Bei einer Frau wird nur ein schwarzes Tuch neben die Leiche gelegt
und ein Korb voll Reis über sie gestülpt. Außerdem pflegt man daneben
den Korb, in dem sie ihre Lasten trug, den Reismörser, in dem sie das
Mehl für den Tagesbedarf stampfte, sowie ihre Webestöcke zu legen.
Stirbt eine Frau im Wochenbett oder überhaupt eine Person infolge eines
Unglücksfalles (Tötung durch ein wildes Tier, Ertrinken oder Fall von
einem Baume), dann muß der Tote an der Stelle begraben werden, wo
das Unglück geschah. Sobald die Beerdigung stattgefunden hat, werden
die Häuser der Verunglückten von ihren Angehörigen abgebrochen, die
bewegliche Habe bleibt liegen, das Vieh wird frei und herrenlos laufen
gelassen, wohin es will. Einige Stämme lassen in solchen Fällen sogar
ihre Felder brach liegen und das Korn in den Speichern verfaulen,
oder sie heimsen die Ernte gar nicht erst ein. Die Bewohner eines
so zerstörten Unglückshauses begeben sich für einen Monat in den
Dschungel; dann erst ist es ihnen erlaubt, unter ihre Stammesgenossen
zurückzukehren.
[Illustration:
Phot. Sven Hedin.
Abb. 257. Tänzer in den tibetischen Mysterien.
Sie tragen die Masken der Ogredämonen der buddhistischen Götterlehre.
Im Vordergrunde sitzt ein Teufelstänzer.]
Zentralasien.
Als Zentralasien bezeichnet man das große abflußlose Gebirgsland im
Innern Asiens, das durch die großen Massive des Himalaja im Süden,
des Karakorum, Pamir, Tian-Schan, Alatan und Altai im Westen, des
Sajan- und Jablonoigebirges im Norden und des Chingan und chinesischen
Grenzgebirges im Osten in einer fortlaufenden Umwallung abgeschlossen
wird. Es umfaßt in geographischer Hinsicht drei Gebiete: Tibet, die
Mongolei und das Tarimbecken. Seine charakteristische Eigenschaft
besteht eben in der großen Wasserarmut, die auch eine besondere Kultur
seiner Völker geschaffen hat. Diese sind die eigentlichen Mongolen, von
denen sich, entsprechend den drei geographischen Gebieten, ebensoviele
große Völkergruppen unterscheiden lassen: die Tibeter, die Mongolen
im engeren Sinne und die Ostturkistaner; an den Grenzen finden sich
Mischvölker, aus der Verbindung der Mongolen mit Chinesen, Hindu und
Iraniern hervorgegangen. Die mächtigen Züge mongolischer Horden, die im
Mittelalter in mehrfachen Schwärmen bis ins Herz Europas eindrangen,
kamen aus dieser Wiege der mongolischen Rasse. -- Die Völkerstämme
Ostturkistans, im besonderen die Kirgisen, sind keine Mongolen im
anthropologischen Sinne mehr, sondern zählen zu einer Abzweigung dieser
Rasse, die bereits vorzeiten erfolgt sein muß und sich in Nordasien
weiter ausbildete, zu den sogenannten Türkvölkern. Indessen können sie
auf der anderen Seite auch nicht wieder als reine Türkvölker gelten,
sondern als das Mischungsprodukt dieser mit hinzugekommenen Mongolen,
so daß ihr Typus bald mehr dem mongolischen, bald mehr dem der
Türkvölker nahekommt. Die Kultur der Ostturkistaner jedoch entspricht
ganz und gar der der Mongolen, so daß wir sie weiter unten mit diesen
gemeinsam abhandeln können.
Die +Lebensweise der zentralasiatischen Mongolen+ ist eine ziemlich
gleichmäßige. Alle Völker sind umherziehende Nomaden (nur vereinzelt
seßhaft), deren Beschäftigung fast nur in der Viehzucht (hauptsächlich
von Schafen, Pferden und Kamelen, daneben auch von Rindern und Ziegen)
besteht. Sie wohnen in sogenannten Jurten, zylindrischen, etwa
anderthalb Meter hohen Zelten aus Filz, mit Kegeldach, die sich leicht
abbrechen und wieder aufstellen lassen. Gekleidet sind sie in Gewänder,
die sie selbst aus Filz herstellen, oder auch in solche aus Pferdehaut;
russische Stoffe finden aber bereits vielfach Eingang. Charakteristisch
für die Mongolen ist eine hohe Schaffellmütze. Die Frauen tragen lange
Zöpfe, in die sie allerhand Schmuck, wie Bänder, Glasperlen, Korallen
und bunte Steine, einflechten, silberne Spangen auf dem Kopf, Ohrringe,
Arm- und Fingerringe und anderen Schmuck aus dem gleichen Metall.
Die +Nahrung+ der Mongolen besteht in erster Linie aus einem aus
gerösteten und zermahlenen Getreidekörnern hergestellten Teig, Dsamba
genannt, und aus Ziegeltee, einem minderwertigen chinesischen Tee,
der, um leicht befördert werden zu können, zu einem Kuchen (wie ein
Ziegel) zusammengepreßt ist. Es besteht nach ihm überall eine so große
Nachfrage, daß er als Geld umgesetzt wird, also als Münze gilt. Von
tierischen Erzeugnissen werden Schaffleisch, Käse, Butter, Milch und
ein durch Gärung daraus hergestelltes kohlensäurehaltiges Getränk, der
Kumys, genossen.
[Illustration:
Phot. N. P. Edwards.
Abb. 258. Tibetische Soldaten mit Schloßflinten.
(Man beachte die Gewehrstütze.)]
Die +Religion+ der zentralasiatischen Mongolen ist die Lehre Buddhas
in ihrer nördlichen Umbildung, der sogenannte Lamaismus, der sich auch
noch in der Mandschurei, China und Korea findet. Er ist gekennzeichnet
durch die Annahme einer großen Anzahl von Wiedergeburten, die der
Mensch nacheinander durchzumachen hat, um die schier unerreichbare
höchste Stufe des Bodhisatva zu erlangen, deren nächste Stufe der
Buddha selber ist. Dementsprechend besitzt die Götterwelt der
nördlichen Schule des Buddhismus eine Unzahl von Götterbildern, die
in ebenso zahllosen Tempeln und Klöstern untergebracht sind und die
vielfachen Stufen darstellen, die vom einfachen Arbat, der ersten
Stufe der Wiedergeburt, über die kaum zu zählenden Heiligen bis
zum Bodhisatva führen, und damit zusammenhängend eine ausgebildete
Priesterherrschaft, die es in Tibet zu einer völlig selbständigen
Theokratie gebracht hat. Ihr Mittelpunkt ist die geheimnisvolle
Residenz des buddhistischen Papstes, des Dalai-Lamas, zu Lhassa.
[Illustration:
Phot. L. A. Waddell.