Abb. 177. Ein Hindubüßer

mit sehr langem Haar, das er sich noch niemals schneiden ließ.]

Als letzter religiöser Gruppe müssen wir noch der +Parsen+ Erwähnung

tun, einer kleinen Schar -- sie zählen höchstens neunzigtausend Seelen

-- von Anhängern der alten Lehre Zoroasters, die nach der Zerstörung

des Perserreiches durch die Sassaniden nach Indien flüchteten und es

hier dank ihrer auffälligen Befähigung und großen Energie zu einer

wichtigen Gemeinde mit führendem Einflusse gebracht haben. Sie sind

ihrem alten Glauben bis in die jüngsten Tage treu geblieben und daher

noch Feueranbeter (Abb. 183), besitzen auch ihre eigenen Bräuche,

obgleich sie sich in mancher Hinsicht auch schon den sie umgebenden

Einflüssen angepaßt haben.

[Illustration:

Phot. The S. P. G.

Abb. 178. Ein indischer Büßer zwischen fünf Agnifeuern.

Fromme Hindu setzen sich in den heißesten Monaten während dreier

Stunden den Strahlen der Mittagsonne aus inmitten von fünf glühenden

Feuern aus Kuhdung.]

Das Sehnen und Streben jedes gläubigen Hindu geht darauf hinaus,

wenigstens einmal im Leben eine +Wallfahrt+ (Abb. 182) nach den

heiligen Stätten (Tempeln oder Götterschreinen) zu unternehmen, um dort

für das eigene Wohl und das der Vorfahren zu beten. Die religiösen

Feierlichkeiten, deren es viele unter den Hindu gibt, weichen

voneinander stark ab, aber ein bis zwei Feste können doch gleichsam als

Nationalfeste gelten. Das eine von ihnen ist das +Holifest+ (Abb. 184),

das im Frühjahr unter starker Beteiligung aller unteren Volksschichten,

auch Andersgläubiger, mit großem Lärm gefeiert wird. In der Hauptsache

besteht es darin, daß unter vielen Gesängen und großer Freude die

Holifeuer angezündet werden, wobei es ohne große Lustigkeit, meistens

in schamloser und selbst roher Weise, nicht abgeht. Man pflegt sich

gegenseitig mit rotem Safran zu bewerfen, durch das Feuer zu gehen oder

darüber zu springen und anderes mehr. Das zweite der gemeinsamen Feste

Nordindiens fällt in den Herbst; es ist das hübsche +Diwali+ (Abb.

185) oder Lampenfest. Jeder muß dann sein Haus fein sauber machen und

erleuchten, sowie draußen am Abend mindestens eine Lampe anzünden,

damit, wenn die Geister der Verstorbenen kommen, um ihrem früheren

Aufenthaltsorte einen Besuch abzustatten, sie alles nett und strahlend

und zu ihrem Empfange vorbereitet finden. Hieran schließt sich in den

Dörfern noch das Godhanfest an. Die Kuhhirten machen bei ihren Herren

die Runde, tragen in halbbetrunkenem Zustande Lieder vor und erbetteln

sich Geschenke, ganz wie es von unseren ländlichen Festen her bekannt

ist.

[Illustration:

Phot. R. Thiele.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 115 / 254 题