Abb. 284. Polyandrische Ladakhfamilie.]

Wird ein Tibeter +krank+, dann nimmt man an, daß ein böser Geist von

ihm Besitz ergriffen habe, und holt einen Lama herbei, um diesen

auszutreiben. Erweist sich dessen Kunst als unzulänglich, dann macht

man sich mit dem Gedanken vertraut, daß der Kranke sterben muß, und

läßt ihn im Stich. Ist der +Tod eingetreten+, dann darf niemand

den Körper berühren, bevor nicht der Priester mit seiner Seele

fertig geworden ist. Er wird sofort gerufen, denn es besteht der

Aberglaube, daß die Seele des Verstorbenen mindestens noch vier Tage

lang in dem toten Körper weile und nur von einem erfahrenen Priester

hinausgeleitet werden könne, der deswegen auch der „Seelenbeförderer“

heißt. Bei seiner Ankunft verweist der Priester alle Menschen aus dem

Sterbezimmer, schließt Fenster und Türen zu und setzt sich zu Häupten

der Leiche nieder. Er ermuntert die Seele, den toten Körper nunmehr zu

verlassen, und reißt, um ihr einen Weg zu bahnen, dem Toten ein paar

Kopfhaare aus, in dem Glauben, daß durch die Poren der Haarwurzeln

die Seele nun einen Ausgang finde. Er ermahnt sie dann weiter, die

Gefahren, die ihr auf dem Wege zum Paradies drohen, zu meiden, und

wünscht ihr gute Reise. Die ganze Zeremonie dauert ungefähr eine

Stunde; der Lama erhält dafür einen ungewöhnlich großen Lohn an Geld

und anderen Geschenken, dessen Höhe von der Hinterlassenschaft des

Verblichenen abhängt; bei ganz reichen Leuten kann diese Gebühr beinahe

die Hälfte des Nachlasses ausmachen. Sobald der Priester erklärt hat,

daß die Seele von dem Toten gegangen sei, darf letzterer berührt

werden. Die Männer, die die weiteren Handlungen mit ihm vornehmen,

müssen unter dem gleichen Planeten wie der Verstorbene geboren sein;

sie werden mit einem Tabu belegt. Durch Horoskop wird der geeignetste

Tag für das Begräbnis und für die Gebete, die für die Sicherheit der

Überlebenden vorgeschrieben sind, festgestellt. Der Tote wird, mit

Stricken in Hockerstellung gebunden, in einen Sack aus rohem Fell oder

in eine viereckige Kiste gesteckt und in einer Ecke des Zimmers oder

in einem unbenutzten Raum hingestellt. Abwechselnd halten Priester Tag

und Nacht Wache neben der Leiche; sie lesen Gebete vor und murmeln

heilige Sprüche, so lange, bis der Tote aus dem Hause gebracht wird.

Um ihn herum brennen Kerzen, von acht bis einhundertundacht an der

Zahl, und die Verwandten, die sich im Nebenraum aufhalten, bringen

ihm Speise und Trank auf niederen Tischen dar. Vor dem Begräbnis

essen und trinken auch die Angehörigen im Hause; sobald aber der

Tote aus ihm entfernt worden ist, genießt keiner darin einen Monat

lang etwas von einer Speise oder einem Getränk, aus Furcht vor dem

bösen Geist. Unter Umständen, so bei rauher Witterung, namentlich im

Winter, bleibt der Tote wochen- und selbst monatelang unbeerdigt,

bis sich eine günstige Gelegenheit dazu bietet, die aber immer erst

von dem Astrologen vorausgesagt werden muß. Die Priester (Abb. 286)

gehen im Leichenzuge voran, sie singen Zauberformeln aus indischen

Schriften, andere stimmen unheimliche Totenlieder auf Hörnern an, die

von Trommelschlag und Handglockengeläut begleitet werden (Abb. 285).

Hierauf folgen die Verwandten -- ist der Hauptleidtragende eine Frau,

dann begleitet sie den Zug nicht -- und zuletzt der Sarg, den ein

Hauptpriester an einer langen seidenen Schärpe (wohl dem „Seelenbanner“

der Chinesen entsprechend) unter Anschlagen einer Schädeltrommel

(Abb. 287) führt. Menschenknochen wird bei Andachtsübungen eine große

Bedeutung beigelegt; so finden Schalen aus Menschenschädeln als Becher

(Abb. 288 und 289) bei Altaropfern Anwendung, Trommeln aus ebensolchen

und Trompeten aus Oberschenkelknochen (Abb. 290) dienen bei der

Teufelbeschwörung, Fingerknochen zu Rosenkränzen und so weiter.

[Illustration:

Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 285. Begräbnisszene der Tibeter.

Auf der einen Seite der Leiche stehen drei Laien, die auf Hörnern ein

Trauerlied blasen und eine große Trommel schlagen, auf der anderen fünf

Priester, von denen vier auf Handtrommeln aus menschlichen Schädeln

trommeln, während der fünfte eine Art Totenmesse liest.]

[Illustration:

Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 286. Leichenzug der Tibeter.

Die Priester gehen vor der Leiche her, die, in ein Bündel verpackt,

von einem durch den Astrologen dazu bestimmten Mann auf den Schultern

getragen wird; sie singen dabei Bittgesänge und spielen Klagelieder auf

Trompeten, Hörnern und Trommeln.]

Ein Begraben gibt es in Tibet nicht. Die Leichen der großen Lama und

anderer hoher Priester werden +einbalsamiert+ und in vergoldeten

Grabmälern, den sogenannten Chorten oder Stupen aufbewahrt, die

sterblichen Reste der wohlhabenderen Priester werden manchmal auch

eingeäschert und ihre Aschenteile mit Lehm zusammen zu kleinen

Medaillons geformt, die man in Nischen in diesen Chorten unterbringt,

oder sie werden in den schon beschriebenen Amulettkästchen als

Zaubermittel getragen.

[Illustration: Abb. 287. Handtrommel eines tibetischen Priesters,

die aus zwei menschlichen Hirnschalen hergestellt ist.]

Die +übliche Art, sich der Toten zu entledigen+, besteht darin, daß man

das Fleisch von den Knochen schneidet und es den Hunden oder Geiern zum

Fraße vorwirft (Abb. 292), eine Unsitte, die gewiß ein uralter Brauch

ist und auch noch von den Parsen geübt wird. Von den Geiern verzehrt zu

werden, wird besonders hoch eingeschätzt; die Wärter, die sich bemühen,

andere aasfressende Tiere fernzuhalten, werden noch besonders dafür

belohnt. Die Knochen des seines Fleisches beraubten Toten können wohl

begraben werden, aber jede Familie, die es nur ermöglichen kann, läßt

die Gebeine ihres lieben Angehörigen zerstoßen und in die Luft als Fraß

für die Geier werfen; man hat für dieses Verfahren die schönklingende

Bezeichnung „himmlische Erledigung der irdischen Reste“ erfunden. Die

Leichen von armen Leuten, Verbrechern oder solchen, die durch einen

Unfall ums Leben kamen, sowie von Aussätzigen und manchmal auch von

kinderlosen Ehefrauen werden wie tote Tiere an einem Seil an Flüssen

oder Seen geschleppt und hineingeworfen.

Die +Trauer+ um Verwandte dauert gewöhnlich drei Monate, aber ein Jahr

lang werden noch keine farbigen Kleider und kein Schmuck getragen. Die

Jungen werden mehr als die Alten beklagt. Buddhistenpriester werden in

häufig wiederkehrenden Zwischenräumen gerufen, um durch Messelesen für

den Frieden der Seele des Verstorbenen zu beten und ihr den Weg durch

ein Zwischenstadium, eine Art Fegefeuer, zum „Paradies des Westens“ zu

verschaffen.

+Die Mongolei und Ostturkistan.+ Die Bevölkerung der Mongolei besteht

ausschließlich aus umherziehenden Mongolen; nur in ein paar Städten,

wie in der Hauptstadt Urga, und in einigen wenigen Handelszentren

haben die Bewohner eine halb städtische Lebensweise angenommen. Die

+Wohnstätte+ dieser Nomaden ist die +Jurte+, ein hölzernes Gestell mit

Filzbelag. Dem Eingang gegenüber findet man immer den Heiligenschrein,

ein kleines Schränkchen oder eine Schatulle mit dem Götterbildnis oder

wenigstens seiner Abbildung auf Papier oder Gewebe, vor dem in einigen

Schalen Wasser, Getreidekörner, Käse, Rahm und so weiter dargebracht

werden. Zur rechten Seite des Heiligenschreins steht ein breites,

niederes Bett mit einer Filzmatratze. Der übrige Haushalt besteht in

Lederschläuchen, deren Inhalt Kumys, Sauermilch und Butter bilden,

sowie in hölzernen Kasten zur Aufbewahrung des Wirtschaftsgerätes. In

der Mitte der Jurte findet sich der Herd, auf dem das Feuer mit Mist

unterhalten wird. Dieselbe Hütte dient allen möglichen Zwecken; sie

ist zugleich Schlafzimmer, Küche, Eßzimmer und Besuchsalon, selbst

Viehstall, denn im Winter wird das Kleinvieh in ihr untergebracht.

Infolgedessen herrscht hier eine recht unbehagliche Atmosphäre, in der

der Aufenthalt noch schrecklicher durch das in Unmasse herumwimmelnde

Ungeziefer, im besonderen Flöhe und Läuse, wird. Um diesem zu entgehen,

greifen die Mongolen des Nachts zu folgendem angeblich erprobten

Mittel. Alle, Männer und Frauen, legen sich nackend auf Schafpelze oder

wollige Felle und decken sich mit diesen auch zu. Läuse besitzen sie in

ihren Unterkleidern, die sie niemals wechseln oder waschen, sondern so

lange tragen, bis sie ihnen buchstäblich vom Leibe fallen, in solcher

Masse, daß sie, wenn sie diese Tiere mit Holzstücken vom Leibe geschabt

haben, auf diese Weise ganze Haufen erhalten, die ins Feuer geworfen

oder nicht selten auch mit viel Behagen verzehrt werden.

[Illustration:

Mit Erl. d. Smithsonian Instit.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 146 / 254 题