Abb. 179. Ein Sikhpriester.]

Vier Monate im Jahre besteht eine Art +Fastenzeit+, die den Schlaf

eines Gottes, meistens des Wischnu, versinnbildlichen soll und von

Juli bis Oktober dauert (Abb. 186). Während dieser Zeit muß man es

vermeiden, Hochzeiten zu feiern, Dächer auszubessern, eine Bettstatt

zu zimmern oder dergleichen, weil dies Unglück bringen würde. Wenn

der Gott seine Ruhe antritt, wird allgemein gefastet, wenn er wieder

erwacht, wird ein Freudenfest gefeiert; die ganze Bevölkerung auf

dem Lande läßt dabei unter Festgelage und Tanz der Freudigkeit

ihre Zügel schießen. Die öffentlichen Festlichkeiten, die mit dem

Anfange und dem Ende dieser Fastenzeit verknüpft sind, führen in den

verschiedensten Teilen Indiens ganz verschiedene Namen und schwanken

je nach der Bedeutung, die man ihnen beilegt, in der Art und Weise

wie sie gefeiert werden. In Oberindien nennt man sie im allgemeinen

Dasahra, in Bengalen und im Osten der Halbinsel Durgapuja = Anbetung

der Vernichtung, im Süden wieder Charakhpuja = Schwebekult, weil

früher, wie bereits erwähnt (S. 108), die Festgenossen sich mittels

eines Hakens, der in ihre Rückenmuskulatur eingriff, an einer Stange

aufhängen und hin und her schwingen ließen. Dasahra bedeutet den

„freisprechenden zehnten“ Tag, und zwar zweier bestimmter Monate (Juli

und Oktober), an denen man die Sünden durch ein vorgeschriebenes

Zeremoniell abwaschen kann. Das Fest im Juli spielt sich an einem

einzigen Tage ab, gewöhnlich zu Ehren der Geburt der Ganga, das ist

des zur Gottheit erhobenen großen priesterlichen Reinigers Ganges. Wer

im Gangesflusse und in anderen heiligen Flüssen und Wasserflächen,

die diesen Läuterer vorstellen, badet, wäscht sich von seiner Sünde

rein. Das Fest im Oktober ist das Hauptdasahra und dauert zehn Tage

oder vielmehr Nächte. Es findet seinen Abschluß in einem allgemeinen

Feueropfer, sowie in dem Hineinwerfen der Bilder der Göttin in den

nächsten Strom. Die letzte Nacht nimmt auf das Kriegswesen Bezug;

sie wird daher als die „Nacht des Sieges“ besonders von Soldaten und

Prinzen gefeiert: Kriegsmaterial und Kriegsgeräte werden angebetet

und verehrt, sowie Festgelage und Spiele veranstaltet, die dem Andenken

an die Schlachten dienen sollen, von denen uns die beiden bedeutenden

indischen Heldenepen Ramayan und Mahabharata erzählen. Dramen, die auf

diesen hindostanischen Heldenlegenden sich aufbauen und in langatmiger

Folge alle ihre Einzelheiten wiedergeben, werden bei verschiedenen

Gelegenheiten aufgeführt. Am beliebtesten ist bei allen das Ram-Li, das

„Spiel des Ram“ (Abb. 188). Es stellt die Geschichte von Ram und Sita

dar, ursprünglich eines Helden und einer Heldin des zuerst genannten

Epos, die später in die Götterwelt versetzt wurden. -- Ein ähnliches

volkstümliches Schauspiel wird vielfach zu Ehren der alten Gottheit

Krischna aufgeführt (Abb. 190).

[Illustration:

Phot. Bourne & Shepherd.

Abb. 180. Ein Gyan-Bapi oder Teich der Erkenntnis.

Links ein bekränzter Saiwaschrein, der über einer Quelle erbaut ist,

mit den Bildnissen des Gottes und seines Weibes Parbati; fromme Bettler

bringen ihm Opfer dar. Der diensttuende Priester sitzt in dem Schrein.

Rechts der Nandistier.]

[Illustration:

Phot. Bividhakala Mandir.

Abb. 181. Ein Jainheiliger.

Die Anhänger dieser Sekte zünden nie Licht an, kochen nicht und töten

auch nicht die niedrigsten Lebewesen.]

[Illustration:

Phot. W. Crooke.

Abb. 182. Die Bademesse zu Hardwar,

einer heiligen Stadt an der Stelle, wo der Ganges von den Bergen kommt.

Alle elf Jahre, wenn der Planet Jupiter im Zeichen des Wassermanns

steht, findet hier eine Messe statt, bei der annähernd zwei Millionen

Pilger zum Baden zusammenströmen.]

[Illustration:

Phot. Fleet Agency.

Abb. 183. Eine Parsendame bei der Andacht vor der alles reinigenden

Flamme.]

Die +Feste der Mohammedaner+ kennzeichnen sich sowohl in Indien wie

auch anderwärts durch die Eigentümlichkeit, daß sie auf kein festes

Datum nach unserer Zeitrechnung fallen, sondern, da die religiösen

Übungen (Abb. 189) des Islam sich auf dem Mondjahr aufbauen, das um

zehn Tage kürzer als unser Sonnenjahr ist, jedesmal früher stattfinden,

so daß innerhalb sechsunddreißig Jahren sie allmählich alle

Jahreszeiten durchlaufen haben. Das bedeutendste ist das +Mohurrum+

(Abb. 191 bis 195) zur Erinnerung an den Tod oder, wie man lieber sagt,

an das Martyrium der beiden Enkelsöhne Mohammeds, Hassan und Husain,

die zwar zu verschiedenen Zeiten, aber unter auffallend tragischen

Umständen ermordet wurden. Es dauert zehn Tage und ist in der

Hauptsache ein Fest der Schiitensekte, wenngleich auch strenggläubige

Sunniten sich am letzten Tage daran beteiligen, um die Schöpfung der

Welt zu feiern. Dieses Fest gibt Anlaß zu mächtigen Volksansammlungen

und großen Umzügen, bei denen allerlei Pferdespiele stattfinden. Im

Vordergrunde des Ganzen steht für die strenggläubigen Islamanhänger

das Einhertragen des Tabūt (Abb. 194) oder Tazia, des großartig

illuminierten und verzierten Modells der Grabstätten der beiden

Heiligen, in großer Prozession nach einem freien Platz unter Begleitung

von Tänzern, die ihre kämpfenden, zu Märtyrern gemachten Verwandten

vertreten, während die abergläubische Masse beider Religionen an den

Mohurrumfeuern, die dabei angezündet werden, sein Hauptvergnügen hat.

Sie brennen in Gruben während des ganzen Festes, sogar die Ärmsten

leisten sie sich; Vorübergehende legen Gelübde bei ihnen ab, und die

große Menge tanzt die Nächte um sie herum, springt durch die Flammen

und streut brennende Scheite umher. Ein zweites Fest, das heutzutage zu

allerhand Volksbelustigungen Anlaß gibt, im besonderen zum Abbrennen

von Feuerwerk, ist das +Shab-i-barat+; es wurde als eine Nacht des

Gebets begründet, in der die Gläubigen die ganze Nacht hindurch wachen

sollten. -- Das bekannteste mohammedanische Fest ist der +Ramasan+

oder der „Fastenmonat“. Er dauert von Neumond bis zu Neumond und wird

von den indischen Anhängern des Islam oft mit staunenswerter Treue

innegehalten, auch in den Jahren, wo er in die heißeste Jahreszeit

fällt, trotz der großen Entsagungen, die dann das tägliche Fasten

von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit sich bringt. Denn während

dieser Zeit darf der Mohammedaner weder etwas essen noch trinken. Der

Ramasan endigt mit dem „Fest des Fastenbrechens“ (Idu’l-fitr), bei dem

alles wieder aufatmet und sich dem Vergnügen in vollen Zügen hingibt.

Bestimmte Zeremonien werden dabei nicht beobachtet, die Familien putzen

sich einfach festlich aus, amüsieren sich nach Kräften, besuchen

einander und tun alles nur Erdenkliche hinsichtlich der Unterhaltung

und Lustbarkeit. -- Einen weiteren wichtigen Anlaß für eine allgemeine

Freude gibt das Idu’l-Azha oder Bakrid ab, auch einfach nur Id, das

heißt das Fest im besonderen genannt. Es wird zur Erinnerung an das

Opfer gefeiert, das Abraham mit seinem Sohne Ismael darbrachte. (Die

Mohammedaner haben die biblische Erzählung von Isaaks Opferung auf

Ismael, den Sohn Abrahams von der Hagar, übertragen.) An Stelle des

Menschen tritt bei diesem Fest natürlich Vieh (im besonderen Ziegen).

[Illustration:

Phot. Sohanlal Bros.

Abb. 184. Ausgeputzte Teilnehmer am Holifest.

Der auf einem Löwen reitende Knabe in der Mitte soll die große Göttin

Dewi vorstellen, deren Kult mit dem Feste verquickt ist.]

[Illustration:

Mit Genehmigung von Könyves Kálmán, Budapest.

Indische Bajadere im Tempel tanzend.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 116 / 254 题