdem dadurch ausgezeichnet, daß an diesem
Tage die Leute sämtlich neue Kleider anlegen, die dann allerdings
für das ganze Jahr vorhalten müssen und von den meisten nicht einmal
des Nachts oder überhaupt nicht gewechselt werden. Am Neujahrsmorgen
findet am Hofe des Dalai-Lama großer Empfang statt, bei dem der erste
Kammerherr die Zeremonien eröffnet, indem er dem großen Kirchenfürsten
unter Darbringung von Reisbranntwein und Dsamba in goldenen Schalen
auf goldener Platte Glück und Wohlergehen wünscht, worauf dieser seine
Finger in die Flüssigkeit taucht, seine Umgebung bespritzt, etwas von
der Speise kostet, alle anwesenden Würdenträger nacheinander segnet
und sie bewirtet. Gleichzeitig finden außerhalb des Festsaales Tänze
statt, denen die an der Gratulationskur nicht unmittelbar beteiligten
hohen Beamten beiwohnen; die Knaben tanzen den „Tanz des glücklichen
Schicksals“. An den beiden ersten Abenden, sowie am Vorabend des
Neujahrsfestes werden sämtliche Tempel, alle öffentlichen sowie
privaten Gebäude und Wohnungen aufs festlichste illuminiert. Für die
Kleriker enden die Festlichkeiten bereits am dritten Tage, von da
an versammeln sie sich alltäglich zu feierlichen Gottesdiensten um
den Dalai-Lama, die zwanzig Tage lang dauern und von strengen Fasten
begleitet werden. -- Von längerer Dauer und von reicherer Abwechslung
als das eigentliche Neujahrsfest sind die Vorbereitungen dazu, die
das Volk fast einen ganzen Monat lang in Anspruch nehmen. Besonders
ist es der neunundzwanzigste Tag des letzten Monats, der eine große
Rolle dabei spielt. An ihm wird nicht nur der Staub und Schmutz,
der sich während des zum Abschluß kommenden Jahres angesammelt hat,
durch eine gründliche Reinigung entfernt, sondern auch die bösen,
übelwollenden Geister, die an allem Unglück Schuld tragen, werden
verbrannt. Am frühen Morgen setzen in den Höfen der verschiedenen
Tempel oder an nahe gelegenen, geeigneten Plätzen Zaubertänze ein,
die von Leuten in den schrecklichen Masken (Abb. 280, 274, 275) der
alten, aus dem Schamanentum noch übernommenen Götter und Halbgötter
aufgeführt werden und mehrere Stunden dauern, da an ihnen gewöhnlich
achtzig bis hundert Tänzer, alles nur Lama, nacheinander in Gruppen
teilnehmen. Für den Humor sorgen dabei die Figuren der indischen
„Azari“, die durch ihre Trachten, ihre groteske Gesichtsbemalung und
ihre Grimassen das versammelte Volk belustigen wollen und es auch zu
ausgelassenem Beifall hinreißen. Außer den Volksmassen sehen auch die
höhere Geistlichkeit und vornehme Gäste unter großen Zelten dem Trubel
zu. Nach Abschluß der Tänze und Abhaltung eines Morgengottesdienstes
wird noch eine feierliche Prozession nach einem wenige Kilometer davon
entfernten Orte auf freiem Platze in Bewegung gesetzt, um ein gewisses
Symbol, das Torma, zu opfern beziehungsweise zu verbrennen. Ein Torma
ist ein aus Dsamba mit Butter und Zucker hergestellter kegel- oder
pyramidenförmiger, an der Oberfläche oft in einer oder mehreren Farben
-- meistens rot, was die Flammen versinnbildlichen soll -- bemalter,
gelegentlich auch noch mit allerlei auf den Kultus bezugnehmenden
Figuren und Zeichen versehener Gegenstand von etwa einem halben,
bei besonderen Gelegenheiten sogar bis zu vier Meter Höhe, der an
der Spitze der Prozession von drei Lama auf einem eisernen Dreifuß
vorangetragen wird; auf ihm ruht noch eine künstliche Schädelschale
aus demselben Dsambateige. Außerdem tragen ebenfalls drei Lama auf
einem eisernen Tablett ein aus dem gleichen Material hergestelltes
menschliches Skelett. An dem vorbestimmten Platze werden Torma und
Skelett auf einem aus Reisig oder Stroh errichteten Haufen verbrannt.
Sobald die Flammen über dem Ganzen zusammenschlagen, senken die in
der Prozession mitgezogenen vierundzwanzig Fahnenträger ihre Stangen
und laufen, was sie nur können, ohne sich nur einmal umzusehen, nach
dem Kloster zurück, während eine große Anzahl gleichfalls dabei
beteiligter Soldaten ein furchtbares Gewehrgeknatter, natürlich nur
mit Platzpatronen, über dem brennenden Haufen unterhalten, um dadurch
die bösen Geister am Entweichen zu hindern und sie sämtlich dem
Verbrennungstode zu überliefern.
[Illustration:
Phot. Captain F. M. Bailey.
Abb. 277. Frau aus Westtibet.
Der Kopfputz ist mit Korallen, Türkisen und anderen ungeschliffenen
Edelsteinen oder bunten Glasstücken besetzt. Jedem Stein wird eine
besondere Wirkung gegen böse Geister zugeschrieben. An der Halskette
hängt oben ein Amulettkästchen, weiter unten ein Rosenkranz mit den
üblichen hundertundacht Perlen.]
[Illustration:
Phot. Captain F. M. Bailey.
Abb. 278. Tibetische theatralische Vorführungen zu Lhassa.
Die Szene stellt ein Zwischenspiel in der Aufführung eines der heiligen
Spiele von Buddhas früheren Geburten, der Jātakas, dar.]
[Illustration:
Phot. L. A. Waddell.