Wird ein Tibeter +krank+, dann nimmt man an, daß ein böser Geist von
ihm Besitz ergriffen habe, und holt einen Lama herbei, um diesen
auszutreiben. Erweist sich dessen Kunst als unzulänglich, dann macht
man sich mit dem Gedanken vertraut, daß der Kranke sterben muß, und
läßt ihn im Stich. Ist der +Tod eingetreten+, dann darf niemand
den Körper berühren, bevor nicht der Priester mit seiner Seele
fertig geworden ist. Er wird sofort gerufen, denn es besteht der
Aberglaube, daß die Seele des Verstorbenen mindestens noch vier Tage
lang in dem toten Körper weile und nur von einem erfahrenen Priester
hinausgeleitet werden könne, der deswegen auch der „Seelenbeförderer“
heißt. Bei seiner Ankunft verweist der Priester alle Menschen aus dem
Sterbezimmer, schließt Fenster und Türen zu und setzt sich zu Häupten
der Leiche nieder. Er ermuntert die Seele, den toten Körper nunmehr zu
verlassen, und reißt, um ihr einen Weg zu bahnen, dem Toten ein paar
Kopfhaare aus, in dem Glauben, daß durch die Poren der Haarwurzeln
die Seele nun einen Ausgang finde. Er ermahnt sie dann weiter, die
Gefahren, die ihr auf dem Wege zum Paradies drohen, zu meiden, und
wünscht ihr gute Reise. Die ganze Zeremonie dauert ungefähr eine
Stunde; der Lama erhält dafür einen ungewöhnlich großen Lohn an Geld
und anderen Geschenken, dessen Höhe von der Hinterlassenschaft des
Verblichenen abhängt; bei ganz reichen Leuten kann diese Gebühr beinahe
die Hälfte des Nachlasses ausmachen. Sobald der Priester erklärt hat,
daß die Seele von dem Toten gegangen sei, darf letzterer berührt
werden. Die Männer, die die weiteren Handlungen mit ihm vornehmen,
müssen unter dem gleichen Planeten wie der Verstorbene geboren sein;
sie werden mit einem Tabu belegt. Durch Horoskop wird der geeignetste
Tag für das Begräbnis und für die Gebete, die für die Sicherheit der
Überlebenden vorgeschrieben sind, festgestellt. Der Tote wird, mit
Stricken in Hockerstellung gebunden, in einen Sack aus rohem Fell oder
in eine viereckige Kiste gesteckt und in einer Ecke des Zimmers oder
in einem unbenutzten Raum hingestellt. Abwechselnd halten Priester Tag
und Nacht Wache neben der Leiche; sie lesen Gebete vor und murmeln
heilige Sprüche, so lange, bis der Tote aus dem Hause gebracht wird.
Um ihn herum brennen Kerzen, von acht bis einhundertundacht an der
Zahl, und die Verwandten, die sich im Nebenraum aufhalten, bringen
ihm Speise und Trank auf niederen Tischen dar. Vor dem Begräbnis
essen und trinken auch die Angehörigen im Hause; sobald aber der
Tote aus ihm entfernt worden ist, genießt keiner darin einen Monat
lang etwas von einer Speise oder einem Getränk, aus Furcht vor dem
bösen Geist. Unter Umständen, so bei rauher Witterung, namentlich im
Winter, bleibt der Tote wochen- und selbst monatelang unbeerdigt,
bis sich eine günstige Gelegenheit dazu bietet, die aber immer erst
von dem Astrologen vorausgesagt werden muß. Die Priester (Abb. 286)
gehen im Leichenzuge voran, sie singen Zauberformeln aus indischen
Schriften, andere stimmen unheimliche Totenlieder auf Hörnern an, die
von Trommelschlag und Handglockengeläut begleitet werden (Abb. 285).
Hierauf folgen die Verwandten -- ist der Hauptleidtragende eine Frau,
dann begleitet sie den Zug nicht -- und zuletzt der Sarg, den ein
Hauptpriester an einer langen seidenen Schärpe (wohl dem „Seelenbanner“
der Chinesen entsprechend) unter Anschlagen einer Schädeltrommel
(Abb. 287) führt. Menschenknochen wird bei Andachtsübungen eine große
Bedeutung beigelegt; so finden Schalen aus Menschenschädeln als Becher
(Abb. 288 und 289) bei Altaropfern Anwendung, Trommeln aus ebensolchen
und Trompeten aus Oberschenkelknochen (Abb. 290) dienen bei der
Teufelbeschwörung, Fingerknochen zu Rosenkränzen und so weiter.
[Illustration:
Phot. Captain F. M. Bailey.
Abb. 285. Begräbnisszene der Tibeter.
Auf der einen Seite der Leiche stehen drei Laien, die auf Hörnern ein
Trauerlied blasen und eine große Trommel schlagen, auf der anderen fünf
Priester, von denen vier auf Handtrommeln aus menschlichen Schädeln
trommeln, während der fünfte eine Art Totenmesse liest.]
[Illustration:
Phot. Captain F. M. Bailey.
Abb. 286. Leichenzug der Tibeter.
Die Priester gehen vor der Leiche her, die, in ein Bündel verpackt,
von einem durch den Astrologen dazu bestimmten Mann auf den Schultern
getragen wird; sie singen dabei Bittgesänge und spielen Klagelieder auf
Trompeten, Hörnern und Trommeln.]
Ein Begraben gibt es in Tibet nicht. Die Leichen der großen Lama und
anderer hoher Priester werden +einbalsamiert+ und in vergoldeten
Grabmälern, den sogenannten Chorten oder Stupen aufbewahrt, die
sterblichen Reste der wohlhabenderen Priester werden manchmal auch
eingeäschert und ihre Aschenteile mit Lehm zusammen zu kleinen
Medaillons geformt, die man in Nischen in diesen Chorten unterbringt,
oder sie werden in den schon beschriebenen Amulettkästchen als
Zaubermittel getragen.
[Illustration: Abb. 287. Handtrommel eines tibetischen Priesters,
die aus zwei menschlichen Hirnschalen hergestellt ist.]
Die +übliche Art, sich der Toten zu entledigen+, besteht darin, daß man
das Fleisch von den Knochen schneidet und es den Hunden oder Geiern zum
Fraße vorwirft (Abb. 292), eine Unsitte, die gewiß ein uralter Brauch
ist und auch noch von den Parsen geübt wird. Von den Geiern verzehrt zu
werden, wird besonders hoch eingeschätzt; die Wärter, die sich bemühen,
andere aasfressende Tiere fernzuhalten, werden noch besonders dafür
belohnt. Die Knochen des seines Fleisches beraubten Toten können wohl
begraben werden, aber jede Familie, die es nur ermöglichen kann, läßt
die Gebeine ihres lieben Angehörigen zerstoßen und in die Luft als Fraß
für die Geier werfen; man hat für dieses Verfahren die schönklingende
Bezeichnung „himmlische Erledigung der irdischen Reste“ erfunden. Die
Leichen von armen Leuten, Verbrechern oder solchen, die durch einen
Unfall ums Leben kamen, sowie von Aussätzigen und manchmal auch von
kinderlosen Ehefrauen werden wie tote Tiere an einem Seil an Flüssen
oder Seen geschleppt und hineingeworfen.
Die +Trauer+ um Verwandte dauert gewöhnlich drei Monate, aber ein Jahr
lang werden noch keine farbigen Kleider und kein Schmuck getragen. Die
Jungen werden mehr als die Alten beklagt. Buddhistenpriester werden in
häufig wiederkehrenden Zwischenräumen gerufen, um durch Messelesen für
den Frieden der Seele des Verstorbenen zu beten und ihr den Weg durch
ein Zwischenstadium, eine Art Fegefeuer, zum „Paradies des Westens“ zu
verschaffen.
+Die Mongolei und Ostturkistan.+ Die Bevölkerung der Mongolei besteht
ausschließlich aus umherziehenden Mongolen; nur in ein paar Städten,
wie in der Hauptstadt Urga, und in einigen wenigen Handelszentren
haben die Bewohner eine halb städtische Lebensweise angenommen. Die
+Wohnstätte+ dieser Nomaden ist die +Jurte+, ein hölzernes Gestell mit
Filzbelag. Dem Eingang gegenüber findet man immer den Heiligenschrein,
ein kleines Schränkchen oder eine Schatulle mit dem Götterbildnis oder
wenigstens seiner Abbildung auf Papier oder Gewebe, vor dem in einigen
Schalen Wasser, Getreidekörner, Käse, Rahm und so weiter dargebracht
werden. Zur rechten Seite des Heiligenschreins steht ein breites,
niederes Bett mit einer Filzmatratze. Der übrige Haushalt besteht in
Lederschläuchen, deren Inhalt Kumys, Sauermilch und Butter bilden,
sowie in hölzernen Kasten zur Aufbewahrung des Wirtschaftsgerätes. In
der Mitte der Jurte findet sich der Herd, auf dem das Feuer mit Mist
unterhalten wird. Dieselbe Hütte dient allen möglichen Zwecken; sie
ist zugleich Schlafzimmer, Küche, Eßzimmer und Besuchsalon, selbst
Viehstall, denn im Winter wird das Kleinvieh in ihr untergebracht.
Infolgedessen herrscht hier eine recht unbehagliche Atmosphäre, in der
der Aufenthalt noch schrecklicher durch das in Unmasse herumwimmelnde
Ungeziefer, im besonderen Flöhe und Läuse, wird. Um diesem zu entgehen,
greifen die Mongolen des Nachts zu folgendem angeblich erprobten
Mittel. Alle, Männer und Frauen, legen sich nackend auf Schafpelze oder
wollige Felle und decken sich mit diesen auch zu. Läuse besitzen sie in
ihren Unterkleidern, die sie niemals wechseln oder waschen, sondern so
lange tragen, bis sie ihnen buchstäblich vom Leibe fallen, in solcher
Masse, daß sie, wenn sie diese Tiere mit Holzstücken vom Leibe geschabt
haben, auf diese Weise ganze Haufen erhalten, die ins Feuer geworfen
oder nicht selten auch mit viel Behagen verzehrt werden.
[Illustration:
Mit Erl. d. Smithsonian Instit.