oder „den kommenden Buddha“, dessen Erscheinen man von Westen her
erwartet. Es ist dies der einzige Buddha, der beim Sitzen nicht mit
gekreuzten Beinen dargestellt wird.]
[Illustration:
Phot. Captain F. M. Bailey.
Abb. 264. Das buddhistische Lebensrad,
das die sechs (oder fünf) Stadien der Wanderung der menschlichen Seele
im Kreise der endlosen Wiedergeburten und des Unglücks zur Darstellung
bringt.]
Die offizielle +Religion+ (Abb. 259, 263, 264 und 265) in Tibet ist
die Lehre Buddhas in ihrer Ausbildung durch die nördliche Schule,
von der uns hier im besonderen das Dogma von der fortlaufenden
Inkarnation, das ist Fleischwerdung der Gottheit in der Person des
jeweiligen Dalai-Lamas, interessiert. Diesem neuen Dogma zufolge,
das im Jahre 1439 entstand, können die buddhistischen Götter auf der
Erde eine menschliche Form annehmen, wieder ins Fleisch zurückkehren,
die göttlichen Kräfte also in menschlicher Gestalt auftreten und
wirken. Der jeweilige Dalai-Lama ist die Inkarnation des Bodhisatva
Avalokiteçvara, die höchste der menschgewordenen Gottheiten. Neben ihm
gibt es noch eine sehr große Anzahl anderer inkarnierter Gottheiten,
die aber nicht auf derselben hohen Stufe stehen wie er; es sind dies
die sogenannten Chubilgane, das heißt Wiedergeborene. -- Eigenartig
ist die Wahl eines neuen Dalai-Lamas, sobald der alte gestorben
ist. Nach dessen Tode geht der Bodhisatva nicht einfach sofort in
ein unbekanntes Kind über, sondern erst nach einer angemessenen
Frist (bis zu drei Jahren). Es ist nun die Aufgabe des obersten
Zauberpriesters, des Dharmapala, aus dem Kloster Nastschun das richtige
Kind auszukundschaften. Zu diesem Zweck schickt er eine Anzahl Lamas
im Lande umher auf die Suche. Der Knabe muß zu einem bestimmten Termin
geboren, vollkommen normal gebildet, gesund und schön sein; außerdem
wird auf bestimmte Anzeichen für seine göttliche Geburt gefahndet.
Solche bestehen darin, daß Bäume in unmittelbarer Nachbarschaft des
Geburtsortes zu einer Zeit in Blüte kommen, die von der natürlichen
Blütezeit um Monate abliegt, daß Haustiere Junge entweder gleichzeitig
oder in ungewöhnlicher Anzahl werfen, daß bei unheilbaren Kranken
plötzliche Gesundung sich einstellt, nachdem sie in wirkliche Berührung
mit der mutmaßlichen neuen Inkarnation gekommen waren, und anderes
mehr. Der beste Beweis aber, daß der richtige gefunden ist, besteht
in einem direkten Wunder. Leider geht die Wahl meistens nicht so
leicht vonstatten, so daß man aus einer Anzahl Kinder wählen muß; man
pflegt deren zwölf auszusondern, die den Anforderungen noch am meisten
gerecht werden, und diese in ein Kloster zu bringen, um sie weiter zu
prüfen. Zuletzt kommen drei Knaben in engere Wahl, und wenn im letzten
Augenblick die Gottheit nicht eindeutig zu erkennen gibt, wer von ihnen
der richtige ist, entscheidet das Los. Dieser Vorgang spielt sich
unter höchst feierlichen Zeremonien ab. Der schließlich Auserwählte
wird fortan der strengen klösterlichen Zucht unterworfen und für
seinen hohen Beruf vorbereitet, den er mit dem erreichten achtzehnten
Lebensjahre übernimmt.
[Illustration:
Phot. L. A. Waddell.
Abb. 265. Darstellung eines zum Gott erhobenen Priesters.
Er reitet auf einem Löwen und hält dabei in der Rechten einen
Donnerkeil, in der Linken eine Schädelschale mit Blut. Flammen
umzüngeln ihn.]
[Illustration: Abb. 266. Glocke und Donnerkeile eines Lamas.]
[Illustration: Abb. 267. Ein Altarräuchergefäß aus Nepal.]
[Illustration: Gebetmühle in einem buddhistischen Tempel in Tibet.]
Der +Dalai-Lama+ ist nach außen hin fast gar nicht als weltliches
Oberhaupt tätig; er ist nur das Oberhaupt der Kirche. Jene
Tätigkeit liegt dem sogenannten Regenten und dem Ministerrat ob, die
in seinem Namen amtieren. Dem Dalai-Lama sind eine Unmasse hoher und
niederer Priester untertan, deren es in Lhassa selbst nicht weniger
als achtzehntausend (Mönche und Nonnen) geben soll. Sie unterscheiden
sich nach vier Rangstufen und leben alle im Zölibat. Die meisten der
lamaistischen Priester leben in Klöstern, mit denen das ganze Land
gleichsam übersät erscheint. -- Der +Gottesdienst des tibetischen
Buddhismus+ (Abb. 266 und 267) ist in reinen Formenkram ausgeartet.
Man betet nicht allein mit den Lippen und dem Herzen, sondern man
bringt den Göttern seine Gebete bereits gedruckt oder geschrieben auf
Felsplatten, die lange Mauern (Abb. 271) bilden, sogar viele Meter
lang (in der Nähe geweihter Gebäude oder Bergpässe), auf Pyramiden,
Papierstreifen und so weiter dar. Diese Gebete pflegen nur die vier
typischen Worte zu enthalten: ~Om ma-ni pad-me hum~, gleich „O Gott,
das Kleinod im Lotos. Amen“. Das bloße Aussprechen dieser Weiheformel
genügt für den, der dies tut, um eine Wiedergeburt direkt ins Paradies
zu bewirken. Die Anbetung wird dadurch noch besonders erleichtert, daß
man nur Gebetmaschinen (siehe Kunstbeilage) zu drehen braucht, die in
endloser Reihenfolge diese Formel, auf Papier oder Seide geschrieben,
abwickeln. Für den Hausgebrauch werden kleine Gebetmühlen benutzt,
kleine Zylinder, die in ihrem Innern auf einer Röhre Papierstreifen
mit dem aufgeschriebenen Gebet enthalten und durch einen durchgehenden
Stift in rotierende Bewegung versetzt werden (Abb. 268). In den Tempeln
finden sich größere Gebetmaschinen, die mit einem Strick getrieben
werden. Ja, auch ohne die geringste körperliche Anstrengung kann man
seine Gebete zum Himmel senden, nämlich durch Mühlen, deren Inhalt
durch Wind oder Wasser in Umdrehung versetzt wird.
[Illustration:
Phot. Captain F. M. Bailey.
Abb. 268. Ein Tibeter beim Drehen seiner Gebetmühle.