Abb. 259. Ein heiliger Felsen bei Lhassa

mit Hunderten von Bildern der Götter und Heiligen, die teils

unmittelbar in den Felsen gehauen, teils auf Votivtafeln niedergelegt

sind. Sie sind alle mit leuchtenden Farben bemalt.]

[Illustration:

Phot. Johnston & Hoffmann.

Abb. 260. Frau aus Zentraltibet.

Der mit Edelsteinen verzierte Kopfschmuck wird hauptsächlich in Lhassa

und Osttibet getragen. An den Halsketten hängen Amulettkästchen aus

Gold- oder Silberfiligran mit eingelegten Türkisen.]

+Tibet+ ist noch wenig durchforscht, vielleicht das dunkelste Land der

Welt, da hier seit jeher strenge Vorschriften gegen das Einwandern

europäischer Elemente bestehen. Daher ist über seine Bevölkerung auch

noch wenig bekannt geworden. Sie gehört, wie schon erwähnt, zu den

reinen Mongolen, und es werden die Bodpa oder eigentlichen Tibeter, die

Tanguten im Nordosten, die Sifan im Südosten, die Ladakh im Osten und

die Gurung, Magar, Mishmi und Leptscha im Süden, beziehungsweise in den

in den angeführten Richtungen angrenzenden Gebieten der Nachbarländer

unterschieden. Alle diese Völker bewohnen das mächtigste Hochland der

Erde, das im Durchschnitt viertausendfünfhundert Meter aufweist.

Die +Kleidung+ der Tibeter (Abb. 258) besteht aus einem langen wollenen

Rock, Tschak genannt (im Winter aus einem Schafpelz), der durch

einen Gürtel fest zusammengehalten wird, langen wollenen Strümpfen

mit ledernen Sohlen und einer Schaffellmütze. Hosen und Hemd werden

nicht getragen. Die Frauen kleiden sich in lange, faltenreiche Röcke.

Die Haartracht der Männer besteht in einem durch Einflechten eines

baumwollenen Fadens noch verlängerten Zopf, der spiralig um den Kopf

gelegt wird; die der Frauen wechselt sehr nach der Ortschaft von

einem chignon- oder turbanähnlichen Aufbau bis zu zahlreichen kleinen

Zöpfchen, die manchmal fächerförmig auf einem Holzkamm ausgebreitet

werden. Bei den Frauen ist Schmuck in Form von Halsketten und

Diademen aus Gold oder Silber, die außerdem noch mit roh bearbeiteten

Edelsteinen geschmückt sind, sehr beliebt (Abb. 260 und 261). Die

Frauen Tibets pflegen sich auch das Gesicht mit Kleister zu beschmieren

und sich darauf kleine Samenkörner in ziemlicher Regelmäßigkeit zu

legen. Da die Luft in Tibet sehr trocken ist und die Leute sich fast

nie waschen, so hält sich dieser Schmuck längere Zeit. Die Töchter sind

durchweg sehr unsauber. -- Die +Wohnung+ der Tibeter ist in der Regel

ein viereckiges Zelt. Wo sie ansässig geworden sind, besitzen sie auch

wirkliche, aus Bruchsteinen aufgeführte Häuser (Abb. 258).

[Illustration: Abb. 261. Toilettengebrauchsgegenstände einer

tibetischen Schönen

(Ohrlöffel, Zahnstocher, Zungenschaber usw.), die sie an der Halskette

als Anhängsel mit sich trägt.]

[Illustration: Abb. 262. Tibetischer Teetopf.]

Die +Nahrung+ gleicht der der übrigen Mongolen; besonders bevorzugt

wird aber gebutterter Tee, etwas für den europäischen Gaumen höchst

Widerliches, das aber von den Tibetern fast zu jeder Tageszeit in

ziemlichen Mengen mit großem Genuß getrunken wird und gleichsam

ihr Nationalgetränk ausmacht; einem jeden Besucher wird es aus

Gastfreundschaft aufgedrungen, und auch auf den Reisen wird es tagsüber

des öfteren eingenommen. Es wird aus dem schon genannten Ziegeltee

hergestellt. Auf ganz eigenartige Weise wird davon eine besondere

Mischung gebraut. Eine genügend abgehobelte oder abgeschnittene Menge

Tee wird mit ein wenig Wasser gekocht, dem eine Prise kohlensaures

Natron beigegeben wird. Von dieser Abkochung wird ein wenig in ein

kleines Butterfaß getan, das mehrere Liter kochendes Wasser und einen

Kloß meist ranziger Butter enthält, und mit genügend Salz abgeschmeckt,

darauf die ganze Mischung ein paar Minuten lang durchgebuttert und

schließlich noch heiß aus Holzbechern getrunken, von denen jeder

Tibeter einen in seiner Brusttasche bei sich trägt, und der, wenn

er seinen Zweck erfüllt hat und trocken geleckt worden ist, wieder

in diese zurückbefördert wird. In jede volle Tasse dieses Gebräus,

das schon mehr eine Suppe oder Brühe vorstellt, aber entschieden

nahrhaft und erfrischend sein dürfte, werden noch ein paar Kügelchen

aus Brot oder Gerstenmehlteig als Beigabe geworfen. Bei feierlichen

Gelegenheiten, wie bei Hochzeiten, Besuchen der Priester und anderer

Ehrengäste, wird der gebutterte Tee aus massiven kupfernen Teekannen

(Abb. 262) eingeschenkt, die oft mit künstlerisch ausgeführten

Zeichnungen versehen und in erhabener Rankenverzierung aus Silber oder

Messing reich plattiert erscheinen.

[Illustration:

Phot. Sven Hedin.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 141 / 254 题