[Illustration:
Phot. W. H. Furneß, 3rd.
Abb. 246. Eine Kriegerhalle der Naga.
Die geschnitzten Pfosten stellen den Schädel eines heiligen wilden
Ochsen dar. Darüber sind Menschenschädel angebracht.]
Die +Kleidung+ der Naga ist für gewöhnlich aufs knappste bemessen.
Diejenigen Stämme, die die halbtropischen Wälder und die tiefer
gelegenen Gebirgsabschnitte bewohnen, gehen fast nackt. Die Männer
begnügen sich mit einer langen gewebten Binde um die Hüften, die Frauen
tragen dunkelblaue, selbstgewebte Röcke. Viele Leute gehen tatauiert
und alle schmücken sich gern; in dieser Hinsicht überbieten die Männer
die Frauen. Sehr beliebt sind bei den Mishmi mächtige Bambuspflöcke in
den ausgedehnten Ohrläppchen (Abb. 250), ferner Halsketten aus Perlen
oder Muscheln, sowie Armbänder aus Rohr, Messing oder Silber (Abb.
248). Merkwürdigerweise legen die Weiber, sobald sie verheiratet sind,
ihren Schmuck ab und überlassen ihn den jungen Mädchen.
Ein Nagakrieger macht in seiner Galatracht einen imposanten Eindruck
(Abb. 252). Sein kraftvoller Körper ist reich tatauiert und bemalt;
er trägt einen kurzen blauen Schurz, der mit weißen Kaurimuscheln
verziert ist, zum Zeichen, daß er an früheren räuberischen Einfällen
teilgenommen hat. Über die Brust hat er sich mehrere farbenfrohe
Schärpen mit vielen farbigen Bändern geworfen, auf das Genick sich eine
Scheibe aus einer großen Seemuschel mit einem blauen Band gebunden.
Dazu kommen schwere Armbänder aus Rohr über den Ellbogen, Rohrgamaschen
und ein Kranz von ineinander verschlungenen Wildschweinzähnen, der,
mit bunten Baumwollbändern verziert, seine Stirn umgibt. In einem
Gürtel steckt eine hackbeilähnliche Axt, deren Griff mit gefärbten
Haaren verziert ist. Die sehnige Faust hält einen großen Schild aus der
ausgespannten Haut eines Tigers, Leoparden, Elefanten oder Bären, die
gleichfalls mit Ziegenhaar geschmückt ist, und einen acht Fuß langen
Speer, der schön mit steifem, karmesinrot und schwarz gefärbtem Samt
aus Ziegenhaar umwickelt ist. Die ganze Tracht wirkt außerordentlich
malerisch und zugleich furchterregend.
[Illustration:
Phot. W. H. Furneß, 3rd.
Abb. 247. Die Dorfwache.
Das Eingangstor eines Nagadorfes wird von Kriegern bewacht. Ihre Speere
stecken hinter ihnen in der Erde, ihre Gewänder und Schürzen, die mit
Muscheln verziert sind, hängen über dem Tor.]
Die Naga kürzen ihr langes, straffes, pechschwarzes Haar auf dem ganzen
Kopfe (Abb. 248), diese Prozedur wird aber nicht etwa mit einer Schere
vorgenommen, sondern ein befreundeter Nachbar legt sein Jagdbeil unter
das Haar und schlägt mit einem flachen Stück Holz die Haarspitzen ab.
Bei festlichen Gelegenheiten setzen sich die Krieger noch besondere
Haarkränze auf. Die jungen Mädchen tragen ihr Haar bis zur Hochzeit
ebenfalls gekürzt, dann aber lassen sie es sich wachsen und binden es
über dem Hinterkopf in einem Knoten zusammen. Bei den Mishmikriegern
dienen die als Ohrschmuck getragenen großen Muscheln zum Schutze gegen
Schwerthiebe (Abb. 253).
[Illustration:
Phot. H. Brian Hill.
Abb. 248. Ein Nagadandy.
Durch seinen Haarknoten ist ein hölzerner Kamm gesteckt. Eigenartig
sind sein eng geschnürter Gürtel und seine Armbänder.]
Die meisten Nagastämme befinden sich noch auf der niedrigsten Stufe
religiösen Glaubens, auf der des Animismus, der alle Dinge sich belebt
denkt und sie für den Wohnsitz von Geistern hält. Hauptsächlich
werden aber nur jene Geister verehrt, von denen man annimmt, daß sie
Böses zuzufügen imstande sind (Abb. 254). Götterbilder gibt es nicht,
ebensowenig Tempel oder heilige Haine, dementsprechend auch keinen
Priesterstand. Bei Ausbruch einer jeden Krankheit wird geopfert;
was für ein Tier dazu genommen werden soll, das bestimmt ein alter
Mann. Die Garo opfern den himmlischen Geistern weiße Hähne und den
Erdgeistern die Erzeugnisse des Bodens, wie Reis, Blumen und Wein; sie
bringen diese Opfer vor einem Bambusbaum dar. Die Abor (Abb. 255) beten
mit Vorliebe Geister an, die in den Bäumen leben; erweisen diese sich
aber boshaft, indem sie zum Beispiel die Cholera senden oder ein Kind
in dem Walde sich verirren lassen, dann hauen sie aus Rache einfach die
Bäume ihrer Umgebung um.
[Illustration:
Phot. W. H. Furneß, 3rd.
Abb. 249. Eine Dorfkriegstrommel bei den Naga,
die aus einem ausgehöhlten Baumstamme gefertigt ist und durch
Holzklötze geschlagen wird, um die Krieger, wenn dem Dorfe Gefahr
droht, zusammenzurufen.]
Die Naga waren früher sehr gefürchtete +Kopfjäger+ und sind es in den
Gebieten, wohin der englische Einfluß nicht reicht, noch. Nach Molz’
Schätzung erjagten sie in einem Zeitraum von vierzig Jahren auf einem
Gebiete von zwanzig Quadratmeilen allein zwölftausend Köpfe. Der
wichtigste Grund dafür, daß die jungen Leute auf Schädel so erpicht
sind, ist ihre Eitelkeit, der Wunsch, in den Augen ihrer Angebeteten
für einen tüchtigen Krieger zu gelten. Denn alle anderen Liebesbeweise
ziehen bei ihr nicht, wenn der junge Mann nicht einen erbeuteten Kopf
seinem Mädchen zu Füßen gelegt hat. Dazu kommen aber noch religiöse
Gründe. Man glaubt nämlich, daß die Geister der Erschlagenen, deren
Köpfe man selbst besitzt, nach dem eigenen Tode in der nächsten Welt
als Sklaven aufwarten müssen. Andere Stämme erblicken in den erbeuteten
Köpfen ein gutes Schutzmittel gegen die Pocken oder in dem Verstreuen
des Fleisches getöteter Feinde über die Reisfelder eine gute Förderung
der Ernte. Bei dem Erwerb der Schädel pflegen die Naga oft genug recht
rücksichtslos vorzugehen, indem sie hinterrücks aus dem Gebüsch fremde
Menschen, selbst Frauen, überfallen und sie töten. Bezeichnend für ihre
große Grausamkeit war in früheren Zeiten auch, daß sie den Feinden
nicht nur den Kopf abschnitten, sondern sie bei lebendigem Leibe auch
in Stücke zerteilten, ihnen die Brust öffneten, damit sie selbst
ihr flatterndes Herz sehen könnten, oder ihnen einzelne Körperteile
abschnitten und das eigene Fleisch zum Essen darreichten.
[Illustration:
Phot. Captain F. M. Bailey.
Abb. 250. Ein Mishmimädchen,
dessen Haar, weil die Person noch unverheiratet, abgeschnitten ist.
Nur wenn sie Frau geworden ist, darf sie es sich lang wachsen lassen
und zu einem Knoten binden. In den Ohren trägt das Mädchen große
Bambuspflöcke.]
Für die +niederkommende Mutter+ wird von einzelnen Stämmen eine kleine
Hütte errichtet, in der sich der Vorgang unter der Beihilfe einiger
Weiber abspielt und in der die Mutter mit dem Kinde noch einige Tage
verweilt. Stirbt die Kreißende bei der Geburt, dann wird dies als ein
großes Unheil für das ganze Dorf angesehen und es werden besondere
Vorkehrungen getroffen, auf die wir weiter unten noch zurückkommen
werden. -- Besondere Zeremonien bei der +Geburt+ kennt man in Assam
nicht, auch keine besonderen Vorschriften für die Schwangeren. Nur
bei den Miri bringt man den Vater zu Bett, wo er vierzig Tage lang
nach der Geburt des Kindes liegen bleiben muß und wie eine Wöchnerin
von einer Frau gefüttert wird. Auf seine üblichen Gewohnheiten muß er
dabei verzichten, ja sogar eine gewisse Diät einhalten, weil sonst
das Kind davon Schaden an seiner Gesundheit erleiden könnte. Die Miri
befinden sich noch in einem Übergangsstadium von dem mutterrechtlichen
zum vaterrechtlichen System; dieser ihrer Sitte des +Männerkindbettes+
scheint der Gedanke zugrunde zu liegen, daß der Vater zu dem
Neugeborenen in direkter Verwandtschaft steht. Auch die Khasia, Kuki
und Kacha-Naga leben noch auf solcher Zwischenstufe.
[Illustration:
Phot. W. H. Furneß, 3rd.