Abb. 256. Ein Mishmikrieger.]

Bei einer Frau wird nur ein schwarzes Tuch neben die Leiche gelegt

und ein Korb voll Reis über sie gestülpt. Außerdem pflegt man daneben

den Korb, in dem sie ihre Lasten trug, den Reismörser, in dem sie das

Mehl für den Tagesbedarf stampfte, sowie ihre Webestöcke zu legen.

Stirbt eine Frau im Wochenbett oder überhaupt eine Person infolge eines

Unglücksfalles (Tötung durch ein wildes Tier, Ertrinken oder Fall von

einem Baume), dann muß der Tote an der Stelle begraben werden, wo

das Unglück geschah. Sobald die Beerdigung stattgefunden hat, werden

die Häuser der Verunglückten von ihren Angehörigen abgebrochen, die

bewegliche Habe bleibt liegen, das Vieh wird frei und herrenlos laufen

gelassen, wohin es will. Einige Stämme lassen in solchen Fällen sogar

ihre Felder brach liegen und das Korn in den Speichern verfaulen,

oder sie heimsen die Ernte gar nicht erst ein. Die Bewohner eines

so zerstörten Unglückshauses begeben sich für einen Monat in den

Dschungel; dann erst ist es ihnen erlaubt, unter ihre Stammesgenossen

zurückzukehren.

[Illustration:

Phot. Sven Hedin.

Abb. 257. Tänzer in den tibetischen Mysterien.

Sie tragen die Masken der Ogredämonen der buddhistischen Götterlehre.

Im Vordergrunde sitzt ein Teufelstänzer.]

Zentralasien.

Als Zentralasien bezeichnet man das große abflußlose Gebirgsland im

Innern Asiens, das durch die großen Massive des Himalaja im Süden,

des Karakorum, Pamir, Tian-Schan, Alatan und Altai im Westen, des

Sajan- und Jablonoigebirges im Norden und des Chingan und chinesischen

Grenzgebirges im Osten in einer fortlaufenden Umwallung abgeschlossen

wird. Es umfaßt in geographischer Hinsicht drei Gebiete: Tibet, die

Mongolei und das Tarimbecken. Seine charakteristische Eigenschaft

besteht eben in der großen Wasserarmut, die auch eine besondere Kultur

seiner Völker geschaffen hat. Diese sind die eigentlichen Mongolen, von

denen sich, entsprechend den drei geographischen Gebieten, ebensoviele

große Völkergruppen unterscheiden lassen: die Tibeter, die Mongolen

im engeren Sinne und die Ostturkistaner; an den Grenzen finden sich

Mischvölker, aus der Verbindung der Mongolen mit Chinesen, Hindu und

Iraniern hervorgegangen. Die mächtigen Züge mongolischer Horden, die im

Mittelalter in mehrfachen Schwärmen bis ins Herz Europas eindrangen,

kamen aus dieser Wiege der mongolischen Rasse. -- Die Völkerstämme

Ostturkistans, im besonderen die Kirgisen, sind keine Mongolen im

anthropologischen Sinne mehr, sondern zählen zu einer Abzweigung dieser

Rasse, die bereits vorzeiten erfolgt sein muß und sich in Nordasien

weiter ausbildete, zu den sogenannten Türkvölkern. Indessen können sie

auf der anderen Seite auch nicht wieder als reine Türkvölker gelten,

sondern als das Mischungsprodukt dieser mit hinzugekommenen Mongolen,

so daß ihr Typus bald mehr dem mongolischen, bald mehr dem der

Türkvölker nahekommt. Die Kultur der Ostturkistaner jedoch entspricht

ganz und gar der der Mongolen, so daß wir sie weiter unten mit diesen

gemeinsam abhandeln können.

Die +Lebensweise der zentralasiatischen Mongolen+ ist eine ziemlich

gleichmäßige. Alle Völker sind umherziehende Nomaden (nur vereinzelt

seßhaft), deren Beschäftigung fast nur in der Viehzucht (hauptsächlich

von Schafen, Pferden und Kamelen, daneben auch von Rindern und Ziegen)

besteht. Sie wohnen in sogenannten Jurten, zylindrischen, etwa

anderthalb Meter hohen Zelten aus Filz, mit Kegeldach, die sich leicht

abbrechen und wieder aufstellen lassen. Gekleidet sind sie in Gewänder,

die sie selbst aus Filz herstellen, oder auch in solche aus Pferdehaut;

russische Stoffe finden aber bereits vielfach Eingang. Charakteristisch

für die Mongolen ist eine hohe Schaffellmütze. Die Frauen tragen lange

Zöpfe, in die sie allerhand Schmuck, wie Bänder, Glasperlen, Korallen

und bunte Steine, einflechten, silberne Spangen auf dem Kopf, Ohrringe,

Arm- und Fingerringe und anderen Schmuck aus dem gleichen Metall.

Die +Nahrung+ der Mongolen besteht in erster Linie aus einem aus

gerösteten und zermahlenen Getreidekörnern hergestellten Teig, Dsamba

genannt, und aus Ziegeltee, einem minderwertigen chinesischen Tee,

der, um leicht befördert werden zu können, zu einem Kuchen (wie ein

Ziegel) zusammengepreßt ist. Es besteht nach ihm überall eine so große

Nachfrage, daß er als Geld umgesetzt wird, also als Münze gilt. Von

tierischen Erzeugnissen werden Schaffleisch, Käse, Butter, Milch und

ein durch Gärung daraus hergestelltes kohlensäurehaltiges Getränk, der

Kumys, genossen.

[Illustration:

Phot. N. P. Edwards.

Abb. 258. Tibetische Soldaten mit Schloßflinten.

(Man beachte die Gewehrstütze.)]

Die +Religion+ der zentralasiatischen Mongolen ist die Lehre Buddhas

in ihrer nördlichen Umbildung, der sogenannte Lamaismus, der sich auch

noch in der Mandschurei, China und Korea findet. Er ist gekennzeichnet

durch die Annahme einer großen Anzahl von Wiedergeburten, die der

Mensch nacheinander durchzumachen hat, um die schier unerreichbare

höchste Stufe des Bodhisatva zu erlangen, deren nächste Stufe der

Buddha selber ist. Dementsprechend besitzt die Götterwelt der

nördlichen Schule des Buddhismus eine Unzahl von Götterbildern, die

in ebenso zahllosen Tempeln und Klöstern untergebracht sind und die

vielfachen Stufen darstellen, die vom einfachen Arbat, der ersten

Stufe der Wiedergeburt, über die kaum zu zählenden Heiligen bis

zum Bodhisatva führen, und damit zusammenhängend eine ausgebildete

Priesterherrschaft, die es in Tibet zu einer völlig selbständigen

Theokratie gebracht hat. Ihr Mittelpunkt ist die geheimnisvolle

Residenz des buddhistischen Papstes, des Dalai-Lamas, zu Lhassa.

[Illustration:

Phot. L. A. Waddell.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 140 / 254 题