Vier Monate im Jahre besteht eine Art +Fastenzeit+, die den Schlaf
eines Gottes, meistens des Wischnu, versinnbildlichen soll und von
Juli bis Oktober dauert (Abb. 186). Während dieser Zeit muß man es
vermeiden, Hochzeiten zu feiern, Dächer auszubessern, eine Bettstatt
zu zimmern oder dergleichen, weil dies Unglück bringen würde. Wenn
der Gott seine Ruhe antritt, wird allgemein gefastet, wenn er wieder
erwacht, wird ein Freudenfest gefeiert; die ganze Bevölkerung auf
dem Lande läßt dabei unter Festgelage und Tanz der Freudigkeit
ihre Zügel schießen. Die öffentlichen Festlichkeiten, die mit dem
Anfange und dem Ende dieser Fastenzeit verknüpft sind, führen in den
verschiedensten Teilen Indiens ganz verschiedene Namen und schwanken
je nach der Bedeutung, die man ihnen beilegt, in der Art und Weise
wie sie gefeiert werden. In Oberindien nennt man sie im allgemeinen
Dasahra, in Bengalen und im Osten der Halbinsel Durgapuja = Anbetung
der Vernichtung, im Süden wieder Charakhpuja = Schwebekult, weil
früher, wie bereits erwähnt (S. 108), die Festgenossen sich mittels
eines Hakens, der in ihre Rückenmuskulatur eingriff, an einer Stange
aufhängen und hin und her schwingen ließen. Dasahra bedeutet den
„freisprechenden zehnten“ Tag, und zwar zweier bestimmter Monate (Juli
und Oktober), an denen man die Sünden durch ein vorgeschriebenes
Zeremoniell abwaschen kann. Das Fest im Juli spielt sich an einem
einzigen Tage ab, gewöhnlich zu Ehren der Geburt der Ganga, das ist
des zur Gottheit erhobenen großen priesterlichen Reinigers Ganges. Wer
im Gangesflusse und in anderen heiligen Flüssen und Wasserflächen,
die diesen Läuterer vorstellen, badet, wäscht sich von seiner Sünde
rein. Das Fest im Oktober ist das Hauptdasahra und dauert zehn Tage
oder vielmehr Nächte. Es findet seinen Abschluß in einem allgemeinen
Feueropfer, sowie in dem Hineinwerfen der Bilder der Göttin in den
nächsten Strom. Die letzte Nacht nimmt auf das Kriegswesen Bezug;
sie wird daher als die „Nacht des Sieges“ besonders von Soldaten und
Prinzen gefeiert: Kriegsmaterial und Kriegsgeräte werden angebetet
und verehrt, sowie Festgelage und Spiele veranstaltet, die dem Andenken
an die Schlachten dienen sollen, von denen uns die beiden bedeutenden
indischen Heldenepen Ramayan und Mahabharata erzählen. Dramen, die auf
diesen hindostanischen Heldenlegenden sich aufbauen und in langatmiger
Folge alle ihre Einzelheiten wiedergeben, werden bei verschiedenen
Gelegenheiten aufgeführt. Am beliebtesten ist bei allen das Ram-Li, das
„Spiel des Ram“ (Abb. 188). Es stellt die Geschichte von Ram und Sita
dar, ursprünglich eines Helden und einer Heldin des zuerst genannten
Epos, die später in die Götterwelt versetzt wurden. -- Ein ähnliches
volkstümliches Schauspiel wird vielfach zu Ehren der alten Gottheit
Krischna aufgeführt (Abb. 190).
[Illustration:
Phot. Bourne & Shepherd.
Abb. 180. Ein Gyan-Bapi oder Teich der Erkenntnis.
Links ein bekränzter Saiwaschrein, der über einer Quelle erbaut ist,
mit den Bildnissen des Gottes und seines Weibes Parbati; fromme Bettler
bringen ihm Opfer dar. Der diensttuende Priester sitzt in dem Schrein.
Rechts der Nandistier.]
[Illustration:
Phot. Bividhakala Mandir.
Abb. 181. Ein Jainheiliger.
Die Anhänger dieser Sekte zünden nie Licht an, kochen nicht und töten
auch nicht die niedrigsten Lebewesen.]
[Illustration:
Phot. W. Crooke.
Abb. 182. Die Bademesse zu Hardwar,
einer heiligen Stadt an der Stelle, wo der Ganges von den Bergen kommt.
Alle elf Jahre, wenn der Planet Jupiter im Zeichen des Wassermanns
steht, findet hier eine Messe statt, bei der annähernd zwei Millionen
Pilger zum Baden zusammenströmen.]
[Illustration:
Phot. Fleet Agency.
Abb. 183. Eine Parsendame bei der Andacht vor der alles reinigenden
Flamme.]
Die +Feste der Mohammedaner+ kennzeichnen sich sowohl in Indien wie
auch anderwärts durch die Eigentümlichkeit, daß sie auf kein festes
Datum nach unserer Zeitrechnung fallen, sondern, da die religiösen
Übungen (Abb. 189) des Islam sich auf dem Mondjahr aufbauen, das um
zehn Tage kürzer als unser Sonnenjahr ist, jedesmal früher stattfinden,
so daß innerhalb sechsunddreißig Jahren sie allmählich alle
Jahreszeiten durchlaufen haben. Das bedeutendste ist das +Mohurrum+
(Abb. 191 bis 195) zur Erinnerung an den Tod oder, wie man lieber sagt,
an das Martyrium der beiden Enkelsöhne Mohammeds, Hassan und Husain,
die zwar zu verschiedenen Zeiten, aber unter auffallend tragischen
Umständen ermordet wurden. Es dauert zehn Tage und ist in der
Hauptsache ein Fest der Schiitensekte, wenngleich auch strenggläubige
Sunniten sich am letzten Tage daran beteiligen, um die Schöpfung der
Welt zu feiern. Dieses Fest gibt Anlaß zu mächtigen Volksansammlungen
und großen Umzügen, bei denen allerlei Pferdespiele stattfinden. Im
Vordergrunde des Ganzen steht für die strenggläubigen Islamanhänger
das Einhertragen des Tabūt (Abb. 194) oder Tazia, des großartig
illuminierten und verzierten Modells der Grabstätten der beiden
Heiligen, in großer Prozession nach einem freien Platz unter Begleitung
von Tänzern, die ihre kämpfenden, zu Märtyrern gemachten Verwandten
vertreten, während die abergläubische Masse beider Religionen an den
Mohurrumfeuern, die dabei angezündet werden, sein Hauptvergnügen hat.
Sie brennen in Gruben während des ganzen Festes, sogar die Ärmsten
leisten sie sich; Vorübergehende legen Gelübde bei ihnen ab, und die
große Menge tanzt die Nächte um sie herum, springt durch die Flammen
und streut brennende Scheite umher. Ein zweites Fest, das heutzutage zu
allerhand Volksbelustigungen Anlaß gibt, im besonderen zum Abbrennen
von Feuerwerk, ist das +Shab-i-barat+; es wurde als eine Nacht des
Gebets begründet, in der die Gläubigen die ganze Nacht hindurch wachen
sollten. -- Das bekannteste mohammedanische Fest ist der +Ramasan+
oder der „Fastenmonat“. Er dauert von Neumond bis zu Neumond und wird
von den indischen Anhängern des Islam oft mit staunenswerter Treue
innegehalten, auch in den Jahren, wo er in die heißeste Jahreszeit
fällt, trotz der großen Entsagungen, die dann das tägliche Fasten
von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit sich bringt. Denn während
dieser Zeit darf der Mohammedaner weder etwas essen noch trinken. Der
Ramasan endigt mit dem „Fest des Fastenbrechens“ (Idu’l-fitr), bei dem
alles wieder aufatmet und sich dem Vergnügen in vollen Zügen hingibt.
Bestimmte Zeremonien werden dabei nicht beobachtet, die Familien putzen
sich einfach festlich aus, amüsieren sich nach Kräften, besuchen
einander und tun alles nur Erdenkliche hinsichtlich der Unterhaltung
und Lustbarkeit. -- Einen weiteren wichtigen Anlaß für eine allgemeine
Freude gibt das Idu’l-Azha oder Bakrid ab, auch einfach nur Id, das
heißt das Fest im besonderen genannt. Es wird zur Erinnerung an das
Opfer gefeiert, das Abraham mit seinem Sohne Ismael darbrachte. (Die
Mohammedaner haben die biblische Erzählung von Isaaks Opferung auf
Ismael, den Sohn Abrahams von der Hagar, übertragen.) An Stelle des
Menschen tritt bei diesem Fest natürlich Vieh (im besonderen Ziegen).
[Illustration:
Phot. Sohanlal Bros.
Abb. 184. Ausgeputzte Teilnehmer am Holifest.
Der auf einem Löwen reitende Knabe in der Mitte soll die große Göttin
Dewi vorstellen, deren Kult mit dem Feste verquickt ist.]
[Illustration:
Mit Genehmigung von Könyves Kálmán, Budapest.
Indische Bajadere im Tempel tanzend.