Bei einer +Mundahochzeit+ ist eine Szene ganz besonders ansprechend.
Die Braut geht mit einer Kanne an einen nahe gelegenen Brunnen oder
Fluß, füllt sie hier bis an den Rand, hebt sie auf den Kopf und stützt
sie auf ihm mit der Hand. Der Bräutigam folgt ihr auf dem Rückweg und
schießt einen Pfeil durch das Loch, das ihr nach oben gerichteter Arm
mit der Kanne bildet. Die Braut geht dann weiter bis zu der Stelle, wo
der Pfeil hingefallen ist, und nimmt ihn mit dem Fuße auf, wobei sie
ihre Kanne auf dem Kopfe ruhig weiter balanciert; mit Anmut befördert
sie sodann den Pfeil in ihre Hand und überreicht ihn dem Bräutigam,
wodurch sie andeuten will, daß sie ihre häuslichen Pflichten gut mit
Hand und Fuß in seinem Interesse erfüllen kann. Auf der anderen Seite
will der Bräutigam durch seinen Pfeilschuß anzeigen, daß er imstande
ist, seine Frau zu beschützen und jedwede Gefahr von ihr abzuwenden.
Für die Santal ist nachzutragen, daß sie für die +Festsetzung des
Datums des Hochzeitstages+ sich eines eigenartigen Kalenders bedienen.
Sie schürzen eine Anzahl Knoten, die der Zahl der bis dahin noch
vorhandenen Tage entspricht, in das Ende einer Schnur und versenden
eine ebensolche bei der Einladung an die Hochzeitsgäste; an jedem
Morgen wird ein Knoten gelöst, und wenn der letzte an die Reihe
gekommen ist, dann wissen alle, daß der Hochzeitstag anbricht.
Die +Scheidung+ ist im allgemeinen leicht. Will eine Frau ihre Freiheit
wieder haben, so wendet sie sich an den Rat der Alten ihres Stammes und
trägt ihm ihre Klagen vor; findet dieser sie begründet (Mißhandlung
oder Unverträglichkeit von seiten des Mannes), so billigt er die
Trennung der Gatten. Anderseits kann auch der Mann eine Scheidung
beanspruchen, wenn er von seiner Frau keine Kinder bekommt.
[Illustration:
Phot. W. Crooke.
Abb. 238. Tanzende Weiber vor dem Tempel des Mahasu oder der vier
Gottheiten bei Mussaorie.]
Nach dem Grundsatze, daß die Frau gleichsam gekauft wird, geht sie in
das Eigentum der Familie des Mannes über. Stirbt ihr Gatte, dann wird
sie gewöhnlich einem seiner jüngeren Brüder als Ehefrau übertragen,
jedoch nie einem älteren Bruder, denn das ist streng verboten. Nur
wenn kein Verwandter ihres verstorbenen Mannes sie zur Frau haben
will, kann sie sich an einen Fremden verheiraten, aber dieser muß für
gewöhnlich eine Vergütung an die Freunde ihres ersten Gatten zahlen.
Weil man den Zorn des Geistes des Verstorbenen fürchtet, pflegen die
Hochzeitszeremonien im geheimen und des Nachts stattzufinden; auch
wirft der neue Besitzer ein Tuch über sie und bespritzt die Haare
mit Mennige. Die junge Frau ihrerseits trägt, um den Geist ihres
verstorbenen Gatten zu versöhnen, ein Götzenbild aus Gold oder Silber
um den Hals und bringt, falls sie einen Witwer heiratet, dem Bilde
seiner verstorbenen Frau jedwedes Geschenk als Opfer dar, das sie von
ihrem neuen Gatten erhalten sollte.
Die meisten Dschungelbewohner begraben ihre +Toten+, und nur bei den
Stämmen, die von der Hinduzivilisation bereits beeinflußt worden sind,
werden sie verbrannt. Die ganz wilden Stämme entledigten sich früher
ihrer Toten einfach durch Aussetzen in den Dschungel, heutzutage
kommt dieses Verfahren wohl nur noch für ganz kleine Kinder und
Aussätzige, deren Krankheit der Verhängung durch eine beleidigte
Gottheit zugeschrieben wird, in Betracht. Beim +Begräbnis+ legt man
dem Toten Geld in den Mund, damit sein Geist auf der Reise ins gelobte
Land, das im Westen liegt, weiterkomme; auch fügt man öfters Speise,
Getränke, Kleidung und Waffen (aber in zerbrochenem Zustande) bei,
damit er sich dieser Dinge im Jenseits bediene. Allgemein wirft man in
das Grab auch einige Kupfermünzen, um dadurch die Erdgöttin wegen der
Störung, die sie durch das Begräbnis erfährt, milde zu stimmen. Handelt
es sich um einen angesehenen Mann, dann legt man auf sein Grab noch
einen Stein als Ruheplatz für seinen Geist und bringt ihm zu bestimmten
Zeiten Trank- und Speiseopfer dar. Bei Leuten, die verunglückten oder
einem Tiger oder einer Schlange zum Opfer fielen, werden besondere
Vorsichtsmaßregeln getroffen, weil man fürchtet, daß die Geister
nachtragend sein könnten. Man errichtet ein Steingrab über dem Toten,
damit sein Geist unten gehalten werde, oder füllt die Grube mit Dornen
auf, daß er sich nicht fortbewege; manchmal wird die Leiche auch mit
dem Gesicht nach unten beigesetzt. Ist ein Mensch durch einen Tiger
getötet worden, dann begibt sich der Baigapriester an den Ort, wo sich
das Unglück abspielte, und baut dort aus der blutdurchtränkten Erde
einen kleinen Kegel auf, der den Toten vorstellen soll; sodann treibt
er allen möglichen Hokuspokus und ahmt unter anderem auch den Überfall
des Tigers nach, wobei ihn ein anderer von hinten her als Bluträcher
unterstützt. Der Lehmkegel wird sodann auf einen Ameisenhügel gestellt
und ein Schwein darüber geopfert. Am nächsten Tage wird noch ein
mit Mennige gezeichnetes Hühnchen, das den Geist des Verstorbenen
darstellen soll, dorthin gebracht und schließlich in den Dschungel
getrieben. Ähnliche Versöhnungsgebräuche werden noch eine Reihe von
Jahren an der gleichen Stelle vollzogen.
[Illustration:
Phot. F. B. Bradley-Birt.
Abb. 239. Santal beim Tanzen des Pak Don.
Der Pak Don (Schwert- und Schildtanz) wurde früher zu Ehren einer
siegreichen Schlacht oder bei der ruhmreichen Heimkehr des Stammes
getanzt. Die Tänzer gehen dabei im Kreise herum und schwingen ihre
Schilde und Stäbe (an Stelle von Schwertern).]
Bei gewöhnlichen Todesfällen +trauert+ die Familie ungefähr eine
Woche lang; während dieser Zeit ruht alle Arbeit, die Leute unterhalten
keinen Verkehr miteinander, kein Essen wird gekocht, sondern die
Nachbarn liefern die Mahlzeiten für die Familie. Alles dieses könnte
den Geist des Toten stören. Im allgemeinen werden alle Geister
Verstorbener, ausgenommen derer, die heilig gesprochen wurden, für den
Lebenden feindlich gesinnt gehalten, besonders aber die Geister von
Fremden oder von solchen Menschen, die zu früh mit unerfüllten Wünschen
aus der Welt schieden. Am meisten wird indessen der Geist einer Frau
gefürchtet, die bei der Geburt oder im Wochenbett starb. Sie wird zu
einer Churel, was daran zu erkennen ist, daß sie rückwärts gebogene
Füße besitzt; sie umlagert junge Männer, verschleppt sie und gibt sie
erst frei, wenn sie alt und gebrechlich geworden sind. Daher wird eine
solche Frauenleiche mit Stricken zusammengebunden, erhält Nägel in die
Glieder geschlagen, wird mit dem Gesicht nach unten begraben und so
weiter, damit sie nicht „umgehen“ kann. Außerdem werden von ihrem Grabe
bis zu ihrer Wohnung Sesamkörner gestreut, damit die Churel, falls sie
doch aus ihrem Grab herauskommen sollte, auf dem Heimwege diese einzeln
aufhebe; man nimmt an, daß dies länger dauern würde, als bis der Hahn
kräht, woraufhin sie wieder in ihr Grab zurückkehren muß.
[Illustration:
Phot. W. Crooke.
Abb. 240. Ein Brautpaar.
Der Bräutigam, der seine Braut in sein Heim führt, sitzt zu Pferde und
trägt einen Gesichtschleier, um den bösen Blick abzuwenden; die Braut
wird in einer Sänfte auf den Schultern von zwei Männern getragen.]
Wenn jemand im Sterben liegt, so bringt man ihn ins Freie, damit sein
Geist, den man sich als winziges Geschöpfchen vorstellt, wenn er den
Körper durch die Schädeldecke verläßt, freie Beweglichkeit erhalte und
ihm nichts im Wege stehe; eine brennende Lampe wird an der Stelle, wo
der Geist ausgehaucht wurde, unterhalten, um diesen auf seiner Reise
ins Jenseits zu geleiten.
[Illustration:
Phot. Bourne & Shepherd.
Abb. 241. Ein militärischer Tanz der Paik.
Die Paik waren vornehme militärische Anhänger der Uriyahäuptlinge von
Ganjam und Vizagapatam, die eine Art Polizeigewalt ausübten und die
Übergriffe der wilden Stämme der Nachbarschaft zu unterdrücken hatten.]
[Illustration:
Phot. F. B. Bradley-Birt.
Abb. 242. Grabsteine,
die von den Ho zur Erinnerung an ihre Toten außerhalb des Dorfes
errichtet werden.]
[Illustration:
Phot. F. B. Bradley-Birt.
Abb. 243. Mundamädchen beim Tanz, zu dem einheimische Musikanten
aufspielen.]
Die Völker, die ihre Toten verbrennen, wie die Munda und Oraonen,
begraben die Asche unter mächtigen Grabsteinen in weitausgedehnten
Friedhöfen oder tragen sie, wie die Santal, nach ihrem heiligen Flusse,
dem Damuda, und streuen sie in den Strom. Eine eigentümliche Abweichung
weist die Begräbniszeremonie bei den Ho auf. Hier muß die nächste
weibliche Verwandte des Verstorbenen seine Asche in einem tönernen
Gefäß auf dem Kopfe von dem Verbrennungsplatz in feierlichem Zug nach
der alten Wohnung tragen, in deren Nähe das Grab gemacht ist. Der Zug
bewegt sich von Haus zu Haus, und aus jedem Hause kommen die Insassen
hervor, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Das Ganze macht bei
den feierlichen Trommelschlägen, die den Aufzug begleiten, und dem
leisen Geklage der Frauen einen tiefernsten Eindruck. In dem Grabe wird
die Urne zusammen mit Reis und anderen Speisen beigesetzt. Über der
Grabstätte wird eine mächtige Steintafel errichtet. Die Ho ehren das
Andenken der Toten noch dadurch, daß sie ihnen draußen vor dem Dorfe
Denkmäler in Gestalt von mächtigen, bis zu drei und selbst vier Meter
hohen Felsensäulen errichten (Abb. 242).
[Illustration:
Phot. W. H. Furneß, 3rd.
Abb. 244. Eine Junggesellenhütte der Naga, Ching-po, Mikoi und Mishmi,
geschmückt mit Jagdtrophäen.]
Assam.
Assam, das zerklüftete Gebirgsland, das sich zwischen China, Indien,
Tibet und Birma erstreckt, ist im Besitze einer Reihe Völker, die
sich infolge ihrer Isoliertheit durch Sprache, Gewohnheiten und
Religion ziemlich scharf voneinander unterscheiden. Einen gewissen
höheren Grad von Zivilisation haben unter ihnen die Garo, Khasi und
Kacha-Naga erreicht, da sie bereits länger mit den Engländern in
Berührung gekommen sind, während hingegen die eigentlichen Naga, mit
ihrem größten Stamme, den Ao, auf einer verhältnismäßig noch niederen
Kulturstufe stehen.
Vom +Rassenstandpunkt+ aus weisen alle diese Völker einen ziemlich
einheitlichen Typus auf, nämlich den der +Mongolen+, wenngleich auch
verschiedentlich +indonesischer Einschlag+ nicht zu verkennen ist,
wofür auch manche aus dem Süden her übernommene Gebräuche sprechen.
Die +Lebensweise+ der Naga ist eine ziemlich feste; solange es geht,
bleiben sie an einem Orte seßhaft. Sie betreiben Acker-(Reis-)Bau.
Oft genug liegen ihre Felder weit vom Dorfe ab. Die Ernte wird in
besonderen kleinen Scheuern am Eingange des Dorfes untergebracht.
Haustiere sind der Hund, die Katze, das Schwein und die Ziege. Die
Naga +essen+ alles, dessen sie auf der Jagd habhaft werden können. Als
größter Leckerbissen gilt für sie mit Reis ausgestopfter Hundebraten.
Bei einzelnen Stämmen bestehen gewisse Speiseverbote. Die Naga
+wohnen+ in Dörfern, deren Eingangstor von Kriegern bewacht wird
(Abb. 247). Die Hütten stehen meistens so nahe aneinander, daß sich
die Giebel einer Häuserreihe mit der ihr gegenüberstehenden fast
berühren (Abb. 245). In der Mitte eines jeden Dorfes und meistens auf
seinem höchsten Punkt steht der +Murong+, das Gemeindeberatungshaus
(Abb. 251), das gleichzeitig den Junggesellen als Aufenthaltsort und
Schlafraum dient (Abb. 244). Auch die unverheirateten jungen Mädchen
pflegen abgesondert von den Verheirateten unter Aufsicht einer Matrone
in einem eigenen Haus für sich zu schlafen. Ein anderes wichtiges
Gebäude der Naga ist neben der Versammlungshalle der Krieger (Abb.
246) die Hütte, in der die große Dorftrommel aufbewahrt wird (Abb.
249). Sie wird angeschlagen, um beim Herannahen eines Feindes die auf
den weiter entfernten Reisfeldern arbeitenden Leute zusammenzurufen,
und ist aus einem vier bis sechs Meter langen Baumstamme angefertigt;
an ihrem hinteren Ende trägt sie einen geschnitzten Tiger- oder
Ochsenkopf, an ihrem vorderen aber ist sie ausgebuchtet und endigt in
zwei ausgebreitete Arme. In diese Rinne kamen früher bei Festlichkeiten
nach einem Kriegszuge die Köpfe der erschlagenen Feinde zu liegen.
[Illustration:
Aus „Anthropos“.