Das gleiche gilt für ihre +kulturellen Verhältnisse+, die
verschiedentlich noch ursprüngliche sind, aber anderseits auch schon
wieder hindostanischen Einfluß erkennen lassen. Die +Kleidung+ der
Leute ist vielfach noch primitiv; die Männer begnügen sich mit einem
Gürtel, die Frauen mit einem Lendentuch, die Kinder gehen ganz nackt.
Die Juang haben ihren zweiten Namen, Patua, daher erhalten, daß sie
um die Hüften einen Gurt trugen, von dem Blätter herabhingen, denn
Patua heißt Blätterträger. Auch die +Hütten+ dieser Stämme sind
sehr primitiv, ebenso ihre +Lebensweise+; bis vor kurzem lebten
sie noch in der Steinzeit. Ihre Beschäftigung besteht zum Teil im
Umherstreifen durch die Wälder (Abb. 220), zum Teil -- dort, wo
sie bereits unterworfen worden sind -- in der Verrichtung niederer
Arbeiten, Handwerke oder Gewerbe; im allgemeinen spielen sie die Rolle
der Unterdrückten. -- Vielfach begegnen wir im Handwerk hier noch
ganz ursprünglichen Arbeitsweisen. So benutzt man zum Überqueren der
reißenden Gebirgsflüsse noch Flöße aus aufgeblasenen Ziegenfellen (Abb.
219).
Wie schon erwähnt, sind zu ihnen bereits arische Anschauungen
durchgedrungen, besonders durch die herumziehenden Mönche und andere
Asketen, die wir oben kennen gelernt haben. Diese bekehren die Leute
oft genug zur Religion der Hindu und machen sie somit der indischen
Kultur zugänglich. Die +Religion+ der Wildstämme besteht in dem schon
von anderen primitiven Stämmen her bekannten Animismus, der die ganze
Umgebung von Geistern bewohnt sein läßt. Große Verehrung und Achtung
bringen sie vor allem den Tieren entgegen, von denen sie glauben, daß
sie stimmbegabt sind, eigene Königreiche unter besonderen Fürsten
besitzen und sich in Menschen verwandeln können, wie sie anderseits
auch behaupten, daß ein Zauberer die Gestalt von Tieren, im besonderen
von Tigern, annehmen kann. Wie anderwärts geht auch ihr Bestreben
darauf hinaus, die Geister der Verstorbenen, deren Wohnsitze sie in
Steine oder rohe Götzenfiguren verlegen, bei guter Laune zu erhalten;
sie bringen ihnen von Zeit zu Zeit Opfer von Speisen und Getränken dar
(Abb. 221 bis 226). Andere Stämme haben noch ihre besondere Orts- oder
Dorfgottheit, deren Macht, wie sie annehmen, auf ein bestimmtes Gebiet
beschränkt ist. Man denkt sie sich in einem Steinhaufen verkörpert, der
unter einem heiligen Baume in der betreffenden Niederlassung errichtet
wird. Bei den Saat- und Erntefesten wird die sinnbildliche Hochzeit
dieser Götter, die man sich meistens paarweise denkt, gefeiert,
um dadurch die Fruchtbarkeit der Äcker zu steigern. Eine andere
Geistergruppe umfaßt solche, die epidemische Krankheiten, wie Pest,
Cholera, Pocken, beseitigen oder sie auch herbeiführen können (Abb.
227). Zeigen sich solche Krankheiten in einem Dorfe, so bringt man
diesen Gottheiten ein Opfer in Gestalt von jungen Hühnern und Ziegen
dar, deren Fleisch nach Beendigung der Zeremonie verzehrt wird, oder
man entfernt einfach den Stein oder den Götzen, dem man die Schuld der
Krankheit zuschreibt, aus der Umgebung des Dorfes und bringt ihn in
eine andere Niederlassung, wodurch nun auch die Krankheit sich dorthin
zieht. Noch niedriger stehende Stämme bemalen lediglich den Kopf eines
jungen Huhnes mit Mennige und treiben es gleichsam als Sündenbock mit
der Krankheit über die Dorfgrenze.
[Illustration:
Phot. Vividhakala Mandir.
Abb. 215. Eine Gruppe von Dhodia,
den typischen Waldbewohnern Zentralindiens. Die Weiber sind mit
schweren Arm- und Knöchelbändern sowie mit Amuletten um den Hals
geschmückt.]
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 216. Ein weiblicher Kuli niederer Kaste von Benares
(Tagarbeiterin),
die ihr Kind mittels zweier Stäbe gehen lehrt.]
[Illustration:
Phot. Sohanlal Bros.
Abb. 217. Tschambafrauen in Festtracht.
Ihr Halsschmuck besteht aus grob zugeschnittenen Steinen und enthält
silberne Behälter mit Amuletten; in der Nase tragen sie große Ringe.]
Zwei Klassen von Menschen stehen bei den Wildstämmen in dem Rufe, die
Macht über die übelwollenden Geister zu besitzen, +die Dakin+ oder
+Hexe+, die die Geister dazu zu bestimmen weiß, daß sie Unheil senden,
und der +Bhagat+ oder +Zauberpriester+, der sie wieder austreibt. Die
erstere, zumeist ein altes häßliches Weib, macht sich den bösen Geist
zu eigen und veranlaßt ihn, Krankheit über die Menschen zu bringen,
denen sie nicht wohl gesinnt ist. Sie erreicht dies dadurch, daß sie
sich eine Haarlocke oder einen Nagelabfall ihres Opfers verschafft,
einen Zauber darüber spricht und so den Geist zwingt, seinen Einfluß
auf den Träger dieser Gegenstände auszuüben. Die Dakin verkörpert
somit die Macht der Finsternis. Hingegen übt der Bhagat die weiße
Magie aus; er wird von dem Geist besessen, rast, tobt und bezeichnet
dann jene Dakin, die als die Ursache des Unglücks anzusehen ist,
sowie die Art des Opfers, das zur Besänftigung darzubringen ist. Er
wirkt auch durch eine Art sympathischen Zaubers; die Nachahmung einer
Handlung oder einer Erscheinung verursacht ihr Eintreten. So werden,
um das Wetter günstig zu gestalten, im Frühjahr Feuer angezündet --
man will damit die zur Ernte erforderliche Hitze herbeiführen; oder
bei Trockenheit wird, um Regen zu erzielen, eine Person untergetaucht
oder kopfüber mit Wasser begossen, oder ein Wassertier, zum Beispiel
ein Frosch, gequält, wodurch der Regengeist veranlaßt werden soll,
Regen zu senden (Abb. 228). Um ein drohendes Hagelwetter abzuwenden,
zerschneidet man einige der Hagelkörner mit einem Messer, damit die
anderen erschreckt werden und verschwinden. -- Die Furcht vor dem
bösen Blick (beim Begegnen alter Leute, häßlicher oder kinderloser
Menschen, Krüppel, Blinder und so weiter) ist unter den Wildstämmen
sehr verbreitet und wird durch allerlei Zauber und Amulette bekämpft.
Auch auf Vorbedeutungen wird viel Wert gelegt. Um Glück zu haben,
muß man am Morgen zuerst etwas sehen, das für verheißungsvoll gilt,
so zum Beispiel eine Kuh oder ein anderes der Glückstiere, die sich
manche Leute im Hause halten, damit nach dem Erwachen ihr erster Blick
darauf falle; glückverheißend ist es auch, wenn man am Morgen einem
Oberhaupte, einem Brahmanen, einem achtbaren Handwerker mit seinem
Handwerkszeug, Personen mit Obst oder Blumen, einer verheirateten
Frau mit Kindern und so weiter begegnet; dagegen darf man sich auf
Unglück gefaßt machen, wenn man einen nackten Mann, eine blinde oder
kahlköpfige Person, einen Menschen in untergeordneter Stellung oder
von erniedrigender Beschäftigung, einen, der weint, zankt, hustet
oder niest, zuerst antrifft. Wenn man gähnt, kann es passieren, daß
einem der böse Geist in den Hals fährt; darum muß man eine Gottheit
dabei anrufen oder mit den Fingern knacken. Einmaliges Niesen
bedeutet Unheil, beim zweiten Male aber kann man zuversichtlich seine
Beschäftigung fortsetzen.
Die Munda kennen ebenfalls eine vielköpfige Götterwelt, in der die
Sonnengottheit obenan steht. Furcht vor Zauberei und Hexenkunst spielt
bei ihnen ebenfalls eine große Rolle. Haben die üblichen Opfergaben
keinen Erfolg, dann wendet man sich an einen Ojha (Zauberer) (Abb.
229 und 230), der einen machtvollen Faktor im Dorfleben ausmacht,
insofern er alles aufzudecken und alles zu beschwören vermag. Durch
ganz sonderbare Mittel stellt er fest, wem die Schuld an einem Unglück
zuzuschieben ist. Will der Ojha zum Beispiel herausbekommen, wer ein
bestimmtes Zauberwerk angerichtet hat, dann wirft er eine Handvoll
Reis auf ein großes Blatt, das auf dem Erdboden ausgebreitet liegt,
und bezeichnet im voraus ein bestimmtes Muster, das die hingeworfenen
Körner bilden, als dasjenige, bei dessen Entstehen der Name des
Schuldigen gerade aufgerufen wird. Früher wurden die auf solche Weise
namhaft Gemachten öfters getötet, und selbst in neuerer Zeit soll es
noch vorgekommen sein, daß solche Opfer daran glauben mußten.
[Illustration:
Phot. George Newnes, Ltd.