Abb. 237. Churahitänze der Tschamba.]

Bei einer +Mundahochzeit+ ist eine Szene ganz besonders ansprechend.

Die Braut geht mit einer Kanne an einen nahe gelegenen Brunnen oder

Fluß, füllt sie hier bis an den Rand, hebt sie auf den Kopf und stützt

sie auf ihm mit der Hand. Der Bräutigam folgt ihr auf dem Rückweg und

schießt einen Pfeil durch das Loch, das ihr nach oben gerichteter Arm

mit der Kanne bildet. Die Braut geht dann weiter bis zu der Stelle, wo

der Pfeil hingefallen ist, und nimmt ihn mit dem Fuße auf, wobei sie

ihre Kanne auf dem Kopfe ruhig weiter balanciert; mit Anmut befördert

sie sodann den Pfeil in ihre Hand und überreicht ihn dem Bräutigam,

wodurch sie andeuten will, daß sie ihre häuslichen Pflichten gut mit

Hand und Fuß in seinem Interesse erfüllen kann. Auf der anderen Seite

will der Bräutigam durch seinen Pfeilschuß anzeigen, daß er imstande

ist, seine Frau zu beschützen und jedwede Gefahr von ihr abzuwenden.

Für die Santal ist nachzutragen, daß sie für die +Festsetzung des

Datums des Hochzeitstages+ sich eines eigenartigen Kalenders bedienen.

Sie schürzen eine Anzahl Knoten, die der Zahl der bis dahin noch

vorhandenen Tage entspricht, in das Ende einer Schnur und versenden

eine ebensolche bei der Einladung an die Hochzeitsgäste; an jedem

Morgen wird ein Knoten gelöst, und wenn der letzte an die Reihe

gekommen ist, dann wissen alle, daß der Hochzeitstag anbricht.

Die +Scheidung+ ist im allgemeinen leicht. Will eine Frau ihre Freiheit

wieder haben, so wendet sie sich an den Rat der Alten ihres Stammes und

trägt ihm ihre Klagen vor; findet dieser sie begründet (Mißhandlung

oder Unverträglichkeit von seiten des Mannes), so billigt er die

Trennung der Gatten. Anderseits kann auch der Mann eine Scheidung

beanspruchen, wenn er von seiner Frau keine Kinder bekommt.

[Illustration:

Phot. W. Crooke.

Abb. 238. Tanzende Weiber vor dem Tempel des Mahasu oder der vier

Gottheiten bei Mussaorie.]

Nach dem Grundsatze, daß die Frau gleichsam gekauft wird, geht sie in

das Eigentum der Familie des Mannes über. Stirbt ihr Gatte, dann wird

sie gewöhnlich einem seiner jüngeren Brüder als Ehefrau übertragen,

jedoch nie einem älteren Bruder, denn das ist streng verboten. Nur

wenn kein Verwandter ihres verstorbenen Mannes sie zur Frau haben

will, kann sie sich an einen Fremden verheiraten, aber dieser muß für

gewöhnlich eine Vergütung an die Freunde ihres ersten Gatten zahlen.

Weil man den Zorn des Geistes des Verstorbenen fürchtet, pflegen die

Hochzeitszeremonien im geheimen und des Nachts stattzufinden; auch

wirft der neue Besitzer ein Tuch über sie und bespritzt die Haare

mit Mennige. Die junge Frau ihrerseits trägt, um den Geist ihres

verstorbenen Gatten zu versöhnen, ein Götzenbild aus Gold oder Silber

um den Hals und bringt, falls sie einen Witwer heiratet, dem Bilde

seiner verstorbenen Frau jedwedes Geschenk als Opfer dar, das sie von

ihrem neuen Gatten erhalten sollte.

Die meisten Dschungelbewohner begraben ihre +Toten+, und nur bei den

Stämmen, die von der Hinduzivilisation bereits beeinflußt worden sind,

werden sie verbrannt. Die ganz wilden Stämme entledigten sich früher

ihrer Toten einfach durch Aussetzen in den Dschungel, heutzutage

kommt dieses Verfahren wohl nur noch für ganz kleine Kinder und

Aussätzige, deren Krankheit der Verhängung durch eine beleidigte

Gottheit zugeschrieben wird, in Betracht. Beim +Begräbnis+ legt man

dem Toten Geld in den Mund, damit sein Geist auf der Reise ins gelobte

Land, das im Westen liegt, weiterkomme; auch fügt man öfters Speise,

Getränke, Kleidung und Waffen (aber in zerbrochenem Zustande) bei,

damit er sich dieser Dinge im Jenseits bediene. Allgemein wirft man in

das Grab auch einige Kupfermünzen, um dadurch die Erdgöttin wegen der

Störung, die sie durch das Begräbnis erfährt, milde zu stimmen. Handelt

es sich um einen angesehenen Mann, dann legt man auf sein Grab noch

einen Stein als Ruheplatz für seinen Geist und bringt ihm zu bestimmten

Zeiten Trank- und Speiseopfer dar. Bei Leuten, die verunglückten oder

einem Tiger oder einer Schlange zum Opfer fielen, werden besondere

Vorsichtsmaßregeln getroffen, weil man fürchtet, daß die Geister

nachtragend sein könnten. Man errichtet ein Steingrab über dem Toten,

damit sein Geist unten gehalten werde, oder füllt die Grube mit Dornen

auf, daß er sich nicht fortbewege; manchmal wird die Leiche auch mit

dem Gesicht nach unten beigesetzt. Ist ein Mensch durch einen Tiger

getötet worden, dann begibt sich der Baigapriester an den Ort, wo sich

das Unglück abspielte, und baut dort aus der blutdurchtränkten Erde

einen kleinen Kegel auf, der den Toten vorstellen soll; sodann treibt

er allen möglichen Hokuspokus und ahmt unter anderem auch den Überfall

des Tigers nach, wobei ihn ein anderer von hinten her als Bluträcher

unterstützt. Der Lehmkegel wird sodann auf einen Ameisenhügel gestellt

und ein Schwein darüber geopfert. Am nächsten Tage wird noch ein

mit Mennige gezeichnetes Hühnchen, das den Geist des Verstorbenen

darstellen soll, dorthin gebracht und schließlich in den Dschungel

getrieben. Ähnliche Versöhnungsgebräuche werden noch eine Reihe von

Jahren an der gleichen Stelle vollzogen.

[Illustration:

Phot. F. B. Bradley-Birt.

Abb. 239. Santal beim Tanzen des Pak Don.

Der Pak Don (Schwert- und Schildtanz) wurde früher zu Ehren einer

siegreichen Schlacht oder bei der ruhmreichen Heimkehr des Stammes

getanzt. Die Tänzer gehen dabei im Kreise herum und schwingen ihre

Schilde und Stäbe (an Stelle von Schwertern).]

Bei gewöhnlichen Todesfällen +trauert+ die Familie ungefähr eine

Woche lang; während dieser Zeit ruht alle Arbeit, die Leute unterhalten

keinen Verkehr miteinander, kein Essen wird gekocht, sondern die

Nachbarn liefern die Mahlzeiten für die Familie. Alles dieses könnte

den Geist des Toten stören. Im allgemeinen werden alle Geister

Verstorbener, ausgenommen derer, die heilig gesprochen wurden, für den

Lebenden feindlich gesinnt gehalten, besonders aber die Geister von

Fremden oder von solchen Menschen, die zu früh mit unerfüllten Wünschen

aus der Welt schieden. Am meisten wird indessen der Geist einer Frau

gefürchtet, die bei der Geburt oder im Wochenbett starb. Sie wird zu

einer Churel, was daran zu erkennen ist, daß sie rückwärts gebogene

Füße besitzt; sie umlagert junge Männer, verschleppt sie und gibt sie

erst frei, wenn sie alt und gebrechlich geworden sind. Daher wird eine

solche Frauenleiche mit Stricken zusammengebunden, erhält Nägel in die

Glieder geschlagen, wird mit dem Gesicht nach unten begraben und so

weiter, damit sie nicht „umgehen“ kann. Außerdem werden von ihrem Grabe

bis zu ihrer Wohnung Sesamkörner gestreut, damit die Churel, falls sie

doch aus ihrem Grab herauskommen sollte, auf dem Heimwege diese einzeln

aufhebe; man nimmt an, daß dies länger dauern würde, als bis der Hahn

kräht, woraufhin sie wieder in ihr Grab zurückkehren muß.

[Illustration:

Phot. W. Crooke.

Abb. 240. Ein Brautpaar.

Der Bräutigam, der seine Braut in sein Heim führt, sitzt zu Pferde und

trägt einen Gesichtschleier, um den bösen Blick abzuwenden; die Braut

wird in einer Sänfte auf den Schultern von zwei Männern getragen.]

Wenn jemand im Sterben liegt, so bringt man ihn ins Freie, damit sein

Geist, den man sich als winziges Geschöpfchen vorstellt, wenn er den

Körper durch die Schädeldecke verläßt, freie Beweglichkeit erhalte und

ihm nichts im Wege stehe; eine brennende Lampe wird an der Stelle, wo

der Geist ausgehaucht wurde, unterhalten, um diesen auf seiner Reise

ins Jenseits zu geleiten.

[Illustration:

Phot. Bourne & Shepherd.

Abb. 241. Ein militärischer Tanz der Paik.

Die Paik waren vornehme militärische Anhänger der Uriyahäuptlinge von

Ganjam und Vizagapatam, die eine Art Polizeigewalt ausübten und die

Übergriffe der wilden Stämme der Nachbarschaft zu unterdrücken hatten.]

[Illustration:

Phot. F. B. Bradley-Birt.

Abb. 242. Grabsteine,

die von den Ho zur Erinnerung an ihre Toten außerhalb des Dorfes

errichtet werden.]

[Illustration:

Phot. F. B. Bradley-Birt.

Abb. 243. Mundamädchen beim Tanz, zu dem einheimische Musikanten

aufspielen.]

Die Völker, die ihre Toten verbrennen, wie die Munda und Oraonen,

begraben die Asche unter mächtigen Grabsteinen in weitausgedehnten

Friedhöfen oder tragen sie, wie die Santal, nach ihrem heiligen Flusse,

dem Damuda, und streuen sie in den Strom. Eine eigentümliche Abweichung

weist die Begräbniszeremonie bei den Ho auf. Hier muß die nächste

weibliche Verwandte des Verstorbenen seine Asche in einem tönernen

Gefäß auf dem Kopfe von dem Verbrennungsplatz in feierlichem Zug nach

der alten Wohnung tragen, in deren Nähe das Grab gemacht ist. Der Zug

bewegt sich von Haus zu Haus, und aus jedem Hause kommen die Insassen

hervor, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Das Ganze macht bei

den feierlichen Trommelschlägen, die den Aufzug begleiten, und dem

leisen Geklage der Frauen einen tiefernsten Eindruck. In dem Grabe wird

die Urne zusammen mit Reis und anderen Speisen beigesetzt. Über der

Grabstätte wird eine mächtige Steintafel errichtet. Die Ho ehren das

Andenken der Toten noch dadurch, daß sie ihnen draußen vor dem Dorfe

Denkmäler in Gestalt von mächtigen, bis zu drei und selbst vier Meter

hohen Felsensäulen errichten (Abb. 242).

[Illustration:

Phot. W. H. Furneß, 3rd.

Abb. 244. Eine Junggesellenhütte der Naga, Ching-po, Mikoi und Mishmi,

geschmückt mit Jagdtrophäen.]

Assam.

Assam, das zerklüftete Gebirgsland, das sich zwischen China, Indien,

Tibet und Birma erstreckt, ist im Besitze einer Reihe Völker, die

sich infolge ihrer Isoliertheit durch Sprache, Gewohnheiten und

Religion ziemlich scharf voneinander unterscheiden. Einen gewissen

höheren Grad von Zivilisation haben unter ihnen die Garo, Khasi und

Kacha-Naga erreicht, da sie bereits länger mit den Engländern in

Berührung gekommen sind, während hingegen die eigentlichen Naga, mit

ihrem größten Stamme, den Ao, auf einer verhältnismäßig noch niederen

Kulturstufe stehen.

Vom +Rassenstandpunkt+ aus weisen alle diese Völker einen ziemlich

einheitlichen Typus auf, nämlich den der +Mongolen+, wenngleich auch

verschiedentlich +indonesischer Einschlag+ nicht zu verkennen ist,

wofür auch manche aus dem Süden her übernommene Gebräuche sprechen.

Die +Lebensweise+ der Naga ist eine ziemlich feste; solange es geht,

bleiben sie an einem Orte seßhaft. Sie betreiben Acker-(Reis-)Bau.

Oft genug liegen ihre Felder weit vom Dorfe ab. Die Ernte wird in

besonderen kleinen Scheuern am Eingange des Dorfes untergebracht.

Haustiere sind der Hund, die Katze, das Schwein und die Ziege. Die

Naga +essen+ alles, dessen sie auf der Jagd habhaft werden können. Als

größter Leckerbissen gilt für sie mit Reis ausgestopfter Hundebraten.

Bei einzelnen Stämmen bestehen gewisse Speiseverbote. Die Naga

+wohnen+ in Dörfern, deren Eingangstor von Kriegern bewacht wird

(Abb. 247). Die Hütten stehen meistens so nahe aneinander, daß sich

die Giebel einer Häuserreihe mit der ihr gegenüberstehenden fast

berühren (Abb. 245). In der Mitte eines jeden Dorfes und meistens auf

seinem höchsten Punkt steht der +Murong+, das Gemeindeberatungshaus

(Abb. 251), das gleichzeitig den Junggesellen als Aufenthaltsort und

Schlafraum dient (Abb. 244). Auch die unverheirateten jungen Mädchen

pflegen abgesondert von den Verheirateten unter Aufsicht einer Matrone

in einem eigenen Haus für sich zu schlafen. Ein anderes wichtiges

Gebäude der Naga ist neben der Versammlungshalle der Krieger (Abb.

246) die Hütte, in der die große Dorftrommel aufbewahrt wird (Abb.

249). Sie wird angeschlagen, um beim Herannahen eines Feindes die auf

den weiter entfernten Reisfeldern arbeitenden Leute zusammenzurufen,

und ist aus einem vier bis sechs Meter langen Baumstamme angefertigt;

an ihrem hinteren Ende trägt sie einen geschnitzten Tiger- oder

Ochsenkopf, an ihrem vorderen aber ist sie ausgebuchtet und endigt in

zwei ausgebreitete Arme. In diese Rinne kamen früher bei Festlichkeiten

nach einem Kriegszuge die Köpfe der erschlagenen Feinde zu liegen.

[Illustration:

Aus „Anthropos“.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 136 / 254 题